Annes Weltreise (2/6): Good Evening Vietnam


Anne Schaaf hat mittlerweile Südostasien erreicht und denkt nach einer einmonatigen Reise vom Süden in den Norden Vietnams über Souvenirs, die Zukunft und die Enden der Welt nach.

Mobiler Kleiderladen in Hanoi. (Fotos: Anne Schaaf)

Hier sitz ich nun also im 6. Stock auf dem Balkon eines schmutzigen Hostels in Hanoi, lausche der Kakophonie von nicht nur gefühlten Millionen von Auto- und Zweiradhupen und muss meine Sitzposition alle drei Minuten ändern, weil ich von blauen Flecken übersät bin und eine prächtige Schürfwunde mein Knie ziert. Ein Einheimischer meinte kürzlich zu mir, diesen Körperschmuck bezeichne man in Vietnam als „Touristentattoo“. Ich habe also quasi Tagebuch auf meiner Haut geführt. Der erste Eintrag entsprang meiner mit Bravour demonstrierten Unfähigkeit, das hiesige Hauptverkehrsmittel, nämlich einen Scooter, zu starten ohne die Schwerkraft allzu sehr herauszufordern. Die anderen, in zartem Lila gehaltenen Notizen auf der menschlichen Oberfläche haben genau 340 Euro gekostet. Wie sich das anscheinend für mittelständische Europäerinnen gehört, habe ich diese Summe investiert, um bei einer Dschungelwanderung im Schlamm zu waten, mich von Blutegeln anzapfen zu lassen und dabei die schöne Aussicht nicht mal wirklich zu genießen, da das mit dem Risiko verbunden gewesen wäre, 20 Meter in die Tiefe zu fallen. Man fühlt sich danach zwar definitiv so, als hätte man etwas vollbracht, aber ob dieses Etwas auch sinnvoll war, werde ich wohl erst später, vielleicht sogar beim Schreiben dieses Artikels, herausfinden.

Am Eingang des Hostel, in der schon nicht mehr ganz neuen, sich aber in permanentem Wachstum befindlichen Hauptstadt Vietnams, sitzt ein älterer Vietnamese, der Tag für Tag den Tod in Stein meißelt. Auf einem kleinen Plastikstuhl, umgeben von traurigen Inschriften und ernsten Gesichtern, fertigt er Grabsteine in feinster Handarbeit an. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob die Gesichter, die man auf den Steinen sieht, nur Vorlagen wiedergeben oder doch Portraits von Verstorbenen sind. Für einen kleinen Moment wird es in dieser unglaublich lauten Stadt, zumindest in meinem Kopf, ganz still. Seit ich, vor genau 61 Tagen, aufgebrochen bin, sind drei Menschen in Luxemburg gestorben, die ich kannte. Bei keinem von ihnen war der passende Zeitpunkt – falls es diesen überhaupt geben sollte – schon gekommen. Der Tod kam für sie alle ohne Zweifel zu früh. Wenn so etwas passiert, während man reist, dann denkt man nochmal anders über das nach, was man selbst gerade macht, machen kann und vielleicht machen wird. In einem Land, in dem beim Trekking ein falscher Tritt genügt, um einen ins Jenseits zu befördern, und in dem Verkehrsregeln soviel wert sind, wie die Tatsache, dass Björn Höcke einen Brot für Welt-Kalender in die Kamera hält, bewegt man sich häufig auf schmalem Grat. Aber man fordert es ja heraus! Man will an die Grenzen gehen, an die Enden der Welt.

Ich muss hier oft an Roger Willemsen denken, dessen Todestag sich gerade gejährt hat. Abends höre ich mir häufig sein fantastisches Werk „Die Enden der Welt“ in Hörbuchform an. Es ist ein anderer Reisejournalismus, mit einer ganz eigenen, tiefgehenden Poesie, wie nur er sie hervorgebracht hat. Der Tod ist eines der Leitmotive in diesem Buch, und es wirkt makaber, dass ein Mensch, der so kurze Zeit später sterben sollte, den Tod mit solch einer Raffinesse in Worte fassen konnte. Willemsen macht in seinen Zeilen auf jeden Fall deutlich, dass beim Reisen trotz des stetigen In-Bewegung-Seins, Beziehungen, Gedanken und auch das Leben selbst, enden können. Er beschreibt zudem häufig Dinge, die außer ihm wahrscheinlich niemand beobachtet und beachtet hat, weil vieles durchrutscht in dem überfokussierenden Wahn, in fremden Ländern alles mitnehmen zu wollen, was man bekommen kann. Das sollte aber nicht das Ziel sein. Ich konnte wie schon bei meiner vorherigen Reisestation in Australien wieder feststellen, dass man ohnehin häufig noch viel mehr bekommt, als man eigentlich verdient hat. Denn wie so oft wird gerade dort viel gegeben, wo wenig ist.

Nachdem mein Travelmate und ich Ho Chi Minh City verlassen und im Mekong Delta noch eine grausige Tour auf uns genommen hatten, die eigentlich informativ hätte sein sollen, aber mehr einer Kaffeefahrt glich, ging die Reise weiter ins beschauliche Dalat. Dort kamen wir nach einer sehr abenteuerlichen Fahrt zwei Stunden zu früh mit dem Schlafbus an, wurden mehrfach ohne Grund vom Busfahrer angeschrien und irgendwo im Nirgendwo abgesetzt. Als wir bei einem kleinen Hostel morgens um vier Uhr klingelten, hatte der Besitzer zwar kein Bett mehr frei, ließ uns beide nebst zwei anderen Backpackern aber in seinem Zimmer auf dem Boden schlafen. Er gab uns alle seine Decken und weigerte sich strikt, Geld anzunehmen für die gebotene Hilfe. Dann schliefen wir alle beim gebetsmühlenartig rezipierten Gesang seiner Großmutter ein, die im Nebenzimmer saß.

So zuvorkommend ist aber nicht jeder. Lässt man die Friede-Freude-Eierkuchenattitüde mal einfach autosuggeriertes, schmückendes Beiwerk sein, so kann man natürlich nicht leugnen, dass auch im vietnamesischen Tourismusbereich bei vielen (in Europa ja ist das ja nicht anders) das Über-den-Tisch-Ziehen Teil des Businessplans ist. Wir wurden aber noch verhältnismäßig wenig abgezogen. Meist ging‘s um Taxirechnungen, deren Korrektheit sogar ich, trotz meines Abschlusses (A-Sektion im Lyzeum), in Zweifel zu ziehen fähig war. In derartigen Situationen ist es dann mit der Nächstenliebe gegenüber Fremden auch in Vietnam nicht weit her, und man sucht dementsprechend die Sonne häufig auch nicht nur deshalb vergebens am Himmel, weil eine enorme Smogdecke über den Großstädten liegt.

Trübe Aussichten?

Bei der Nebeldecke über Städten wie Ho Chi Minh City, wo unsere Reise begann und Hanoi, wo sie endete, handelt es sich definitiv nicht nur um eine Metapher. Es entbehrt folglich nicht einer gewissen Ironie, an eben diesen Orten wegen der hohen Luftverschmutzung zu husten, während man Image-Artikel über luxemburgische Politiker oder waghalsige, bahnbrechende Experimente von Eldoradio-Moderatoren liest, die gerade das „Auto-Fasten“ im Großherzogtum praktizieren. Einem Weltbankbericht aus dem Jahr 2008 zufolge hatten beide Städte schon damals den höchsten National Pollution Index, und Michael Zschiesche vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UFU) bezeichnete die Luftverschmutzung an beiden Orten auch noch vier Jahre später als stark gesundheitsgefährdend. In seinem Artikel für die UFU führte er unter anderem den hohen Schwefeldioxidgehalt in der Luft an, welcher mit damals schon 31,56% den höchsten Anteil an der Gesamtbelastung ausmachte, direkt gefolgt vom Feinstaub (19,27%), der unter anderem von den 12 Zementfabriken ausgestoßen wird, die sich in Ho Chi Minh City befinden. 2014 rangierte Vietnam dann laut Asia Climate Journal unter jenen zehn Ländern, welche die höchste Luftverschmutzung zu bieten haben. Neben etlichen Fabriken vietnamesischer aber auch ausländischer Firmen werden vor allem die Scooter als Problemquelle angeführt. 90% aller Verkehrsteilnehmer in der Hauptstadt würden den oftmals von jeglichen potenziellen Normen befreiten motorisierten Drahtesel permanent nutzen, heißt es. Den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, komme für viele Einwohner ebenso wenig in Frage wie das Zufußgehen.

Auch das ist Vietnam: Müllberge am „Traumstrand“.

In Vietnam liegen die Probleme aber nicht nur in der Luft, sondern auch auf dem Boden. Die Müllberge überall an den Straßen könnten mit ein wenig Kreativität und Humor noch als Kunst im öffentlichen Raum betrachtet werden, aber eigentlich gibt es bei dieser Thematik wenig zu lachen. Auf einem Spaziergang im Hafen des Surferparadieses Mui Ne wollte ich gerade, ein wenig melancholisch gestimmt, das Meer von einem der erwähnten Verstorbenen, das dieser sehr geliebt hatte, grüßen, als ich hinter die Wohnhäuser der Einheimischen geriet und jäh aus meiner Stimmung gerissen wurde: Förmlich auf jedem Quadratzentimeter lagen Kleiderfetzen, Essensreste und Plastikmüll jeder Art. Auch hier blickte ich dem Tod in seine Glubschaugen: Die vielen toten Fische, Ratten und sogar Hunde würdigten mich zwar keines Blickes, doch sah ich in ihren leeren Augen, dass ihr Abgang kein schöner gewesen sein konnte. Was ich da vor mir hatte, war aber kein missbrauchter öffentlicher Gehweg, sondern ein privates Müllparadies. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich bei diesem Anblick nicht irgendwie gehofft habe, dass der Dreck vielleicht doch von Touristen stammt, damit ich mir einreden konnte, dass die Menschen hier besser auf sich und  ihr Umfeld achtgeben. Quyen Vu, die Direktorin der ersten unabhängigen Umweltorganisation Vietnams „Education for Nature Vietnam“, äußerte in einem Interview bei der Deutschen Welle zur starken Umweltverschmutzung in der Halong Bucht, dass die junge Generation in Vietnam mittlerweile stärker für Umweltfragen sensibilisiert sei und es auch in der Regierung positive Trends gebe; der Weg sei aber noch weit. Ein sehr weiter Weg, denke ich – den man auch besser nicht barfuß beschreiten sollte.

Wir zogen danach weiter über Nha Trang sowie Da Nang und gelangten zum ebenso schönen wie überladenen Hoi An, jenem gut erhaltenen Fischerdorf, dem sein Status als Weltkulturerbe wohl nicht nur gut getan hat. Wirkliche Unikate sind schwer zu finden, Läden reihen sich an Läden, welche zumindest meinem Eindruck nach eher dem zu entsprechen versuchen, was sie für die Wünsche der Touristen halten, als dem, was sie wirklich zu bieten haben. Das Kulturelle wirkt so sehr gestellt und geschauspielert, dass es fast schon ans Absurde grenzt. Den alten Ortskern kann man kaum durchqueren, ohne zugequatscht zu werden. Aus dem sonst üblichen, durchaus witzigen Spiel auf dem Markt wird eine einseitige, schon ziemlich brutale Belästigung. Ich war zum ersten Mal wirklich genervt, aber auch ein wenig traurig, weil ich mich selbst bloß noch als potenzielle Profitquelle wahrgenommen fühlte. Dass mich die Menschen und der Ort interessierten, schien jedermann völlig gleichgültig zu sein. Beim Tourismus scheint aber gleiches Recht für alle zu gelten: Er macht aus vielen Touristen Arschlöcher, die sich auch im postkolonialen Zeitalter aufführen, als dürfe man keine anderen Götter neben ihnen haben, und bringt auf der anderen Seite viele Einheimische dahin, dass sie ihren Anstand ganz verlieren. In solchen Hochburgen wie Hoi An macht der Tourismus auf jeden Fall auf beiden Seiten mehr kaputt, als dass er Positives bewirkt.

Es klart auf

Ein wenig frustriert über die Fehlentscheidung, nur an der Küste entlang zu fahren, kamen wir dann ins nördlich gelegene zentralvietnamesische Phong Nha, wo sich der 86.000 Hektar große, an Laos grenzende Phong Nha Kebang Nationalpark befindet. Diese Gegend ist eine der zauberhaftesten, die ich bisher sehen durfte. Der Regen – ziemlich häufig dort – spülte mein Gemotze schnell weg und schuf Platz für neue Eindrücke. Wir verbrachten drei Tage in einem kleinen Homestay, in dem niemand auch nur ein einziges Wort Englisch sprach. Hände und Füße kamen mal wieder zum Einsatz, und zwar nicht nur bei der Kommunikation, sondern auch beim Frühsport – zur Swingversion von „All About That Bass“ von der Postmodern Jukebox. Die Housekeeperin holte sofort ihre gesamte Familie, mit der sie dann laut lachend den Anblick genoss. Ein Familienmitglied fehlte jedoch: Die schwerkranke Mutter lag im Erdgeschoss im Bett.

Während unseres gesamten Aufenthalts wurden wir nicht nur liebevoll umsorgt – bekamen beispielsweise alle vorhandenen Stühle, während die Famile drauf bestand, auf dem Boden zu sitzen -, sondern wurden auch immer wieder mit einem Lächeln beschenkt, das so gestellt gar nicht sein konnte. Mir war vor meiner Reise immer wieder gesagt worden, Asiaten seien sehr freundlich, aber ich gebe nicht viel auf diese fast schon größenwahnsinnige Pauschalisierung. Ich kann jetzt jedoch für meinen Teil sagen, dass in diesem Land die Chance, auf liebe Menschen zu treffen, in kleinen Orten höher ist. Vielleicht auch, weil es dort, im Gegensatz zum stressigen Großstadtgetümmel, Zeit für ein wohltuendes Lächeln gibt. Ich weiß nicht warum, aber dies ist einfach meilenweit vom gestellten Zahnpasta-Werbegrinsen entfernt, das man sonst so kennt und das in Worte gefasst häufig wohl eher wie ein „Fuck Off“ klingt.

Am Tag unserer Abreise sah die sonst so strahlende Housekeeperin aber sehr traurig aus und kam mit einem Geistlichen aus dem Zimmer ihrer Mutter. Während wir intensiv lebten, war also wohl schon wieder ein Mensch gegangen. Nach diesem traurigen Ende unseres Aufenthalts, zu dem wir unser Mitgefühl leider nicht wirklich mitteilen konnten, erlebten wir abends dann noch etwas, was in Vietnam Hoffnung machen kann. In einem Restaurant mit dem für Vietnam typischen katzentischartigen Mini-Mobiliar setzte sich eine junge, gut Englisch sprechende Vietnamesin zu uns – die Inhaberin, wie sich bald herausstellte. Sie war 27 Jahre alt, im siebten Monat schwanger und erzählte uns von ihrem ganz eigenen kleinen Betrieb. Sie hatte den kleinen Schlot, der wie viele andere Geschäfte in Vietnam eher an eine mittelgroße Garage erinnert – aber an eine, die ein guter Luxemburger seinem SUV nicht als Unterstand zumuten würde -, vor zwei Jahren gekauft und versorgt seitdem gemeinsam mit ihrem Ehemann und Freunden rund 14 Stunden täglich Touris mit billigem, aber köstlichem Essen. Ich musste an westliche Start-Ups und eine Art luxuriösen Minimalismus denken. Denn bei uns wird dieser wohl eher betrieben, weil wir ihn uns leisten können, es ist schick … Aber in Vietnam haben viele Menschen gar keine andere Wahl, denn eine Alternative zum Minimum gibt es nicht.

Es gefalle ihr in Phong Nha, weil es klein und doch belebt sei, meinte die Restaurantbesitzerin: „Hier kann man durchatmen“. Das stimmt aber nicht ganz oder zumindest nicht permanent, denn die prachtvolle Natur in Phong Nha birgt auch verheerende Gefahren. Wenn in der Regenzeit die Flut kommt, dann steht das gesamte Dorf unter Wasser, auch das Restaurant. Dann muss gerettet werden, was gerettet werden kann, und danach werden die Feuchtschäden bekämpft. Das gehöre zu ihrem Job, meinte unsere Gesprächspartnerin trocken. Diese Krisenbewältigung ist auch Teil des Alltags vieler anderer Vietnamesen in den ländlichen Gegenden, die schon mehr als einmal von schweren Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Über Letzteres wird in den Medien eher wenig berichtet, es sei denn, es werden, wie im Jahr 2007, durch die Flut 5.000 Zucht-Krokodile in die Freiheit geschwemmt und 3.000 Touris an Ausflügen und Heimreise gehindert. Mit solchen Zahlen können die 32 vietnamesischen Flutopfer und die 180 vollständig zerstörten Gebäude in Zentral- und Nordvietnam aus dem Jahr 2012 natürlich nicht mithalten.

Der vietnamesische Touranbieter Oxalis, bei dem wir unsere dreitägige Dschungel- und Höhlentour gebucht hatten, geht auf seine eigene Art gegen die existenzbedrohlichen Wetterbedingungen in Zentralvietnam vor. Im nahegelegenen Tan Hoa, wo sich etliche der erst in den letzten 20 Jahren entdeckten gigantischen Höhlen befinden und das dem Film „King Kong“ als Kulisse diente, investiert die Firma beispielsweise in Floating Houses für die Einheimischen, deren weniges Hab und Gut sonst von den Wassermassen weggeschwemmt werden würde. Zudem arbeiten viele Dorfbewohner als Träger oder sind als fantastische Köche bei den Touren mit dabei. Außerdem teilen sie sehr gerne ihr sogenanntes „Happy Water“, ihren selbstgebrannten Reiswein, der nicht so schlecht schmeckt, aber wie Desinfektionsmittel riecht und somit Körper und Seele wahrhaft reinigt. Im Endeffekt muss ich sagen, dass diese menschlichen Begegnungen, aber auch das atemberaubende Naturspektakel, jeden einzelnen Cent und jede Wunde wert waren. Auf die Blutegel hätte ich verzichten können, aber ich hab nun mal ihr Terrain betreten, so war es wohl nur fair, dass sie sich auch auf meinem breitgemacht haben.

Aber nun zurück nach Phong Nha und zum Restaurantgespräch: Die junge Chefin sprach abschließend noch mit uns über die neue Generation Vietnams und das, was auf ihr zweites Kind im Leben zukommen wird. Viele Kinder vom Land hätten trotz der Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr schlichtweg nicht die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, weil sie bei der Arbeit mit anpacken müssten und die Schulgebühr selbst von mehreren Familienmitgliedern nicht aufgebracht werden könne.

In einer ersten Untersuchung der ILO zur Kinderarbeit in Vietnam im Jahr 2014 zeigte sich zwar, dass das Land noch unter dem Weltdurchschnitt lag, doch war die Quote seit 2006 um 10% gestiegen. Bei 1,75 Millionen arbeitenden Mädchen und Jungen im Alter zwischen 5 und 17 Jahren sind auf jeden Fall von seiten der Erwachsenen noch große Anstrengungen nötig, um hieran etwas zu ändern. Die kommunistische Partei soll sich wohl auf die Fahne geschrieben haben, die Kinderarbeit bis 2020 ganz zu beseitigen, ob das jedoch klappt, wird sich wohl erst in drei Jahren herausstellen. Derweil vergeben bereits Stiftungen, wie beispielsweise die Lifestart Foundation in Hoi An, Stipendien, damit extrem benachteiligte Jugendliche das Gymnasium und später die Universität besuchen können. Weitere Organisationen unterstützen auch staatliche Schulen wie die Nguyen-Hue-Schule in Ha Dong, die besonders Kindern armer Familien zugänglich ist, da sie kein Schulgeld erhebt.

Die Lifestart Foundation betreibt daneben auch ein Disability Community Centre. Dieses ist unter anderem für Personen gedacht, die durch den Krieg im wahrsten Sinne des Wortes behindert wurden. Neben dem Problem der Kriegsversehrten gibt es auch das des Laubvernichtungsmittels Agent Orange, das immer noch seine Wirkung tut. Viele Paare, die in den letzten 30 Jahren eigentlich Nachwuchs bekommen wollten, entschieden sich dagegen, aus Angst, schwerbehinderte Kinder zur Welt zu bringen. Derartige Zentren, und somit auch mehr Bewusstsein für die Thematik, scheinen bitter nötig in einem Land, in dem so etwas wie Barrierefreiheit komplett unbekannt ist. Es gibt zwar fast an jedem Bürgersteig Rampen, aber diese sind für die Scooter gedacht, die überall den Gehweg zuparken, womit dieser für Fußgänger und für jegliche Menschen auf Rollen oder mit Gehhilfen unbenutzbar wird. Davon abgesehen, dass die Rampen zu steil sind, gibt es in Vietnam ohnehin nur wenige Rollstühle, zumindest solche, wie man sie aus Europa kennt. Für die halsbrecherischen Konstruktionen Marke Eigenbau bräuchte man fast schon einen speziellen Führerschein, meinte eine Freundin von mir, welche selbst im Rollstuhl sitzt. DIY, wenn es der Staat nicht macht, scheint die Devise zu sein. Viele Menschen mit amputierten Gliedmaßen klettern mit kleinen Hockern herum oder bewegen sich sogar auf Rolluntersätzen, wie man sie in Europa benutzt, um beim Hausputz die schicke Indoorpalme von ihrem Standplatz wegzurücken.

„In the future everthing will be better“, ist unsere Gesprächspartnerin am Ende unseres Aufenthalts in Phong Nha überzeugt, „because everbody learns English.“ Dass aber nicht allein die Sprache das Rennen um bessere Lebensbedingungen erfolgreich machen kann, ist leider trotz alledem klar. Ob die Versicherung denn die Geburt bezahle, erkundigen wir uns abschließend bei der Restaurantchefin, und erhalten zur Antwort, dass sie gar keine Versicherung hat. Kinder zur Welt zu bringen, sei teuer in Vietnam, und wie so oft könne Bargeld am Schalter die langen Wege um einiges verkürzen. Wir wünschten uns gegenseitig alles Gute und gingen darauf zu dem Schlafbus, der uns in neun Stunden mit einem etwas kreativen, durchaus schwankenden Fahrstil nach Hanoi befördern sollte. Der Busfahrer wollte uns nicht mitnehmen, da er steif und fest und latent aggressiv auf Vietnamesisch behauptete, unsere Namen stünden nicht auf seiner Liste. Er stieß mich von der Bustür zurück und schmiss unsere Rucksäcke, die neben vielen anderen Backpacks, auffällig vielen stark verklebten Kartons und zwei Dutzend toten Hühnern schon im Kofferraum lagen, wieder hinaus. Also liefen wir zum Hotelschalter zurück und fragten, was wir nun machen sollten, denn unsere Reservierung war für diesen Bus ausgestellt. Nachdem ein Mitarbeiter ein Telefonat getätigt hatte, tauchte unser fahrbarer Schlafplatz nach zehn Minuten wieder auf. Der Busfahrer bekam vom Mitarbeiter einen Klapps auf den Hinterkopf, und als wir in unsere Kajüten kletterten, entwischte ihm ein kleinlautes und doch mit einem Lächeln verziertes „Sorry“. Der Fahrer war der erste seiner Art, der sich uns gegenüber entschuldigt hat. Eine schöne neue Erfahrung.

Auf diesem Weg kam ich also in Hanoi an, wo ich nun mit einem Ganzkörper-Muskelkater sitze und über die Enden der Welt nachdenke. Ich bin an Grenzen gestoßen, aber das Ende der Welt habe ich hier nicht finden können. Es gab einige Abgründe, aber eben auch Abzweigungen, die man wählen kann, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Roger Willemsen flüstert mir erneut ins Ohr, als er davon spricht, wie es ist, als Reisender Zeitzeuge gleich mehrerer Geschichten zu werden. Vietnam hat eine harte, aber eben auch unglaublich spannende Geschichte hinter sich. Es gibt interessante Ansätze und hoffentlich auch genug Menschen, die den Willen haben, das Land nicht nur wirtschaftlich nach vorne zu bringen. Ich wünsche Vietnam alles Gute und reise bereichert weiter.


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