Annes Weltreise (Webexclusive):
 „Make Hummus not walls“

Meine Großmutter hat eine Gehbehinderung; sie wird Betlehem also wohl nie besuchen, geschweige denn dort umherspazieren können. Ich hatte ihr daher versprochen, an ihrer statt hinzufahren und Fotos zu machen.

(Fotos: Anne Schaaf)

Über den Checkpoint „300“ sollte ich in eine andere Welt gelangen. In Betlehem angekommen, machte ich als verwöhnte Europäerin zum ersten Mal die Erfahrung, wie beklemmend es ist, wenn man durch enge, vergitterte Flure schreiten muss, um eine (oder vielleicht mehrere?) Grenzen zu überschreiten. Es gilt dabei hinzuzufügen, dass BesucherInnen aus der Fremde es weitaus leichter haben, das palästinensische Gebiet zu betreten, als jene PalästinenserInnen, die, wenn auch nur für kurze Zeit, auf die andere Seite wollen. Als ich da war, war der vorletzte Tag des Ramadan; wer beispielsweise in die al-Aqsa-Moschee in der Jerusalemer Altstadt Moschee wollte, begab sich in einen (un)menschlichen Stau.

Meinem persönlichen Empfinden nach bekommt der Begriff „Sehenswürdigkeit“ in Bethlehem eine ziemlich absurde Note. Neben jenen Touristen, die wegen der Geburtskirche in Heerscharen in den Ort strömen, hat sich auch eine Art „Street Art“-Tourismus durchgesetzt. Dies rührt nicht nur, aber vor allem daher, dass der britische Künstler Banksy hier sein sogenanntes Walled-Off Hotel installiert hat.

Das Hotel steht in der „Caritas Street“ direkt gegenüber der Mauer, die durch unzählige Graffitis farbenfroh, aber dafür nicht weniger traurig daherkommt. Über den ein oder anderen humorvollen Spruch („Make hummus not walls“), lacht man vielleicht noch kurz, aber was sich unter dieser künstlerisch beschmückten Oberfläche befindet, verheißt nichts Gutes und schreit einem förmlich entgegen. GesprächspartnerInnen auf beiden Seiten dieser steinernen Linie berichteten mir zwar, zumindest gäbe es seit ihrem Bau weniger Tote. Dennoch gelingt es mir nicht zu begreifen, warum es im Jahr 2017 noch Mauern gibt oder gar welche neu erbaut werden, angeblich um Menschen vor Menschen zu schützen.

Nach einer sehr kurzen Spritztour musste ich Betlehem schon wieder verlassen; zumindest behauptete dies mein Taxifahrer, der für die kurze Wegstrecke eine Unsumme verlangte und nicht mit sich diskutieren ließ. Wir hatten ohnehin keine Zeit zu diskutieren, denn PolizistInnen und SoldatInnen brüllten in das Gefährt hinein, man dürfe nicht mehr bis zum Tor fahren.

Ich lief also zu Fuß bis zum Checkpoint. Dort angekommen meinte ein anderer Taxifahrer, mir werde hier heute kein Durchlass mehr gewährt, er könne mich aber in einen anderen Ort fahren, von wo aus ich dann einen Bus nach Jerusalem bekäme. Ich wollte ihm nicht so recht glauben und stellte mich erstmal an, wurde Teil einer riesigen Menschentraube vor dem verschlossenen Durchgang. Zwischen unzähligen PalästinenserInnen eingepfercht, sprachen mich irgendwann einige kleine Kinder und sagten mehrmals in gebrochenem Englisch: „Building closed today! No go out!“. Sie hatten wohl verstanden, was lief, mussten jedoch in der prallen Sonne mit ihren Eltern warten, die scheinbar auf ein Wunder hofften.

Ich entfernte mich also vom Checkpoint und stieß kurz danach auf jenen Taxifahrer, der mich zuvor gewarnt hatte. Grinsend und doch ein wenig mitleidig sagte er: „Hab ich’s dir nicht gesagt?“ Auf dem Weg zum Taxi erzählte er mir, dies passiere häufiger, ich sei nicht die einzige, die ihm nicht auf Anhieb geglaubt habe, vor wenigen Tage hätten zwei deutsche Backpackerinnen erst nach drei Stunden aufgegeben und somit riskiert, auch den Bus in der anderen Ortschaft zu verpassen.

Wir jedoch hatten glücklicherweise noch etwas Zeit und beschlossen, noch zum Herodium, einer von König Herodes gebauten Festungsanlage, in der er auch begraben sein soll, sowie nach Jericho und zum Jordan zu fahren, damit meine Oma später mehr als nur drei Fotos zu sehen bekäme. Als wir gerade im Auto Platz genommen hatten, erklärte der junge Fahrer mir, eine Woche früher sei es genau hier zu einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen israelischen SoldatInnen und Palästinensern gekommen. Seitdem kämen Muslime, trotz der eigens zum Ramadan ausgegebenen „special permissions“, nicht mehr automatisch über die Grenze zwischen Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten. Seine Sondergenehmigung habe man ihm die vorausgegangene Woche vor der Nase zerrissen. Wann der Checkpoint spontan geschlossen werde, könne man nie so genau voraussehen.

Als ich ihn kurz danach fragte, ob ich ihm einige politische Fragen stellen dürfe, meinte er prompt: „Du kannst mit mir über alles reden – sogar über Sex“. Etwas erstaunt über dieses Angebot, begann ich dann doch erstmal ein Gespräch über seine Wahrnehmung der Situation in Bethlehem und im Westjordanland im Allgemeinen. Dass seine politische Haltung allerdings indirekt auch mit Sex zusammenhängt, erschloss sich mir erst später. Nämlich in eben jenem Moment, als er mit der Sprache herausrückte und gestand, dass er ebenso gerne mit Männer wie mit Frauen schläft. „Wissen Sie, wir leben hier in einem Gefängnis und ein Ende dieses Trauerspiels ist noch längst nicht in Sicht. Da schaff‘ ich mir meine eigene Freiheit.“

Der Konflikt in einer Nussschale

Einige Tage später nahm ich an einer Stadtführung in Hebron teil, einer Stadt, die teils palästinensisch und teils jüdisch kontrolliert wird. Versprochen wurde eine „dual narrative Tour“, die also zumindest zwei Perspektiven auf die Situation präsentieren sollte. Aufgrund der regelmäßigen Zusammenstöße, die leider ebenso regelmäßig tödlich enden, wird die Stadt häufig als Mikrokosmos bezeichnet, der den Konflikt im Nahen Osten traurig passend repräsentiert.

Da Juden und Jüdinnen (mit Ausnahme der SoldatInnen) hier keinen palästinensischen Boden betreten dürfen und es Muslimen im Gegenzug verwehrt bleibt, den jüdischen Teil der Stadt zu besuchen, mussten unsere Guides immer auf der jeweils anderen Seite des Checkpoints auf die Gruppe warten. Mich erwartete, wie im Titel der Tour versprochen, sehr unterschiedliches Storytelling – nicht nur von den Guides selbst, sondern auch von den Menschen, die dort leben.

Israelische Soldaten gaben an, es sei für sie schwierig zu ertragen, dass palästinensische Kinder sie häufig mit Steinen bewerfen, auf der palästinensischen Seite bekamen wir die Klage zu hören, man werde fast täglich von den SoldatInnen der Israel Defense Forces (IDF) schikaniert. Fast immer wurde hinzugefügt, Frieden sei nur möglich, wenn die gegenüberliegende Seite sich zu Zugeständnissen bereit erkläre. Eine gemeinsame Lösungsfindung stand nicht im Fokus der Schilderungen. Der Anblick von Kindern auf beiden Seiten, die mit Spielzeugwaffen hantierten, ließ die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zeitweilig schmerzlich verpuffen.

Dass unsere Guides sich zwar zuwinken, aber nicht auf demselben Stück Boden stehen dürfen, bedeutete auch, dass weder Juden und Jüdinnen, noch MuslimInnen in unserer Gruppe sein durften. Zumindest wäre ihnen die Besichtigung einer Seite verwehrt geblieben. Als wir zum Schluss der Tour wieder in den jüdischen Teil zurückkehrten, wurden wir allesamt von Soldaten erneut nach unserem Glauben gefragt. Wir mussten die Hand heben, wenn unsere Religion genannte wurde. Die Fragerunde abschließend, erwähnte der Soldat die „Church of the flying Spaghettimonster“; ich meldete mich und musste kurz schmunzeln. Als die Gruppe bereits weitergegangen war, wandte er sich mir zu und sagte, das sei die beste aller Religionen, auch er sei Pastafari.

Wenige Meter vom Checkpoint entfernt, outeten sich eine Frau und ein junger Mann, die in unserer Gruppe waren, uns gegenüber als Juden. Sie war schon länger im Land, um mehr über die Geschichte ihrer Vorfahren und das Land selbst zu erfahren. „Umso länger ich hier bin, umso weniger verstehe ich das Ganze. Ich werde nur immer mehr durcheinander“, gestand die Frau, während der junge Mann meinte: „Das schlimme an diesem Verein ist, dass du nicht einfach austreten kannst. Ja, meine Großmutter war nun mal Jüdin, aber was kann ich dafür? Ich hab‘ mir das nicht ausgesucht. Meine Freundin in meinem Heimatland ist Iranerin. Hier könnten wir ja nicht mal ohne weiteres zusammenleben. Allein das macht mich schon endlos wütend.“ Und wieder fragte ich mich, wer hier eigentlich das sein darf, was er oder sie ist.

Wenn es doch so einfach wäre …

Eine meiner letzten Stationen war Ramallah, die im Westjordanland gelegene Verwaltungshauptstadt der palästinensischen Autonomiegebiete. Ich muss zugeben, dass es das allererste Mal während meiner Reise durch den Nahen Osten war, das ich mich nicht gestresst und eingeengt fühlte.

Ramallah ist jedoch alles andere als ein ruhiger Ort. Diese belebte, teilweise wirre und überfüllte Stadt ist geprägt von einer ganz eigenen, fast schon witzigen Nervosität. Während der ersten beiden Tage hatte ich mir noch nicht einmal die meine Bleibe umgebenden Gebäude einprägen können. Zu beschäftigt war ich damit, auf den Weg vor meinen Füßen zu achten, um nicht versehentlich über Kinder, Katzen oder Marktstände zu stolpern. Aber es war auch der erste Ort, an dem niemand mit Waffen rumlief, es gab keine Militärpräsenz, man hätte fast glauben können, alles sei ganz normal.

Das ist es aber leider auch wiederum nicht. Man braucht nur wenige Kilometer aus der Stadt hinauszufahren, beispielsweise nach Bi’lin. Hier ist der preisgekrönte Film „Five Broken Cameras“ entstanden, eine palästinensisch-israelische Koproduktion, die den dortigen Konflikt in Bilder fasst, während es mir nicht gelingt, die passenden Worte für meine Eindrücke zu finden. Denn auch hier schaut man von der Anhöhe auf eine Mauer, die zwei grundverschiedene Welten teilt. Man möchte sie einreißen, weiß aber noch nicht so recht wie.

An meinem letzten Abend hatten wir vor, auszugehen. In unserem Hotel war ein DJ samt Gefolgschaft abgestiegen und versprach eine gute Party, eine knappe halbe Stunde entfernt. Einige andere Reisende und ich beschlossen, uns auch diesen Teil der Kultur anzuschauen und zogen los. Eine europäische Palästina-Aktivistin war mit von der Partie. Kurz zuvor hatte sie uns bereits gefragt, ob wir ihr Orte in Israel nennen könnten, von denen sie später in Israel am Flughafen behaupten könnte, diese besucht zu haben. Befragungen sind bei der Ausreise aus Israel noch strenger als bei der Einreise. Dies war keineswegs ihr erster Besuch in der Region, aber sie war immer in den palästinensischen Autonomiegebieten und nie in Israel gewesen. Als sie von einem unserer Mitfeiernden erfuhr, dass der DJ, der abends auflegen sollte, aus Israel sei, wurde sie sehr wütend. Es sei eine Schande, dass kein Palästinenser dort auflege; das Gespräch zwischen den beiden entwickelte sich dahingehend, wonach die jüdischen Siedler selbst noch das Partyleben kolonisieren.

Der Partner der jungen Frau und ich waren inzwischen bei einer Truppe junger Palästinenser angelangt, die mehr als nur leicht angetrunken zusammensaßen und uns einen Schluck von ihrem selbstgebrannten Schnaps offerierten. Er schmeckte scheußlich, verfehlte seine Wirkung und den Zweck der Völkerverständigung jedoch nicht. Die Jungs sprachen fast kein Englisch, stellten aber die häufig gehörte, angeblich alles entscheidende Frage: „Do you like us or do you like them?“ Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich eigentlich nur will, dass sie miteinander klarkommen. Ich bin mir aber bis jetzt nicht so sicher, ob sie das wirklich verstanden haben.

Kurz danach tauchte der Gesprächspartner der Palästina-Aktivistin wieder auf. Das Mädchen war verschwunden. Etwas bedrückt gestand er ihrem Partner, sie sei weinend zurück ins Hotel gelaufen. Als wir beide fragten, weshalb, erzählte er, sie habe einen solchen Hass gegen Israelis zum Ausdruck gebracht, dass er sie irgendwann sehr ruhig, aber doch bestimmt gefragte habe, ob ihr eigentlich auffalle, wie rassistisch ihre Haltung und Aussagen klingen. Das hatte sie schwer getroffen.

Wir zogen weiter und fanden irgendwann die kleine Party-Location, die nicht größer war als das „Flying Dutchman“ in Beaufort. Mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommend, lernten wir unter anderem junge Erwachsene kennen, die sich für Friedensprojekte vor Ort einsetzen. Dies sei längst nicht bei allen jungen Menschen in ihrem Umfeld gern gesehen, sagten sie uns. Im Laufe des Abends stellte sich dann heraus, dass der DJ kein Israeli, sondern ein in Israel lebender Palästinenser war. Das wollten wir am Folgetag der Aktivistin erzählen. Immer mehr Leute erzählten uns im Laufe der Nacht, dass die Situation im Land sein sollte wie auf dieser Party. Denn es war dunkel, es war ein schöner Moment und es spielte keine Rolle, woher man kommt.


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