Annes Weltreise (4/6): Liebe in Zeiten von Pest und Cholera


Unsere Reisejournalistin Anne Schaaf hat inzwischen Südostasien verlassen und ist nun im Kaukasus angekommen. In ihrem Artikel zieht sie eine kurze Zwischenbilanz in Bezug auf das Reisen und seine – oftmals unliebsamen – Nebenwirkungen.

„Only towards a hopeless Armenia“ – Wandzeichnung in einer Metrostation der Hauptstadt Yerewan. (Foto: Anne Schaaf)

Ich bin seit 129 Tagen unterwegs. In dieser Zeit habe ich sechs Länder bereist und an mindestens 50 verschiedenen Orten meinen Rucksack aus- und wieder eingepackt. Gewichtstechnisch hat er permanent unter einer Art Jojo-Effekt gelitten, da ich Dinge verschenkt habe, aber regelmäßig auch wieder neue Erinnerungsstücke hinzukamen. Darunter befinden sich nur wenige gekaufte Gegenstände, und dies mit gutem Grund. Vielerorts wird lediglich grausiger Massenware gefrönt, die nicht zuletzt deswegen lokale Produkte verdrängen kann, weil sie Abnehmer jeder Couleur findet. Diese wählen häufig die bequemste und vor allem billigste Lösung, um die Erinnerung an die Zeit jenseits des Alltags in Form eines materiellen Gutes mit nach Hause nehmen zu können.

Beobachtet man Shoppingtouren anderer Besucher, so stößt man beispielsweise auf selbsternannte alternative Traveller, die sich beim Kauf von sogenannten (made in China-) „Alibaba“-Hosen strikt an den Dresscode ihrer Zunft halten. Ebenso häufig trifft man aber auch auf Pauschaltouristen, die zwar weniger von ihrer eigenen Außenwirkung gehetzt, trotzdem einen ähnlichen vestimentären Konformismus an den Tag legen. Dieser resultiert des Öfteren im Griff zu T-Shirts, deren Brustteil der Slogan „I love (z.B:) Luxembourg“ ziert. Eigentlich könnte man diese Liebeserklärung an ein fremdes Land in Zeiten von nicht nur in übertragenem Sinne um sich schlagenden Nationalismen als Höhepunkt der Xenophilie feiern und sich beruhigt zurücklehnen. Wie viel Zuneigung und Interesse an der aktuellen Lage des Landes jedoch wirklich hinter Bekenntnissen dieser Art stecken, ist schwer zu beantworten. Denn von dieser angeblichen Liebe spürt man vielerorts wenig.

Der Stoff aus dem die 
Träume sind

Nachdem ich in den vergangen viereinhalb Monaten als Dauerausländerin viel mit unterschiedlichen Besuchern fremder Länder zu tun hatte, drängt sich mir der Eindruck auf, dass gerade dieser enthusiastischen Bekundung nicht selten eine verzerrte, gefährlich selektive Wahrnehmung zugrunde liegt. Worauf fußt denn die Liebe zu einem Land, in dem man zwei Wochen lang am Pool im umzäunten Resort rumlag oder bestenfalls einige Tage gewandert ist? Die Erinnerung an bereiste Länder lässt häufig nur jenes zu, was einem gefallen hat. Je nach Geschmack nimmt das herzhafte Schnitzel im deutschen Restaurant auf Mallorca den ersten Platz ein oder es können auch die ach so süßen bettelnden Kinder in Indien sein, mit denen man doch glatt ein herzzerreißendes Selfie schießen musste.

In vielen Fällen fehlt ein Mindestmaß an Hintergrundwissen, das dabei helfen könnte, das Land jenseits seiner Attraktionen ansatzweise greifbar zu machen. Eines meiner Lieblingsbeispiele war eine junge Besucherin Kambodschas, die erklärte, weder das Tuol Sleng Genocide Museum, noch die Killing Fields besuchen zu wollen, da „Kultur nicht ihr Ding“ sei. Nun kann man niemanden nötigen Museen zu besuchen. Wer aber vorgibt, ein Land zu lieben, es jedoch ohne seine Geschichte – also im vorliegenden Fall das Kingdom of Wonder ohne die Roten Khmer – denken möchte, dessen angebliche Leidenschaft richtet sich an einen Ort, der faktisch gesehen nicht existiert. In solch einer Situation gelten die überschwänglichen Gefühle dann eher Ideen von Ländern, Utopien oder vielleicht noch Teilrealitäten.

Was gut gemeint daher kommt, sagt oft mehr (Negatives) aus, als vielen recht ist. Dafür bedarf es nicht einmal T-Shirts, sondern lediglich unbedacht und darum vielleicht sogar ungewollt kommunizierter Zustimmung. Wie vielen jener angetrunkenen Backpacker, die am diesjährigen australischen Nationalfeiertag die Flagge mit dem Union Jack hochhielten, war wohl bewusst, dass der Tag gleichzeitig den Niedergang der Aborigine-Kultur symbolisiert? Hat wenigstens ein Bruchteil der Träger der typischen Vietnam-Käppis mit dem Roten Stern schon einmal mit den Einwohnern dieses angeblich kommunistischen Landes über demokratische Standards bei den dortigen Wahlen gesprochen? Am ironischsten wirken fast noch Liebeserklärungen an Thailand, jenem Reiseland, in dem man nicht nur eine Hütte mit zauberhaftem Meerblick fernab der Armenviertel, sondern, den Aussagen vieler Einheimischer zufolge, wirklich alles kaufen kann. So also auch die Liebe.

Stop! In the name of love …

Und wie äußert sich die Liebe, wenn einem die Symbole ausgehen? Wird der Slogan auf dem zuvor erwähnten T-shirt wahrhaftig gelebt, oder fungiert er nur als Ersatz – jenem Standard-Blumenstrauß ähnlich, der einen Beziehungsstreit beenden soll, wenn das vernünftige Gespräch, das dazu eigentlich nötig wäre, nicht zustande kommt? Auf dem Gelände rund um den monumentalen Sakralbau Angkor Wat in Kambodscha, scheinen beispielsweise hauptsächlich waghalsige, der Bausubstanz schadende Kletterpartien samt Selfiestick im Mittelpunkt zu stehen. Nicht nur auf den geschossenen Bildern rücken die historischen Gebäude in den Hintergrund. Dementsprechend muss man sich fragen, wie es um die angebliche große Liebe bestellt ist und ob das Foto wirklich als Liebesbeweis gelten kann. Auch die fortschreitende Zerstörung unwiederbringlicher Schätze, wie der nordvietnamesischen Halong Bay oder der Pagoden im myanmarischen Bagan, stellt nur einen Bruchteil der Negativbeispiele auf der Weltkarte dar. Traurig genug, dass beispielsweise Island momentan darüber nachdenkt, seine Natur durch das Reduzieren der Anzahl der Liebhaber vor dieser verqueren Zuneigung zu schützen.

Besonders kompliziert werden Dreiecks-Beziehungen, in denen Geld zu Zweiergespannen hinzustößt. Vor allem, wenn aus der Beziehung zu Einheimischen eine Geschäftsbeziehung wird oder das Beisammensein sich auf dieses Verhältnis beschränkt. Mehrere Kellner aus asiatischen Ländern berichteten mir von Auseinandersetzungen mit großen Abnehmergruppen, die unablässig versuchen, Bestellungen in ihrer Landessprache aufzugeben und latent aggressiv werden, wenn der böse Asiate dann „nur“ auf English antworten kann. Das Gleiche gilt für Besucher, die kein einziges Wort der Landessprache sprechen, aber wenig Geduld zeigen, wenn die Servicekraft nicht jedes Wort auf Englisch sofort versteht. Ein weiteres Beispiel ist das Feilschen: Es gehört, wohlgemerkt, in vielen Ländern zur Kultur. Das Theater, das aber gerade manch gutbetuchter Besucher veranstaltet, um den Preis zu drücken, zeugt eher von Menschenverachtung als von Anpassungsfähigkeit. Ob manche Reiseziele, und damit die Einheimischen als Beziehungspartner, überhaupt noch attraktiv sein werden, wenn der Weg aus der Armut erst einmal beschritten ist, muss wohl dahingestellt bleiben. Beim Geld hört die Liebe ja bekanntlich auf. Das inflationäre Erwähnen der angeblichen „Generation beziehungsunfähig“ kann einem zwar auf die Nerven gehen, aber in Momenten wie den gerade beschriebenen fühlt man sich dann doch an sie erinnert.

Nieder mit dem Pauschaltourismus

Zu guter Letzt stellt sich für mich die Frage, was und wer eigentlich hinter einem Landesnamen steht, sei es bei Lobgesängen oder auch Hasstiraden. Kann man ein Land, seine Menschen und seine Geschichte wirklich in einem einzigen Wort, zum Beispiel auf benannten T-shirts, zusammenfassen? Um diese Frage wenigstens ansatzweise beantworten zu können, habe ich einen kleinen Selbsttest durchgeführt. Vor einigen Tagen in Armenien angekommen, bin ich noch immer fasziniert von der Gastfreundschaft meiner drei Generationen umfassenden Gastfamilie. Diese äußert sich unter anderem darin, dass Eltern wie Großeltern Armenisch mit mir sprechen und versuchen, englische oder manchmal auch deutsche Wörter in ihre Sätze mit einzubauen. Daneben wird mir täglich ein Festmahl präsentiert, obwohl die Familie alles andere als reich ist. Ich fühle mich sehr wohl, und man könnte fast glauben, ich habe mich ein wenig in die gesamte Familie verknallt.

Würde ich deswegen behaupten, Armenien in seiner Gänze zu mögen, ja sogar zu lieben? Sicherlich nicht! Die Familie leidet unter der politischen Situation ihres Landes, das sich mit dem benachbarten Aserbaidschan im Krieg befindet und in dem immer wieder Personen bei Protesten schwer verletzt werden. Die Diaspora Armeniens ist nicht ohne Grund fast dreimal so groß wie die einheimische Bevölkerung. Wenn man verliebt ist, nimmt man zwar auch Macken in Kauf, doch Kriege, Korruption und politische existenzbedrohende Volatilität sind nicht nur schlechte Angewohnheiten, über die man hinwegsehen kann, weil es zwischendurch auch mal schöne Tage gibt.

Die Alternative zu hochtrabenden Liebeserklärungen Ländern gegenüber besteht aber sicherlich nicht darin, diese zu boykottieren. Unter moralisierenden Gesichtspunkten kann man kein einziges Land auf der Welt mehr bereisen und kennenlernen. Nicht zuletzt auch Luxemburg nicht. Man kann es jedoch wenigstens unterlassen, das Gegenüber mit Hass und auch mit Liebe zu überhäufen. Auch wer nicht alles inklusive gebucht hat, wird durch allzu pauschalisierende Aussagen über ein bereistes Land im übertragenen Sinne zum Pauschaltouristen. Meine Gastgeber haben mit offenen Karten gespielt und mir ihre Stärken sowie ihre Schwächen gezeigt. Diese können mir dabei helfen, auch das Land ein klein wenig besser zu verstehen. Ich halte das für eine gute Basis für eine Freundschaft, an der man arbeiten kann. Man muss ja nicht gleich heiraten.


Reisen und Beziehungen haben einiges gemeinsam. Unter anderem können sie Menschen in einen wohltuenden Ausnahmezustand versetzen. Wenn man beides kombiniert, es also um die Beziehung zu einem fremden Land geht, dann birgt dies, trotz aller Völkerverständigung, einige Gefahren. Denn sowohl die Zeit in der Ferne als auch Partnerschaften schaffen Raum für übermäßiges Romantisieren, verträumtes Hochstilisieren und können letztendlich in Verklärung münden. Unsere Reisejournalistin Anne Schaaf hat sich einige Gedanken über diese potenziellen Konsequenzen gemacht, die sich ihrer Meinung nach gerade dann bemerkbar machen, wenn Liebe sich materialisiert, nämlich beim Kauf von Souvenirs.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.