TRANSITION-BEWEGUNG: Grün gegen Grau

Er zeigt auf, wie man die Welt retten und dabei ein erfülltes Leben haben kann. Der Gründer der Transition-Bewegung Rob Hopkins war für einen Vortrag und ein Treffen mit den hiesigen Initiativen nach Luxemburg gekommen.

Am Anfang war die Tat. Erfahrungen austauschen kann man, nachdem man konkret mit der Transition angefangen hat.

Rob Hopkins zeigt auf die Leinwand, auf der er mit einem Pariser Bürgermeister zu sehen ist. Und witzelt: „Nicht etwa, dass der Herr ein Erinnerungsfoto mit dem Gründer der Transition-Bewegung haben wollte. Er wollte zusammen mit der David-Bowie-Banknote abgelichtet werden.“ In der Tat, der Bürgermeister hält die 10-Pfund-Note der Brixtoner Lokalwährung in der Hand. Das Publikum ist entzückt – diese Banknote möchte jeder mal anfassen … aber über den Bürgermeister muss man doch schmunzeln. So gelingt es dem Referenten, mit seiner Powerpoint-Präsentation zu vermitteln, dass Transition kein Kampf gegen Windmühlen sein muss. Im Gegenteil, es könne „the best party of your life“ werden.

Mit federnden Schritten bewegt sich Hopkins von der Projektionsleinwand an den Vorderrand der fast mannshohen Bühne. Er erklärt, wie lokale Währungen als Gegenmittel zur Globalisierung funktionieren. „Die Supermärkte saugen den Reichtum der regionalen Ökonomie ab.“ Nächste Folie: Ein Wassereimer mit Löchern, durch die das offizielle Geld wegfließt. „Nur was wir halten können, trägt zur lokalen wirtschaftlichen Entwicklung bei.“ Bei Hopkins geht es aber weniger um Makroökonomie und Geldtheorie als um konkrete Projekte – wie jene Geldscheine der Transition Town Brixton. Dass darauf berühmte lokale Persönlichkeiten wie David Bowie abgebildet sind, lässt das Projekt vielleicht unideologisch erscheinen, radikal ist es trotzdem.

Lokalwährungen sind ein Element einer relativ jungen Bewegung, die ihren Anfang in der Stadt Totnes in Südwestengland genommen hat. Dort hat Rob Hopkins in den 2000er Jahren, angesichts der drohenden Energieknappheit, eine auf Genügsamkeit und Lokalität basierende Gegenstrategie entworfen. Die Idee, mit Projekten wie kollektivem Gemüseanbau oder Energiekooperativen etwas Konkretes für eine bessere Zukunft zu tun, hat weltweit Menschen zu begeistern vermocht (woxx 1310). Auch in Luxemburg gibt es seit ein paar Jahren Transition-Initiativen, für die dieser Besuch von Rob Hopkins eine Gelegenheit war, neue Interessenten zu gewinnen.

Wir sind das Netz!

Bereits eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn sind die ersten Gruppen von Zuhörern eingetroffen. Ein paar kenne ich schon von anderen Transition-Veranstaltungen oder aus der NGO-Szene; sie scheinen Familienmitglieder oder Bekannte mitgebracht zu haben. „350 Personen haben sich online angemeldet, Wahnsinn!“, kommentiert eine der Organisatorinnen. In der Tat, nicht schlecht für einen als „in English, French translation provided“ beworbenen Vortrag. Am Ende sind etwa 400 Zuhörer im Saal, die, zum Teil stehend, sich die langatmige Einführung über den Stand der Transition-Bewegung in Luxemburg anhören und dann das Referat aufmerksam verfolgen.

Wie motiviert das Publikum ist, zeigt sich beim Networking-Spiel. Noch vor Beginn des Vortrags werden wir aufgefordert, uns kurz mit unseren Sitznachbarn über unsere Erwartungen zu unterhalten. Meine rechte Nachbarin, die bei Transition Minett aktiv ist, erhofft sich von Hopkins Tips für das weitere Vorgehen – und ist neugierig auf Mister Transition: „Was er in so kurzer Zeit alles in Bewegung gebracht hat, ist fantastisch.“

Nach dem Referat soll man dann seine Eindrücke schildern, diesmal dem Nachbarn zur anderen Seite. Bald sind die Menschen so intensiv ins Gespräch gekommen, dass Hopkins Mühe hat, sie zu unterbrechen, um zur Fragerunde überzugehen. Mein linker Nachbar, ein Bekannter, zeigt sich angetan von Hopkins Berichten über das Entstehen einer neuen Geselligkeit in den Transition-Initiativen. Er habe das in seinem Viertel auch erlebt, wo es sich von selbst entwickelt habe. Weil man dort Haus an Haus wohnt und mitbekommt, wenn die Katze des Nachbarn weggelaufen ist, komme man den Nachbarn irgendwann näher. „In weniger dicht bebauten Zonen dagegen gehen sich die Leute aus dem Weg – alles eine Frage der urbanen Gestaltung“, so seine Schlussfolgerung.

Networking als Selbstläufer? Am Morgen hatte Hopkins – ausgerechnet bei einem Workshop für Urbanisten – demonstriert, wie mächtig dieses Networking sein kann, wenn man es gezielt organisiert. Jeder bekam eine Zusammenfassung eines Transition-Begriffs ausgehändigt. „Wir sollten so tun, als seien wir auf einer Cocktail-Party mit Unbekannten“, beschreibt es Karine, die dabei gewesen war. Die 25 Teilnehmer gingen herum und stellten sich gegenseitig ihre Idee vor. „Durch die Gespräche haben wir die Begriffe besser assimiliert als durch eine theoretische Präsentation. Und am Ende war jeder mit jedem irgendwie bekannt.“

Bier trinken, Klima retten

Auch am Abend funktioniert das Networking – und das ist gewiss nicht der Anlage und Atmosphäre des vom Athenäum zur Verfügung gestellten Henri-Follmer-Saals zu verdanken: Die riesige Halle mit der relativ niedrigen Decke, metallverkleidet wie die Seitenwände, versprüht den Charme eines Turnsaals – was sie zuvor auch gewesen war. An der Rückwand der breiten Bühne ein dunkelgraugrüner Vorhang vor dem das Rednerpult, die Leinwand und – als veranstaltungsspezifischer Farbtupfer – ein Transition-Plakat etwas verloren wirken. Und, wie es sich für eine ordentliche Veranstaltung gehört, sitzen die Zuhörer in geraden Reihen auf aneinander befestigten Stühlen.

Doch als Rob Hopkins zu reden beginnt, ist das schnell vergessen. Er spöttelt kurz über die Vielfalt kontinentaler Begrüßungsstandards, die er während seiner Vortragsreise angetroffen hatte: „… und drei Küsschen in Luxemburg“. Dann zeigt er ein Foto von zerstörten Eisenbahngleisen an einer Küste. „Der Klimawandel ist bereits im Gange“, so der Referent. Die Bahnstrecke war im vergangenen Jahr bei ihm zuhause in Südengland durch einen Sturm beschädigt worden. Man müsse also die fossilen Brennstoffe unter dem Erdboden lassen. „Die wichtigste Frage ist aber, was über dem Erdboden passiert. Und das könnte etwas ganz Tolles sein.“

Eine von Hopkins Folien zeigt Bierflaschen. Links Stella Artois, als „globales Bier“. Rechts fünf verschiedene Flaschen aus Kleinbrauereien. Auf diese Art hergestelltes Bier stärkt nicht nur die lokale Ökonomie, es schafft auch Vielfalt, so die Botschaft. Ein anderes, in britischen und deutschen Städten durchgeführtes Projekt besteht darin, in öffentlichen Arealen Nutzpflanzen zur freien Verwendung anzubauen. Als Illustration dient die „Alleen zu Obstgärten“-Aktion: Transition-Aktivisten hatten eingetopfte Obstbäume für einige Tage entlang einer großen Straße aufgestellt. Klar, dass die Passanten gerne ein paar Früchte pflückten und dann fragten: Könnten wir sowas nicht ständig haben?

Die soziale Komponente spielt bei allen Projekten eine große Rolle. Hopkins führt die „Transition Streets“ an, bei denen Haushalte aus der gleichen Straße sich regelmäßig treffen, um einen nachhaltigeren Lebensstil zu finden. Bei Themen wie Energiesparen oder „Weniger ausgeben für besseres Essen“ lernen die Beteiligten voneinander. „Was glaubt ihr, wovon die Leute nachher geschwärmt haben?“, fragt der Redner. „Von den 1,3 Tonnen CO2 jährlich, die sie eingespart haben? Nein, von den interessanten neuen Bekanntschaften, die sie gemacht haben.“

Permakultur ohne Scheuklappen

Wichtig ist Hopkins auch, dass die Bewegung anderen Initiativen gegenüber offen bleibt. „Es gibt weltweit Modelle für einen anderen Umgang mit Energie, für ein anderes Zusammenleben. Die Transition-Bewegung versucht, sie zusammenzufügen.“ Die Beziehungen dieser Modelle zueinander stellen für den Gründer einen Wert an sich dar. Die Resilienz des Ökosystems Regenwald, für ihn ein Vorbild, gründe vor allem auf den Beziehungen der einzelnen Komponenten zueinander. „Ich habe meine Ideen nicht als Utopie entwickelt, sondern sie bauen auf konkreten Vorbildern auf, die ich gesehen habe.“

Eine von Hopkins wichtigsten Inspirationsquellen ist die Permakultur, eine Methode, wie man Landwirtschaft mit der Natur betreiben kann statt gegen sie. Es habe ihn aber frustriert, dass ihre Verfechter sich häufig damit begnügten, auf ihrem Stück Land das Richtige zu tun. „Dabei stellt die Permakultur eine Art Blaupause für eine klimaverträgliche Zukunft dar.“ Die Reinheit der Lehre ist dem ehemaligen Permakultur-Lehrer jedenfalls nicht besonders wichtig. So scheut er sich nicht, die linke Autorin Naomi Klein zur Notwendigkeit von radikalen Lösungen zu zitieren.

Vermischung ist auch am Ende der Veranstaltung angesagt. Fürs Buffet gilt: Jeder Teilnehmer ist gebeten worden, ein Gericht oder Getränk mitzubringen und kann sich dafür bei den anderen bedienen. Mein Weg zum Dish-to-share-Bankett führt entlang der Seite mit den Tischen, hinter denen Transition-Aktivisten Bücher, T-Shirts und Saatgut verkaufen oder sich einfach mit den Leuten unterhalten. Beim Stop-and-Go verwickelt mich ein befreundeter Dritt-Welt-Aktivist in ein intensives Gespräch. Als ich erndlich am Buffet ankomme, ist es schon fast leergeputzt. In kleinen Gruppen stehen noch zahlreiche Besucher beisammen und diskutieren, die einen auf Luxemburgisch, die andern auf Englisch, manche auch auf Französisch oder Deutsch. Ein anwesender Lehrer erzählt mir vom „Think global act local“-Projekt des Athenäums, bei dem in den vergangenen vier Jahren im Sinne der Transition gearbeitet wurde, ohne dass es so hieß. Und bei den Kantinentellern auf dem Serviertisch handelt es sich natürlich nicht um Einweggeschirr, sondern um schwere, einheitlich weiße, spülmaschinenfeste Keramik.

Tee aus bunten Tassen

Aus Keramik waren auch die Tassen, aus denen wir am Nachmittag in der Scheune bei der Terra-Gartenbau-Kooperative Tee und Instantkaffee geschlürft hatten. Allerdings hatte jede Tasse ihre eigene Farbe, blau, orange, mit buntem Muster … Bei einigen war der Henkel abgebrochen – was nicht störte, weil man sie sowieso auch als Fingerwärmer benutzte. In ihre Mäntel gehüllt, warteten etwa 25 Mitglieder der hiesigen Transition-Initiativen auf das Treffen mit Rob Hopkins. Es roch nach Heu, Holzspänen und … ja, Pferdemist. War die an einen Pferdestall angebaute Scheune der falsche Ort, den berühmten Gründer der Transition-Bewegung zu empfangen. Oder vielleicht gerade richtig?

Plötzlich stand er da, am Eingang zur Scheune. Kein richtiges Empfangskomitee, kein Ansturm auf den „Guru“, aber gespanntes Warten auf den Beginn des Gesprächs. Alle setzten sich auf die im Kreis aufgestellten Stühle, Hopkins irgendwo zwischen den anderen. Als erstes redete nicht der Gast, sondern die Gastgeber, stellten ihre Initiativen vor. Transition Minett, Centre for Ecological Learning Luxembourg (Cell), Transition Town Luxembourg, „Som fir d`Erhalen an d`Entwécklung vun der Diversitéit“ (Seed), Transition Bonneweg, Transition Trier, … „Transition sieht an verschiedenen Orten auch sehr verschieden aus“, kommentierte der Vater der Bewegung, „ich genieße es, mir diese Vielfalt anzusehen.“

Inner Transition statt Burn-out

Eine Liste mit Fragen war im Vorfeld erstellt worden. „Huch, so viele“, scherzte Hopkins. Das Gespräch kreiste darum, auf welche Weise man das Netzwerk weiterentwickeln, Projekte umsetzen solle. Wie auch am Abend bei der Fragerunde hörte sich der Gast die Darlegungen an, aufmerksam mit dem Kopf nickend. Und gab Antworten und Ratschläge, nicht wie es ein Prophet tun würde, sondern wie es jemand tut, der auf die Erfahrungen vieler Jahre und vieler verschiedener Versuche zurückgreifen kann. Und – auch das nicht selbstverständlich im Kreis der Weltverbesserer – er bemüht sich stets, die positive Seite der Dinge herauszustellen.

Ob man denn nicht unbedingt vegan werden müsse, wird er zum Beispiel am Abend bedrängt. „Vielleicht schon, aber auch dann ist die Frage, wie man das auf die sanfte Art durchsetzt.“ Man müsse die Menschen ihren eigenen Weg finden lassen, so Hopkins. „Ich selber weigere mich zum Beispiel, ein Flugzeug zu benutzen. Aber ich stelle mich nicht hin und sage: Ihr alle dürft nie wieder fliegen.“ Er plädiert dafür, innerhalb der Transition-Bewegung Dinge auszublenden, die die Menschen entzweien, wie zum Beispiel politische oder spirituelle Doktrinen.

Das hindert Hopkins nicht daran, häufig den Begriff „inner transition“ zu verwenden. Gemeint ist keine mystische Erleuchtung, sondern die Würdigung der menschlichen und sozialen Komponente in den Initiativen. „Wir benötigen ein Gleichgewicht zwischen dem ‚doing` und dem ‚being`“, hatte er nachmittags in die Runde geworfen. Das intensive Engagement führe leicht zu Konflikten und Burn-out, aber, so Hopkins trocken: „Zum Glück haben wir in Totnes mehr Psychotherapeuten als irgendwo sonst.“ Und erzählte dann von der „pulse group“, die in Totnes über die „seelische Gesundheit“ der Bewegung wacht.

Langsam kroch die Kälte aus dem Boden in die Beine. Der Wasserkessel blubberte vor sich hin, an der Außenwand zwitscherten Vögel, draußen bellte ein Hund. Von hinten fiel strahlender Sonnenschein durchs Scheunentor. Hopkins sagte: „Auf eurer Liste steht die Frage, was mich gerade beschäftigt. Ehrlich gesagt, ich würde jetzt sehr gerne diese Permakultur-Gärtnerei besichtigen.“

Wir gingen die paar hundert Meter übers Eecherfeld zum Anbau-Areal. Pit, einer der Gründer von Terra (www.terra-coop.lu), erläuterte dem Gast die Funktionsweise: Die 150 Mitglieder der Kooperative bezahlen im voraus ein Abonnement auf regelmäßige Obst- und Gemüselieferungen; mit diesem Geld können Investitionen und Gehälter vorfinanziert werden (woxx 1270). Woher denn der Kompost komme, fragte Hopkins neugierig. Er wird in hochwertiger, bio-kompatibler Qualität bei Minett-Kompost gekauft, zusätzlich steuert der Besitzer der Pferde deren schadstofffreien Mist bei.

Blühende Kooperative

Eine der Prämissen von Terra ist, gänzlich auf die – energiefressenden – landwirtschftlichen Maschinen zu verzichten. Demnächst wird eine Solaranlage eingerichtet, welche den Generator, mit dem in Ausnahmefällen Wasser hochgepumpt wurde, überflüssig macht. Transition-Aktivisten arbeiten auf den anderthalb Hektar ehrenamtlich mit, doch das meiste besorgen die drei hauptamtlich angestellten Gründer. In Totnes, erzählte Hopkins, gebe es vier solcher Gärten, die sich allerdings langsamer entwickelt haben.

Die Teilnehmer standen in kleinen Gruppen umher, genossen die Sonne, streichelten den kleinen Hund, der hier zuhause ist. Und nachdem in der Scheune alles auf Englisch abgelaufen war, hörte man nun wieder, auf engstem Raum, Französisch, Luxemburgisch und Deutsch. Noch ein Gruppenfoto – mit Hopkins und dem Hund – dann musste man aufbrechen zur Konferenz.

Pit erzählt mir später, Hopkins habe die schöne Lage gelobt und sei besonders davon beeindruckt gewesen, dass Terra in so kurzer Zeit so viel erreicht hat. Und dass das Projekt sich selbst trägt, ganz ohne Kredite oder Subventionen. Pit ist es besonders wichtig, innovative Methoden zu entwickeln, bei denen Nachhaltigkeit nicht im Gegensatz zu Produktqualität und Ertrag steht. Ob er überrascht ist über den Erfolg? „Am Anfang muss man zwar gut planen, aber auch ein bisschen naiv sein“, sagt Pit. „Man darf nicht an alles denken, was schiefgehen könnte, sondern muss irgendwann einfach anfangen.“

Die Urzelle der luxemburgischen Transition-Bewegung: http://cell.lu/

Eine der derzeit aktivsten Initiativen, die seit kurzem über ein Lokal in Esch verfügt: www.transition-minett.lu

Rob Hopkins Blog, auf dem er über seinen Luxemburg-Besuch berichtet hat: www.transitionnetwork.org/blogs/rob-hopkins


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