THEATER: Auftritte zwischen Anspruch und Anarchie

Als eine Plattform für Handgemachtes abseits des Mittelstroms sieht sich die „Sparte4“ aus Saarbrücken, das so genannte vierte Programm des saarländischen Staatstheaters.

Bietet ein permanentes Off-Programm: sparte4-Chef Christoph Diem. (Foto: www.qlt-online.de)

Es war ein langer Weg. Ein tragischer Weg. Ein Weg voller Widersprüche mit einem merkwürdigen Ziel, das nie wirklich erreicht wurde. Und wenn doch, so hat es keiner bemerkt. Zumindest keiner von denen, die auf diesem Weg aufgesammelt werden sollten. Denn die waren längst abgebogen, waren unterwegs in jede Richtung. Nur eben nicht auf dem Weg zur Kirche, weshalb diese versuchte, vor allen den jungen Menschen auf dieser Strecke entgegen zu kommen. Botschaften über Gott und die Welt verpackt in eingängiger Populärmusik. So genannter Sakropop. Ende der 70er und Anfang der 80er sah es so aus, als könne es klappen. Heute weiß man es besser. Rückblickend war es für viele eine peinlich-verklemmte mit akustischer Gitarre begleitete Begegnung mit Jesus, Cat Stevens und John Lennon.

„Jede Musik hat ihre Geschichte. Manchmal ist die Geschichte besser als die Platte“, weiß Christoph Diem und ist deshalb dankbar, wenn Menschen wie der Poptheoretiker Frank Apunkt Schneider den Raum mit den alten Sofas, den Sesseln, Kinostühlen und der kleinen Bühne besuchen und Dinge wie Sakropop zum Thema machen. Und wenn dabei nicht viele zuhören, dann liegt das vielleicht weniger an der thematischen Auswahl als an der geografischen Lage. Denn der Veranstaltungsort, der sich „Sparte4“ nennt, fristet ein Nischendasein, weil er auf der Seite der Saar liegt, wo es Unternehmungslustige nicht zwangsläufig hinzieht. „Man muss jeden erst einmal über die Saar rüberprügeln“, sagt Christoph Diem, doch wer erstmal in dem Raum, in dem die Trennung zwischen Kunst und Gastronomie aufgehoben ist, gelandet sei, „der kommt auch wieder.“

Diem, Jahrgang 1970, der nach einem Regiestudium in Hamburg später in Freiburg und Konstanz arbeitete, sich unter anderem großen klassischen Texten wie Schillers Wallenstein und Hebels Nibelungen widmete, schafft jetzt in einem knapp 200 Quadratmeter großen Raum Platz für das, was für größere Häuser zu minimalistisch, zu provisorisch, zu unberechenbar wäre. „Wir haben einen Ort gesucht, an dem wir Programm machen können, das Ästhetik einmal anders flankiert“, sagt Diem, der froh ist, nach langem Suchen diesen auch gefunden zu haben. Einen Ort für Theater, „für das man sich nicht umziehen muss“ und in dem Anspruch und Anarchie kombiniert werden. Sei es „neue, rohe Literatur aus vollen Schubladen“, die jeden ersten Freitag im Monat vorgestellt wird, Theater mit „begrenztem Haltbarkeitsdatum“ der aber ein Diskurs „zu internationaler Politik, Ethik im Haushalt, Ästhetik im Straßenverkehr und Ähnlichem“ bietet. Einmal im Monat, jeden dritten Freitag, gehört der Abend „den leisen Handwerkern unter den Musikern, und den traurig-schönen Schallplatten, die nur Unwissende Selbstmordmusik nennen“, heißt es dazu auf der Homepage (sparte4.de). „Und Filmen über einsame Gitarristen.“

Eines der Bühnenstücke, die seit Sparten-Stich im November 2006 gezeigt wurden, war das Stück „Tanzen“ von Fritz Kater, inszeniert von Dagmar Schlingmann, Generalintendantin des saarländischen Staatstheaters. Als eine Art Labor, in dem die Rahmenbedingungen von Theater hinterfragt und auch aufgebrochen werden können, sieht Schlingmann die Sparte4. Wobei Kollege Diem Wert darauf legt, dass die skizzenhafte Plattform nicht dazu dienen soll, Publikum zu fischen, das vom Staatstheater (noch) nicht erreicht wird. Sollte das dennoch der Fall sein, so wäre das ein willkommener Nebeneffekt. Auch für Dagmar Schlingmann ist die Sparte4 der jüngste der insgesamt vier Ableger des saarländischen Staatstheaters.

Ob sich dieser Ableger in der Saarbrücker Kulturszene durchsetzen kann, bleibt abzuwarten, doch Diem ist zuversichtlich und mit dem bisherigen Verlauf sehr zufrieden. Ein ähnliches Konzept wie das der Sparte4 habe er bereits in Konstanz erprobt – und das mit Erfolg.

„Die Türe geht um acht auf und schließt, wenn 100 Freunde drin sind, spätestens um neun“, ist eine der wenigen Regeln, die Hausherr Diem aufgestellt hat. Und sollte sich Saarbrücken als ähnlich erfolgreich erweisen wie Konstanz, dann stehen nach neun Uhr nicht nur Menschen in der Sparte, sondern auch noch welche davor, die nicht reinkommen, weil baurechtlich nur 100 erlaubt sind. Ganz genau genommen sogar nur 99. Doch auch wenn die Besuchermenge bei einigen Veranstaltungen bisher auf beiden Seiten der Tür überschaubar blieb, so gab es vor allem zu Beginn einige Kritiker, die der Sparte Wettbewerbsverzerrung vorwarfen. Schließlich habe das kulturelle Kleinod das mächtige Staatstheater und damit öffentliche Gelder im Rücken, während die private Konkurrenz ohne Subventionen auskommen müsse. In der Tat habe es am Anfang viel Aufregung gegeben, sagt Diem, doch „bei uns ist das Thema komplett durch“. Er sehe sich als Freund des Netzwerkgedankens, und bei dem, was seine Sparte anbiete, ohnehin keine Überschneidungen, „weil unser Angebot komplett anders ist“.

Dass sie sich dabei von der Konkurrenz aber auch vom Mutterschiff, dem eher trägen Staatstheater, abgrenzen wollen, zeigt nicht zuletzt der Internetauftritt – auch wenn sie dabei möglicherweise zu weit gehen, wie aus einem Besucherinnen-Eintrag im „Goldenen Buch“ hervorgeht, indem das Sparten-Angebot als „Schmuddeltheater mit Berliner Hinterhof-Flair“ bezeichnet wird.

Ein anderer Homepage-Besucher weiß da den verbrauchten Industriecharme des Ortes schon zu schätzen: „Es war schön, einfach nur rumzuhocken, zuzuschauen, wie nichts passiert, dabei richtig gute Mugge im Ohr zu haben, und mit einem charmanten ,Raus jetzt!‘ verabschiedet zu werden.“

www.sparte4.de


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