DIEGO LERMAN: Schutzlos in Buenos Aires

„Refugiado“, Dokumentarfilm und Thriller in einem, zeigt das Schicksal einer misshandelten Frau aus der Sicht eines achtjährigen Jungen. Der Spielort Buenos Aires verleiht dem Film mehr als nur Lokalkolorit.

Will doch nur Kind sein … „Refugiado“ zeigt die Misshandlung einer Frau durch die Augen von Matias.

Am 8. März, pünktlich zum Frauenrechtstag, kommt das Thema wieder öffentlich auf den Tisch: häusliche Gewalt an Frauen. Einen Tag lang finden dann weltweit Solidaritäts-Aktionen und Kundgebungen statt, werden Flugblätter verteilt und Presseerklärungen verlesen, die den Missstand anprangern. Den Rest des Jahres sind die betroffenen Frauen in der Regel allein. Sie lassen sich verbal einschüchtern, stecken Prügel ein und alarmieren in den seltensten Fällen die Polizei oder schaffen es nicht einmal, in ein Frauenhaus zu flüchten. Schuldgefühle machen sie meist mit sich selbst aus.

So auch Laura, die Hauptfigur in Diego Lermans Film „Refugiado“. In starken Bildern zeigen der argentinische Filmemacher und seine Co-Autorin Maria Meira die atemlose Flucht einer Frau vor ihrem prügelnden, eifersüchtigen Mann. Und obwohl in keiner einzigen Szene rohe Gewalt gezeigt wird, vermitteln sich Lauras Anspannung und Angst, ist „Refugiado“ ein spannender, beklemmender Thriller.

Denn die Kamera folgt nicht der Mutter, sondern ihrem achtjährigen Sohn Matias (Sebastián Molinaro). Durch die Augen von Matias nimmt der Zuschauer die scheinbar ausweglose Situation der wieder schwangeren Laura wahr. Er folgt den beiden auf ihrer rastlosen Flucht quer durch Buenos Aires, erlebt, wie der Junge, vom Erlebnispark heimkommend, seine Mutter in einer Blutlache vorfindet, folgt ihm ins Frauenhaus, wo er das Bett nässt und sich mit einem verängstigten Mädchen anfreundet, mit dem er wenig später durch die Flure tobt. Man sieht, wie er von seiner Mutter ins Gerichtsgebäude gezerrt wird, wie die beiden in einem Motel übernachten und schließlich an eine tropische Küste fliehen. Ähnlich wie in dem Roman „Kamtschatka“ des Argentiniers Marcelo Figueras lässt Lerman den Zuschauer so an der Sichtweise eines kleinen Jungen teilhaben – der Sicht eines verunsicherten Jungen, der, selbst schutzlos und ausgeliefert, dennoch in jedem Moment versucht, seine Mutter zu beschützen.

Sein Blick folgt seiner Mutter Laura, wie sie paralysiert auf das ständig läutende Mobiltelefon starrt und es nicht fertigbringt, dem Psychoterror ihres Mannes durch einfaches Abschalten ein Ende zu setzen. Denn Laura ist unfähig, klar zu denken und rational zu handeln. Im Frauenhaus berichtet sie der Direktorin und den Sozialarbeiterinnen von den Drohungen ihres Mannes und verharmlost zugleich, im Gericht dreht sie sich im entscheidenden Moment, kurz vor der Aussage, um und läuft weg.

Und immer wieder wird sie durch ihren Sohn, der in den brenzligsten Momenten seine Kindheit einfordert, in die Realität zurückgeholt. Es sind diese Szenen, die den Film rührselig-seicht machen könnten, aber dank der großartigen Besetzung Matias` durch Sebastián Molinaro wirklich beeindrucken. In seiner Verletzlichkeit versucht der Junge ständig den Starken zu spielen. „Ich bin kein Pisser!“ versichert er trotzig seiner Mutter, „Ich bin kein Zwerg!“ tönt er im Frauenhaus.

Könnte sich die Geschichte von Laura und ihrem Sohn Matias in der Form, wie sie Lerman erzählt, überall zutragen? Sicher, doch auf Machos vom Schlage ihres Mannes Fabian dürfte man dann doch vor allem in Lateinamerika treffen, ist der Ehemann, vor dem Laura flüchtet, doch ein geradezu stereotyper jähzorniger Latino, der sie mit einer Mischung aus Scherz und subtiler Bedrohung peinigt und offen verhöhnt. Auch deshalb würde man sich gerade bei diesem Film wünschen, dass er im spanischen Original mit Untertiteln gezeigt und nicht synchronisiert wird.

So sinkt „frau“ in den Kinosessel und möchte eingreifen angesichts der Schutz- und Hilflosigkeit Lauras und weiß doch, dass es Frauen wie Laura überall auf der Welt gibt und dass sie meistens auf sich allein gestellt sind. Und dennoch ist mit Matias ein Mann der eigentliche Held des Films. Hoffnung keimt in einigen Szenen auf, in denen sich Mutter und Sohn zumindest kurz in Sicherheit wähnen. So, als sie in einem Schnellimbiss feierlich auf das Leben anstoßen. Da erhebt Laura das Glas mit den Worten: „Weil es für alles im Leben eine Lösung gibt …“ und Matias antwortet im selben Ton: „akzeptiere ich den Tod!“ („Porque todo en la vida tiene solución …“, „acepto la muerte!“) Am Ende hat Laura mit Matias zwar möglicherweise einen kleinen Macho, der vermag es aber sie ein Stück weit „zu retten“. Kein wirklich emanzipativer Ansatz, aber im Film doch tröstlich.

Am 7. März im Utopia. (O.-Ton: Spanisch mit englischen Untertiteln)


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