Agrarwende in Luxemburg: Notwendig und machbar!

Meng Landwirtschaft fordert den politischen Willen für eine Landwirtschaft, die Mensch, Umwelt und Landwirte respektiert.

Die von 23 luxemburgischen Organisationen getragene Plattform „Meng Landwirtschaft“ stellte am Mittwoch die Neuauflage ihres Berichts „Landwirtschaft 2.0 – Plädoyer für die Neuausrichtung der luxemburgischen Agrarpolitik“ vor. Der Bericht analysiert die weitreichenden Folgen der jahrzehntelang fehlgeleiteten Landwirtschaftspolitik für Verbraucher, Umwelt und Landwirte in Luxemburg. Er wirft einen Blick auf die Lage des von der Aufhebung der EU-Quotenregelung betroffenen Milchsektors und enthält viele zusätzliche Kapitel, u.a. zu den Themen Gesundheit, Tierschutz, Freihandelsabkommen und Nutzpflanzenvielfalt. Darüber hinaus belegt der Bericht anhand von 15 Best Practice-Beispielen, dass eine nachhaltige Landwirtschaft eine Win-Win-Win-Situation für Umwelt, Verbraucher und Landwirte darstellt.

Die AutorInnen zeigen überzeugt, dass eine nachhaltige Landwirtschaft in Luxemburg notwendig aber auch realistisch ist. Die von Hofsterben und steigendem Weltmarktdruck gebeutelte luxemburgische Landwirtschaft müsse die Chancen, die eine nachhaltige Landwirtschaft bietet, zum Wohle von Umwelt, Verbrauchern – und nicht zuletzt auch der Landwirte selbst – wahrnehmen. Hundert Prozent Biolandbau in ein bis zwei Jahrzehnten seien eine Notwendigkeit und ihre Realisierung keineswegs illusionär.

Dass Landwirtschaft mit den Interessen von Verbrauchern, Umwelt und Landwirten vereinbar ist, demonstrierten bei der Vorstellung des Berichts zwei Referenten aus Oberösterreich und der Wallonie. Sie zeigten anhand der Best-Practice-Beispiele „BioRegion Mühlviertel“ und „Bio-Aktionsplan Wallonie“, wie Biolandbau aus seiner Nische herausgeholt wird und für viele Akteure vielversprechende wirtschaftliche Zukunftsperspektiven bietet.

Best Practice in Österreich und Wallonien

Mit der Unterstützung der EU sowie mit der Hilfe des Staates und regionaler Institutionen wurde das Projekt BioRegion Mühlviertel im Jahr 2010 ins Leben gerufen. Bereits bei seinem Start wies der Biolandbau einen Anteil von 27,4% auf. Der Zielsetzung der Landesregierung zufolge sollte bis zum Jahr 2020 die Zahl der Biobetriebe im Mühlviertel um weitere 25% wachsen. 2015 waren es jedoch bereits 30%, und die Entwicklung dauert an.

Eine entscheidende Rolle kommt dabei der landwirtschaftlichen Ausbildung zu, denn der biologische Landbau hat in der regulären landwirtschaftlichen Ausbildung in Europa noch nicht den Platz gefunden, der nötig wäre, damit in Zukunft eine ausreichende Zahl entsprechend ausgebildeter Bauern, Gärtner, Obstbauern, Winzer usw. zur Verfügung steht.

„Unsere Welt braucht eine wesensgerechte Landwirtschaft. Darunter verstehe ich, dass der Mensch sich seiner Verantwortung bewusst ist, möglichst in Kreisläufen zu wirtschaften. Davon können wir dann junge Menschen begeistern. Die Politik kann dafür die Rahmenbedingungen schaffen“, meinte Brigitte Eder, Lehrbeauftragte an der ersten österreichischen Fachschule für Biolandbau in Schlägl im österreichischen Mühlviertel.

In der Wallonie gab es im Jahr 1987 nur 37 Biobetriebe, und auch zehn Jahre später waren es nur 184. Im Jahr 2012 wurde zur weiteren Entwicklung der regionalen Bioproduktion ein Aktionsplan erlassen mit dem Ziel, bis 2020 einen Anteil an 14 Prozent Ökobetrieben zu erreichen. Der Biolandbau soll in allen Maßnahmen der Landwirtschaftspolitik berücksichtigt werden.

„Der Strategieplan für die Entwicklung der Bio-Landwirtschaft in der Wallonie bis 2020 wurde Mitte 2013 verabschiedet und wird seither umgesetzt. Sein Ziel ist, die wallonische Produktion von Bio-Produkten zu erhöhen, die Verarbeitung lokal erzeugter Produkte zu entwickeln, die Nachfrage nach wallonischen Bio-Produkten zu befriedigen und den Verbrauch von wallonischen Bio-Produkten zu fördern“, erklärte Serge Massart, der im belgischen Landwirtschaftsministerium an der Evaluierung und Revision des Aktionsplanes für den biologischen Landbau arbeitet.

Der Aktionsplan erweist sich als erfolgreich: Seit 2011 ist die Zahl der Betriebe von 980 (7%) auf bereits 1.347 (10,5%) Ende 2015 gestiegen. Die Wallonie ist damit auf dem richtigen Weg und hat dabei auch schon, über den Lebensmitteleinzelhandel, Luxemburg als Absatzmarkt entdeckt.

Ein „Weiter wie bisher“ in Luxemburg

Was die luxemburgische Landwirtschaft angeht, so dürfe dort das „Weiter wie bisher“ keine Option mehr sein. Nötig sei eine Landwirtschaft, die Verbraucher und Umwelt schützt und insbesondere den Landwirten eine verlässliche Zukunftsperspektive bietet. Sie müsse sich zur lokalen und regionalen Versorgung der Menschen mit wirklich nachhaltig produzierten Lebensmitteln umorientieren und dazu beitragen, dass Luxemburg in Bezug auf seine Lebensmittelversorgung ein größtmögliches Maß an Autonomie erreichen kann.

„Die luxemburgische Regierung hat es versäumt, die dringend notwendige Neuorientierung hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft in Luxemburg einzuleiten. Das 2016 verabschiedete Agrargesetz enthält nur wenige schlagkräftige Maßnahmen, die den aktuellen Problemen und Herausforderungen in der Landwirtschaft gerecht werden“, erklärt Daniela Noesen, Direktorin von Bio-Lëtzebuerg. „Dies betrifft die Ausweitung der Biolandwirtschaft ebenso wie den Wasserschutz, den Erhalt der Biodiversität sowie die Erhaltung und Förderung des landwirtschaftlichen Berufs. Die für die Jahre 2014-2020 vorgesehenen Staatsausgaben werden größtenteils für die Fortführung der bisherigen Agrarpolitik eingesetzt.“

Meng Landwirtschaft fordert, öffentliche Gelder auch für die Honorierung von Leistungen einzusetzen, die der Öffentlichkeit zugute kommen, anstatt sie wie bisher im Gießkannenprinzip zu verteilen. Luxemburg sollte die Chance nutzen, Gelder so umzuschichten, dass mehr Gelder für den Ressourcenschutz u.ä. verfügbar werden.

„Der Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft und alternative Konzepte für die Landwirtschaft sind in Luxemburg längst überfällig. Wir brauchen ein Umdenken in der Politik, in der Wirtschaft, bei den Landwirten und ihren Vertretungen und nicht zuletzt auch bei den Verbrauchern“, forderte abschließend Raymond Aendekerk, Direktor von Greenpeace Luxemburg. „Bestehende Handlungsspielräume in der europäischen und nationalen Agrarpolitik sind bisher von der luxemburgischen Politik nicht wahrgenommen und zukunftsweisende Initiativen nicht gestartet, respektive gefördert worden. Es ist die Aufgabe der Politik, die Weichen für eine nachhaltige, ressourcenschonende und für die Landwirte akzeptable und machbare Landwirtschaft zu stellen.“

Die Plattform Meng Landwirtschaft wird von folgenden 23 Organisationen getragen: natur&ëmwelt, Bio-Lëtzebuerg – Vereenegung fir Bio-Landwirtschaft Lëtzebuerg, Greenpeace Luxemburg, Action Solidarité Tiers Monde, SOS Faim Luxembourg, Mouvement Ecologique, Caritas Luxembourg, Aide à l’Enfance de l’Inde, attac, CELL, Cercle de Coopération, Emweltberodung Lëtzebuerg, Eglise catholique à Luxembourg, etika, Fairtrade Letzebuerg, Frères des Hommes, FUAL, Initiativ Liewensufank, Ligue CTF, SEED, Slow Food Luxembourg, VegInfo Luxembourg und Vegan Society Luxembourg.
Der Bericht „Meng Landwirtschaft 2.0: Ein Plädoyer für die Neuausrichtung der luxemburgischen Agrarpolitik“ ist zum Download verfügbar auf www.menglandwirtschaft.lu

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