Ausstellung: Ich bin, was ich zeige


Eine Ausstellung aus dem Bonner „Haus der Geschichte“ im Historischen Museum der Stadt Luxemburg zeigt Symbole und Zeichen als Ausdruck von Lebenshaltungen. Sind wir aber das, was wir zur Schau stellen?

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Gehört zum Markenzeichen Xavier Bettels, wie der Bär auf der Kaffeesahne: sein Halstuch. Was aber sagt es über den Premier aus?Die Krawatte als männliches Machtattribut, wie schon Balzac es wusste. (©MHVL)

Der Mensch ist ein Lebewesen, das permanent Symbole und Zeichen gebraucht, um sich in seiner Umwelt zurecht zu finden, so Ernst Cassirer in seiner „Philosophie der symbolischen Formen“. Mehr noch, Cassirer zufolge ist jede Form des Weltbezugs auf eine Symbolisierung angewiesen. Doch nur wenige der Zeichen und Symbole, die wir verwenden, sind universell. Ihre Bedeutung ist meist nicht von ihrem kulturellen Hintergrund zu trennen. Nur einige wenige politische Symbole, wie das Che-Guevara-Konterfei, die weiße Friedenstaube oder die rote HIV-Aids-Schleife, haben es zu weltweiter Berühmtheit gebracht. Sie werden plakativ ans Revers geheftet, um Solidarität zu zeigen, Sympathie zu bekunden oder eine politische Haltung zum Ausdruck zu bringen.

Die kunterbunte Ausstellung ist sehr auf die Bundesrepublik zugeschnitten und hat leider nur wenig mit Luxemburg zu tun.

Die Ausstellung „Zeichen – Sprache ohne Worte“ will also unsere Zeichensprache und Symbolik unter die Lupe nehmen. Allerdings handelt es sich mehr um ein unübersichtliches Potpourri von zusammengetragenen Zeichen. Zurückgegriffen wurde vornehmlich auf im Westen (alt)bekannte Symbole – in den Kontext der Bundesrepublik Deutschland als Erfolgsmodell gesetzt. Dies verwundert wenig, da die Schau ja ursprünglich im Haus der Geschichte in Bonn angesiedelt war, dem Museum, das sich Helmut Kohl nach seiner 16-jährigen Kanzlerschaft quasi selbst als Denkmal setzte. Die kunterbunte Ausstellung ist daher sehr auf die Bundesrepublik zugeschnitten und hat leider nur wenig mit Luxemburg zu tun. Obwohl klar wird, dass die Luxemburger als Nachbarn stark von deutschen Fernsehformaten geprägt sind, bietet die Schau doch wesentlich weniger Bezüge zu Luxemburg als die letzten großen Ausstellungen im Historischen Museum der Hauptstadt, wie etwa die zu „100 Jahren Rotes Kreuz“ oder auch „Born to Be Wild“.

Doch ist der Gang durch die Ausstellung zumindest unterhaltsam. Auch dies ist zum Teil dem Konzept der deutschen Nachbarn zu verdanken. Denn das Haus der Geschichte setzt seit jeher auf interaktive Stationen, an denen Geschichte „spielerisch“ erkundet werden kann.

Im Erdgeschoss stößt man auf ein großformatiges Foto einer Reihe gierig fotografierender Journalisten. Schreitet man über einen Roten Teppich, der mit einer überdimensionalen Militärhaube versehen ist, so kann man sich an einer Soundinstallation berauschen, die einem aus dem Off eintrichtert „Du bist der Größte!“ Unmittelbar danach wird einem das altbekannte Watzlawick-Zitat „Man kann nicht nicht kommunizieren“ um die Ohren gehauen und zugleich, wie auf einer Medikamentenschachtel, die Warnung, dass „von Menschen verwendete Zeichen und Signale nicht immer eindeutig sind und das Risiko bergen, Missverständnisse und Konflikte zu verursachen“. Wie zum Beispiel das Handzeichen für Victory, das sowohl für Sieg wie für Frieden stehe. Worum es im Weiteren geht, wird an einer großen Wandtafel klar: die Rauteform Kanzlerin Merkels, ein Piercing, Einsteins herausgestreckte Zunge, ein Che-Guevara-Konterfei, ein Stinkefinger sowie Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln spiegeln schon hier die recht willkürliche Zusammensetzung wider.

„Über 90 Prozent der Wirkung eines Menschen machen Körperhaltung, Mimik und Stimme aus. Ob zu Hause, am Arbeitsplatz oder in der Politik, die „Sprache ohne Worte“ hat große Bedeutung“ liest man an einer Wandtafel. Körperschmuck oder Kleidung seien als „individuelle Zeichen der Identität“ zu begreifen.

Kohärenterweise stößt man in der ersten Etage direkt auf eine Pickelhaube – ein urpreußisches Symbol. Eine Bildfotoreihe zeigt Deutsche in Uniformen, wahlweise als Priester, Soldaten oder Stewardessen. In einem Glaskasten ist eine dicke Zigarre als Symbol der Macht und protziges Zeichen des Erfolgs ausgestellt. Eine Fotografie mit dem Titel „gute Aussicht“ wurde in einem Zentrum der Macht, nämlich der Vorstandsetage der Commerzbank in Frankfurt, aufgenommen. Auf einer Anhöhe prangt der abgetragene Nadelstreifenanzug eines ehemaligen Vorstandsvorsitzenden einer luxemburgischen Bank nebst (s)einem Bürosessel. Impressionen aus der Finanzwelt, die von Frankfurt nach Luxemburg führen, werden garniert mit Sprüchen wie „Ordnung ist Macht“.

Mit der Anmerkung „Zwischen Macht- und Unterdrückungssymbol“ sind in einem Glaskasten Stöckelschuhe Machtattributen, die als männlich gelten, gegenübergestellt. „Die Krawatte ist der Mann“ liest man auf einem alten Werbeplakat. Gender-Varianten haben in der Welt symbolisch-pauschaler Zuschreibungen offenbar keinen Platz. Von Bürgerlichkeit und Spießigkeit zeugen klassische Hochzeitsfotografien, über denen ein Hirschgeweih angebracht ist. Die frühen rosa-hellblauen Fotografien – Hellblau für Männlein, Rosa für Weiblein – werden mit dem Kommentar reproduziert, dass schon früh eine Zuschreibung stattfindet.

In einer Foto-Kabine kann man sich in wechselnden Outfits fotografieren lassen und so scheinbar mit seiner Identität spielen und in der Mitte des selben Raumes dem geschassten Schnösel Karl Theodor zu Guttenberg durch Drehen an einer Litfasssäule unterschiedliche Outfits verpassen. Eine Collage von Putin zeigt den russischen Narzissten in drei gänzlich unterschiedlichen Aufzügen: als Eishockeyspieler, als Fischer und als geschäftigen Politiker im teuren Anzug. Dass Outfits sowohl als politisches wie als modisches Statement gewertet werden, davon zeugen die Jeans als Protest-Symbol, die Latzhose und das Palästinenser-Tuch. „Lockere Kleidung war bei Frauen eine Form, sich der rigiden Frauenkleider-Ordnung zu entziehen“, berichtet eine Zeitzeugin. Drei Männer, ein Student in Hippie-Kleidung, ein Verbindungsstudent und ein Punk zeigen sich als Spiegelbild ihres Selbstverständnisses in ihren Outfits. In einem Glaskasten werden die Unterschiede zwischen den Motorradgangs Bandidos und Hells Angels anhand ihrer Kluft und ihrer Codes erklärt. Daneben präsentieren Jugendliche ihre Tätowierungen. In einem kleinen Kinosaal kann man Ausschnitte aus dem Kinofilm „Die Welle“ sehen und erklärt bekommen, wie man anhand der Kleidung zweier „Radikaler“ Totalitarismus im Allgemeinen erkennt. Rechts- und Linksextreme landen hier selbstverständlich als Militante in einem Topf. Am Rand werden die kleinen, aber feinen Unterschiede erklärt: die Bedeutung roter und weißer Schnürsenkel und die Zahl 88, die das SS-Zeichen (ver)birgt.

Was verschiedenen Menschen das Palästinensertuch bedeutet, kann man durch Betätigung von Knöpfen erfahren: Ein Alt-68er erzählt so etwa, dass dieses mit Palästina nichts zu tun habe, sondern dass er es als Symbol „gegen brachiale Kriegseinsätze“ und als Ausdruck der Solidarität auf Friedenskundgebungen trage.

Symbolische Gesten unter Politikern, wie der Bruderkuss bei bestimmten Staatsmännern, werden anhand historischer Fotografien gezeigt. Die für ihre Küsse bekannten Spitzenpolitiker Luxemburgs sucht man vergeblich. Stattdessen werden die Bedeutungen von Farben im Straßenverkehr erklärt und Einkerbungen in Bäume oder Hängeschlösschen an Brücken als Liebes-Symbole gezeigt.

In einer weiteren Etage ist ein Fernsehstudio nachgebaut. An mehreren Fersehschirmen flimmern Ausschnitte aus Talkrunden von Günther Jauch, Anne Will und Sandra Maischberger über die Wände – garniert mit dem Kommentar eines Politikberaters: „Authentisch sein kann man trainieren.“

Hinter einer Ecke trifft man dann endlich auf Luxemburgs Premier und sein Markenzeichen: das modische bunte Halstuch.

Verschiedene Politiker-Gesten werden hier dechiffriert: Der erhobene Zeigefinger gilt als Besserwisser-Geste; der Fingerring als betont wichtige Aussage. Politiker müssten die Medienwelt als Bühne nutzen, tun sie es nicht, sind sie schlicht inexistent, wird einem klargemacht. Hinter einer Ecke trifft man dann endlich auf Luxemburgs Premier und sein Markenzeichen: das modische bunte Halstuch. Ein Acessoire, das mittlerweile zu Bettel gehört wie der kleine Bär auf der Kaffeesahne.

Die Zeichen des Glaubens der vier großen Religionen sind noch schnell in einem Durchgang nebeneinandergestellt. Es folgen Zeichen der Peace & Protest-Bewegung, darunter die fast schon obligatorische Che-Guevara-Ecke.

Als Endstation der kunterbunten Zeichen-Schau sind blinkende Ampeln über der Aufnahme eines großen Boulevards zu sehen. „In einer globalisierten und mediatisierten Welt machen sich auch kulturelle Handlungsformen auf die Reise.“ Sie würden in anderen Gesellschaften aufgegriffen und übernommen, lautet die Erkenntnis einer Ethnologin. Von der Flut der Zeichen, mit denen man konfrontiert wurde, ist man jedoch fast erschlagen und enttäuscht. Zum eigenständigen Denken oder Differenzieren lädt die Schau nicht ein, vielmehr zeigt sie Zeichen als Codes und Ausdruck des eigenen Selbstverständnisses. Die Macher sind so in die Falle getappt, Zeichen plakativ als Ausdruck unserer Haltung zur Welt und unseres Ichs darzustellen und verfallen so der Banalisierung. Die Bundesrepublik ist für sie der Nabel der Welt. Aber vielleicht bietet die gleichzeitige stattfindende Ausstellung über „Bau-Zeichen“ ja eine sinnvolle Ergänzung, indem sie sich selbstbewusst mit luxemburgischer Architektur auseinandersetzt?

Zeichen – Sprache ohne Worte. 
Bis zum 3. Januar 2016 im Historischen Museum der Stadt Luxemburg.

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