THEATER: Durch die Kriegs-Brille

Die Inszenierung von Borcherts „Draußen vor der Tür“ durch das Kaleidoskop-Theater kommt gerade zur richtigen Zeit, könnte sie doch der Debatte um die (Mit)schuld Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg weiteren Auftrieb geben …

Kann die Welt nur noch durch die Gasmaskenbrille klar sehen: Timo Wagner als Kriegsheimkehrer Beckmann.

Die Uraufführung seines Theaterstücks im November 1947 in den Hamburger Kammerspielen sollte Wolfgang Borchert nicht mehr erleben. Einen Tag vor der Premiere starb er im Alter von 26 Jahren. Sein Stück aber bleibt zeitlos. Es ist als Aufschrei einer ganzen Generation in Erinnerung geblieben, denn Borcherts Protagonist Beckmann ist – wie es der Autor auch sprachlich deutlich macht – „Jedermann“, er ist Täter und Opfer in einem, kehrt traumatisiert von seinen Kriegserfahrungen im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurück und kann sich nicht mehr einfügen in ein „normales Leben“. Die Figur des Beckmann – und Borcherts Stück im Ganzen – boten immer auch Anlaß zu Kontroversen.

„Ein Mann kommt zurück nach Deutschland und weiß nicht, ob er träumt, denn sein Deutschland ist „Draußen vor der Tür“, leitet Jean-Paul Maes, der die Inszenierung besorgt hat und zugleich den Erzähler wie auch „den Anderen“ verkörpert, die Aufführung ein. Beckmann beschimpft den Anderen – sein Alter Ego oder Gott – nach einem gescheiterten Selbstmordversuch in der Elbe als „Rotznase“. Der junge Timo Wagner spielt den ausgemergelten Kriegsheimkehrer mit seiner überdimensionalen Gasmaskenbrille. Wagner spielt verzweifelt, zornig, während Maes als Erzähler die Erzählstränge aneinanderfügt und den Handlungsfaden weiterspinnt.

Ein Mädchen (Rosalie Maes) sammelt den ziellos umherirrenden Heimkehrer schließlich auf und nimmt ihn zu sich. „Sag was, Fisch!“ kokettiert sie, wobei der Kontrast zwischen dem nervös zuckenden „Gespenst aus dem Krieg“ und dem lieblichen, properen Mädchen geradezu grotesk wirkt. In der viel zu großen Jacke ihres verstorbenen Ehemanns schlurft Beckmann über die Bühne und weiß, dass er nicht mehr als ein „grauenhafter Witz“ ist.

Besonders stark ist die Szene, in der Beckmann – geplagt von seinen Albträumen – den „Oberst“ aufsucht. Ein Fantom auf zwei Beinen, ein gelungenes Schattenspiel, fungiert hier als Symbol. Jean-Paul Maes spielt in Hochform den herrischen Offizier, der keinerlei Verständnis für den aus seiner Sicht verweichlichten jungen Mann aufbringt: „Ich habe doch sehr stark den Eindruck, dass das bißchen Krieg Ihnen den Verstand geraubt hat!“ Indes Wagner als Beckmann sich um Kopf und Kragen redet und in schier endlos wirkendem, atemlosem Monolog (der Redeanteil Beckmanns liegt auch in der Originalversion bei über 60 Prozent) den Oberst auffordert, die Verantwortung für die zwanzig Mann zurückzunehmen, die er ihm einst übertragen hatte. – Verantwortung für die Armee der Toten, die unablässig, so klagt er an, seinen Namen rufen, bis er schreiend aus dem Schlaf auffährt. „Verantwortung“ ist für den Oberst freilich nicht mehr als eine Floskel. Höhnisch tut er Beckmanns Auftritt als Kabarettnummer ab. „Werden Sie (erstmal) ein Mensch!“ Seinen Rat befolgend – im Suff -, landet Beckmann tatsächlich im Kabarett. Doch niemand will seine Kriegsgeschichten hören. Auch Raoul Albonetti als klamaukiger Varietédirektor im golden-glitzernen Sakko macht sich nur über seine Gasmaskenbrille lustig und hat wenig für seine Performance übrig. „Das Publikum will gekitzelt werden, nicht gekniffen.“ Kunst müsse reifen und Beckmann solle „auf dem Schlachtfeld des Lebens“ reifen.

Obwohl Maes‘ Inszenierung sehr textnah gehalten ist, gibt es doch Überraschungen. So rappt Beckmann wütend einen Song, statt melancholisch das Lied der „tapferen kleinen Soldatin“ anzustimmen. Ein irritierender Moment, der die Inszenierung auf beklemmende Weise auflockert. Die Schauspieler tragen die knapp zweistündige Inszenierung, die Borcherts Text aufleben lässt. Die Einsamkeit des Anti-Helden vermittelt Timo Wagner überzeugend. Fragen nach Schuld und Verantwortung werden gestellt, Borcherts Stakkato-Stil tut seine Wirkung, ebenso Sätze wie „die Straße stinkt nach Blut, weil man die Wahrheit massakriert hat“. Im Vergleich mit seiner letzten Inszenierung „Der Rosengarten“ überzeugt Maes hier mit einer recht pädagogischen Bühnenumsetzung des Stoffs und wirft Fragen auf, die gerade angesichts der durch den Artuso-Bericht ausgelösten späten Auseinandersetzung um Vergangenheit und Kriegs(mit)schuld Luxemburgs auf Resonanz stoßen dürften. Bleibt zu hoffen, dass das Stück wirklich zur Debatte anregt und nicht nur Formeln und Bilder liefert, die es erleichtern, sich – wie seinerzeit in Deutschland – von der unliebsamen Vergangenheit loszusagen.

Am 27. Februar sowie am 25., 26. und 27. März um 20 Uhr und am 1. März um 17.30 Uhr im Bettemburger Schloss.


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