THEODOR BERGMANN: Kommunismus als Baustelle

Immer wieder engagiert, immer wieder voller Hoffnung, das charakterisiert Theodor Bergmann. Ein Dokumentarfilm über seinen Lebensweg lädt zum Nachdenken ein – über Vergangenheit und Zukunft des Kommunismus.

Wenn Theodor Bergmann spricht, wird die Vergangenheit lebendig.

Dieser Film ist die Zusammenfassung dessen, was ich erlebt habe, was ich gelernt habe aus den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts und was ich den jungen Menschen gerne weitergeben möchte an Erfahrungen.

Theodor Bergmann, 90 Jahre alt, ist zufrieden mit dem Ergebnis. Für „Dann fangen wir von vorne an“ hat das Filmteam mit ihm die Orte bereist, an die seine Erinnerungen anknüpfen: seine Kindheit als Sohn eines Rabbiners und seine Jugend als atheistischer Kommunist im Berlin der Weimarer Republik, sein Exil in Palästina, der Tschechoslowakei und Schweden, seine Rückkehr 1946 in die Bundesrepublik und sein fortdauerndes Engagement in der deutschen Linken. Daraus ist nicht nur eine Lebensgeschichte geworden. „Es ist ein politischer Film“, wie Bergmann, der dem Vorhaben anfangs skeptisch gegenüber stand, feststellt. So politisch wie der Blick, den er auf sein Leben wirft.

Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie ruhig , wie schön die Welt gewesen wäre, wie schön auch Deutschland gewesen wäre, wenn es den Hitler und den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte. Diese Brutalität, diese technologisierte Niedertracht, die Zerstörung ganzer Völker, einmalig in der Geschichte, hat nicht nur mein Leben, sondern das der ganzen Welt verändert.

Der Großteil von Bergmanns Familie konnte nach Palästina flüchten. Sein Bruder Alfred, ebenfalls Kommunist, wurde von der Schweiz ausgeliefert und von der Gestapo umgebracht. Doch Theodor Bergmann sieht im Faschismus kein rein deutsches Phänomen, sondern eine „Krankheit des Kapitalismus'“. Daraus muss man lernen: Wenn der Kapitalismus solche Monster produzieren kann, dann darf er nicht das letzte Wort der Geschichte sein.

Der Nationalsozialismus hat auch Bergmanns Verhältnis zum Staat Israel geprägt. Palästina war 1933 der einzige Ort, wo ich hingehen konnte. Ich war und bin kein Zionist, aber die Schaffung eines jüdischen Staates ist bis auf weiteres die beste Lösung. Es ist wichtig, dass Israel existiert, und Israel hat ein Lebensrecht wie jeder andere Staat.

Das hindert ihn nicht daran, kritisch mit der Politik Israels umzugehen. Mein Wunsch, und der vieler Israelis und auch Palästinenser ist es, dass es zu einer vernünftigen Lösung kommt: die Koexistenz eines israelischen und eines palästinensischen Staates. Dass die palästinensischen Flüchtlinge nach Israel zurückkehren können, halte ich allerdings nicht für realistisch, wie auch die Deutschen nicht nach Ostpreußen zurückkehren können. Aber die Siedlungen in den besetzten Gebieten müssen aufgelöst werden. Israel hat ein Existenzrecht in den Grenzen von 1948 bis 67, und das restliche Territorium muss den Palästinensern zurückgegeben werden. Als Sozialist muss man versuchen, Brücken zu bauen zwischen den besonnenen Arabern und den besonnenen Juden.

Doch Theodor Bergmanns Haltung geht über Besonnenheit hinaus. Immer wieder betont er im Gespräch, dass es bessere Lösungen geben muss als den Kapitalismus. Besser, sowohl in punkto Verteilung des Reichtums in unseren Gesellschaften als auch was die Gerechtigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern angeht. Viel Hoffnung setzt Bergmann in die Reformen in China. Doch auch dieses Modell lasse sich nicht einfach übertragen, jedes Land müsse seinen eigenen Weg finden, so der „kritische Kommunist“.

Wenn wir Marx richtig lesen, dann ist es kein geschlossenes System, sondern eine Methode zur Analyse der Gesellschaft. Natürlich ist die Arbeiterklasse von heute nicht mehr die Arbeiterklasse von 1848, sie hat sich verändert. Aber die Trennungslinie zwischen Arbeit und Kapital lässt sich immer noch ziehen. Zwar ist der Herr Ackermann bei der Deutschen Bank ein Angestellter. Aber er verdient 20 Millionen, während andere mit einem Bruchteil davon auskommen müssen. Deshalb hat Herr Ackermann auch völlig andere Interessen als gewöhnliche Angestellte bei der Deutschen Bank, sogar wenn sie ein paar Aktien besitzen.

Seit 1990 ist Bergmann auch wieder parteipolitisch engagiert. Die Ziele der PDS gehen mir eigentlich nicht weit genug. Ich habe mich damals aus Gründen der Solidarität engagiert. Vielleicht wird eines Tages eine neue, wirklich sozialistische Partei gegründet. Derzeit leben wir in einer Hegemonie der Kapitalisten, doch das wird sich wieder ändern. (…) Gegenüber den neuen sozialen Bewegungen bin ich ein bisschen skeptisch. Sie sind ein Ausdruck der tiefen Unzufriedenheit. Aber sie konzentrieren sich auf einzelne Punkte, haben kein gemeinsames politisches Ziel und sind international, doch nicht wirklich antikapitalistisch. Das schafft keine Basis für den Kampf in den einzelnen Ländern.

Theodor Bergmann war vor dem Krieg Mitglied der Organisation „KPD-Opposition“, die eine Einheitsfront gegen Hitler forderte – vergeblich. Nach dem Krieg war seine Kritik am Stalinismus ebenfalls unwillkommen, er wurde per Haftbefehl in der sowjetischen Zone gesucht. Woher nimmt er, angesichts seiner persönlichen Erfahrungen, seinen Optimismus?

Ich habe so viele Endsiege des deutschen Kapitalismus‘ erlebt und überlebt: Erster Weltkrieg, Tausendjähriges Reich, Eroberung der Sowjetunion. Die Welt war nicht zu Ende mit Adolf Hitler, sie war auch nicht zu Ende – ohne vergleichen zu wollen – mit Stalin oder mit Mao. Die Geschichte geht weiter, die Menschen lernen. Gerade Kommunisten können und müssen lernen, auch aus ihren Niederlagen und Fehlern.

Musterbeispiel für diese Lernfähigkeit ist in Bergmanns Augen die chinesische KP. Zahlreiche Reisen und regelmäßiger Kontakt zu KommunistInnen dort haben ihn überzeugt, dass kluge Reformer China auf den Weg zum Sozialismus gebracht haben, auch wenn viele Experten vielmehr einen entfesselten Kapitalismus am Werk sehen.

Es gibt Kapitalisten in China, so wie es welche unter Lenin gegeben hat, während der Neuen ökonomischen Politik. Die Idee ist, die Technologie von den Kapitalisten zu lernen, und sie danach wieder nach Hause zu schicken. China hat jetzt die Phase der „independant innovation“ erreicht, und beginnt, den ausländischen Kapitalisten Schwierigkeiten zu machen. (…) China ist ein riesiges Land und hat bei weitem nicht alle Probleme gelöst. Auch Demokratie lässt sich nicht per Dekret einführen. Erst müssen die Menschen zu essen haben, dann lesen und schreiben lernen, dann können sie sich politisch organisieren. Es gibt heute Streiks in China, die nicht von der Polizei beendet werden. Gegen andere Organisationen, die vom Ausland finanziert werden, hat der Staat eingegriffen. Ich finde, ein gewisses Recht zur Selbstverteidigung muss man auch Kommunisten zugestehen.

Doch Bergmann weiß, dass seine Begeisterung für China nicht von allen Linken geteilt wird. Neben den Menschenrechten ist der Erfolg des Wirtschaftsmodells ein Stein des Anstoßes; je mehr chinesische Waren mit westlichen Produkten konkurrieren können, umso stärker wird der Druck auf die europäische Arbeiterklasse.

Sicher gibt es ein Problem mit der Konkurrenz zwischen deutschen Arbeitern und chinesischen Arbeitern. Aber diese Konkurrenz gibt es auch innerhalb Europas. Unsere Gewerkschaftsführer sind unfähig, das Problem vernünftig zu lösen, weil sie denken wie die deutschen Kapitalisten. Unsere Aufgabe ist es nicht, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, sondern für die Interessen der deutschen Arbeiter zu kämpfen. Und die Interessen der Arbeiter in Wolfsburg sind die gleichen wie in Brüssel oder in Shanghai. Wir müssen uns wehren gegen die Kapitalisten, nicht gegen die chinesischen Arbeiter.

Auf der Grundlage eines Interviews am 31.12.06.

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„Dann fangen wir von vorne an“
ein Dokumentarfilm von Thorsten Fuchshuber, Julia Preischel, Gabriele Reitermann und Danièle Weber
am Donnerstag,
dem 11. Januar um 20.30 Uhr in der Cinémathèque (Luxemburg).

Theodor Bermann und die FilmemacherInnen werden auch – zur anschließenden Diskussion – anwesend sein.


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