AfD und Neue Rechte
: „Ein kulturrevolutionärer Anspruch“

Der Historiker Volker Weiß glaubt, dass die „Alternative für Deutschland“ kein kurzfristiges Phänomen ist und sieht sie als Sammelbecken auch für ein an der französischen „nouvelle droite“ orientiertes radikalkonservatives Spektrum.

Ordnet die AfD in seinem Buch auch in die Geschichte der Rechten in Deutschland ein: der Historiker Volker Weiß. (Foto: Annette Hauschild)

woxx: Wie lässt sich der Wahlerfolg der AfD erklären?

Volker Weiß: Zum einen ist er das Resultat einer sehr breiten Kampagne mit massivem Werbeaufwand. Zum anderen hat die Kommunikationstechnik der Rechtspopulisten gut funktioniert: Es wurde gezielt provoziert und die Medien haben nicht immer klug reagiert. Die Strategie, durch Provokation für die eigenen Thesen und Themen Öffentlichkeit zu schaffen, ist also aufgegangen.

Wieviel Sinn macht es, den Grund für den Erfolg in Sachfragen wie der Flüchtlingsdebatte zu suchen? In ihrem Buch betonen sie, die AfD besitze das Potenzial, „die gebündelten Ressentiments in ‚Politik‘ umzuwandeln“.

Das irrationale Moment ist in der Kommunikation der Partei sehr bestimmend. Man kann das daran erkennen, dass die Partei beispielsweise kein Rentenkonzept vorweisen kann. Sachfragen sind für den Erfolg der AfD auf fast schon fatale Weise sekundär. Das hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. 2013 ist sie unter Bernd Lucke als eine zwar rechtspopulistisch agitierende, aber doch noch sehr sachbezogen waltende Partei angetreten. Doch dann ist die AfD umgekrempelt und radikalisiert worden und das jetzige Personal wird, glaube ich, weniger wegen seiner Sachkompetenzen gewählt.

Wie groß sind die Chancen, dass die AfD am innerparteilichen Streit zerbrechen wird?

In der Aufbauphase bestand mehrmals die Möglichkeit, dass die Partei an ihren Spaltungen zugrunde geht, aber jetzt, fürchte ich, ist es zu spät dafür. Ich gehe davon aus, dass die AfD ein stabiler Faktor in der deutschen Parteienlandschaft bleiben wird.

Politiker wie Oskar Lafontaine kritisieren, die parlamentarische „Linke“ habe die Flüchtlingssituation nicht ausreichend thematisiert und daher ihr Potenzial unter den AfD-WählerInnen verspielt.

Ich halte es für opportunistisch, wenn man versucht, diesem Spektrum hinterherzulaufen. Ich lebe ja in Hamburg und wir hatten hier vor einigen Jahren kurz ein Phänomen, das sich „Schill-Partei“ nannte. Damals hat die SPD, die in Hamburg jahrzehntelang die Hausmacht hatte, ähnliches versucht, und ist diesen Rechtspopulisten argumentativ gefolgt. Das hat überhaupt nicht funktioniert.

In Ihrem Buch zitieren Sie Björn Höcke von der AfD mit den Worten: „Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz“. Mischt sich bei den Rechten ein durchaus positiver Bezug auf das autoritäre Projekt eines politischen Islam mit ordinärer Ausländerfeindlichkeit?

Genau. Im Prinzip goutiert man in der europäischen Rechten die autoritär-traditionalistische Auslegung des Islam. Und innerhalb dessen neidet man den so wahrgenommenen Muslimen alles, was man selber zurückerobern will: die untergeordnete, dienende Rolle der Frau, die Unterdrückung der Homosexualität und so weiter. Ich verstehe deshalb auch nicht, weshalb linke Kräfte nicht offensiv ihre Vorstellung von Gesellschaft stark gemacht haben, denn dann hätten sie sowohl die Rechtspopulisten als auch die Islamisten angreifen können. Einen religiös grundierten Ultrakonservatismus gibt es auch in der Geschichte des europäischen Konservatismus und in der europäischen Rechten. Diese Phänomene sind sich also sehr ähnlich. Es ist historisch absurd, dass man sich nicht mehr an Religionskritik wagt, die immerhin das Geburtsmoment der Linken war, noch vor der ökonomischen Kritik. Das wäre eigentlich eine Debatte, die ich mir von den linken Parteien wünschen würde, anstatt nachzugrübeln, „vielleicht müssen wir jetzt auch in den Abschiebe-Chor einstimmen“.

Wird die AfD sich weiter radikalisieren?

Sie hat sich ja schon weitgehend radikalisiert. Ob das jetzt in der Person von Björn Höcke oder Alexander Gauland ist. Auch Frauke Petry war nie „moderat“ – das war eine unsinnige Behauptung mancher Medien. Man könnte hier auch das Gerede vom „Schuld-Kult“ anführen, womit man die Erinnerung an den Mord an den europäischen Juden und die anderen deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges meint. Auch der als „liberal“ geltende jetzige Parteivorsitzende Jörg Meuthen aus Baden-Württemberg hat diese Polemik kultiviert.

„Die AfD wird nicht trotz, sondern wegen ihrer radikalen Aussagen gewählt.“

(Bildquelle: VVN-BDAEXPO)

Wie kommt es denn, dass Funktionäre wie Petry oder Meuthen sich halbwegs erfolgreich als „gemäßigt“ anpreisen konnten?

Das liegt daran, dass die deutsche Gesellschaft diese Selbstberuhigungs-Erzählung gepflegt hat, der Rechtsextremismus sei ein Unterschichten-Phänomen. Das ist zwar komplett ahistorisch, wenn wir uns die wirklich radikale Rechte seit dem 19. Jahrhundert anschauen, denn das waren sehr bürgerliche Kreise, die sich da organisiert haben, regelrechte Honoratiorenbewegungen. Aber man hat sich in der jüngeren Vergangenheit der Bundesrepublik irgendwie darauf geeinigt, dass die Rechte aus Arbeitslosen und glatzköpfigen Jugendlichen besteht. Deshalb glaubt man auch, Bildung und Wohlstand seien eine Versicherung gegen Rechts. Dabei argumentiert die AfD selbst damit, was für einen hohen Anteil an Akademikern sie in ihren Reihen habe. Es gibt natürlich auch die Menschen unter ihren Anhängern, die nichts oder wenig haben. Aber ich fürchte, AfD und Neue Rechte nähren sich eher aus Kreisen, die Besitz haben und besorgt sind, diesen zu verlieren.

Das ist es, was sie in ihrem Buch als „bürgerliche Krisenstimmung“ bezeichnen: die Verlustängste des Mittelstands?

Es gibt einfach ein Einverständnis mit dem, was von der AfD erzählt wird. Ich mache mir da keine Illusionen: Die AfD wird nicht trotz ihrer radikalen Aussagen gewählt, sondern wegen dieser radikalen Aussagen. Ihre Wähler wollen keine Flüchtlinge hier haben, und nicht wenige wollen wohl auch, dass die sozialstaatlichen Leistungen noch weiter eingeschränkt werden. Das passt auch gut zu einigen Programmpunkten der Partei, wo ein recht brachialer Darwinismus gepflegt wird.

Was genau ist gemeint, wenn man von der „Neuen Rechten“ in Deutschland spricht?

Die AfD ist nicht „die“ Neue Rechte, das gilt es zu trennen. Die AfD ist eine rechtspopulistische Sammlungsbewegung, und die Neue Rechte spielt in ihr eine zunehmende Rolle und hat die Radikalisierung der AfD sehr aktiv begleitet. Aber die AfD ist eben auch nicht mit der Neuen Rechten identisch. Letztere wird getragen von drei Säulen: erstens von einem kulturrevolutionären Anspruch, also der Revision der gesellschaftlichen Zäsuren von 1968 und 1945, zweitens von einer internationalen Orientierung, vor allem durch die Einflüsse der französischen „nouvelle droite“ sowie durch eine außenpolitische Strategie, die ein Bündnis mit Putins Russland anstrebt, und drittens von der historischen Ausrichtung an einem Komplex, den man als europäischen, romanisch-katholischen Faschismus bezeichnen kann. Dazu zählt auch die historische Verortung im Radikalkonservativismus der 1920er-Jahre, also das, was man gemeinhin als „konservative Revolution“ bezeichnet. Ein Anknüpfungspunkt, den man im übrigen mit der „nouvelle droite“ teilt.

Sie beschreiben die Neue Rechte auch als autoritäre Gegenbewegung. Welche Rolle spielen Antifeminismus, Antisemitismus und Homophobie darin?

Wenn wir uns anschauen, welche Dynamik die Kampagnen gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben entwickelt haben, mit welcher Vehemenz dagegen agitiert wurde, dass Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen, gepaart mit der Idealisierung der klassischen Kernfamilie und der klassischen Geschlechterrollen, wird deutlich, dass Antifeminismus und Homophobie eine außerordentliche Rolle spielen. Den Antisemitismus würde ich ebenfalls nicht unterschätzen, auch wenn es beispielsweise in der AfD Kreise gibt, die sich hin und wieder pro-israelisch äußern. Ich halte das für reine Taktik. Denn sobald es um Geschichtspolitik oder um Entschädigungszahlungen an Israel geht, ist es damit vorbei.

Wieso spielt der Begriff der Souveränität in den Debatten der Neuen Rechten eine so zentrale Rolle?

Unter Souveränität versteht man in der Neuen Rechten die Aufwertung des Nationalstaates. Wenn man Demokratie allgemein als politische Form der Volkssouveränität definiert, kann man sich in der Neuen Rechten sehr schön dahinter verstecken, indem man sagt: „wir sind die größten Demokraten, weil wir nämlich für die eigentliche Souveränität fechten“, die dann angeblich bedroht wird durch die EU oder andere überstaatliche Strukturen. Wobei die Neue Rechte nicht wirklich wirtschaftsfeindlich ist. Sie propagiert eine Melange aus Protektionismus und freiem Markt, die so gar nicht funktionieren kann.

Volker Weiß – Die autoritäre Revolte: Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Klett-Cotta 2017, 303 Seiten.

Der in Hamburg lebende Historiker Volker Weiß beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Wirkungsgeschichte, den theoretischen Grundlagen und der aktuellen Bedeutung der Rechten in Deutschland. In seinem Anfang des Jahres erschienen Buch „Die autoritäre Revolte“ erläutert er das Phänomen der AfD sowie insbesondere der Neuen Rechten in Deutschland und erörtert deren Verwobenheit mit der französischen „nouvelle droite“. Historische Exkurse, etwa zur sogenannten „konservativen Revolution“ der 1920er-Jahre in Deutschland oder zur Ideologisierung des Begriffs „Abendland“, machen das Buch 
gerade auch für LeserInnen ohne besonderes Vorwissen zu einer sehr informativen und leicht verständlichen Lektüre.


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