TIM BURTON: Große Kulleraugen

Mit „Big Eyes“ hat Regisseur Tim Burton sein zweites Biopic gedreht: Die Geschichte der Margaret Keane, deren Gemälde mit den großen Augen von ihrem Mann als seine eigenen Werke vermarktet wurden, ist ein süffiger, pseudofeministischer Hollywoodschinken.

Zwischen Hollywood-Diva und naivem Hausmütterchen:
Amy Adams in der Rolle der Margaret Keane malt Figuren mit großen Augen – wahlweise mit
Hund oder Katze.

Andy Warhol hat’s vorgemacht: Mit der Kopie der Kopie eines Bildes kann man es zu Erfolg bringen. Mehr noch, die Methode wurde zu seinem Mantra und schließlich zum Stilmittel der Pop-Art. Nur wirkte Warhol in den 1960ern/1970ern und nicht in den spießigen 1950ern, in denen Ruhm einer Frau nur dann zuteil wurde, wenn sie an der Seite ihres Gatten glänzen durfte und ansonsten ihr Dasein am Herd fristen musste. In dieser Zeit spielt die Geschichte der Künstlerin Margaret Keane, deren einziger Gegenstand, seit sie mit dem Malen anfing, große Kinderaugen waren. Die heute 88jährige Keane erinnert sich daran, wie ihr Mann Walter sie unter Druck setzte und sie 16 Stunden am Tag, quasi im Akkord, Bilder malen musste. Von Burtons Film zeigte sie sich beeindruckt: Christoph Waltz in der Rolle des Aufschneiders Walter Keane rede und agiere genau so, wie ihr Mann sich damals ihr gegenüber verhalten habe, und Amy Adams, die sie selbst, Margeret, darstellt, spiele einfach großartig.

„Big Eyes“ ist Tim Burtons zweites Biopic nach „Ed Wood“ (1994), in dem Johnny Depp einen Mann darstellt, der als „schlechtester Regisseur aller Zeiten“ galt. Das Drehbuch hat wieder das Duo Scott Alexander und Larry Karaszewski geschrieben.

Zum Glück lässt Burton die alte Dame nicht als Zeitzeugin in seinem Film auftreten. Stattdessen bedient er sich ganz der Stilmittel von Hollywood und arrangiert seine Schauplätze so quietschig bunt, dass man sich in „Hotel Budapest“ wähnt. Man folgt Margaret Ulbrich nach der Trennung von ihrem ersten Mann in luftigen 1950er Jahre-Kleidern nach San Francisco, wo sie auf Walter trifft, den Burton als Picasso im marine-gestreiften Hemd inszeniert. Und obwohl der nur pittoreske Ansichten von Gassen in Paris nachmalt und sich selbst in aufgesetzter Bescheidenheit als Sonntagsmaler bezeichnet, verfällt Margaret ihm augenblicklich. Denn er ist der starke, weltgewandt wirkende Mann, an dessen Schulter sie Sicherheit verspürt. Und er ist derjenige, der sie dazu bringt, ihre Bilder in einem Nachtclub und einer Galerie auszustellen und sich gewissermaßen als Preis dafür in die erste Reihe stellt, wenn die Frage nach dem Urheber des Werks gestellt wird. Allmählich werden so die Grenzen zwischen den beiden undeutlich, und als sie ein verheiratetes Paar sind, verschmilzt die Kunst des einen mit der Kunst der anderen. „I’m Keane, you’re Keane!“ erklärt Walter die Sache auf nonchalante Art und Weise, und schließlich verkauften sich die Bilder eines Mannes bei weitem besser als die einer Frau.

Waltz spielt zur Abwechslung mal nicht den „good guy“, sondern einen Aufschneider und possesiven Macker, der nicht davor zurückscheut, die Aussagen seiner Frau als seine eigenen wertvollen Überlegungen zur Kunst zu verkaufen. „Deine Kunstwerke sind das Spiegelbild deiner Seele“, lautet so eine geklaute und x-mal wiedergekaute Phrase. Waltz verkörpert dieses Ekel wunderbar; Amy Adams als Margaret dagegen schaut meist verschüchtert und mit großen Rehaugen in die Welt, und man wundert sich kaum, dass sie sich so willig von ihrem Mann erpressen lässt. Der (vermeintliche) Emanzipationsakt kommt entsprechend unvermittelt. Hawaii erscheint als Sehnsuchtsort, Margarets Flucht dorthin verleiht ihren ohnehin kitschigen Bildern noch einen Touch Exotik. Bei dem Ganzen fällt es schwer zu verstehen, wie ihre Bilder in „Hello Kitty“-Ästhetik, die eindeutig das Kindchenschema mit seinem „Oh-wie-süß-Effekt“ ausnutzen, einen derartigen Hype auslösen konnten. Aber auch bei der Darstellung der Kunstwelt und der Kunstkritik plätschert der Film eigentlich nur an der Oberfläche. Es fallen zwar die Namen großer Maler, und als Margaret keine Lust mehr hat, die ewiggleichen großen Augen zu malen, versucht sie sich eine Zeitlang an länglichen, Modiglianis Karyatiden nachempfundenen Gesichtern, doch insgesamt ist Burtons Darstellung der Kunstwelt geradezu grotesk oberflächlich und in puncto Feminismus kann man ihm allenfalls guten Willen zubilligen.

Im Utopolis Kirchberg


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