Fotografie: Sanders Werk neu belichtet

In „Absence of Subject“ in der Villa Vauban trifft Porträtfotografie von August Sander auf Fotoarbeit von Michael Somoroff, aus der das Subjekt entfernt ist. Eine Hommage an Sanders Werk?

(© Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2015.)

(© Michael Somoroff)

Sanders Fotoserie „Menschen des 20. Jahrhunderts“, eine monumentale Dokumentation der Weimarer Republik, zählt zu den Sternstunden der Dokumentarfotografie. Denn es gelang ihm damit, Abbilder seiner Zeit zu schaffen. Mit seinen nach Status und Ethnie katalogisierten Serien und mehr als 600 Aufnahmen von Menschen aller Schichten zeigte er einen Querschnitt der damaligen Gesellschaft. Gerade weil er dafür eben auch einfache, arbeitende Menschen ablichtete – darunter auch fahrendes Volk, Zirkusakrobaten, Obdachlose und Kriegsversehrte – wurden seine Fotografien von den Nationalsozialisten nicht goutiert. Offiziell erhielt er zwar kein Berufsverbot, doch wurden 6.000 Originale, und damit rund zwei Drittel seines Werks, zerstört.

Michael Somoroff, Sohn des bekannten Werbefotografen Ben Somoroff und selbst Fotograf für bedeutende Magazine wie Vogue, Stern und Life, hat für „Absence of Subject“ aus Sanders Fotografien die jeweils abgebildeteten Personen digital entfernt, so dass nur der Bildhintergrund erhalten bleibt. In der erstmal anlässlich der Biennale von Venedig 2011 vorgestellten Schau fehlt also das wesentliche Merkmal von Sanders Aufnahmen: der porträtierte Mensch. Die bei Sander eher nebensächlichen Bildelemente des Hintergrunds werden so zum Hauptmotiv. In der Gegenüberstellung von 40 Originalfotos Sanders und 40 Fotoarbeiten Somoroffs entsteht so ein Dialog zwischen den Fotografien des 1964 verstorbenen Künstlers und den zeitgenössischen Arbeiten Somoroffs, ein Dialog zwischen Moderne und Postmoderne. Eine Gegenüberstellung, die in den Räumlichkeiten der Villa Vauban trotz des gewagten Ansatzes erstaunlicherweise gut funktioniert. Denn zum einen nimmt der Betrachter den sonst unbeachteten Bildhintergrund der Fotografien und seine Nuancen erstmals wahr, zum anderen eröffnet dieses Zusammenspiel auch eine neue Sicht auf Sanders Porträts.

Somoroff will seine Eingriffe in Sanders Werke allerdings nicht als Manipulation verstanden wissen. Im Gegenteil, durch das Entfernen der Subjekte habe er versucht, diesen eine besondere Bedeutung zu geben. So zeige er, dass man die Möglichkeit hat, Sanders Werk erst recht zu ehren. Es enstehe eine Geschichte, erklärt Somoroff seinen Ansatz im begleitenden Katalog.

Somoroff zeigt durch seine Fotoarbeiten freilich, dass es „ein Vorher und ein Nachher“ gibt, und macht die conditio sine qua non offenbar, dass nur etwas geschaffen werden kann, wenn es vorher bereits etwas gab. Das Ausloten des Schwarz-Weiß-Kontrasts und die oft bewusst schemenhaft erscheinenden Einstellungen – wodurch die Aufnahmen bisweilen unscharf wirken – bringt den Betrachter dazu, ganz genau hinzusehen. Die Ausstellung regt so die Kreativität des Betrachters an und setzt ein regelrechtes Kopfkino in Gang. Ein leerer Tisch oder ein leerer Stuhl werden zu poetischen Elementen.

Keine Frage, der Besuch der Ausstellung lohnt – auch wenn man ein leichtes Unbehagen nicht ganz loswird, weil man sich fragt, ob Somoroffs Ansatz nicht doch ein wenig vermessen ist. Ob August Sander diese neue Kontextualisierung gutgeheißen hätte?

Bis zum 13. September in der Villa Vauban.


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