LITERATUR: Gast im eigenen Land

Vor kurzem brachte der in Wien lebende, luxemburgische Schriftsteller Raoul Biltgen seinen Roman „perfekt morden“ heraus: Im Buch geht es um einen luxemburgischen Autor der in Wien lebt und manchmal Leute abmurkst …

Gastarbeiter in Sachen Theater und Literatur: Raoul Biltgen. (Foto: Molden Verlag)

woxx: Herr Biltgen, in „perfekt morden“ kommen Ihr Heimatland und vor allem die darin lebenden „Hobbykünstler“, nicht so gut weg. Hassen Sie Luxemburg?

Raoul Biltgen: So eng will ich es nicht sehen. Ich bin und bleibe Luxemburger. Es würde keinen Sinn machen, meine Herkunft zu verneinen. Aber meine Wahlheimat Österreich gibt mir den Raum, den ich brauche um als Künstler leben zu können. Es gibt jedoch auch gute Künstler in Luxemburg und ich kehre regelmäßig hierhin zurück.

Aber leben und schreiben können Sie nur im Ausland?

Ich musste Luxemburg verlassen, um mich als Künstler frei entwickeln zu können. Es war eine Sache der Prioritäten. Denn die Luxemburger Kunstszene hat Vor- und Nachteile: Einerseits hat man – der kleinen Dimension wegen – schnell die richtigen Kontakte. Andererseits fehlt einem das Publikum und damit auch die wirtschaftliche Grundlage. Ich wollte aber von meiner Kunst leben können.

Und, klappt es?

Ja, es klappt. Ich kann von meiner Kunst leben, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Ich muss eben die Prioritäten so setzen, dass meiner Entfaltung keine Grenzen gesetzt sind.

Auch Sven – der Protagonist in „perfekt morden“ – will von seiner Kunst leben, ist aber noch von seinen Eltern abhängig und hat so manche Probleme mit seiner Situation. Ist der Roman eine Autobiographie?

Sagen wir es mal so: Meine Anfangsbiographie entspricht schon Svens Leben. Aber im Nachhinein distanziere ich mich natürlich von so einer Figur. Ich bringe schließlich keine Bibliothekarinnen um die Ecke. Und auch die Ich-Perspektive die immer wieder eingebaut ist, um Svens Handlungen zu kommentieren, beweist diese Distanz.

Wie würden Sie Sven eigentlich charakterisieren?

Der Sven ist ein Mensch der eine Identität finden will oder – besser gesagt – muss. Er ist ein Kind meiner Generation, die weder durch wirtschaftliche Engpässe noch durch politische Umwälzungen oder Veränderungen zu leiden hatte. All dies hatte keinen Einfluss mehr auf Leute wie Sven. Niemand kämpft mehr um irgendeinen Traum zu verwirklichen, und deshalb gerät Sven in einen Strudel. Er mordet, weil ihm das den Anschein einer Identität gibt, er weiß zumindest, was er will, was sein Ziel ist.

Also ist er eine Art Paradigma seiner Generation?

Ja, wenn man seine Geschichte als Extremsituation ansieht, durchaus. Aber dies bleibt nur eine von vielen möglichen Definitionen dieser Generation.

Gibt es noch andere Definitionen dieses Lebensgefühls?

Ja, zum Beispiel die neuesten politischen Entwicklungen in Deutschland: Mit dem Auftauchen einer neuen Linkspartei, die dieses minoritäre „So geht es nicht mehr weiter“-Gefühl verkörpert, im Gegensatz zum liberalen Weg, der parteiübergreifend Konsens produziert. Es gibt eben viele junge Leute, die aus Bequemlichkeit und Opportunismus jede Möglichkeit nutzen um Geld zu machen. Sven steht zwischen diesen beiden Kategorien, er hat seine Ideale als Künstler, er will aber natürlich auch Geld verdienen.

„perfekt morden“ ist deshalb aber noch keine Kapitalismuskritik, oder?

Nein, es ist eher eine Parabel. Was wiederum nicht heißen soll, dass ich beabsichtigt hätte ein psychologisches Porträt meiner Generation oder einer Einzelperson zu malen.

Sven sagt auch, dass er die Mordgedanken nicht unbedingt als ein Rachebedürfnis empfindet, sondern eher als eine „Idee, so wie wenn man sich was ausdenkt, was ganz toll wäre“. Kennen Sie jemanden wie Sven?

Wer von uns hat noch nicht dran gedacht jemandem den Hals umzudrehen? Aber im Ernst, das Ganze ist eine Frage des Realitätssinns oder – wie in diesem Fall – des Realitätsverlusts. Wie gesagt: Sven sucht sich eine Identität, einen Platz in der Gesellschaft, der seinen Vorstellungen gerecht werden könnte.

Es gibt eine Szene im Buch, in der Sven nach luxemburgischen Autoren in einer Dresdner Bibliothek sucht. Er findet einige ihrer Bücher, darunter auch sein eigenes.

Diese Szene kristallisiert seine Suche nach Identität. Dass er dabei vor allem sein eigenes Buch liest, beweist, dass er noch nicht soweit ist, um über seine eigene Person hinwegzusehen und sich als Teil der ganzen Geschichte zu spüren.

In derselben Bibliothek gibt es auch einen Gedichtband von Ihnen.

Sicher, das ist eben eines der autobiographischen Elemente im Buch die aber nicht unbedingt auf das Ganze schliessen lassen.

Wo sehen sie ihren Platz in der luxemburgischen Kulturlandschaft?

Grundsätzlich glaube ich nicht, dass mein Image in Luxemburg verschrien ist. Man redet zwar nicht viel über meine Arbeit. Aber ich glaube schon, dass ich respektiert werde. Ich überschwemme ja auch nicht regelmäßig den einheimischen Büchermarkt mit meinen Produktionen. Aber wenn ich an den Ort zurückkehre, an dem alles angefangen hat, dann fühle ich mich als Gast. Als willkommener Gast, und nicht unbedingt als Fremdkörper. Es war eben ein Teil meiner eigenen künstlerischen Entwicklung, dass ich mich absetzen musste. Früher hätte ich mich eher geweigert, nach Luxemburg zurückzukehren, aber heute habe nichts mehr dagegen, von Zeit zu Zeit ein Gast zu sein.

Sehen Sie sich als Nachfolger der freiwillig exilierten Luxemburger, die aus der Ferne gegen ihr, viel zu enges und konservatives, Heimatland stänkern, etwa wie Norbert Jacques?

Das nehme ich als großes Kompliment an. Und Norbert Jacques kann auch als eine Erklärung meiner Vorgehensweise gelten, denn seine Attacken gegen Luxemburg waren ja ebenfalls in erster Linie humoristisch gemeint und nicht unbedingt vernichtend.

Will heißen, die Attacken gegen „Hobbykünstler“ sind nur halb so schlimm?

Sicher. Es gab ja auch eine Reihe von Leuten die sich in „perfekt morden“ wiedererkannt haben. Auch wenn ich sie nie beim Namen genannt habe, gibt es Bezüge zu realen Personen in dem Roman. Besonders in den Passagen in denen Sven in Luxemburg ist, um eine Lesung abzuhalten. Kürzlich erhielt ich eine Mail von dem Bibliothekar, der im Buch Svens Lesung veranstaltet, und höchstwahrscheinlich das letzte Opfer von Svens Mordlust wird. Er hat das Ganze mit sehr viel Humor genommen.

Sie bleiben also dabei : In Luxemburg kann man keine Kunst machen?

Doch, nur nicht so, wie ich mir das vorstelle. Denn es ist schon schwer das System zu kritisieren, wenn man in dieser Mikro-Szene, in der jeder jeden kennt, überleben will. Ich habe sie jetzt als Außenstehender neu entdeckt – das ist viel angenehmer als andauernd in diesem Umfeld feststecken zu müssen. Und ich werde auch 2006 wieder in Luxemburg und in Esch Theater spielen und Lesungen haben. Bleiben werde ich trotzdem nicht.

Mangelt es Ihnen vielleicht an Solidarität in der luxemburgischen Szene?

Teils ja, teils nein. Es gibt schon „Korinthenkacker“ in der Kunst- und Theaterszene die einem das Leben schwer machen können, da sie alles maßlos übertreiben um überhaupt bestehen zu können. Aber die gibt es auch im Ausland. Trotzdem hat Luxemburg immer wieder gute und auch international anerkannte Künstler hervorgebracht, die in ihrer Heimat nicht unbedingt beliebt und beachtet sind.

„perfekt morden“ erschienen im Molden Verlag, Wien. www.molden.at, www.raoulbiltgen.com.


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