PHOTOMEETINGS LUXEMBOURG: „Die Ikonoklasten kommen so bald nicht wieder“

Ikonen sind mehr als nur Bilder. Sie entstehen aus dem Willen des Menschen sich eine Sprache zu geben mit der er die Welt lesen kann. Sie sind auch ein Spiegel für
die Oberflächkeit unserer Zeit, sagt Hans-Michael Koetzle.

Ikonenwissenschaftler mit Ikone: Hans-Michael Koetzle und Abraham Lincoln. (Foto: Christian Mosar)

woxx: Wenn Sie auf der Straße einem jungem Menschen mit einem Che-Guevara-T-Shirt begegnen, an was denken Sie dabei?

Hans-Michael Koetzle: Es gibt ja zwei Porträts von Che Guevara die um die Welt gingen, das von Alberto Korda und das von René Burri. Das Korda-Porträt ist als T-Shirt-Aufdruck sicher noch viel verbreiteter als das von René Burri. Weil es natürlich als grafische Umsetzung noch suggestiver ist. Bestimmte Bilder finden Eingang in unsere Alltagskultur und verselbstständigen sich da im Prinzip. Das Guevara-Porträt löst sich von dem Fotografen und dem historischen Zusammenhang. Und in diesem Fall wird das Porträt zum modischen Accessoire. Wenn man die Leute fragt, dann wissen die gar nicht so richtig wer das ist. Der historische und soziale Hintergrund verschwindet sozusagen, weil die Person ein Popstar geworden ist. Ein Popstar, der das jugendliche Auftreten unterstreicht, aber sicherlich ohne politischen Gedanken.

Was bedeutet denn die Pop-Ikone heutzutage?

Eine Ikone ist vom Begriff her erst mal ein Zeichen, und solche gibt es auf allen Ebenen. Unsere Gegenwartskultur hat das Zeichen im Prinzip perfektioniert. Keine Firma kommt heute mehr ohne Zeichen aus, die Fernsehsender braucht ein Logo, die Politik braucht ein Logo, sogar Europa braucht eines. Da sind unendlich viele Agenturen damit beschäftigt die zu entwickeln, und es wird viel Geld damit verdient. Das Zeichen ist also im Prinzip, die zeitgemäße Verknappung einer Botschaft. Das gilt auch gerade für politische Propaganda. Das beste Beispiel ist das Hakenkreuz. Gerade die radikalen Parteien haben dies ja auch perfektioniert. Der Nationalsozialismus bestand vor allem aus Zeichen, nicht aus Ideen. Denn die Nazis hatten ja eigentlich keine eigenen, sie haben nur die ganze Inszenierung perfektioniert.

Erodieren die Zeichen denn nicht wenn sie wie heutzutage im Überfluss vorhanden sind?

Ja, es ist schwieriger geworden sich Zeichen zu merken. Sie sehen das in vielen Fällen, wo sich die Zeichen ähneln. Ikonen müssen per Definition knapp und prägnant sein. Und dadurch genügt es ja auch unserer schnelllebigen und oberflächlichen Kultur, die für eine profunde Analyse keine Zeit mehr hat. Auf der anderen Seite bleiben dadurch komplexe Inhalte auf der Strecke.

Wo würden Sie denn die Grenze ziehen zwischen einer mittelalterlichen Ikone und einer zeitgemäßen Pop-Ikone?

Eine der klassischen Ikonen ist ja das Kreuz und der Begriff selbst kommt ja auch aus einem christlichen Kontext. Wir sprechen ja bei gemalten Heiligenbildern auch von Ikonen. Zunächst einmal war die Ikonendichte des Alltags in jenen Zeiten viel geringer. Es gab das Kreuz, das Symbol schlechthin, vielleicht noch die Krone und ein paar ältere heidnische Symbole, wie der Drudenfuss. Auch die ziehenden Handwerkergesellen hatten ihre Abzeichen, mit denen sie bestimmte Häuser markierten, zum Beispiel um den nachziehenden Gesellen zu bedeuten wie gastfreundlich die Bewohner waren. Es gab da ganz ausgeklügelte Systeme. Auch gewisse Minderheiten hatten ihre geheimen Zeichensysteme um sich untereinander erkennbar machen zu können und sich zu verständigen. Ich denke, dass diese Zeichen im Sinne von Überleben sehr viel wichtiger waren als der Glaube daran. Der Glaube an das Kreuz, an die christliche Nachwelt spielte im Sinne des Alltags eine ganz andere Rolle. Ohne diese Symbole wäre das Leben damals ganz hoffnungslos gewesen, denn das Mittelalter war ja alles andere als lustig.

Man brauchte diese Systeme also damals, um die Welt lesen zu können?

Ja, um sich zu verständigen, um Auskommen und Existenz abzusichern und einfacher zu machen. Heute dagegen sind diese semantischen Systeme Teil eines Wirtschaftsprozesses geworden.

Der Kapitalismus hat diese Systeme ausgehöhlt?

So könnte man es sagen. Es ist natürlich eine Welt, die auf schnelle Kommunikation abzielt. Sie sehen es ja auch an all diesen Computerzeichen, die internationalisiert werden. Das geheime frühere Zeichen ist heute ein öffentliches geworden. Man kann auch von einer Demokratisierung sprechen, denn die Lesbarkeit wird jedem vermittelt. Aber es sind natürlich auch schnelle, flache und wenig fundierte Botschaften, die so übermittelt werden.

Werden heutzutage nicht eher Zugehörigkeiten als Inhalte vermittelt?

Ja auch. Wie jetzt bei der Fußballweltmeisterschaft geschehen ganz interessante Dinge. Ich selbst habe in Deutschland noch nie so viele Flaggen gesehen. Zum ersten Mal sehe ich Deutsche mit ihrer Fahne rumlaufen. Das könnte man jetzt beängstigend finden, aber es hat zwei Nebenaspekte. Zum einen geschieht es mit einer relativen Leichtigkeit, zum anderen haben die meisten kein Problem damit dazu auch ein brasilianisches T-Shirt zu tragen. Es gibt also eine Vermischung dieser Symbole. So kommt es zu einer wohltuenden Auflösung nationaler Ikonen. Da vermischen sich die nationalen Identitäten zu einem wunderbaren Kunterbunt.

Das passt jetzt aber nicht zu der Geschichte des Spiegel-Reporters der mit einer polnischen Flagge zu einer Deutschland-Fußball-Feier gegangen ist. Einzig Buntes daran waren die blauen Flecken, die der Mann schließlich davon trug. Er wurde verprügelt.

Wissen Sie, der Spiegel ist ja bekannt dafür, dass er gewisse Dinge, die hie und da auftauchen hochputscht. Ich habe das selbst nicht gelesen. Aber wenn Sie im falschen Moment mit dieser Absicht irgendwo hingehen, dann kann ihnen so was passieren.

Besitzt die Ikone eine immanente Kraft oder ist sie kontextgebunden?

Die Ikone als Zeichen ist immer Teil eines übergeordneten Systems. Sie ist sozusagen ein Baustein eines kommmunikativen Ganzen. Sie muss ja zunächst einmal eingeführt werden, denn sie kommt nicht ohne Erklärung aus. Wenn Sie die Europa-Flagge mit den Sternchen nehmen, die muss ja auch interpretierbar sein. Interessanterweise symbolisieren die Sternchen der Europa-Flagge ja keine Staatengemeinschaft. Sondern die Jungfrau Maria. In diesem Zusammenhang gibt es sozusagen ein erklärendes Umfeld, das man auch abstrahieren kann. Oder so sehen kann wie man es will.

Wie muss eine Ikone denn aussehen und wo sind ihre Grenzen?

Ihr Zeichen muss die Philosophie ihres Unternehmens transportieren. Farben spielen eine große Rolle. Rot gilt als aggressiv. Zum Beispiel war es kein Zufall, dass bei den Olympischen Spielen in München 1972 nur Pastelltöne verwendet wurden, weil man eben damals nicht mehr an die Spiele von 1936 erinnern wollte. Und die Attentate damals haben ja auch gezeigt, wie fragil ein solches Unternehmen ist. Die Inszenierung der Ikonen konnte sich wieder einmal nicht behaupten gegen die Ereignisse der Geschichte. Und heute leben wir in einer Art Milchstraße von vor sich hin wabernder Symbole, die sich langsam aber sicher gegenseitig aufheben.

Wann kommt der nächste Bildersturm?

Ich glaube dass wir uns, bei aller Affinität zur Sprache, über Bilder Dinge sehr viel deutlicher merken können. Dass unser Wissen und unser Denken davon maßgeblich bestimmt werden. Die Ikonoklasten werden schon allein deshalb nicht zurückkommen weil unser Denken sich zwischenzeitlich zuviel hieran gewöhnt hat.

Hans-Michael Koetzle ist freier Journalist und Schriftsteller. Er lebt in München, wo er seit 1996 Chefredakteur der Zeitung Leica World ist. 2004 war er Kurator der Retrospektive „René Burri“, die unter anderem in der Pariser „Maison de la Photographie“ gezeigt wurde. In Luxemburg hielt er am Dienstag dieser Woche im Rahmen der Photomeetings Luxembourg einen Vortrag über „Distribution und Rezeption fotografischer Ikonen im 20. Jahrhundert“.


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