Andy Warhol: Blick in die Silver Factory

„Warhol Underground“ im Centre Pompidou in Metz will die Szene rund um den Künstler beleuchten und lockt mit silbernem Glanz.

1334_Event_Warhol_2Über Andy Warhol, den Popart-Gott, kursiert eine Fülle von Mythen. Eine Folge seiner Selbstinszenierung, die er bis auf die Spitze trieb, denn seine wahre Persönlichkeit bekam niemand je zu fassen. Man solle die glänzende Oberfläche seiner Bilder und Filme betrachten – das sei er, empfahl er Journalisten. Selbst der These, dass die Entstehung der Underground-Szene in der berühmt-berüchtigten Silver-Factory auf ihn zurückgehe und er es gewesen sei, der die Künstler anzog, widersprach er entschieden: „(…) Es war genau das Gegenteil: ich bezahlte nur die Miete, und die Masse kam einfach nur, weil die Tür offenstand.“ Was heute als Undergound-Szene bekannt ist, war ein Schmelztiegel oder „ein riesiger Divan voller Psychoanalytiker“, wie Jonas Mekas die Szene beschrieb. Warhol entdeckte im November 1965 „The Velvet Underground“ im Café Bizarre und wurde bald ihr Produzent. Lou Reed (Gitarre), John Cale (Klavier), Sterling Morrison (Bass) und anfangs noch Maureen Tucker (Schlagzeug) bildeten die Band, deren provokative Texte zu Sadomasochismus, Transvestie und Drogenexzessen dank des legendären „Bananen-Albums“ ab den 1970ern berühmt wurden. Später stieß noch die Deutsche Christa Päffgen, genannt „Nico“, zu der Formation. Exzesse kennzeichneten die wilden Auftritte der Band und jeder dieser Auftritte war einzigartig.

Die vielen Zitate Warhols, wie auch seiner Zeitgenossen, in der Ausstellung zeugen davon, dass die Kuratorin Emma Lavigne gar nicht im Sinn hatte, an dem Mythos Warhol zu kratzen. Im Gegenteil, ihre Absicht war, die Künstlerszene 50 Jahre nach der Begegnung zwischen Warhol und The Velvet Underground wiederaufleben zu lassen und den Einfluss der Musik-szene, des Underground-Cinemas und der choreografischen New Yorker Avantgarde auf Andy Warhols Werk zu beleuchten. Ein Vorhaben, das dank des museumspädagogischem Konzepts aufgeht. Denn ein Schritt in die Ausstellung genügt, um sich in Warhols „Silver Factory“ versetzt zu fühlen. An silbern glänzenden Wänden erwartet den Besucher eine Bilderflut, während aus dem Off düstere Töne und Nicos unverwechselbare Stimme ertönen.

Die verspielte Schau erhebt Warhols Universum zum Kult. Neckisch ist das insofern, als der Besucher durch die spielerischen Elemente förmlich in den Mikrokosmos der Silver Factory hineingezogen wird. So kann man am Ende des ersten großen Saales mit silbernen Luftballons spielen, sich in den „silver clouds“ tummeln oder in nachgestellten Sesseln, auf die eine Kamera gerichtet ist, zum Shooting Star werden. Die 15 Minuten Ruhm aus Warhols berühmtem Bonmot* kann hier jeder Besucher erfahren, der sich auf den Glamour einlässt.

Der Gott der Pop-Art wird im Centre Pompidou in Metz noch als solcher gefeiert, daraus erklärt sich wohl auch das wilde Potpourri, in dem die Tomatensuppen-Serie natürlich nicht fehlen darf. Einen Fokus auf einen bestimmten Teil des Werks – wie bei den großen Warhol-Schauen der letzten Jahre – gibt es in Metz nicht.

Die vielen Zitate, die im Centre Pompidou präsentiert werden, sprechen freilich für sich. Warum er angefangen habe, Suppendosen abzudrucken? „Weil ich es gewohnt war, sie zu konsumieren. Ich nahm zwanzig Jahre lang jeden Tag dieselbe Malzeit ein, dasselbe immer wieder.“ In dieser scheinbar banalen Feststellung bestand jedoch gerade das Revolutionäre von Warhols Kunst. Denn er tat genau das, was Walther Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ schon 1936 prophezeit hatte. Benjamin hatte darin die Frage nach dem Wesen der Fotografie gestellt, sah den Kunstgegenstand durch seine unendliche Reproduzierbarkeit, der Möglichkeit einer unbegrenzten Zahl von Abzügen von einem einzigen Negativ, bedroht. Um an Authentizität festhalten zu können, müsse man, so Benjamin, die Gegenwart des Originals betonen. Dass Copy/Paste heute eine anerkannte Technik in der Kunst ist, ist also nicht nur Facebook, sondern nicht zuletzt Andy Warhol zu verdanken. Original und Fälschung verschwimmen in seinen Werken.

Dass Warhol sich wie kaum jemand zuvor der Massenmedien bediente, wird in der Schau in Metz allerdings nur am Rande herausgestellt. Angedeutet wird hingegen sein morbider Voyeurismus. Todesfälle waren für Warhol ein Moment der Inspiration und Anlass, den Augenblick des Schreckens einzufrieren. So etwa bei „Thirty-Five Jackies“, einer Portrait-Serie von Jackie Kennedy, aufgenommen nach dem Tod ihres Mannes. Unter dem Titel „DEATH – Can Really Make You a Star“ wird „White-Desaster“, eine Serie von einem Autounfall gezeigt, ferner die Serie „Ten Lizes“, sowie, in einem kleinen Nebenraum, ein Teil der Skizzen aus der Reihe „Electric Chair“. Erwähnt wird auch die bizarre Tatsache, dass Warhol nach dem mißglückten Attentat der Feministin Valerie Solanas (1968) auf ihn prompt bedauerte, dass der Anschlag nicht gefilmt worden war, sodass er die Szene später eigens nachstellte.

Unter dem Titel „I Wanted to Be a Dancer“ wird sein Wunsch, Steptänzer zu werden, zum Anlaß genommen, auf seine „Dance Diagrams“ einzugehen. Im expressiven Tanz wollte Warhol kurzzeitig sogar die höchste Kunstform erkannt haben: „Tanzen ist Audruck des Lebens“, ohne Tanz sei das Leben nichts wert.

Und doch wird in der Schau in Metz nicht ganz klar, wie die Dynamik rund um Warhol enstand. Fast wirkt es so, als seien die „Factory“ und „Nico and the Velvet Underground“ aus dem Nichts entstanden, ein Zufallsprodukt des Milieus, in dem sich der Egozentriker Warhol tummelte wie in einem Goldfischbecken. Dieser Eindruck wird durch die Zitate noch unterstrichen, die von einem launenhaften Wandel zeugen. „Die Kunst amüsierte mich nicht mehr. Es waren die Menschen, die mich faszinierten, und ich wollte meine ganze Zeit um sie herum verbringen, ihnen zuhören und Filme über sie machen“ erklärte Warhol etwa seine Faszination für das Genre Film und den Beginn seines „Underground Cinema“. So wird mit der sehenswerten Schau in Metz eifrig Warhol-Kult betrieben, die Künstlerszene als rauschafte Avantgarde inszeniert. – Ein silberner Rausch, dem man sich in der audiovisuell beeindruckenden Schau ganz hingeben kann.

Bis zum 23. November 2015 im Centre Pompidou in Metz.
* In the future everybody will be world-famous for 15 minutes.
Foto © Stephen Shore, Warhol with „Silver Clouds in Factory, 1965-1967. © Steve Schapiro, Andy Warhol and the Velvet Underground, Los Angeles, Californie, 1966. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./ADAGP, Paris 2015.

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