Alternatives Magazin ö
: Wir sind Transition!

Neugierig macht die ö schon, denn sie ist mehr als nur ein Newsletter. Blick hinter die Kulissen eines alternativen Mediums, das in der Zivilgesellschaft der 2010er Jahre wurzelt.

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(Coverfoto: Joanne Theisen)

Ist „ö“, das „Transition Luxembourg Magazine“, wirklich eine Zeitung? Sie erscheint nicht in gedruckter Form, wird nicht von professionellen JournalistInnen gemacht, und dann der Name – viel zu kurz! Außerdem besteht der Inhalt größtenteils aus einer Übersicht über Transition-Termine, abgedruckten Flyern sowie Kochrezepten.

Aber: ö erscheint regelmäßig, und die Termine und Einladungen sind für die AdressatInnen durchaus relevant. Und: Der restliche Inhalt könnte auch in einer „normalen“ Zeitung erscheinen, oder zumindest in einer „alternativen“, wie der woxx. Vor allem aber: Nicht nur ich ertappe mich regelmäßig dabei, einen Kurzbeitrag über „tiny houses“ oder ein Interview mit einem Aktivisten zu lesen – obwohl ich eigentlich nur die Transition-Termine durchgehen wollte. Grund genug, nach unserem Beitrag über das Magazin „Onkraut“, auch ö vorzustellen.

Doch zurück zum Namen. „Der Buchstabe sieht grafisch gut aus“, erklärt mir am Telefon Michel Grevis, der seinerzeit das ö vorgeschlagen hatte. Ich erfahre auch, dass es nicht für Ökologie steht, sondern für Öffentlichkeitsarbeit. „Es sieht aus wie ein Kopf, der den Mund ganz groß aufreißt, und etwas in die Welt schreit“, fügt der ö-Gründer hinzu.

Meeting at Mesa

Entstanden ist das Projekt vor zwei Jahren beim „open space“, einer Art Brainstorming aller an Transition interessierten AktivistInnen. „Ich hatte die Idee eines Newsletters in den Raum geworfen, dann hat sich eine Gruppe von Leuten mit dem Thema befasst“, erzählt Michel. Bei Transition Minett, wo er sich engagiert, war man sich schon länger über die Wichtigkeit der Kommunikation nach innen und außen einig, doch nun wurde das konkret umgesetzt. „Ich war am Anfang stark beteiligt, aber nach und nach haben Joanne und Sandra die meiste Arbeit übernommen“, so Michel. Er freut sich, dass das Zeitungsprojekt sich weiterentwickelt und neue Autoren und Mitarbeiter anzieht.

Das Magazin bezeichnet sich selbst als die „offizielle Stimme von Luxemburgs Transition-Bewegung“. Sein Zweck ist, jeden Monat über die „vielfältigen Aktivitäten, Veranstaltungen und Menschen“ der Bewegung in Luxemburg und weltweit zu berichten. Insbesondere Veranstaltungen wie Workshops, Festivals und Konferenzen werden detailliert angekündigt; oft wird aber auch nachträglich noch über sie berichtet. Zumindest ein Teil dieser Texte ist, ebenso wie die lockeren Rubriken von „Do It Yourself“ und „I Am Transition“, originell im Inhalt und ansprechend in der Form. Nachdem ich die ersten Nummern gesehen hatte, war ich neugierig auf die MacherInnen von ö. Kennen lernte ich sie dann während der Recherchen für andere Artikel zur Transition-Bewegung – und nahm mir vor, einmal über das Projekt zu schreiben.

Heiß ist es, an einem der letzten Sommerabende, im Mesa, dem Transition-Haus. Mir gegenüber, ihre Notizbücher vor sich auf dem Tisch, sitzen Caroline Kohl, Svenja Seeber und Sandra Bieg, drei ö-Mitarbeiterinnen. Die beiden letzteren verstehen Luxemburgisch, Arbeitssprache ist aber Deutsch. Neben mir hat Joanne Theisen, die derzeit den Großteil der Koordinationsarbeit bewältigt, Platz genommen und blickt auf ihr Tablet. Eine Vorbereitungssitzung für die Oktoberausgabe der ö war eigentlich nicht geplant – wegen Sommer, Ferien und auch, weil man die Zeitung eigentlich ja auch vom Schreibtisch aus machen kann. Doch hatte ich Joanne gebeten, bei einer Redaktionssitzung anwesend zu sein, und sie hat es tatsächlich geschafft, ein paar Mitarbeiterinnen zusammenzubringen.

Kirschlikör und 
„I Am Transition“

Auf die Vorstellungsrunde folgt eine „Wie fühle ich mich“-Runde. Gut, um die Kommunikation zu erleichtern, aber etwas frustrierend, weil außer dem Journalisten alle um Nachsicht dafür bitten, dass sie sich nicht groß vorbereiten konnten. Immerhin hat Joanne eine Art Tagesordnung parat – „dank Trello“, wie sie sagt. Trello ist die Projekt-Management-Software, die auf ihrem Tablet läuft. Auf dem breiten Schirm kann ich etwas wie Karteikarten erkennen, in mehreren Spalten angeordnet. Während der Sitzung erstellt und verändert sie die Kärtchen, von denen jedes ein Artikelthema darstellt, verschiebt sie von der Spalte für Ideen in die Spalten für geplante Beiträge.

Die Frustration hält nicht lange an, denn wie sich zeigt, hat jede in der Runde doch irgendwelche Artikel-Ideen beizusteuern. „Ich könnte was darüber schreiben, wie man selber Kirschlikör herstellt“, schlägt Sandra vor. Joanne wirft einen Blick auf ihr Tablet: „Ja, die Rubrik ‚Do It Yourself‘ ist noch frei“. „Oder vielleicht besser was für den Herbst … Kaneelkirschen? Schlehen?“, überlegt Sandra halb im Spaß. Für Caroline, die neu dabei ist, erläutert Joanne kurz die vorhandenen Rubriken. Neben Ankündigungen von und Berichten über Veranstaltungen sollen zum Beispiel in jeder Ausgabe eine Person („I Am Transition“) und eine Transition-Untergruppe vorgestellt werden. Meistens findet sich dann auch noch ein Kochrezept in der „Do It Yourself“-Rubrik und manchmal ein Beitrag zur Philosophie der Nachhaltigkeit, zum Umgang mit sich selbst und anderen („inner transition“), zu internationalen Aktivitäten usw.

„Am Anfang hatten wir keine Rubriken“, hatte mir Joanne ein paar Tage vorher erzählt. „Ich finde, es hilft bei der Planung – aber wenn wir für eine Rubrik nichts haben, dann lassen wir sie weg.“ Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Vorbereitungssitzung am Monatsanfang, dann, wenn die Artikel bestellt sind. Es gilt, die eintreffenden Beiträge in Indesign in Form zu bringen – oder nachzufragen, wo der Text bleibt. „Trello hilft dabei, den Überblick zu behalten – die Informationen stehen online und können von mehreren Personen verändert werden“, erklärt Joanne. Im Team zu arbeiten, passt zum unhierarchischen Organisationsmodell der neuen Bewegungen. Katy Fox, die Gründerin von Cell und Initiatorin der Transition-Bewegung in Luxemburg, steuert ebenfalls Texte bei – und übernimmt die Englisch-Korrekturen. Beim Endlayout greift die Designerin Caroline Schuler ein – die auch viel zum guten Look anderer Transition-Projekte beigetragen hat.

Lustiges Brainstorming

Mittlerweile ist es draußen dunkel geworden. Von Zeit zu Zeit kommen Leute ins Mesa, nehmen sich einen Lunch Pot oder einen Quittensaft. Auf der Terrasse hat sich eine andere Arbeitsgruppe versammelt, um die Arbeit der Energiekooperative zu koordinieren. „Morgen ist das Forum der Transition-Gruppen – wer geht hin?“, fragt Svenja. Sie hebt selbst die Hand und verspricht, was Kurzes zu schreiben. „Wir sollten auch die Lunch Pots vorstellen“, meint Joanne. Das Mesa hat nämlich eine neue Köchin, und Teil von deren Konzept sind vorgekochte Menüs in Einmachgläsern, die man in der Mikrowelle warmmachen kann. Es wird angeregt, das mit einem Exkurs zur Reconomy zu verbinden. Reconomy steht für Relokalisierung der Wirtschaft – ein Prozess, bei dem auch innerhalb der Transition-Strukturen neue Arbeitsplätze entstehen sollen. „Es wäre toll, darüber zu schreiben“, überlegt Joanne. „Aber das Thema ist zu kompliziert, um es so kurzfristig zu machen – die Lunch Pots kommen ein andermal“, entscheidet sie.

Die Atmosphäre der Diskussion ist locker, man hört sich gegenseitig mit Wohlwollen zu, es wird viel gelacht. Sandra erzählt von dem Buch, das sie gerade liest und rezensieren könnte: Wie man mit Humor gegen Diktaturen vorgehen kann. Sie bringt ein paar amüsante Beispiele. Idealerweise, das finden alle, sollte man Bücher rezensieren, die bei Cell oder in der Mesa-Bibliothek vorhanden sind, damit die Leute sie dann auch lesen können. Joanne witzelt: „Wir könnten drüben in der Bücherecke eine versteckte Kamera anbringen, und diejenigen, die dort schmökern, auffordern, eine Rezension zu schreiben.“ Am Ende des lustigen Brainstorming steht dann die ernstgemeinte Idee, an der Bibliothek eine Anzeige anzubringen, die die LeserInnen einlädt, bei ö Buchbesprechungen einzureichen.

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(Coverfoto: Michèle Conrad)

„350 Wörter für eine Seite“, diesen Satz hat die Koordinatorin an diesem Abend mehrfach wiederholt. Er gilt auch für mich, denn die Transition-AktivistInnen sollen erfahren dass – und warum – ö in der woxx vorgestellt wird. Im Sinne der Komplementarität zum woxx-Beitrag soll der ö-Beitrag auf Französisch erscheinen. Erstes Gebot bei den Sprachen ist, die Balance zu bewahren, hatte mir Joanne erklärt. Sie sehe darin einen Ausdruck der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Luxemburgs. „Wir haben uns dagegen entschieden, alles in einer ‚gemeinsamen‘ Sprache – die es nicht gibt – zu veröffentlichen“. Bisher hat es Texte auf Deutsch, Französisch, Englisch und – sogar ziemlich oft – Luxemburgisch gegeben. „Vielleicht auch mal Portugiesisch oder Italienisch, warum nicht“ sagt Joanne.

Dass Englisch eine nicht unwichtige Rolle spielt, ist ein für zivilgesellschaftliche Bewegungen in Luxemburg ein neues Phänomen. Gewiss, die Transition-Bewegung kommt aus England. Begünstigt wird diese linguistische Erweiterung allerdings auch durch einen leichteren Zugang der jungen Generationen zur Sprache von Shakespeare und Shakira. Häufiger denn je studieren LuxemburgerInnen in England, und die englischsprachige Community ist in den vergangenen zwanzig Jahren stark angewachsen. Diese Entwicklung ist an den alteingesessenen alternativen Medien, wie auch an den NGOs, vorbeigegangen. Doch nach und nach bilden sich Brücken zwischen den Gemeinschaften.

Global Village 
von Shakespeare bis Trello

„Ich bin morgen auf Ara, bei Nicole“, sagt Svenja. Nicole Olenskaias Sendung „Green Is the New Black“ ist eine der mittlerweile zahlreichen englischsprachigen Programmteile der Jugendsendung Graffiti. Die Radiomacherin ist übrigens auch im Orla Collective – „an online magazine & community based in Luxembourg“ – aktiv. Und dieses wiederum hat mit „Onkraut“ zusammengearbeitet. „Eine Kurzmeldung wäre gut“, sagt Joanne. „Und ein Link auf den Podcast.“ Svenja fragt nach der Deadline. „Der 25., das ist Dienstag, dann haben wir noch ein paar Tage Zeit zum Bearbeiten“, erklärt die Koordinatorin. Auf meine Nachfrage versichert Joanne, man versuche schon, das Erscheinungsdatum – den 1. des Monats – einzuhalten, aber sich dafür verrückt machen wolle man nicht.

„So, wir sind durch“, verkündet die Koordinatorin das Ende der Sitzung und verspricht, ihren Mitarbeiterinnen einen Screenshot vom aktuellen Stand des Projektmanagements zuzuschicken. Zwischendurch hatte sie sich schon gefreut: „Sich treffen ist so viel cooler als Trello!“ Die Endrunde „Wie fühlst du dich jetzt?“ bestätigt das: Obwohl man sich regelmäßig bei den Transition-Ereignissen begegnet, finden es alle gut, sich öfter auf ö-Sitzungen zu treffen.

Beim anschließenden gemeinsamen Lunch-Pot-Abendessen will ich etwas über die Lesegewohnheiten erfahren. Man verschicke die Mail an 2.000 Adressen, sagt Joanne, und: „Ich kenne Leute, die es sich ausprinten.“ Für die Oekofoire sollen sogar mehrere Ausgaben in Farbe gedruckt werden. „Aber nur zum Auslegen“, beruhigt Joanne unser Ökogewissen. Das soll helfen, Leser hinzuzugewinnen, die vielleicht zögern, ein PDF von mehreren Megabyte herunterzuladen. Vorteile des Formats sind, zum Beispiel gegenüber HTML-Seiten, dass das Endprodukt wie eine richtige Zeitschrift funktioniert – und mit den Fotos und dem freien Layout richtig gut aussieht. Positive Reaktionen hat es auf schöne Coverfotos wie das mit Frau und Ente gegeben. Auch die locker geschriebene und gesetzte „I Am Transition“-Rubrik ist recht beliebt, weiß Joanne.

Weil sich ö als „living project“ versteht, wird überlegt, den Inhalt zusätzlich zur PDF-Ausgabe auch in Form eines Blogs auf der Cell-Seite verfügbar zu machen. Das hätte zum Beispiel den Vorteil, dass ältere Beiträge leichter zugänglich sind und besser von Google indexiert werden. Die Interaktivität mit Kommentaren und Foren anzuregen, ist auch einer der Punkte auf der Wunschliste. Doch hier stößt das Benevolat an seine Grenzen. Und wenn man, im Sinne der Reconomy, Projekte stärker professionalisiert, besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter sich zu stark engagieren und am Ende ein Burnout steht. Anders als bei vielen zivilgesellschaftlichen Projekten werden solche Fragen in der Transition-Bewegung thematisiert. Dafür stehen vom Gründer Rob Hopkins hochgehaltene Stichworte wie „personal resilience“, „supporting each other“ und „inner transition“. Auch das ist ein Grund, an die Zukunft von ö zu glauben.

Cell-Blog mit ö-PDF-Archiv: 
http://cell.lu/category/our-blog

Medien mal anders

Zeitschriften wie „ö“ und woxx als „alternativ“ zu beschreiben, mag verwirrend klingen in Zeiten, in denen dieses Adjektiv auch von rechten Parteien wie ADR und AfD benutzt wird. Für uns bedeutet die Bezeichnung jedenfalls weiterhin, dass ein Medium anders als der Mainstream ist. Statt Sprachrohr der politischen und wirtschaftlichen Eliten zu sein, suchen wir die Nähe zur Zivilgesellschaft; anders als die Bewahrer des Ist-Zustandes wollen wir fortschrittlichen Veränderungen den Weg bereiten.
Zwar gibt es ein paar alteingesessene – „etablierte“ klingt noch komischer – alternative Projekte wie Forum, woxx und Ara. Doch das Umfeld, in dem alternative Medien sich bewegen, ist dabei sich zu verändern. Neu sind locker strukturierte Initiativen wie Transition, neu ist eine englische Expat-Community, die das Global Village nach Luxemburg gebracht hat, neu sind auch die Internet-Technologien. Für alle drei Entwicklungen sind Entstehung und Arbeitsweise von ö typisch.
Allgemein gesprochen stellen diese Entwicklungen für die alternativen Medien – vorausgesetzt, diese sind bereit, sich neu zu erfinden – eher Chancen als Gefahren dar. Dennoch ist die luxemburgische Medienlandschaft bis auf Weiteres geprägt von großen Verlegern, konventionellem Journalismus und einem für die Kleinen ungünstigen System von Vertrieb und Pressehilfe. Die woxx ist überzeugt, dass die alternativen Medien diese Herausforderungen gemeinsam angehen müssen. Sie sollten einander kennen und einander helfen, wo es geht, und da zusammenarbeiten, wo es sinnvoll ist. Einen ersten Schritt unternimmt die woxx, gemeinsam mit den alternativen luxemburgischen Medienpionieren Forum und Ara, indem sie versucht, ein Bewusstsein zu schaffen für die Vielfalt und den Wert dieser anderen Medien.


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