Annes Weltreise (3/6): Stell dir vor, es gibt 
eine Hauptstadt und 
keiner geht hin

Anne Schaaf hat den März in Myanmar verbracht, jenem Staat, der seit seiner Öffnung im Jahr 2011 nicht nur verstärkt Reisende, sondern auch Investoren anzieht. Reiseportale und Agenturen locken mit Bildern von traumhaft schönen Landschaften, unberührten Heiligtümern und scheinbar wunschlos glücklichen Menschen. Unsere Reiseautorin hat versucht, sich der überzogenen Romantisierung des Landes zu widersetzen.

Eine von François Bauschs Inspirationen für die A3? 
Leere Autobahnen und Pagoden prägen Myanmar. (Foto: Anne Schaaf)

Schon als Kind mochte ich Hütten und mysteriöse, verlassene Orte. So war schnell klar, dass ich Naypyidaw, Myanmars vielbeschriebene Geisterstadt, die seit 2005 als neue Hauptstadt fungiert, unbedingt erkunden musste.

Bereits die Reaktion, die ich beim Kauf des Bustickets am Schalter erhielt, hatte mich neugierig gemacht. „But lady, there is nothing!“, wurde mir entrüstet bis mitleidig entgegnet. Diese Behauptung trifft nicht ganz zu, denn in der zentralmyanmarischen Planstadt gibt es durchaus etwas zu sehen, aber es verteilt sich auf einer Fläche, die ungefähr das Achtfache jener Berlins beträgt. Fußläufig kommt man hier nicht von A nach B, zu gigantisch ist das Areal. Man muss also „öffentliche Transportmittel“ wie ein Scooter-Taxi in Anspruch nehmen und sich dann wahlweise für die Hotel/Freizeit-, Militär/Politik- oder eine Wohn-Zone entscheiden.

So tat ich es denn auch, merkte aber schnell, dass mein Fahrer kein einziges Wort Englisch sprach. Das Körper und Geist beflügelnde Betelnusspaket in seinem Mund hielt ihn ohnehin vom Sprechen ab. Er grinste mich nur mit vollem Mund an, und erinnerte dabei an ein Eichhörnchen, das behauptet, „keine Nüffe gemopft zu haben“.

Während der Fahrt spuckte er regelmäßig den roten Sud aus, der durch das stundenlange Kauen auf der Landesdroge entsteht. Ich war froh, nicht mehr wie noch zu Anfang meiner Reise zu glauben, es handle sich hierbei um Blut. Nachdem ich ihm per Zeichensprache klargemacht hatte, ich wolle Fotos machen, fuhren wir einfach drauf los und landeten wenige Minuten später auf einer zwölfspurigen Fahrbahn. Landen ist das passende Stichwort, denn die Breite der Straße soll wohl im Fall eines Krieges oder einer Revolution auch die Landung von Flugzeugen erleichtern. Beides blieb jedoch bisher aus, zumindest hier an diesem Ort.

Warten, bis Clint Eastwood kommt

Das einzige, was regelmäßig auf dem glühend heißen Pflaster landete, war daher die Notdurft der Kühe, die hier nach Belieben wie in Zeitlupe herumschlendern konnten. Polizisten beobachteten das recht unspektakuläre Naturschauspiel, während sie, sich ebenfalls durch den Tag kauend, gelangweilt in ihren Wachhäuschen verweilten. Eine Tribüne, auf der keiner saß, machte das surreale Bild perfekt.

Die 40 Grad heiße Einöde ließ mich ein wenig fabulieren. Irgendwo tief in mir drin wartete etwas darauf, dass bald Ennio Moricone über die Lautsprecher dröhnt, Clint Eastwood samt Steppenläufer die lange Allee entlang marschiert. Gefolgt von einer Rinderherde.

Das Regierungsviertel ist von hohen Zäunen und Stacheldraht umgeben. Eine Art der aggressiven Abgrenzung, die mir schon anderenorts oft ins Auge gestochen war. Auch in Anbetracht der nach wie vor angespannten politischen Lage in weiten Teilen des Landes wirkt die Behauptung, das Herz der Demokratie Myanmars befinde sich genau hier, ironisch bis anmaßend. Einheimische wie Touristen dürfen den riesigen, prunkvollen Komplex, der sich über 814.000 Quadratmeter erstreckt, erst seit kurzem besuchen. Beide Personengruppen glänzen aber an diesem pompösen Ort durch Abwesenheit.

Luxusressort gegen Wellblechhütte: Myanmar unterscheidet sich diesbezüglich wenig von vielen anderen Feriendestinationen. (Foto: Anne Schaaf)

Das Ganze hatte etwas von einer Zombieapokalypse in schick, obwohl der „Sitz der Könige“, so die wörtliche Übersetzung des Stadtnamens, nach offiziellen Angaben 1,5 Millionen Einwohner beherbergen soll. Wir fuhren am Sky Palace Hotel vorbei. Eines von vielen großen Luxushotels, in denen sich zumindest dem Anschein nach permanent mehr Mitarbeiter als Gäste aufhalten. Ich musste ein wenig schmunzeln, denn der Himmel auf Erden war das hier sicher nicht. Je länger man dieses Umfeld auf sich wirken lässt, desto mehr verhärtet sich der Eindruck, man habe hier alles im Land auffindbare Geld (die Kosten für den Bau der Retortenstadt werden auf fünf Milliarden geschätzt) an einem einzigen Ort akkumuliert, während die Bevölkerung im Rest des Landes in existenzbedrohender Armut lebt.

Erst als wir zur Uppatasanti Pagode in 20 Minuten Entfernung fuhren, begann die Umgebung allmählich wieder etwas weniger ausgestorben auszusehen. Kleine Bambushütten sowie die typisch zusammengeschusterten Mini-Krämerläden säumten den Straßenrand, Kinder spielten auf der unglaublichen breiten Straße Fußball, auf den Reisfeldern wurde reichlich gewerkelt. Bei der heiligen Stätte angekommen, wurde ich erstmal, ohne es zu merken, von einer Gruppe drängelnder, sichtlich begeisterter Myanmaren in der Warteschlange überholt. Nach einem etwas anstrengenden Bad in diesem wogenden Menschenfluss kam ich schließlich doch am leicht verkleinerten Replikat der berühmten Yangoner Shwegadon Pagode an. Die hiesigen Diskussionen um den minimalen Größenunterschied zwischen Original und Kopie erinnern unweigerlich an Umkleidekabinen-Gespräche kleiner junger Burschen.

Wo Mönche sind, da mönchelt es

In Myanmar kommt man fast nicht daran vorbei, sich ein, zwei oder auch ein Dutzend Pagoden anzusehen, und ich bin in Bezug auf sie nach wie vor hin- und hergerissen. Ich halte mich an die „Hausregeln“, aber es stört mich, dass auch im Buddhismus der Glaube den Frauen geschlechterspezifische Einschränkungen auferlegt.

Zudem wird der Markt nicht selten vom Vorplatz in die Pagode verlegt. Wer still beobachten und ruhig beten will, versucht dies dort vergebens. Das Geld gibt den Ton an. Seitdem ich mich mit der Problematik radikaler und radikalisierter Mönche in Myanmar auseinandergesetzt habe, habe ich außerdem ein mulmiges Gefühl angesichts dieser Horte des angeblichen Friedens.

Solche Gruppierungen dürfen keinesfalls über die Vielzahl friedlicher gläubiger Menschen im Land hinwegtäuschen und auch die Berichterstattung zum Thema ist mit Vorsicht zu genießen. Und doch trifft hier etwas aufeinander, das nahezu als Garant für sprich- oder gar wortwörtliche Explosionen gelten kann: die Vorstellung nationaler Identität und Religion. Der Sprengstoff verteilt sich leider über mehrere Gesellschaftsschichten; ob und wann er detoniert, ist jedoch schwer einzuschätzen.

Zweifellos ist das Gelände um die Pagoden herum aber auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Hier wird gelernt, diskutiert und zusammen gepicknickt.

Während kaum verständliche Mantras über die Lautsprecher tönen, sitzen Jugendliche draußen auf dem kalten Marmorstein und geben sich lieber dem landesüblichen, herrlich verkitschten Pop aus ihren Smartphones hin. Ein wenig entfernt werden Porträts von 20-köpfigen Familien geschossen, unter Verwendung von nur einem einzigen Selfie-Stick. Andere sind damit beschäftigt, weiße Elefanten zu überfüttern, die am Fuß der Pagode in klitzekleinen Gehegen verweilen. Die Tiere sind heilig, aber dafür auch persönlichkeitsgestört. Auch an dieser Pagode, hier allerdings nur vor der Tür: allerlei Ramsch im Angebot, weil das rein religiöse Vergnügen den Touris wie den Einheimischen wohl doch nicht reicht. Ich hätte mir am liebsten eine der dort marktschreierisch angebotenen Seifenblasenpistolen gekauft, um die Elefanten zu befreien und uns dann den Weg freizuschießen.

Nicht nur vergoldete Pagoden prägen dieses einst politisch isolierte Land – die Armut vieler ist auch hier der Preis für den Reichtum einiger. (Foto: Anne Schaaf)

Abgesehen von diesem kleinen Ausflug, war ich auch im städtischen Süden, den ländlichen Gegenden des Nordens sowie dem eher touristischen Westen Myanmars unterwegs. Die Städte und Dörfer dort waren belebter und haben weitaus mehr Vielfalt geboten als dies in Naypyidaw der Fall war. In Bezug auf die soziale Ungleichheit, eine gewisse Inkohärenz und den scheinbaren politischen Gleichmut ähnelten sie einander indes durchaus.

In den Zentren der jeweiligen Orte fühlt man sich fast immer so, als würde man alle drei Minuten von einer Zeitmaschine aufgesaugt und wieder rausgewürgt, je nachdem, wo man sich gerade bewegt: Neben topklimatisierten, futuristischen Hochhäusern hausen Großfamilien in slumartigen Vierteln ohne Wasseranschluss, die aus Wellblech- oder Holzhütten bestehen. Der zur Müllabfuhr umfunktionierte Fluss wirkt bedrohlich.

Ein französischer „Expat“ sagte mir, er habe das Land wirklich lieben gelernt, aber wenn es sich durch eine Sache sicherlich nicht auszeichne, dann sei es durch Einigkeit. Diese besteht weder auf sozialer noch auf religiöser Ebene. Die von der Militärjunta festgelegte offizielle Bezeichnung „Republik der Union Myanmar“ ist also vorerst unzutreffend – keine Spur von wahrhaftigem Zusammenschluss. Das gesamte Land ist ein unglaublich bunter, aber teilweise auch löchriger und angekokelter Patchwork-Teppich. Es ist nicht zuletzt die Schere zwischen Arm und Reich, die ihn immer wieder zerschneidet, doch von seinen Bewohnern wird er jedes Mal aufs Neue zusammengeflickt. Genau dies hat mich hier stark beeindruckt: Es wird nicht naiv auf ein Happy-End gewartet. Was von oben kam, war in der Vergangenheit selten gut, daher wird‘s nun von unten angepackt.


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