Nachtrag zur AfD-Demo in Berlin: 73-jährige „Polit-Putze“ in Handschellen abgeführt

Nach ihrer Festnahme anlässlich der AfD-Großdemonstration in Berlin erwägt Irmela Mensah-Schramm nun eine Dienstaufsichtsbeschwerde sowie Strafanzeige gegen die Polizisten zu stellen.

Irmela Mensah-Schramm 2013 bei einem Graffiti-Workshop in Suvilahti, Helsinki. (Foto: Ppntori)

Irmela Mensah-Schramm, die sich selber gerne „Polit-Putze“ nennt, ist für woxx-Leser*innen keine Unbekannte: in einem Porträt vom Oktober 2016 erklärt die heute 73-Jährige, weshalb sie seit Jahren „Mit dem Schrubber gegen Hassparolen“ agiert. Am Sonntag, dem 27. Mai, war sie zwar nicht mit dem Schrubber unterwegs, postierte sich aber mit einem Plakat mit der Aufschrift „A-bartig. F-ies, D-ämlich“ gut sichtbar am Berliner Hauptbahnhof, um gegen die groß angekündigte Demonstration der „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu protestieren … wie zehntausende andere Menschen auch. Sie hatte sich bewusst außerhalb des eigentlichen Demonstrationsbereiches aufgehalten, da sie vorhatte in der Mittagsstunde woanders ihrer „normalen“ Aktivität – des Umschreibens ausländerfeindlicher Graffiti – nachzugehen.

Doch ihr Tag sollte dann doch etwas anders verlaufen, wie sie in einer Pressemitteilung schildert. Nachdem AfD-Ordner*innen erfolglos versucht hatten, sie zu verjagen, holten diese einen Polizisten, der ihr aber zunächst erlaubte, an Ort und Stelle zu bleiben. Kurz darauf kamen zwei Beamtinnen in „Antikonflikt“-Weste und es wurde sich darauf geeinigt, dass Irmela Mensah-Schramm auf der anderen Seite der schmalen Taxizufahrtstraße vor der Bauabsperrung am Bahnhof bis 12.15 Uhr stehen bleiben könnte.

Um 11.48 Uhr kamen drei andere Polizisten zu der 73-Jährigen und erteilten einen Platzverweis. Obwohl sie zweimal „laut und deutlich“ darauf hinwies, dass es mit den Polizeikolleginnen so abgesprochen war und sie in Richtung der Antikonfliktbeamtinnen wies, wurde es ungemütlich. „Sie bedrängten mich, fingen an mich schubsend zu schieben. Einer packte mich grob am linken Oberarm. Auf meine mehrfache Aufforderung mich loszulassen, verdrehten sie mir erst einen, dann beide Arme nach hinten. Nachdem ich bei diesem Gerangel zu Boden gegangen bin, zerrten sie mich brutal hoch und legten mir grob Handschellen an. Dies sogar so, dass meine Tasche einbezogen wurde, was den schmerzenden Klemmdruck verstärkt hatte“, erklärt die Betroffene in der Pressemitteilung, zu der sie sich gezwungen sah, weil die Polizei im Nachhinein behauptete, sie hätte sich dem Platzverweis widersetzt.

Statt, wie geplant, kurz nach zwölf in einen Zug zu steigen, fand sich Irmela Mensah-Schramm in einem Polizeifahrzeug wieder, „welches mit verschlossenen Türen und Fenstern ohne Einschalten der Klimaanlage eine ganze Weile in der Sonne stand“. Erst kurz vor ihrem Abtransport sei die Klimaanlage von einem jungen Polizeibeamten, der ihr zuvor auch die Handschellen entfernt hatte, in Betrieb gesetzt worden.

In der Gefangenensammelstelle in die Kruppstraße wurde ihr dann erklärt, dass sie dem Haftrichter vorgeführt werden sollte. Die danach erfolgten erkennungsdienstlichen Maßnahmen hinterließen bei ihr das Gefühl, wie eine „Schwerverbrecherin behandelt“ worden zu sein: „Ich musste ins Röhrchen pusten, Ergebnis tatsächlich ‚0.00’; es wurde ein Videobild von mir angefertigt; zwölf Fotos von allen Seiten wurden angefertigt; es wurde ein digitaler Fingerabdruck von mir gefertigt (rechter Zeigefinger); es wurden von allen zehn Fingern einzeln und dann beide Hände nochmals mit schwarzer Farbe Abdrücke gemacht“, schildert Irmela Mensah-Schramm detailliert.

Da sie eigentlich über Mittag nach Velten fahren wollte, um dort das „refugees not welcome“-Graffito mit einem roten Herz anstelle des „not“ abzuändern, führte sie ihr übliches Werkzeug, einen Ceranfeldschaber, bei sich, der dann auch noch als gefährliche Waffe eingestuft wurde.


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