Annes Weltreise (6/6):
 Israel: Zwischen den Welten


 Einen Monat hat Anne Schaaf im Nahen Osten verbracht und bewegte sich dabei in verschiedenen Sphären und Mikrokosmen. Manchmal lagen an ein und demselben Ort Welten zwischen den verschiedenen Interpretationen dessen, was gerade passierte. Im letzten Teil des Berichts von ihrer Weltreise versucht sie, das Erlebte greifbar zu machen.

Eines der größten Ereignisse, die Tel Aviv jedes Jahr zu bieten hat: Die „Pride Parade“, auf der Israels LGBTI-Community gefeiert wird. (Foto: Anne Schaaf)

Wer nach Israel reist, merkt schnell, dass es sich bei diesem Ort keineswegs nur um ein politisches Staatsgebiet handelt. Da innerhalb des betreffenden Areals längst nicht nur Juden aus aller Welt leben, wird die jüdische Tradition ebenso mit moderneren Fassungen ihrer selbst konfrontiert, wie auch mit anderen Kulturen. Aufgrund eines nicht abklingen wollenden Identitätskampfes an mehreren Fronten spielen Bezeichnungen, Namen und Definitionen eine besondere Rolle. Allesamt funktionieren sie nicht nur deskriptiv, sondern beinhalten immer auch ein Statement. In Bezug auf die Selbst- wie auf die Fremdwahrnehmung scheinen Schwarz oder Weiß für viele als einzige Wahlmöglichkeiten zu gelten. Grauzonen gibt es wenige, vielerorts sind sie sogar unerwünscht. Die Stimmen jener, die differenzieren wollen, sind hörbar, aber sie dringen noch nicht vollständig durch.

Der Fleck im Nahen Osten ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall und doch hat die Situation vor Ort ihren ganz eigenen Beigeschmack. Denn hier darf letzten Endes eigentlich niemand das sein, was er oder sie will. Nicht einmal die BesucherInnen. Zusehends wird klar, dass es nicht unbedingt den Einfluss bewusstseinsverändernder Drogen braucht, um manchmal nicht so genau zu wissen, wer man selbst ist, wer die anderen sind und wo man sich eigentlich gerade befindet.

FreundInnen, Bekannte und Kolle-gInnen hatten mir vor meiner Anreise geraten, mich nicht als Journalistin zu outen. Wenn dieser Beruf aber einen Großteil des eigenen Lebensinhalts ausmacht, wird das Verheimlichen eher schwer. Vor allem, wenn man (leider?) nicht lügen kann. So hatte ich vor meinem Abflug Richtung Nahen Osten meine journalistischen Werkzeuge verschenkt, alle Audio- und Textdateien in die Cloud geladen und mir mehrere Stunden darüber Gedanken gemacht, was ich bei meiner Befragung antworten würde.

Als ich ankam, war es kurz vor Mitternacht und der grimmige Typ am Schalter des Flughafen Ben Gurion löcherte mich mit Standardfragen. (Kennen Sie jemanden hier? Wo werden Sie übernachten? Wie werden Ihre Aktivitäten aussehen?) Als er abschließend wissen wollte, warum ich Israel für einen Besuch gewählt habe, antwortete ich wahrheitsgemäß, dass mein Vater mir als Kind die Musik des weltbekannten jüdischen Klarinettisten Giora Feidman nahebrachte, was wiederum dazu führte, dass ich das Instrument für mich entdeckte und zehn Jahre lang gespielt habe. Der Herr im gläsernen Käfig grinste plötzlich und wünschte mir einen schönen Trip.

Eher zufällig hatte ich genau die richtige Woche getroffen, um die inoffizielle Hauptstadt des Landes zu besuchen: Tel Aviv. Man erklärte mir, am Wochenende sei der inoffizielle Nationalfeiertag des Landes – die „Pride Parade“ finde statt. Zu diesem Großevent kamen im letzten Jahr ungefähr 200.000 Menschen, dieses Jahr würden es mindestens genauso viele. Als ich, wohl etwas naiv, fragte, ob man eigentlich keine Angst vor einem Anschlag habe, da auf der Strecke entlang des Strandes eher wenige Fluchtwege vorhanden sind, entgegnete man mir trocken, meine Bedenken belächelnd, im Gegensatz zu Europa habe man in Israel einen Erfahrungsvorsprung in Bezug auf Attentate. Die (in meinen Augen ohnehin überpräsente) Armee und die Polizei würden das schon schaukeln.

„We all carry our own shit“

Ein wenig bedauerlich ist, dass sich das gesamte Programm der Tel Aviver „Pride Parade“ mehr auf Party denn auf Sensibilisierung fokussiert. Zudem habe ich selten eine Veranstaltung während des sogenannten „Pride Month“ Juni erlebt, die derart männlich dominiert war. Ich fand dann doch noch eine geführte LGBTI Stadttour, bei der klar wurde, dass das Event (zumindest im Mikrokosmos Tel Aviv) zwar eine große positive Resonanz erfährt, jüdische homosexuelle Paare jedoch nach wie vor benachteiligt werden.

Jüdische Männer und Frauen können in Israel lediglich religiös heiraten, die zuständigen Rabbinate jedoch lehnen gleichgeschlechtliche Ehen kategorisch ab. So bleibt homosexuellen Paaren nur der Gang aufs Standesamt in bestimmten Staaten, deren Eheverträge Israel zivilrechtlich anerkennt. In diesem Kontext wird mancherorts das Argument des „Pink Washing“ in den Raum geworfen, wonach Israel versuche, unter Verweis auf eine liberale Haltung gegenüber LGBTI seinen repressiven Charakter zu beschönigen. Ob dies zutrifft, muss wohl jede und jeder für sich selbst entscheiden.

In Israel gibt es angeblich mehr Museen pro Kopf als irgendwo sonst auf der Welt. Das Angebot in dem Staat mit achteinhalb Millionen EinwohnerInnen ist entsprechend sehr groß, in Bezug auf die Qualität der Ausstellungen reiht man sich in die Ränge anerkannter internationaler Kulturinstitutionen ein. Erwähnens- und besuchenswert ist beispielsweise das „Tel Aviv Museum of Art“, ein gigantischer Komplex, in dem man den ganzen Tag verbringen und viele Kilometer zurücklegen kann.

Kurz bevor ich den Prunkbau betrat, musste ich mich, wie so häufig in diesem Land, einer Sicherheitskontrolle unterziehen. Bevor ich durch den Metalldetektor schritt, wollte der Sicherheitsbeamte den Inhalt meiner sehr chaotischen Tasche sehen. Spontan entfuhr mir ein: „It‘s full of bullshit“. Er erwiderte grinsend: ‚We all carry our own shit, so you don‘t have to worry’.“ Mit dem ersten Teil hat er wohl recht, mit dem zweiten vielleicht nicht so ganz.

In Jerusalem angekommen, entfaltet sich vor dem fremden Auge die Vielfalt auch innerhalb der orthodoxen jüdischen Gemeinde in ihrer vollsten Pracht. Es hat einen gewissen Unterhaltungswert, Touristen dabei zu beobachten, wie sie mehr oder weniger auffällig versuchen, die Einheimischen abzulichten, denn eigentlich ist das im orthodoxen Stadtteil Mea Shearim verboten, sofern man keine Genehmigung hat.

Zurück im Hostel, sprach mich ein älterer, offensichtlich gläubiger Herr an, um nach der Uhrzeit zu fragen. Wir plauderten ein wenig. Er wusste zwar nicht, wo Luxemburg liegt, bot mir jedoch an, meine Reise zu segnen und ein Selfie mit ihm zu schießen, obwohl ich ihn nicht darum gebeten hatte. Kurz danach fragte mich der Rezeptionist, ob der Mann mich belästigt habe, was ich verneinte. Es stellte sich heraus, dass der Betreffende dort wohl öfter für Unruhe sorgte. Vielleicht war ich eine Art Auserwählte gewesen, daher hielt ich die Begegnung trotzdem in guter Erinnerung und schritt gesegneten Hauptes durch die Stadt. Da in der Woche, in der ich da war, mehrere Menschen getötet worden sind, konnte eine Art (eingebildeter) Schutzschild nicht schaden.

Glaubenssachen

Meine nächste Station war die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. Ich bezweifle den Sinn von Besuchen derartiger Orte zwar keineswegs, dennoch bekommt das „Pflichtprogramm“ hier einen Beigeschmack. Denn dieser Ort der Reflexion und des Erinnerns ist derart überfüllt, dass man keinen Fuß mehr vor den anderen bekommt. Zwischen jungen SoldatInnen in Uniform, SchülerInnen und Einheimischen quetschen sich etliche TouristInnen durch, die es beispielsweise trotz Fotografier-Verbot für ein schönes Souvenir halten, lächelnd vor einer Großleinwand zu posen, auf der das Krakauer Ghetto abgebildet ist.

Der 39 Stationen umfassende Audioguide ist manches Mal zu leise, weil er von einer Vielzahl von Videoinstallationen lautstärketechnisch verdrängt wird und zahlreiche Guides sich permanent gegenseitig übertönen. Yad Vashem bietet viele Facetten der jüdischen Geschichte und greift auch Themen auf, die man sonst im Geschichtsunterricht nicht unbedingt behandelt. So zum Beispiel den jüdischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen. Aber ein Besuch dieses Ortes verlangt Zeit und Muße. Etwas, das neben Trump auch viele andere nicht aufbringen. Die erforderliche Ruhe wird auch von der Museumsverwaltung nicht gefördert, denn offenbar gibt es keinerlei zahlenmäßige Einlassbeschränkung. So hat die Freude über das große Interesse ihre Tücken.

In der israelischen Wüste lernte ich einen Jungen Israeli kennen, der mich zu sich und seiner Frau zum Sabbat-Dinner einlud. Ich solle die Strecke schon am Vortag checken, hieß es, denn er gehe an diesem wichtigen Tag prinzipiell nicht an sein Smartphone. Glücklich darüber, das kleine Zuhause gefunden zu haben, lauschte ich den feierlichen Gesängen, die dem Mahl vorausgingen und ließ mir dann das vorzügliche Essen schmecken. Es war ein wenig gewöhnungsbedürftig, die Weinflasche nicht mal anfassen zu dürfen, um zu lesen, was hinten auf der Etikette stand. Das Anfassen des koscheren Tropfens ist nämlich nur streng gläubigen, männlichen Juden vorbehalten. Mein Gastgeber leistete jedoch Abhilfe und ich gelangte somit doch noch an die gewünschten Informationen.

Auch ich sollte erzählen. Es waren noch zwei weitere Freundinnen geladen, die zwar nur wenig Englisch konnten, jedoch immerhin ausreichend, um zu fragen, an was ich glaube. Als ich „nichts“ erwiderte, schauten beide traurig, ein wenig beklemmt und mitleidig. Sie könnten sich nicht vorstellen, wie man ohne Glauben im Leben klarkomme, es fehlten dann ja Motivation, Antrieb und Mittel, so manches zu ertragen, hieß es dann. Dass gerade hinsichtlich des letzten Aspekts der religiöse Hund für mich begraben liege, erwähnte ich nur zögerlich, aber es entwickelten sich spannende Gespräche daraus.

Diese Gretchenfrage gehört, zumindest meiner Erfahrung nach, zu jedem Standard-Small-Talk-Gespräch in Israel. Der Busfahrer, der mich eine Woche später zum Checkpoint nach Bethlehem fuhr, verklickerte mir, nachdem ich wieder wahrheitsgemäß geantwortet hatte, sogar, ich habe ja noch Zeit, ich würde meinen Gott schon noch finden.

Was Anne Schaaf auf der anderen Seite unterschiedlicher Checkpoints erlebt hat, erfahren Sie auf www.woxx.lu/author/anne-schaaf

Mit dieser Folge schließt Anne Schaaf die Reportage-Reihe von ihrer Weltreise ab. Ihrem Reisebericht aus Israel hat sie folgende Bemerkungen beigestellt: „Kürzlich habe ich eine Facebook-Diskussion über den Israel-Palästina-Konflikt verfolgt, an der sich unter anderem auch luxemburgische PolitikerInnen beteiligt haben. Es hat mich schwer beeindruckt, wie gekonnt (und gezielt?) Menschen mit Totschlagargumenten um sich werfen, aneinander vorbei diskutieren und letztendlich genau so wenig weiterkommen wie die verschiedenen Streitparteien im Nahen Osten Deswegen eine kleine Notiz am Rande: In diesem Artikel beschreibe ich meine sehr persönlichen und subjektiven Eindrücke von einer einmonatigen Reise in dieses zerstrittene Gebiet. Ich war dort, um mir ein eigenes Bild zu machen und bin nun sozusagen mit Polaroids, also winzigen Ausschnitten aus einem hochkomplexen Gefüge zurückgekehrt. Ich besitze nicht die Arroganz, mir einzubilden, dass ich nun begriffen hätte, wie man diesen dramatischen Streit lösen kann. Zudem bin ich der Meinung, dass eben genau diese (europäische) Arroganz eine ohnehin schwierige Situation noch problematischer macht.“


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.