FÜRSORGE: Ziemlich beste Freunde

Können Freundschaften die Familie und professionelle Dienstleister ersetzen, wenn dauerhaft Hilfe anderer benötigt wird? Das Fazit einer Studie des Soziologen Janosch Tobin fällt ernüchternd aus.

Gesellschaftliche Prägung macht hier nicht halt: Auch Freundschaften basieren häufig unbewusst auf dem Äquivalenzprinzip.

Auf den literarischen Bestsellerlisten finden sich immer häufiger Bücher, in denen Krankengeschichten und Pflegeerfahrungen erzählt werden. Zumeist schreiben die Autorinnen und Autoren über verwandtschaftliche Nahbeziehungen, den demenzkranken Vater oder die früh verstorbene Tochter. Allein in postum veröffentlichten autobiographischen Aufzeichnungen wird zunehmend auch die Bedeutung der Unterstützung durch Freundinnen und Freunde hervorgehoben. Die Darstellung freundschaftlicher Fürsorge bleibt vor allem den Film- und Fernsehproduktionen vorbehalten, als ließe sich diese Wunschvorstellung nur in der Traumwelt des Kinos verwirklichen. mehr lesen / lire plus

JUBILÄUM: Wo Italien anfängt

Zum 50. Geburtstag schenkt sich der Wagenbach-Verlag eine Reihe von Erstlingswerken junger Autoren. Das Debüt der italienischen Schriftstellerin Paola Soriga knüpft thematisch an die Klassiker der italienischen Nachkriegsliteratur an.

Einst Brutstätte von Widerstand und Dissidenz: das Arbeiterviertel Centocelle, als es noch die Stadtgrenze von Rom markierte.
(Foto: Internet)

Unerschrocken war Ida an jenem hellen Maimorgen losgegangen, als ihr Don Pietro aus seinem Beichtstuhl heraus zuflüsterte, sie solle in die Druckerei laufen, eine Nachricht liege bereit. Es war nicht ihr erster Kurierdienst, sie kannte die Laufwege des antifaschistischen Netzwerks aus der römischen Peripherie in die Innenstadt. Sie kannte auch den Jungen, der plötzlich an ihr vorbeigerannt kam und ihr eine Warnung zugeraunt hatte. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Renzi, der neueste Tribun

Überraschend deutlich konnte sich die Demokratische Partei PD um Ministerpräsident Renzi bei der Europawahl durchsetzen. Dennoch signalisiert diese auch in Italien einen Rechtsruck in mehrfachem Sinn: Während Renzi nicht nur wegen seines Populismus Berlusconi seltsam nahe ist, radikalisiert sich das Spektrum rechts der PD.

Die Europawahl war seine Show:
Der italienische Regierungschef Matteo Renzi (PD), hier mit dem deutschen Sozialdemokraten Martin Schulz, der für die europäischen Sozialisten das Amt des Kommissionspräsidenten erstreiten wollte.

Wie in verschiedenen anderen Ländern auch, spielten die beiden europäischen Spitzenkandidaten Jean-Claude Juncker und Martin Schulz im italienischen Wahlkampf keine Rolle. Dem konservativen Kandidaten fehlte die Unterstützung eines bürgerlichen Lagers. mehr lesen / lire plus

KLASSENKAMPF VON OBEN: Die Hegemonie des Kapitals

Mit genauem Blick für die Gründe der Niederlage, aber ohne politische Strategie: Ein Interviewband legt das Dilemma der italienischen Linken offen.

Wo Gesellschaft bloß als Schicksal erfahren wird, bleibt vom Willen zur Veränderung allein die Wut: nicht nur der italienische Politiker Beppe Grillo (Bild) weiß mit ihr zu spielen.

Italiens Linke ist in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Nach der Selbstauflösung der ehemals größten kommunistischen Partei Westeuropas hat sich die Nachfolgeorganisation als Demokratische Partei von jeder sozialdemokratischen Tradition distanziert. Übrig geblieben sind verschiedene kommunistische Splittergruppen und eine kleine intellektuelle Minderheit, zu der auch der Ehrenpräsident des italienischen Soziologenverbandes Luciano Gallino gehört. Ohne Nostalgie für die vergilbten Hammer und Sichel-Fahnen analysiert er in einem Interviewband mit der Turiner Soziologin Paola Borgna den „Klassenkampf nach dem Klassenkampf“. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Chauvinismus wieder chic

Die anhaltende Krise führt auch in Italien zu sozialer Verrohung und politischer Stärkung der Rechten. Und der Protest außerhalb des Parlaments präsentiert sich so unreflektiert, dass er offen scheint für nahezu jedes Ressentiment.

Nomen est Omen? Die soziale Protestbewegung, die derzeit in Italien am meisten von sich reden macht, hat die Form der Mistgabel, wie sie in vormodernen Zeiten typisch war, als Emblem gewählt.

Nach zwei Jahren fortdauernder Rezession kippt in den norditalienischen Industriemetropolen die Stimmung. Eine von sozialem Abstieg und Verarmung bedrohte Mittelschicht aus Landwirten, mittelständischen Unternehmern, kleinen Ladenbesitzern und Scheinselbständigen mobilisiert seit einigen Wochen gegen bürokratische Vorgaben und steigende Steuerlasten. mehr lesen / lire plus

PHILOSOPHIE: Die Struktur des Wahren

Über Jahrhunderte galt die Italienreise als zentrale Bildungserfahrung des europäischen Bürgertums. Ein neues Buch interpretiert dieses Erlebnis als bislang unbenannten Nukleus der Philosophie des sublimsten Kritikers der bürgerlichen Gesellschaft der Gegenwart: Theodor W. Adorno.

„Auch ich in Arkadien!“ Schon Goethes „Italienische Reise“ folgt vorgegebenen Spuren. Der Dichter bereist jene Etappen der Grand Tour, die literarisch etabliert waren. Sein Vater hatte sie bereits besucht und dem Sohn die Erfahrungen der Italienfahrt in Aufzeichnungen überliefert. Denn zur Tradition der italienischen Bildungsreise gehört, lange bevor Goethes Tagebuch zur Pflichtlektüre für die bürgerliche Nachwelt wird, die Tradition des Reiseberichts. Darin sollten die viel besungenen Sehenswürdigkeiten nochmals gewürdigt, gleichzeitig aber auch Neues, bisher Unentdecktes festgehalten werden. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Gesten statt Grundrechte

Auch wenn Berlusconi im Parlament eine Niederlage einstecken musste: der Plan von Ministerpräsident Letta, mit einer Vertrauensabstimmung das rechte Lager zu spalten, ging nicht auf. Seine formal linksliberale Partei manövriert Letta konsequent auf einen christdemokratischen und wirtschaftsliberalen Kurs.

Soll die liberale Linke Italiens
aus ihrem Dornröschenschlaf wecken: Matteo Renzi, Bürgermeister von Florenz und Hoffnungsträger des PD (Partito Democratico).

Den ganzen Sommer sorgte sich die italienische Regierung nur um ihren eigenen Fortbestand. Dass immer wieder Flüchtlingsboote kenterten und Menschen beim Versuch, die sizilianische Küste zu erreichen, ertranken, blieb weitgehend unkommentiert.

Erst die Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa sollte den politischen Streit vergessen machen. Ministerpräsident Enrico Letta ordnete Staatstrauer an. mehr lesen / lire plus

FAKTEN & FIKTION: Perspektive

Es hätte so viel aus ihr werden können: Doch dann kam die politische Journalistin Ulrike Meinhof auf den bewaffneten Kampf. Steve Sem-Sandberg veranstaltet einmal mehr ein Tribunal über eine Frau, die ihre Klasse verraten hat.

Schöne, kluge Frau: Ulrike Meinhofs Entscheidung für den bewaffneten Kampf wird meist nicht in der damaligen gesellschaftlichen Konstellation, sondern allein in ihren psychischen Dispositionen zu ergründen gesucht. Meist erfährt man dabei nicht viel über sie, dafür aber über den Zustand einer männlich geprägten Gesellschaft, die solche Projektionen hervorbringen muss.

International bekannt geworden ist der schwedische Journalist und Autor Steve Sem-Sandberg mit seinem Roman über das nationalsozialistische Ghetto Litzmannstadt. mehr lesen / lire plus

LITERARISIERTE ERINNERUNG: Fragmente eines fernen Glücks

Anja Röhl und Ulrike Edschmid haben sehr persönliche Erinnerungen an die „bleierne Zeit“ in Deutschland vorgelegt und an Menschen, die als „Staatsfeinde“ in die Geschichte eingegangen sind.

Menschen, die hinter der Ikonographie verschwinden: Plakate mit den Konterfeis der zur Fahndung ausgeschriebenen RAF-Mitglieder gibt es mittlerweile bei „Amazon“ als Blechschild zu kaufen.

Am 9. Mai 1975 wird Werner Sauber, linksradikaler Aktivist der „Bewegung 2. Juni“ während einer nächtlichen Polizeikontrolle auf einem Kölner Parkplatz erschossen. Ein Jahr später, am 9. Mai 1976, stirbt die Journalistin und RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Im Frühjahr dieses Jahres erschienen zwei Bücher, die mehr verbindet, als der zufällig gemeinsame Sterbetag der beiden Menschen, an die sie erinnern. mehr lesen / lire plus

INTELLEKTUELLE SYMBIOSE: Schmerz und Blindheit

Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf hat seiner frühver-storbenen Frau ein Gedenkbuch gewidmet. Doch was als Dialog der Seelenverwandten gedacht ist, gerät zum Monolog, der mit tastend-suchender Annäherung nichts zu schaffen hat.

Claus-Steffen Mahnkopf

Auch ich in Arkadien! Wer das Künstlerstipendium der Deutschen Akademie in Rom bekommt, darf in der Tradition von Goethes Italienischer Reise ein Jahr in der Ewigen Stadt verbringen und im Süden auf neue Inspiration für sein Schaffen hoffen. Als der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf im Frühjahr 1998 in die Villa Massimo einzieht, ist er entschlossen, zudem Italienisch zu lernen. Prompt erfüllt sich die romantischste Italiensehnsucht: Er verliebt sich in seine Sprachlehrerin. mehr lesen / lire plus

NACH AUSCHWITZ: Literarischer Filmriss

Zum Jubiläum der „Gruppe 47“ hat der Literaturkritiker Helmut Böttiger eine Geschichte dieser Vereinigung deutscher Nachkriegsliteraten auf den Markt geworfen. Das Buch ist vom selben Ungeist durchzogen, von dem auch sein Gegenstand beseelt war. Eine zwiefache Erledigung.

Postfaschistische Katerstimmung: In diesem Etablissement in Bayern hat sich die Gruppe 47 erstmals getroffen, um der deutschen Nachkriegsliteratur aus ihrem unbehausten Zustand zu verhelfen.

„Ich finde, die Gruppe 47 war eine Sadistenvereinigung, an der ich nicht einmal unter Todesandrohung teilgenommen hätte.“ Der Frage, ob es eine neue Gruppe 47 braucht, mit der das Feuilleton immer wieder gerne kokettiert, hat Elfriede Jelinek eine klare Absage erteilt. mehr lesen / lire plus

ABSCHIED: Das verlorene Wir

In einer schmalen Sammlung von Prosastücken tastet der polnische Autor Andrzej Stasiuk nach Worten für den Verlust, der sprachlos macht.

Andrzej Stasiuk hat in vielen seiner Bücher vom Verschwinden Südosteuropas erzählt. In seiner road novel „Hinter der Blechwand“ sind die Landschaftsbilder gezeichnet vom Tod: Aus den Schornsteinen steigt schwarzer Rauch, eisige Winde wehen den Geruch sterbender Fabriken über ödes Brachland. Im Herbst, in der Dämmerung, in der nächtlichen Finsternis sieht Pawel, dass die Stadt zu sterben begonnen hat, abstirbt, stirbt. „Um zehn ist alles tot.“ Wenn er mit W?adek in seinem alten Lieferwagen über Land fährt, um auf improvisierten Märkten abgetragene, westliche Markenklamotten zu verkaufen, kommt es ihm manchmal vor, als sei er schon sein eigener Schatten. mehr lesen / lire plus

ANDERS LIEBEN: Ein schönes Missverständnis

Ronald M. Schernikaus szenische Erzählung „so schön“ ist der Utopie einer anderen Form von Subjektivität gewidmet – ohne Angst, Eifersucht und Neid. Ein Frühlingsreigen in 48 Episoden.

So schön: Der 1991 verstorbene Schriftsteller Ronald M. Schernikau.

Tonio und Franz treffen sich auf der Klappe, einem Treffpunkt für schnellen Sex. Zuhause treffen sie Paul, der sich mit Bruno aufs Sofa fallen lässt. Franz und Paul wohnen zusammen, Paul und Bruno sind in derselben kommunistischen Bezirksgruppe. Liebevolle Albernheit und politische Agitation bestimmen den Alltag der Berliner Wohngemeinschaft. Schlagermusik hallt über den Flur, alle Türen stehen offen. Der Sommer ist ungewöhnlich schön. „so schön“ ist auch der Kurztitel und wiederkehrende Refrain von Ronald M. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Das Verschwinden der Linken

In ihrer Ablehnung der europäischen Austeritätspolitik erklärt die außerparlamentarische Linke Italiens den Feind ihres Feindes zum Freund ? dabei hat der jüngste Wahlausgang vor allem den Berlusconismus gestärkt.

Mobilisiert die Wutbürger Italiens: Der „Antipolitiker“ Beppe Grillo.

Es herrscht großes Chaos unter dem italienischen Himmel, doch vielen außerparlamentarischen Linken erscheinen die Bedingungen exzellent. Mao zitierend, lässt sich einmal mehr die revolutionäre Hoffnung beschwören. „Es lebe Grillo! Es lebe die Instabilität!“ frohlockt Antonio Negri im Interview mit dem postoperaistischen Netzwerk Uninomade (www.uninomade.org). Der Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi erklärt, er habe mit seiner Stimme für Beppe Grillo einen Beitrag zur „Unregierbarkeit“ Italiens und zur Niederlage der europäischen Austeritätspolitik leisten wollen. mehr lesen / lire plus

IN FINSTEREN ZEITEN: Der Geist der Zigarre

Robert Seethaler hat mit „Der Trafikant“ einen Bildungsroman geschrieben, dessen Handlung sich vor dem Hintergrund des österreichischen Anschlusses an Nazi-Deutschland entspinnt. Er erzählt auch von der widerständigen Kraft des Denkens.

„An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.“ Ein Blitz erschlägt den im See badenden Alois Preininger, der in der oberösterreichischen Provinz zu den reichsten Männern zählte und die regelmäßigen Liebesdienste von Franz` Mutter pünktlich zu jedem Monatsende mit einem schönen Geldbetrag quittierte. mehr lesen / lire plus