Giulio Ricciarelli: Täter-Land mit Zuckerhaube

„Im Labyrinth des Schweigens“ zeigt beeindruckend das Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre, das seine jüngste Vergangenheit vergessen will und die NS-Täter als unbescholtene Bürger leben lässt.

Im Labyrinth der Akten. Der junge Radmann wird zunächst nur im amerikanischen
Document Center fündig …

Die 1950er Jahre – das war in Deutschland die Zeit des Wirtschaftswunders unter Kanzler Adenauer und die von Volkswagen, Vespas und luftigen Pettycoats: Eine Haube des Wohlstands, die sich wie Zuckerwatte auf das Schweigen über die NS-Vergangenheit legte. Zu viele waren beteiligt, und so wurde geschwiegen über die Mittäterschaft an den nationalsozialistischen Verbrechen. In diese Zeit hat Giulio Ricciarelli seinen Spielfilm verlegt. Als der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) im Jahre 1958 in Frankfurt am Main damit beginnt, nach verantwortlichen Tätern des Vernichtungslagers Auschwitz zu suchen, stößt er auf eine Mauer des Schweigens. Schnell wird dem „Grünschnabel“ klar, dass sich hinter dem Wort „Auschwitz“, das für die Generation der Kinder der Täter ein Fremdwort ist, eine Vernichtungsmaschinerie verbirgt, in die Tausende Bürger verwickelt waren, aber nie behelligt wurden. Mehr noch, Radmann, der anfangs naiv argumentiert, dass in Nürnberg doch Leute verurteilt wurden – freilich nicht von der deutschen Justiz, sondern von den Alliierten – erlebt, wie Polizei und Justiz bis hin zum BKA ihm offen die Zusammenarbeit verweigern. Neben dem Journalisten der Frankfurter Rundschau Thomas Gnielka und dessen Künstler-Freund Simon Kirsch, einem Auschwitz-Überlebenden, ist es der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer persönlich (unaufdringlich gespielt von Gert Voss), der dem jungen Radmann den Rücken freihält und ihn bei seinen Ermittlungen unterstützt. Die Rahmenhandlung des Films beruht auf wahren Begebenheiten: 1959 erreichte Fritz Bauer, dass der Bundesgerichtshof die „Untersuchung und Entscheidung“ in der Strafsache Auschwitz-Verbrechen dem Landgericht Frankfurt am Main übertrug. Auf Weisung Bauers leitete die dortige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen vormalige Angehörige der SS-Wachmannschaft des Vernichtungslagers ein.

Kanzler Konrad Adenauer machte keinen Hehl daraus, dass er am liebsten einen Schlussstrich unter die jüngste Vergangenheit ziehen würde. Bauer, der sich unter NS-belasteten Juristen außerhalb seines Büros im Feindesland wähnte, bekam diese Schlussstrichmentalität am eigenen Leib zu spüren – nicht zuletzt in der Geringschätzung seiner Kollegen ähnlich wie der junge Radmann im Film. Bauers Antrag, die deutsche Bundesregierung möge sich um die Auslieferung Adolf Eichmanns in die Bundesrepublik bemühen, wurde von der Regierung seiner Zeit umgehend abgelehnt. Denn der seinerzeit umstrittene Generalstaatsanwalt ließ keinen Zweifel daran, wen er für die Verbrechen verantwortlich hielt: „Alle, die mitgemacht haben – sind Auschwitz.“

Es erstaunt also wenig, dass Ricciarelli seinen pädagogischen Film dem 1968 verstorbenen Fritz Bauer gewidmet hat. Dass die Auschwitz-Prozesse Anfang der 1960er Jahre nicht zuletzt dank seiner in Gang kamen, wird im Film genauso deutlich, wie der erbitterte Widerstand, auf die der junge Staatsanwalt Radmann bei den Behörden stieß. Gemeinsam mit Gnielka macht er sich schon bald, von Alpträumen geplagt, auf eigene Faust auf die Suche nach dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele, der bei seinen Besuchen in seinem bayrischen Heimatort Günzburg von Familie, Bekannten und Würdenträgern des Orts geschützt wird. Man folgt Radmann, wie er Aktenberge aus dem Bestand des US-amerikanischen Document Center durchwühlt, die Telefonbücher der gesamten Bundesrepublik nach Adressen von Tätern durchforstet und hunderte Zeugen persönlich befragt. Aus anfangs 15 Akten von Belasteten werden schnell 8.000 – von ganz ­“normalen“ Bürgern.

Zur Auflockerung ist die Handlung in eine Liebesgeschichte eingebettet, die streckenweise etwas seicht, wie von einer ZDF-Abendserie inspiriert, wirkt. Auch dass der Vater von Radmanns Verlobter nachts betrunken mit seinen Kumpanen die alten Zeiten im Pionier-Bataillon 21 („Jeder Schuss ein Russ“) besingt, scheint etwas konstruiert, sorgt aber für den beabsichtigten ­Gänsehauteffekt. Bedeutungsschwer wirkt die Szene, in der Radmann und Gnielka nach Auschwitz fahren, um dort auf Bitten Simon Kirschs das ­Kaddisch für dessen im Lager ermordete Kinder zu sprechen.

Trotzdem ist „Im Labyrinth des Schweigens“, der mit der Eröffnung des Auschwitz-Prozesses am 20. Dezember 1963 im Frankfurter ­Römer-Gericht endet, ein wichtiger und mutiger Film. Er zeigt den steinigen Weg hin zu den Prozessen und lässt die scheinheilige, miefige Atmosphäre des Nachkriegsdeutschlands der 1950er Jahre spürbar werden.

Im Utopia


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