Andrew Niccol: Playstation War

Der Antikriegsfilm „Good Kill“ veranschaulicht die Folgen technisch hochmoderner Verfahren im Krieg gegen den Terror und stellt unmissverständlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.

Sehnsuchtsobjekt Flugzeug. Tom Egans Job besteht in der Steuerung von Kampfdrohnen aus einem klimatisierten Container.

US-Airforce-Offizier Tom Egan (Ethan Hawke) bekämpft die Taliban nicht auf konventionelle Art und Weise aus einem Flugzeug in der Luft, sondern aus einem klimatisierten Container in der Wüste von Nevada. Wie an einer Playstation spielend, grillt er per Knopfdruck seine „Ziele“ in Afghanistan, Pakistan oder im Jemen, und wenn der Schuss von der Drohne ein Treffer war, gibt er als Erfolgsmeldung ein tonloses „good kill“ von sich.

Es sind Taliban-Kämpfer, die ganz oben auf der Fahndungsliste der CIA stehen. Nur logisch also, dass Egan und seine Co-Pilotin Suarez (Zoë Kravitz) irgendwann die Anweisungen direkt vom FBI über Telefonlautsprecher erhalten. Ihre Skrupel – wenn mitunter beim Abschuss der Terroristen plötzlich Frauen und Kinder ins Visier geraten – werden von der nationalen Sicherheitsbehörde mit dem nationalistischen Argument beiseite geschoben, dass der Tod von Zivilisten hinzunehmen sei, wenn das Wohl von US-Staatsbürgern gefährdet ist.

Trotzdem ist „Good Kill“ weit weniger chauvinistisch als Clint Eastwoods „American Sniper“ – auch weniger kriegsverherrlichend, denn wo sich American Sniper bewusst in einer Grauzone bewegt, in der die Tötung von Zivilisten durch den heroischen Scharfschützen leider mal vorkommt, zeigt „Good Kill“ kompromisslos, dass diese Kollateralschäden zum normalen Tagesgeschäft der Terroristenjagd gehören. Das Ausmaß des asymmetrischen Anti-Terror-Krieges nach dem 11. September 2011 wird begreifbar, die Unverhältnismäßigkeit springt einem ins Auge. In erster Linie ist das der Darstellung des Geschehens aus der Perspektive Tom Egans und der Kameraführung zu verdanken: Aus dem statischen Container-Cockpit blickt der Zuschauer per Bildschirm auf verschleierte Gestalten in ausgetrockneten Ortschaften und und wird dabei mitunter Zeuge von privaten Grausamkeiten wie Vergewaltigungen. Doch zeigt Regisseur Andrew Niccol nicht nur verstaubte Häuserparzellen im Nahen Osten, sondern führt die Kamera auch auf die Dächer der amerikanischen Vorortsiedlung, in der Egan mit seiner Bilderbuchfamilie wohnt und am Wochenende Steaks grillt. Aus der Luft betrachtet, wirken diese Siedlungen in ihrer Spießigkeit wie Puppenhäuser.

Bereits im Vorspann wird klargestellt, das „Good Kill“ auf wahren Begebenheiten beruht. Der Pilot Brandon Bryant saß fünf Jahre lang in einem Container vor 14 Bildschirmen und richtete über Leben und Tod von Menschen in nahöstlichen Ländern. Die Schalthebel und Knöpfe, mit denen er – aus einem nachgemachten Cockpit heraus – Drohnen per Klick steuerte, ähneln denen an Egans Arbeitsplatz. Dass er als ausgebildeter Pilot zwar in einer Kabine saß, aber nicht mehr fliegen durfte – darin bestand die private Tragödie Bryants, und ebendies ist auch das zentrale Problem des alkoholsüchtigen und psychisch zunehmend kaputten Filmhelden. Als Pilot ausgebildet, fühlt er sich in der Tätigkeit im Container degradiert. Hinzu kommen moralische Bedenken angesichts der immer größeren Zahl von Zivilisten, die er „verschleißt“.

Von Alpträumen geplagt, greift er bald schon morgens zur Flasche, und nur die mit ihm zusammenarbeitende Unteroffizierin Suarez sieht seinen Zustand und versteht sein Leid. „Sind wir die Hamas?“ bricht es irgendwann empört aus ihr heraus, als beim angeblich so zielsicheren Schuss von der Kampf-Drohne auf Terroristen auch Frauen und Kinder getötet werden. Doch die Antwort ihrer männlichen Kollegen sind nur patriotische Phrasen und höhnisches Gelächter.

Die Gewissenbisse und die Unterdrückung in seinem Job zerfressen Egan allmählich, ein Ausrasten scheint unvermeidlich. Realitätsnah kann der Zuschauer mit ansehen, wie sein Arbeitsumfeld seinen Zustand ausblendet, bis Egan selbst in letzter Minute die Reißleine zieht.

In immergleichen Szenen ist „Good Kill“ zwar streckenweise etwas monoton, doch kann der Zuschauer nachverfolgen, wie ein Mensch an einer stupiden, grausamen Tätigkeit psychisch an seine Grenzen gerät. Und hat noch irgendjemand Zweifel daran, dass der „war on terror“ ein asymmetrischer Krieg ist?

Im Utopolis Kirchberg


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