THEATER: Welcome to Paradise

In „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ bringen vier SchauspielerInnen das Thema „Migration“ im Kasemattentheater witzig und virtuos auf die Bühne. Die Texte offenbaren den differenzierten Blick der AutorInnen.

Highlight des Stücks: Leila Schaus als Cultural-Awareness-Trainerin.

Wenn irgendwo in Europa die Grenzen zwischen Ausländern und Einheimischen fließend sind, dann in Luxemburg. Migration ging hier von ihren Anfängen an mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes einher. Schon Ende des 19. Jahrhunderts kamen italienische Gastarbeiter nach Luxemburg, um in der Stahlindustrie zu arbeiten, im 20. Jahrhundert waren es die von der Salazar-Diktatur gebeutelten Portugiesen, die Arbeit im Bausektor suchten und fanden, und heute zieht der Finanzplatz wie ein Magnet Menschen aus aller Welt nach Luxemburg. Multi-Kulti ist in der Hauptstadt mit ihrem babylonischen Sprachengewirr längst Realität – auch wenn die vermeintlichen „Ausländer“ dann doch meist unter sich bleiben. Doch wer hier Ausländer ist, wird immer durch den Blick der anderen entschieden. Oder wie es in „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ heißt: „Monsieur, on est toujours l’étranger de quelqu’un!“ Dieser Tatsache sind sich die neun Luxemburger AutorInnen, die eigens für das Stück thematische Beiträge verfasst haben, freilich bewusst. Und dennoch bedienen sie sich zumeist der geläufigen Stereotype, um den Unterschied zwischen „uns“ und den „anderen“ herauszuarbeiten, der sich vor allem in den sprachlichen Zuschreibungen widerspiegelt.

Guy Helminger hat so in „Et ass nach naïscht verluer“ eine Unterhaltung zwischen zwei Fußballprolls entworfen. Die Vorurteile seiner Figuren Emil und Pitt fliegen einem um die Ohren wie Fußbälle. „Wenn die Jugoslawen kommen, sind wir verloren“, heißt es da etwa. Afrikanische Spieler sind „schwarze Gazellen“, und nachdem Luxemburg zweimal in Folge gegen Balkanländer verloren hat, lautete die Devise: „Serbien muss sterbien“. Marc Limpach und Raoul Schlechter verkörpern überzeugend die Luxemburger Prolos, hinter deren Fassade sich Spießer verbergen. Das wird besonders klar in der Szene „Kryptorassisten“ von Elise Schmit, in der die beiden biertrinkend in Gartenstühlen sitzen und sich über die neue afrikanische Bekanntschaft von Pitts Freundin Anni mokieren. Anni lässt auf sich warten, wofür Pitt „die afrikanische Zeit“ verantwortlich macht, denn Anni trifft sich ja mit einem … “ Ja wie sagt man denn eigentlich gerade? Dunkelhäutig oder „pigmentiert“ – mit einem „Neger“? Schmits Text entlarvt den subtilen alltäglichen Rassismus der einen und stellt ihn der blasierten politischen Korrektheit der anderen gegenüber. Ihr zynischer Text entfaltet seine Wirkung gerade durch den Rahmen der derben Unterhaltung zwischen saufenden Kumpels. Eugénie Anselin und Renelde Pierlot erweisen sich in Nathalie Ronvauxs Stück „Au suivant!“ als ausdrucksstarkes Duo. Als hochnäsige Behördenbeamte weisen sie den Antragsteller kühl ab und fordern ihn auf, sich erstmal ein bißchen anzustrengen. Auch sprachlich prallen in der Szene Welten aufeinander, was Ronvaux‘ Text Authentizität verleiht. Denn noch immer stoßen Menschen in vielen Luxemburger Ministerien auf gleichgültige Beamte, die arrogant auf Französisch antworten, auch wenn ihr „Kunde“ Luxemburgisch spricht. Regisseurin Carole Lorang setzt in der gut einstündigen Inszenierung bewusst auf Vielsprachigkeit. So werden die Szenen in vier Sprachen gespielt, und in kaum einer Szene wird durchgehend nur eine Sprache gesprochen.

Aus dem Rahmen fällt „Coconuts“. Denn Autor Marc Limpach nimmt die Außenperspektive ein. Den Text hat er auf Englisch verfasst. Leila Schaus spielt in der Szene großartig überdreht eine Cultural-Awareness-Trainerin, die in Luxemburg gestrandeten Geschäftsleuten die kulturellen Gepflogenheiten erklärt. Als Meryl Burton spult sie atemlos ihr Motivationsprogramm ab. Ihr Mantra: Die größte Barriere auf dem Weg zum ökonomischen Erfolg sind kulturelle Missverständnisse. Man folgt ihr verblüfft und biegt sich vor Lachen, wenn sie Luxemburg und die gesellschaftlichen Widersprüche in schillernden Farben beschreibt. Pfiffig auch die Idee Claudine Munos, einen aus Asien importierten Fernsehapparat, der in Westeuropa eine Identitätskrise erlebt, zur Hauptfigur zu machen. Raoul Schlechter examiniert verwundert den Apparat und enlockt ihm klagende Töne.

Die knallharte Realität schlägt einem schließlich erst am Ende entgegen. Der Text von Sandra Sacchetti beruht auf transkribierten Zeugenberichten ausgewiesener KosovarInnen und geht einem unter die Haut. Wenn Eugénie Anselin die Geschichte der abgeschobenen Schwester erzählt und Renelde Pierlot mit großen Augen dreinschaut, beschleicht einen allerdings kurz das Gefühl, dass hier Betroffenheitstheater gespielt wird, drückt die Performance doch arg auf die Tränendrüse. Im Ganzen schmälert dies aber nicht den Wert dieser klugen Reflexion über „Migration“. So ist „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ ein buntes – zuweilen unbequemes – Kaleidoskop unterschiedlichster Blickwinkel auf Migration und zugleich ein Spiegelbild Luxemburgs.

Vorstellungen am 20., 24., 26., 27. und 30. März um 20 Uhr im Kasemattentheater.

Die Texte zum Stück von Guy Helminger, Ian De Toffoli, Elise Schmit, Nathalie Ronvaux, Nico Helminger, Marc Limpach, Pol Greisch, Claudine Muno und Sandra Sacchetti sind auch als Band unter dem Titel „Migrant“ bei Hydre Èditions erschienen. 130 Seiten, 13,- Euro.


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