Architektur
: Symbolträchtige Bauwerke?


„Bau-Zeichen: Unsere gebaute Umwelt lesen“, die Sonderausstellung der Architekturkammer als Ergänzung zur „Zeichen“-Ausstellung im Historischen Museum, ist eine Nabelschau mit kritischen Untertönen.

Schicker Rahmen, schnörkellose Schau ...  (Foto: MHVL, B. Fuge)

Schicker Rahmen, schnörkellose Schau … (Foto: MHVL, B. Fuge)

Keine Frage, Architektur spiegelt den Zeitgeist wider. Waren es einst die Kirchen, die die Topographie der Städte Luxemburgs bestimmten – wie man auf einem Kupferstich von 1649 unter der Überschrift „Zeichen des Urbanen“ sehen kann -, so sind es heute die Wassertürme, die in allen Teilen des Landes unübersehbar in die Höhe ragen und als Orientierungspunkte dienen. Wer die Ausstellung „Bauzeichen“ im Erdgeschoß des Historischen Museums der Stadt besucht, kann sich ein Plakat mit den Türmen als Souvenir mitnehmen.

Die Ausstellung, im Rahmen der 25-Jahr-Feier der Architekten- und Ingenieurkammer Luxemburg gestaltet, will einen eigenen, ergänzenden Beitrag zur Ausstellung „Zeichen – Sprache ohne Worte“ liefern und den Besuchern „Anleitung und Inspiration geben, ihre gebaute Umwelt mit erweitertem Blick wahrzunehmen.“

Anhand zahlreicher Beispiele aus dem öffentlichen und privaten Bereich wird dabei besonders die jüngere und die zeitgenössische Bautätigkeit in Luxemburg „als kritische Leistungsschau“ vorgestellt, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Diesem Anspruch wird die ziemlich textlastige Ausstellung (Kurator Hans Fellner), die aus etwa einem Dutzend Papp-Stellwänden besteht, freilich nicht hundertprozentig gerecht. Denn die (Selbst-)kritik an den Bauwerken Luxemburgs, die hier anklingt ist durchweg verpackt in subtile Bildbeschreibungen, die in ihrer Miniatur-Schriftgröße nicht wirklich leserfreundlich gestaltet sind. Allerdings lohnt der genaue Blick – oder das Mitbringen einer Lupe -, auch wenn die Aufnahmen der Gebäude durchaus auch für sich sprechen. Bereits die 3. Tafel zeigt die baulichen Wahrzeichen par excellence des Finanzplatzes: Banken und ihre architektonische Zeichensprache: „Zwischen Selbstverständnis und Werbung“ lautet ihr Titel. An den hochhausartigen Gebäuden der BIL-Bank in der Route d’Esch oder dem himmelragenden Turm der Kreditbank lässt sich unschwer die Tendenz der Wachstumsverherrlichung erkennen. Und während einen bei der BIL in Belval der Bezug zum Standort durch die rostrote Metallverkleidung förmlich anschreit, sind es allein die übernommenen Villen, wie das alte Arbed-Gebäude, heute Sitz der BCEE, oder die Villa der BGL, die etwas wie vornehmen Charme ausstrahlen. In der Rubrik „Öffentlicher Raum“ sind Plätze wie die „Pace d’Armes“ mit der zutreffenden Unterschrift „Öffentlicher Raum mit Verzehrzwang“ versehen, bei den goldenen Skulpturen am Brill-Platz in Esch/Alzette heißt es „Gestaltungswille vs. Nutzbarkeit“. Auch in der Rubrik „Mehrdeutige Zeichen“, funktioniert die subtile Ironie, etwa wenn die Aufnahme der Atommeiler in Cattenom mit „Aus der Ferne, aber immer noch zu nah“ betitelt ist. „Zeichenbeladen statt zeichenüberladen“ lautet die Überschrift bei einigen Bauwerken, wie der verschnörkelten „Cité Judiciaire“, die in der Schau als „Luxemburger Sonderfall“ bezeichnet wird. Als Beispiele für „Zeichen des Neuen“ sind schließlich Kulturzentren wie das Marnacher Cube 21, der Kinneksbond in Mamer und das Aalt Stadhaus in Differdingen in der Ästhetik eines Einkaufszentrums zu sehen, oder auch die Therme in Strassen, die wie ein beleuchtetes Ufo wirkt. Unter dem Titel „Abgelehnt, ungeliebt, abgerissen“ werden schließlich Gebäude wie die Galerie Kons am Bahnhof vorgeführt, ein charmanter Bau von 1957, der abgerissen wurde „als Folge der Erkenntnis, dass Galerie-Strukturen – zumal in einem schwierigen Umfeld – nicht immer erfolgreich sind“, wie die recht lapidare Beschreibung lautet. Gerade der Aspekt der Abrisse und der Abrisspolitik wäre jedoch in einer Schau, die einen kritischen Anspruch hat, ausbaufähig, denn der Verweis auf einen „Generationenwechsel“ reicht als Erklärung für das Problem, etwa im konkreten Fall des Hamilius-Platzes, kaum aus.

Und dennoch atmet man fast erleichtert auf, wenn man gegen Ende des Rundgangs auf die Aufnahme einer Baulücke mit der Unterschrift „Ein wundersames Phänomen der Grundstücksknappheit in der Stadt. Ignoranz, Spekulation, Erbstreitigkeiten?“ stößt und unter dem Bild einer quietschbunten Häuserfassade liest: „Es ist der Nachbar, der womöglich aus seinem Fenster ständig draufschauen muss, nicht der Bewohner selbst. Manche mögen die Farbigkeit, andere fühlen sich angeschrien.“ Die durch die Zeilen geäußerte Kritik trübt freilich nicht den Eindruck, dass gerade die Luxemburger Architektur der jüngsten Zeit protzig und symbolüberladen ist und wenig auf Wohnqualität und auf Wohnformen setzt, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht.

Bis zum 3. Januar 2016 im Historischen Museum der Stadt.

 


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