KINO: Nachahmungstäter erwünscht

Im Utopia

„Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“: Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg.

Widerstand in Berliner Villen und auf der österreichischen Alm: Regisseur Hans Weingärtner zeigt im globalisierungskritischen „Die fetten Jahre sind vorbei“ politisches Kino mit einer Prise Ironie.

Sie sind jung, sie sehen gut aus, sie sind cool. Jan (Daniel Brühl), der Gerechtigkeitsfanatiker und Peter (Stipe Erceg), der Hobby-Anarchist, der nebenbei an seiner Karriere bastelt. Mitten in der sozialen Krisenstimmung leisten sie liebevoll-radikalen Widerstand gegen die Reichen. „Die fetten Jahre sind vorbei“, so lautet ihre Botschaft, die sie in den Villen hinterlassen, nachdem sie dort gehöriges Chaos gestiftet haben. mehr lesen / lire plus

TERRY ZWIGOFF: Bad Santa

Politisch inkorrekt und derb: Billy Bob Thornton spielt „Bad Santa“ in Terry Zwigoffs platter Satire, die das Fest der Liebe verspottet und doch im amerikanischen Kitsch versinkt.

Der Nikolaus, das Kind und der Elf: Regisseur Terry Zwigoff ist in „Bad Santa“ kaum etwas heilig.

Stille Nacht, heilige Nacht: Der Weihnachtsmann torkelt aus einer Bar und kotzt in den weißen Schnee. Willie (Billy Bob Thornton) ist ein komplett verdorbener Santa Claus. Er säuft, flucht, hurt und er hasst Kinder.

Hager, ungepflegt und mit verrutschtem Bart verdingt er sich in Terry Zwigoffs Satire „Bad Santa“ in Amerikas Kaufhäusern. Um das kommerzielle Festtags-Theater ertragen zu können, legt Willie ein aggressives Sozialverhalten an den Tag. mehr lesen / lire plus

US-WAHLKAMPF: Das kleinere Übel

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat John Kerry bietet keine außenpolitische Alternative. Die Antipathie, die George W. Bush mit seiner Politik und seiner Person erzeugt, garantiert Kerry noch längst keinen Wahlsieg.

Nach dem Parteitag der Republikaner steht US-Präsidentschaftskandidat John Kerry so schlecht da wie kein anderer Demokrat nach seiner Nominierung in den vergangenen 30 Jahren. 52 zu 41 Prozent führt George W. Bush laut Umfragen der Zeitschriften Newsweek und Time. Spätestens seit diesem Parteikonvent der Republikaner steht fest: Der US-Präsident überzeugt als unbeirrbarer Anti-Terror-Feldherr, Vietnamveteran John Kerry bleibt auf der Strecke. Letztlich hat er kaum mehr zu bieten, als nicht George Bush zu sein. mehr lesen / lire plus

OLIVIER ASSAYAS: Überlebt!

Er beginnt als Abgesang auf eine Rockära und endet mit dem Neubeginn einer Familie. Olivier Assayas jüngster Film „Clean“ beeindruckt dank seiner Hauptdarstellerin
Maggie Cheung.

Der letzte Zug: Rocksängerin Emily (Maggie Cheung) zahlt teuer für ihren Traum vom Ruhm.

Eine Spritze fällt zu Boden, eine Frau sitzt in einer schwarzen Limousine. Ihr Gesicht verschwimmt vor der Kamera. Ganz verlassen steht der Wagen nachts auf einem Parkplatz im kanadischen Hamilton. Im Hintergrund steigt glutroter Rauch aus Industrieschornsteinen auf. Mit dieser impressionistischen Landschaftsaufnahme deutet Olivier Assayas in seinem jüngsten Film „Clean“ eine Endzeit-Stimmung, das Ende einer Ära, der avantgardistischen Rockmusik der 80er Jahre an. mehr lesen / lire plus

FOTOGRAFIE: Schwarzweiß ist Farbe

Auf den zweiten Blick politisch: Yvon Lambert schaut hinter Fassaden und fotografiert Tabus.

„Ein Pessimist, ist ein Optimist, der sich Fragen stellt.“
(Foto: Christian Mosar)

Grenze – das ist etwas sehr Komisches. Man zieht eine Linie durch eine Gegend und sagt hier liegt Luxemburg, da Belgien. Meine ganze Kindheit war Grenze. Damals bin ich mit dem Fahrrad immer zu meiner Oma nach Belgien gefahren.

Yvon Lambert ist ein Einzelgänger, ein Grenzgänger, ein Wanderer: Er ist Fotograf. Albanien, Belgien, Bosnien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Japan, Laos, Mali, Marokko, Mazedonien, Rumänien, Russland, Spanien, Türkei, Ungarn, Vietnam… Der 49-Jährige, ein großer Mann – etwas schlaksig, mit rauer Stimme, erinnert sich sehr gut an jedes Land, das er bereist hat. mehr lesen / lire plus

KASTEN: Objectiv Plein Emploi

8.242 Menschen waren im Juli in Luxemburg arbeitslos gemeldet, das sind vier Prozent der Bevölkerung. Die größte Beschäftigungsinitiative im Land ist das Netzwerk des Objectiv Plein Emploi (OPE). Es ist aus einem Qualifizierungsprojekt für Jugendliche entstanden. Weiterbildung ist bis heute ein Schwerpunkt des Netzwerkes. 550 Menschen arbeiten zur Zeit dort. Aber nur ein Viertel der Mitarbeiter im Netzwerk des OPE hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Im ersten Halbjahr 2004 haben 41 Angestellte offiziell einen neuen Job gefunden. Das sind gerade einmal 20 Prozent von denjenigen, die die Beschäftigungsinitiative verlassen haben. Weitere 20 Prozent haben gekündigt, ohne Begründung.

Das Netzwerk des OPE ist für 48 Luxemburger Gemeinden zuständig, die meisten liegen im LSAP regierten Süden. mehr lesen / lire plus

BESCHÄFTIGUNGSINITIATIVE: „Für immer hier arbeiten“

Objectif Plein Emploi ist die größte Beschäftigungsinitiative Luxemburgs, aber sie versteht sich nicht als solche. Sie will nicht schwer Vermittelbare in den herkömmlichen Arbeitsmarkt integrieren, sondern ihnen einen festen Arbeitsplatz bieten.

Eine drei Meter lange Rutsche liegt auf dem Schotter eines Spielplatzes in Sanem. Die orange Farbe lässt sich nur noch an den Rändern erahnen, auf der Abfahrtsfläche ist sie längst abgeblättert. Einen Katzensprung entfernt graben drei Männer eine Vertiefung in die Erde. „Die Rutsche war locker. Die Jungs befestigen sie jetzt wieder neu“, sagt Charles. Der Leiter der Equipe d’Environnement überwacht die Arbeit. Seit drei Jahren arbeitet der Luxemburger schon für das Centre d’Iniative et de Gestion Local (CIGL) in Sanem. mehr lesen / lire plus

KINDERBETREUUNG: Angst vorm Schlafen

Die Betreuung von Kleinkindern ist in Luxemburg vor allem ein kommerzieller Markt. Die Aktiengesellschaft Familienservice hat ihre Finanznot verschwiegen, bis zum Konkurs – ein Schock für 120 Kinder und 34 BetreuerInnen.

Keinen Zentimeter weicht er von der Seite seiner Großmutter – und das schon seit einer halben Stunde. Yan hat sein Köfferchen mit bebilderten Würfeln einer Betreuerin gegeben, sein seeblaues „Scheefchen“ nicht. Es ist genauso alt wie er: drei Jahre. Seit ihrer Eröffnung vor zwei Jahren besucht der Junge schon die Crèche Villa Lavande hier in Gasperich. Nur wenige Kinder sind heute dort. Yans Freunde fehlen.

Am Nachmittag muss er sich mit seiner Oma einen anderen Hort ansehen. mehr lesen / lire plus

BÜCHER: „Mein Kapital ist die Sprache“

Angelika Thomé führt die Tradition des Luxemburger Verlagspioniers Francis Van Maele fort. Nebenbei träumt sie von Japan und Buddhismus.

Überall zu Hause: Angelika Thomé liebt den Austausch der Kulturen.

Dienstag 9 Uhr nach Bettembourg, 16 Uhr Shrek II: Auf einer Schiefertafel im Hausflur hat Angelika Thomé mit weißer Kreide notiert, was sie und ihre Söhne in dieser Woche unternehmen. Eine perfekte Organisation ist für die zweifache Mutter und Verlagsleiterin von éditions phi vor allem in den Schulferien angesagt. Denn dann haben der sechsjährige Dario und der neunjährige Julian viel Zeit – Angelika Thomé leider nicht. Aber zum Glück sind
da ja noch die Schwiegereltern. mehr lesen / lire plus

ANFREW JARECKI: Capturing the Friedmans

Arnold Friedman, Familienvater in einer Mustervorstadt, wird wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. „Capturing the Friedmans“ ist eine spannende Dokumentation
über einen der kontroversesten US-Kriminalfälle.

Ein Blick ins Familienalbum: Familie Friedman sucht das Glück.

Zum Familienleben gehört die Aufzeichnung des Familienlebens. Die Friedmans filmten alles – bis zum Gang des Vaters und seines jüngsten Sohnes in den Knast. Warum? Das ist nur eine der Fragen, die der Oscar-nominierte Dokumentarfilm „Capturing the Friedmans“ bis zum Schluss nicht vollständig beantwortet.

Autor Andrew Jarecki verzahnt Ausschnitte aus rund
50 Stunden eindrucksvollen Heimvideo- und Super8-Aufzeichnungen geschickt mit Interviews, die er 15 Jahre später mit Familienmitgliedern, ErmittlerInnen, Opfern und einer Journalistin führte. mehr lesen / lire plus

NOTIZ: Die schöne Welt des Delvaux

Die Ausstellung „Paul Delvaux in den Privatsammlungen“ läuft noch bis zum 26. September.

Er ist ein Maler der Züge, der Akte und der Skelette. Die Arbeiten am Luxemburger Bahnhof zeigt der junge Paul Delvaux noch impressionistisch inmitten dampfender Loks. Später positioniert er nackte Frauen vor Ruinen antiker Städte. Die Kreuzigung stellt er 1954 allein mit Skeletten dar und löste damit auf der Biennale in Venedig einen Skandal aus. Die Werke des Belgiers stellt das Musée national d’histoire et d’art jetzt anlässlich seines zehnten Todestages aus. Bei einem Rundgang lassen sich einzelne Schaffensphasen gut erkennen. Leider werden aber die für Ausstellungen absolut notwendigen Zusatzinformationen förmlich in die Ecke gedrängt. mehr lesen / lire plus

ALFONSO CUARON: Kein Zauber gegen Pubertät

Harry Potter ist kein Kind mehr. Regisseur Alfonso Cuarón zeigt im dritten Teil der Fantasy-Saga einen 13-Jährigen auf der Suche nach sich selbst – eine reife Leistung.

Eine Zitterpartie: Harry und Hermine bleibt nur ein zeitlicher Rückwärtsgang, um zu entkommen.

Harry schnappt sich seinen Koffer und verlässt wütend das Haus. Er ist es auch der plötzlich aus einer Kneipe rennt. Er hastet bis zu einem großen Stein und weint. Wenige Minuten später schreit er verbittert los. Kein Zweifel: Potter kommt in die Pubertät. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“, Teil drei einer Saga mit sieben Folgen, vollzieht hier eine entscheidende Wende – die auch in der Verfilmung gelingt: der Zauberlehrling verliert seine Naivität. mehr lesen / lire plus

GENTECH: Im Stich gelassen

Die EU macht den Weg für Genfood im Supermarkt frei – gegen den Willen der KonsumentInnen. Luxemburg stimmte gegen die Entscheidung. Greenpeace appelliert daher an die schwarz-blaue Regierung, auf nationaler Ebene Widerstand zu leisten.

„Nein!“, haben europäische VerbraucherInnen gefordert. Rund 80 Prozent der KonsumentInnen wollen keine Gentechnik in ihrem Essen – ihre Stimmen zählten aber nicht. Entscheidungsgewalt hatte letztlich die EU-Kommission. Ihre Antwort zur Frage der Marktöffnung für Genfood war eindeutig Ja. „Sie wollte das Moratorium noch nie“, sagt Martina Holbach, Gentech-Expertin bei Greenpeace-Luxemburg.

1998 hatten Luxemburg, Frankreich, Italien, Dänemark und Griechenland aufgrund mangelnder Gesetzeslage einen Zulassungsstopp für genmanipulierter Organismen (GMO) in der EU ausgesprochen. mehr lesen / lire plus

SUSANNE BIERMANN: Open Hearts

Es geht alles ganz schnell. Ein letzter Kuss, Autoräder quietschen, ein Körper prallt gegen Blech. Und dann ist für zwei Männer und zwei Frauen nichts mehr so, wie es einmal war. Niemand ist nur gut oder nur böse, aber alle tun sich weh. Susanne Biermann fesselt ihr Publikum durch diese alltäglichen zwischenmenschlichen Turbulenzen, die sie auf Super 8 gefilmten Nahaufnahmen präsentiert. „Open Hearts“ ist ein nagendes Seelendrama mit schonungsloser Intensität.

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DATENSCHUTZ: Etikettengeschwätz

Bislang wussten Supermärkte nur wenig über ihre KäuferInnen. Eine neue Kennzeichnungsmethode macht es möglich, dass sie bald sämtliche persönliche Daten wissen können. Sie schützt vor Ladendieben und gewährt Datendieben freie Hand.

Ein Überwachungsapparat à la George Orwell baut sich im Kaufhaus auf. Was die KonsumentInnen nicht wissen: Eine neue Technologie wird sich wohl schon bald in ihren Einkaufsbeuteln befinden. Die so genannte RFID (Radio Frequency Identification) soll die Strichcodes auf den Verpackungen ablösen. Sie ermöglicht, mittels Radiofrequenzen die Datensätze in Mikrochips von Etiketten kontaktlos und nahezu alle gleichzeitig zu lesen – im Zweifelsfall unbemerkt und aus Entfernungen bis zu zehn Metern. mehr lesen / lire plus