KINO: Mehr Engel als Engelmacherin

Mike Leigh ist mit „Vera Drake“ eine beeindruckende Schilderung des englischen Arbeitermilieus der 50er gelungen. Doch trotz starker Leistung Imelda Stauntons bleibt die Hauptfigur eindimensional.

Vera Drake ist ein guter Mensch. Sie lebt mit ihrem Ehemann Stan und ihren erwachsenen Kindern Sid und Ethel in einer kleinen Londoner Arbeiterwohnung. Das Leben der Drakes Anfang der 50er Jahre ist einfach und bescheiden, aber harmonisch. Vera arbeitet als Putzfrau, Stan als Automechaniker in der Werkstatt seines Bruders. Vera kümmert sich zusätzlich um den kranken Nachbarn und ihre alte Mutter. Und sie geht einer Nebenbeschäftigung nach, die sie vor ihrer Familie geheim hält: Sie hilft jungen Frauen – ohne Gegenleistung – bei der Abtreibung. mehr lesen / lire plus

KINO: Unendliches Meer der Freiheit

Alejandro Amenabars „Mar adentro“ handelt nicht nur von aktiver Sterbehilfe. Er ist ein poetischer Film über Liebe und Tod – mit einem großartigen Javier Bardem in der Hauptrolle.

Ramon Sampedro liegt seit 27 Jahren im Bett. Er ist, nachdem er bei einem Sprung von einem Felsen auf eine Sandbank prallte, vom Hals abwärts gelähmt. Der einst weit gereiste Seemann lebt auf dem Bauernhof seines Bruders im spanischen Galizien, umsorgt von seiner Schwägerin. Eines Morgens steht Ramon auf und verlässt sein Bett. Er schiebt es auf die Seite, nimmt Anlauf und springt aus dem Fenster. Ramon fliegt: über die galizischen Wälder und Flüsse, über Täler und Hügel – bis zum Meer, das er über alles liebt, das ihm, wie er sagt, alles gegeben und alles genommen hat. mehr lesen / lire plus

OMBUDSMAN: Unabhängig und ohne Macht

Marc Fischbach hat in seiner Rolle als Médiateur wenig Befugnisse. Und bei den Behörden mangelt es an Kooperationsbereitschaft.

Marc Fischbach war sichtlich ungehalten. Als er am vergangenen Dienstag vor die Presse trat, hatte sich beim Luxemburger Ombudsmann eine Menge Verdruss angestaut. Obwohl die Behörden seiner Meinung nach im Großen und Ganzen gut arbeiten, zeigte sich Fischbach – was die Kooperation mit dem Ombudsmann angeht – „enttäuscht“.

Seit einem Dreivierteljahr ist der Ex-Justizminister und ehemalige Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nun als Médiateur zwischen BürgerInnen und der öffentlichen Verwaltung im Amt und nimmt die Beschwerden der BürgerInnen entgegen. Auch seine zweite Bilanz fällt – wie die erste vor einem Vierteljahr – für die Behörden wenig schmeichelhaft aus: In acht Monaten wurde Fischbach mit insgesamt 829 Dossiers betraut, 627 davon wurden bereits abgeschlossen, in 185 Fällen korrigierten die Ämter und Ministerien ihre Entscheidungen. mehr lesen / lire plus

JIM JARMUSCH: Coffee and Cigarettes

Ein wahres Vergnügen nicht nur für Fans von Jim Jarmusch: Der Regisseur hat in 17 Jahren elf lakonische, witzige Miniaturen über Süchte und Sehnsüchte gedreht. Die Dialoge sind einfach köstlich, die DarstellerInnen wunderbar. Und wem die eine Episode weniger gefällt, dem gefällt die andere um so mehr.

Auf Tournee durch die Provinz, diese Woche im Prabbeli in Wiltz. mehr lesen / lire plus

JUGEND HEUTE: Jugendliche Folklore

In der Luxemburger Jugendkonferenz fliegen die Fetzen. Der Vorsitzende will per Statutenänderung ein Alterslimit einführen. Das hätte auch gleich ein prominentes Opfer: seinen Vorgänger.

„Am Kader vun der Lëtzebuerger EU-Présidence déi éischt Halschent 2005 wärt d’CGJL och duefir suergen, datt d’Jugend an der Diskussioun net vergiess gëtt.“ Der Satz auf der Website der Conférence Générale de la Jeunesse Luxembourgeoise (CGJL) klingt vielversprechend. Die CGJL scheint sich einiges vorgenommen zu haben. Für die EU-Präsidentschaft hat sie eigens eine 24-jährige Portugiesin als „Presidency Officer 2005“ eingestellt. Sie soll die Aktivitäten der Jugendkonferenz und des Youth Forum während der Präsidentschaft koordinieren, unter anderem das „Youth Event“ vom 23. mehr lesen / lire plus

CLAUDE BERRI: L’un reste, l’autre part

Im Utopia

Claude Berris wohl persönlichster Film ist eine Mischung zwischen Komödie und Drama. Doch das starbesetzte Gefühlskino im Stile von Lelouch und Sautet vermag weder Gefühle beim Zuschauer zu erwecken noch ihn zum Nachdenken anzuregen. Dazu bleibt er zu sehr im Rahmen der Konventionen und bietet nicht mehr als gelungene Unterhaltung. mehr lesen / lire plus

GLEICHSTELLUNG: Langer Atem

Die Stadt Luxemburg hat einen längst überfälligen Leitfaden für Behinderte herausgegeben. Dieser offenbart Mängel an öffentlichen Gebäuden.

„Easy City“ – so heißt die Informationsbroschüre, die die Stadt Luxemburg diese Woche vorgestellt hat. Sie wolle damit Bedingungen schaffen, „die es behinderten Personen ermöglichen, aktiv am Stadtleben teilzunehmen und ihnen so weit wie möglich den Alltag zu erleichtern“, schreibt Bürgermeister Paul Helminger in seinem Vorwort. Das ist löblich und die Publikation selbst nützlich. Sie bietet einen Leitfaden über Zugangserleichterungen über Hilfe und Betreuung von Behinderten im Alltag, Informationen über Renten und Beihilfen sowie über den Zugang zu Sport- und Kulturstätten in Luxemburg. Und sie zeigt, wo Behindertenparkplätze zu finden sind. mehr lesen / lire plus

SPIELSUCHT: Falscher Froschkönig

Rund 4.500 Spielsüchtige soll es in Luxemburg geben. Die Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ fordert besseren Schutz für die Betroffenen und setzt auf Hilfe vom Staat.

Der Eintritt zum Glück kostet 50 Cent. Um in die Spielautomatenhalle des Bad Mondorfer Kasinos zu gelangen, zieht man am Eingang ein Ticket. Ein roter Teppich führt in den mit psychedelischen Farben und Mustern ausgestatteten Saal. Schon von weitem sind die Hauptdarsteller zu vernehmen: Über 200 Automaten, die in Leuchtschrift das große Glück versprechen und dazu beepen, blinken, klacken und rattern. Für bodenständige Traditionalisten gibt es die so genannten einarmigen Banditen mit ihren großen Hebeln an der rechten Seite. mehr lesen / lire plus

OLIVIER MARCHAL: Melvilles Erbe

Olivier Marchal betreibt Traditionspflege mit Mitteln des modernen Action-Kinos. Sein Polizeifilm „36, quai des Orfèvres“ erinnert an alte französische Klassiker.

Bei Regisseur Olivier Marchal findet Gérard Depardieu eine seiner besten Rollen seit langem.

Eine Gangsterbande hat einen Geldtransporter überfallen. Der gepanzerte Wagen wird dabei in die Luft gejagt. Das Ganze ist bis ins Detail geplant. Kurze Zeit später trifft die Polizei ein: Leo Vrinks (Daniel Auteuil) von der Fahndung und Denis Klein (Gérard Depardieu) von der Abteilung organisierte Kriminalität haben sich wenig zu sagen. Ihre Brigaden konkurrieren miteinander. Hinzu kommt, dass Vrinks seinem Rivalen einst die Frau ausgespannt hat.

Zwei Polizisten, einst befreundet, dann verfeindet – Olivier Marchals Film „36, quai des Orfèvres“ basiert auf einer klassischen Konstellation. mehr lesen / lire plus

ASYLPOLITIK: Hart und halbherzig

Die LSAP-Minister Asselborn und Schmit betonen den humanen Charakter ihres Entwurfs zum neuen Asylgesetz. Dabei steht er in der Tradition von Luc Friedens Abschiebepolitik und entspricht ganz den Harmonisierungsbestrebungen der EU.

Ibrahim Ejiofor* ist spät dran. Der Nigerianer ist zwar schon vor halb neun im Immigrationsministerium in der Avenue Monterey. Doch andere warten bereits im Erdgeschoss, bis sie aufgerufen werden – Asylbewerber wie er. Sie sind aus unterschiedlichen Anlässen gekommen. Im Ministerium wird ihnen eine Unterkunft zugeteilt, erhalten sie Taschengeld oder eine Busfahrkarte. Eines verbindet sie: Sie warten auf einen Bescheid, ob sie in Luxemburg bleiben dürfen oder nicht.

Ibrahims Geschichte klingt abenteuerlich. mehr lesen / lire plus

VOLKER SCHLÖNDORFF: Die Stille nach dem Sch(l)uss

Trotz vieler Verrisse und dem Vorwurf, er sei ein „Regisseur ohne Stil“: Volker Schlöndorff traut sich an heikle Themen heran und riskiert dabei etwas – das Scheitern inklusive.

Geduldig gibt Volker Schlöndorff ein Autogramm nach dem anderen. Der Filmregisseur ist in die Libo-Buchhandlung ins Luxemburger Bahnhofsviertel gekommen, um das Filmbuch zu „Der neunte Tag“ zu signieren. Der 65-Jährige hat bereits einen Kurz-Marathon durchs Großherzogtum hinter sich, während ihm aus der deutschen Hauptstadt heftige Empörung nacheilt. Mit seiner Kritik, Berlin sei keine richtige Weltstadt und könne mit Paris nicht verglichen werden, hat er dort einen Aufschrei der Empörung bei der lokalen Prominenz ausgelöst. mehr lesen / lire plus

VOLKER SCHLÖNDORFF: Schwere Last

Volker Schlöndorff konzentriert sich in „Der neunte Tag“ auf das Wesentliche. Als dialektisches Lehrstück wirkt der Film überholt, als Studie eines Gewissenskonflikts ist er zu bedeutungsschwanger.

Im Gewissenskonflikt mit sich selbst: Abbé Henri Kremer.

„Ich weiß nur, dass es ein Film ist, der auch wehtut“, hat Volker Schlöndorff in einem Interview über „Der neunte Tag“ gesagt. Der Spezialist für Literaturverfilmungen unter den deutschen Filmregisseuren hat sich erstmals an die Inszenierung der Nazi-Gräuel in den Konzentrationslagern gewagt. Vorher hielt er das KZ-Grauen für nicht darstellbar – wohl in dem Wissen, dass Filme über die Nazi-Verbrechen immer wehtun, selbst in komödiantischen Interpretationen wie Roberto Begninis „La vita e bella“. mehr lesen / lire plus

IMMIGRATION: Das gute Gewissen

Asylverfahren, Aufenthaltsrecht, doppelte Staatsbürgerschaft – der Conseil national pour étrangers ist als Beratungsgremium gefragt. Sein Einfluss bleibt jedoch begrenzt.

„Es gibt eine gute Mischung aus Einheimischen und Ausländern.“ Familien- und Integrationsministerin Marie-Josée Jacobs stellte der luxemburgischen Integrationspolitik gute Noten aus, als sich der neue Conseil National pour Etrangers (CNE) am vergangenen Dienstag zur konstitutierenden Sitzung versammelte. Man könne sich glücklich schätzen, dass Luxemburger und Nicht-Luxemburger im Großherzogtum zusammenleben, ohne dass sich Ghettos gebildet hätten, sagte die CSV-Politikerin und nahm dabei Bezug auf die jüngsten Ausschreitungen in den Niederlanden.

„Die Luxemburger Gesellschaft ist kulturell anders zusammengesetzt“, erklärt Franco Barrilozzi, Generalsekretär des Comité de Liaison et d’Action des Etrangers (Clae). mehr lesen / lire plus

US-WAHLEN: Die Chance liegt auf der Straße

Im Gegensatz zu seinem Rivalen Kerry hat es George W. Bush geschafft, die amerikanische Seele anzusprechen. Auch in Zukunft wird er das Land polarisieren. Anlass für Protest gibt es weiterhin.

Am Ende haben auch die Regenjacken nichts genützt. George W. Bush bleibt US-Präsident. Dabei schickten die Demokraten noch am Dienstag 60.000 Plastik-Ponchos nach Ohio, um auch wirklich alle AnhängerInnen John F. Kerrys zur Wahlurne zu bewegen. Denn in dem Bundesstaat, wo die entscheidende Schlacht der amerikanischen Präsidentschaftswahl geschlagen wurde, hatte es zu regnen begonnen. An der Nässe lag es aber nicht, dass Kerry die Wahl verloren hat. Und an der hohen Wahlbeteiligung, die normalerweise eher den Demokraten zum Vorteil gereicht, auch nicht. mehr lesen / lire plus

JONATHAN DEMME: The Manchurian Candidate

Im Utopolis

Vom Kalten Krieg zum Schlachtfeld der Global Players: Jonathan Demme ist ein spannendes Remake von John Frankenheimers Politthriller aus dem Jahr 1962 gelungen. Die realistische Story besitzt reichlich Aktualitätsbezug, und die DarstellerInnen überzeugen durchweg: Allen voran glänzt Meryl Streep. mehr lesen / lire plus

KRIMINALITÄT: Filmreif inszeniert

Die angebliche Unsicherheit im Luxemburger Bahnhofsviertel ist zum Medienthema avanciert. Dabei wird in populistischer Manier der Bogen zur Asyldebatte geschlagen.

Eine leere Whiskey-Flasche liegt auf der regennassen Straße. Im Hintergrund ist der Luxemburger Bahnhof zu erkennen – und ein Mann mit dunkler Hautfarbe. Mit diesem kunstvoll komponierten Foto beginnt diese Woche die Zeitschrift Revue ihre Reportage über Missstände im hauptstädtischen Bahnhofsviertel. Ein paar Seiten weiter schaut eine Polizistin einem Afrikaner in den Mund. Der dazu gehörende Text handelt von „schwarzafrikanischen Asylantragstellern“, in deren Hand sich angeblich der Heroin- und Kokainhandel im Bahnhofsviertel befindet, sowie von Junkies, die auf Raubzug gehen und Leute anpöbeln. mehr lesen / lire plus

THEATER: „Es hat gejuckt zu spielen“

Marc-Sascha Migge spielt die unterschiedlichsten Rollen an verschiedenen Luxemburger Bühnen. Das Theater lässt den jungen Schauspieler nicht mehr los.

Ausprobieren als Devise: Bald wird Marc-Sascha Migge unter anderem in dem Stück „Héi ass et schéin“ von Jean-Paul Maes und in Martin McDonaghs „Der Kissenmann“ zu sehen sein.

Leidenschaft, Sehnsucht und gegenseitige Schuldzuweisung – davon handelt „Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing. Jean-Paul Maes hat das Stück, das vor fast 250 Jahren die TheaterzuschauerInnen zum Weinen brachte und mit dem Lessing die Tradition des bürgerlichen Trauerspiels begründete, entrümpelt und auf die Bühne des Kapuzinertheaters gebracht. Denn dass Liebesbeziehungen entstehen und sich wieder verlieren, kann nicht zeitloser sein. mehr lesen / lire plus

SCHULE: Klassenziel in weiter Ferne

Soziale Ungleichheit, steigende Schülerzahlen, schlechtes
Abschneiden im internationalen Vergleich – die neue Erziehungsministerin Mady Delvaux-Stehres steht unter Zugzwang.

„Es gibt wenig gute Schüler, aber ganz viel schlechte.“ Guy Foetz‘ Urteil über das Niveau des Luxemburger Schulsystems ist vernichtend. Der Vize-Präsident des Syndikats Erziehung und Wissenschaft (SEW) fügte bei der Pressekonferenz der Lehrergewerkschaft am vergangenen Dienstag noch hinzu: „In anderen Ländern ist es eher gelungen, eine wesentlich höhere Zahl an guten Schülern zu haben.“

Wieder gibt es – vier Jahre nach Pisa – eine Studie der „Organization for Economic Cooperation and Development“ (OECD). Dabei hat Luxemburg nur bedingt an dem internationalen Vergleich teilgenommen. mehr lesen / lire plus

WALTER SALLES: Diarios de Motocicleta

Der brasilianische Erfolgsregisseur
Walter Salles verfilmt Che Guevaras „Diarios de Motocicleta“ und stößt dabei an die Grenzen des Road Movies.

Eine Odyssee durch Südamerika: Alberto Granado (Rodrigo de la Serna) und Ernesto Guevara (Gael Garcia Bernal) in der Atacama-Wüste.

Zwei junge Argentinier steigen 1952 in Buenos Aires auf ein altes Motorrad und begeben sich auf eine lange Fahrt. Mehr als ein halbes Jahr lang durchqueren sie Südamerika. Die Reise führt sie zuerst in die unermessliche Weite Patagoniens, dann nach Chile, Peru, Kolumbien und Venezuela. Einer der beiden, Ernesto „Che“ Guevara, wird später Revolutionär in Kuba an der Seite von Fidel Castro und – nach seiner Ermordung durch die bolivianische Armee 1967 – ein Märtyrer der Linken und weltweites Idol der Popkultur. mehr lesen / lire plus

SCHULE: Ghetto oder neue Chance

Für die einen sind sie Störenfriede, für die anderen Opfer: Verhaltensauffällige PrimärschülerInnen sollen künftig in einer Classe de Transition soziale Kompetenzen erlernen.

Felix* geht wieder gerne zur Schule. „Er hat keine Angst mehr“, sagt seine Mutter. Zuerst hatte der Junge eine Primärschule in der Hauptstadt besucht. In seiner Klasse sei er immer wieder von Mitschülern gehänselt worden. „Das ging bis zu Prügeln. Dabei hat sich besonders einer als Rädelsführer hervorgetan“, erzählt die Mutter. „Er hat Felix geschlagen und ihm das Leben zur Qual gemacht. Doch nicht nur unseren Jungen hat er terrorisiert. Er hat auch ständig den Unterricht gestört.“ Felix‘ Eltern reagierten, indem sie ihren Sohn von der Schule nahmen und ihn an einer anderen anmeldeten. mehr lesen / lire plus