ITALIEN: Im Schatten des Vatikan

Berlusconis lautstarke Aufholjagd ist knapp zwei Wochen vor den italienischen Parlamentswahlen vom Papstrücktritt ausgebremst worden – ein Großteil der Aufmerksamkeit richtet sich nun zum Petersdom. Doch erneut droht die Gefahr, dass interne Zerwürfnisse eine Mitte-Links-Regierung verhindern.

Advocatus Diaboli: Der Zeitpunkt, den Joseph Ratzinger für seinen Rücktritt gewählt hat, dürfte Berlusconi nicht amüsiert haben – „Gottes Rottweiler“ hat dem Krawallwahlkämpfer die Show gestohlen. Ob die Linke davon profitieren kann, ist allerdings fraglich.

In den sozialen Netzwerken wird Silvio Berlusconi als Papstnachfolger präsentiert. Doch dem Auserwählten ist nach Bekanntgabe des Rücktritts von Benedikt XVI. nicht nach Späßen zumute. In den letzten Wochen des Parlamentswahlkampfs hatte Berlusconi alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Unermüdlich war er durch die Radio- und Fernsehstationen gezogen und hatte die frohe Botschaft verkündet, im Falle seines Wahlsieges Steuern nicht nur zu senken, sondern sogar zurückzuzahlen. mehr lesen / lire plus

FESTUNG EUROPA: Geister, die keiner sehen will

Wer von Afrika nach Europa flüchtet, wird zwar nicht freundlich begrüßt, dafür aber mit Klischees beladen. Der neuseeländische Autor Lloyd Jones versucht mit seinem neuen Roman, gängige Bilder zu irritieren.

Objekt des europäischen Blicks: Flüchtlinge auf Lampedusa.

Die Madonna im blauen Mantel schmückt in Süditalien nicht nur Kirchenportale, sie ziert unzählige Hauseingänge, Fensternischen und Mauervorsprünge. Der Mutter des Gottessohnes gelten Fürbitte- und Dankgebete. Ob als verwitterte Holzfigur, kunstvoll bemalte Keramikstatue oder neonbeleuchtetes Plastikmodell, Maria wird als göttliche Jungfrau und mehr noch als Schutzheilige verehrt.

„Die Frau im blauen Mantel“, von der der neuseeländische Autor Lloyd Jones in seinem im Herbst im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman erzählt, ist dagegen keine Heilige. mehr lesen / lire plus

ARBEIT MACHT KRANK: Totenkorb ohne Milch

Mario Desiati erzählt die Geschichte der italienischen Arbeitsmigration aus der Perspektive der Nachkommen. Sie handelt von skrupelloser Ausbeutung – und ist trotz des historisierenden Blicks erschütternd aktuell. Ein Treffen mit dem Autor.

Mimi ist vierzehn Jahre alt, als ihr Vater die Emigration in die Schweiz ankündigt. In der Nähe von Zürich will er in einer der größten Eternitfabriken Europas Arbeit finden. Der Name Eternit steht für eine patentierte Mischung aus Zement und Asbestfasern. Während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahre wird der Asbestzement zu einem der wichtigsten Baustoffe. Asbest gilt als „Wunderfaser“, denn das Material ist vielseitig verwendbar, beständig und billig. „In jeder Abteilung gab es eine andere Sorte Asbest, jeder Arbeiter sah sich seinem eigenen Freund-Feind gegenüber.“ Längst ist die gesundheitsschädliche Wirkung der Staubpartikel bekannt. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Mediterrane Protestfreude

Trotz der Polizeigewalt während des Aktionstags gegen die europäische Austeritätspolitik in Rom wird dieser euphorisch als Wendepunkt der Protestbewegung gefeiert.

Kein Mangel an Dynamik: Straßenschlacht beim länderübergreifenden Aktions- und Solidaritätstag gegen die europäische Austeritätspolitik am 14. November in Rom.

„Was, sie bewerfen sie von oben?“ Die Stimme aus dem Off im Amateurvideo drückt jenes ungläubige Erstaunen aus, das alle empfanden, die am Freitag vergangener Woche auf der Internetseite „repubblica.it“ die Filmaufnahmen zum ersten Mal sahen: Aus dem oberen Stockwerk des Justizministeriums in Rom fallen Tränengaskartuschen. Sie treffen eine Menschenmenge, die sich auf der Uferstraße Lungotevere aus dem Protestzug zu „14N“, dem europaweiten Streik- und Aktionstag am 14. mehr lesen / lire plus

KINDHEIT IN NEAPEL: Die Geduld des Zugvogels

Mit „Montedidio“ wurde nun ein früher Roman des italienischen Autors Erri De Luca wieder auf Deutsch zugänglich gemacht. Der Übersetzerin ist es gelungen, die berückende Sinnlichkeit von Sprache und Erzählstil des Ausgangstextes zu bewahren.

In Neapel muss man sich mit dem Erwachsenwerden beeilen. Denn in den Nachkriegsjahren ist die gesetzliche Schulpflicht kurz und die Kindheit schnell vorbei. Auch für den jugendlichen Ich-Erzähler in Erri De Lucas Roman „Montedidio“ beginnt nach seinem dreizehnten Geburtstag die Einführung in ein neues Leben. Sein Vater schenkt ihm einen australischen Bumerang. Es ist ein schön geschwungenes Stück Holz, das schwer in der Hand liegt, kein Spielzeug, sondern ein traditionelles Jagdwerkzeug. mehr lesen / lire plus

GESCHICHTEN AUS ISRAEL: Zuneigung, die irritieren mag

In seinem neuen Erzählband „Kolja“ widerlegt Chaim Noll das Stereotyp vom einheitlichen Judenstaat.

Schillernde Perspektiven, wo viele nur die Tristesse der Wüste sehen:
Der in der DDR geborene Schriftsteller Chaim Noll lebt am Rande des Negev im Süden von Israel.

Die Medienberichterstattung aus Israel wird von Kriegsschlagzeilen bestimmt: blutige Anschläge, militärische Kommandoeinsätze, erneute Grenzzwischenfälle, scheiternde Friedensbemühungen. Mit einer Kriegsnachricht beginnt auch die Titelgeschichte von Chaim Nolls Erzählungsband Kolja. Allerdings geht es darin nicht um Israels Rolle im Nahen Osten, sondern um eine Pressestory zum Tod des Unteroffiziers Nikolai R. Die Beerdigung des jungen Mannes gerät zur Staatsaffäre, weil Kolja, der erst wenige Jahre zuvor mit seinem jüdischen Vater eingewandert war, auf Wunsch seiner russischen Mutter in seiner Geburtsstadt begraben werden soll. mehr lesen / lire plus

Lyrische Streifzüge: Lachen, das dem Staunen weicht

Peter Kurzeck kultiviert ein literarisches Genre: den mündlichen Roman. Auch in dem eben erschienenen Mitschnitt „Unerwartet Marseille“ weckt er die Sehnsüchte seiner Zuhörer.

Wunderbarer Geschichtenerzähler: Der Autor Peter Kurzeck.

Für Peter Kurzeck fing der Sommer 1968 mindestens ein Jahr früher an. In der Nacht, als die Turmuhr im Dorf seiner Kindheit nach langer Zeit erstmals wieder die Stunden schlug. Am Tag, an dem er seine Freunde im Auto über die Grenze nach Straßburg begleitete. Damals war ihm, als würden die Sommer von Jahr zu Jahr länger und besser werden. Im Juni, seinem Geburtstagsmonat, war die Verheißung deutlich zu spüren, am allerdeutlichsten auf Reisen. mehr lesen / lire plus

GENERATIONENROMAN: Geschichte als Ansichtssache

Antonio Pennacchis Roman „Canale Mussolini“ ist ein Dokument des zeitgenössischen italienischen Revisionismus. Im deutschsprachigen Feuilleton wird seine Aufwertung des Faschismus als literarisches Ereignis gefeiert.

Die Jury der renommierten Bestenliste des deutschen Südwestrundfunks war sich einig: Ein Buch wie Antonio Pennacchis „Canale Mussolini“ wäre in der deutschen Literatur „wohl nicht möglich“, nein, „völlig unmöglich“, sogar „vollkommen undenkbar“. Mit diesem Urteil wurde der Roman im Mai auf Platz 1 der literarischen Rangliste gewählt. Andere Rezensenten forderten in ihrer Begeisterung das Publikum auf, sich das vermeintlich Unvorstellbare doch einmal auszudenken: Im Zentrum des fehlenden deutschen Gegenwartsromans stünde „Hitler als düstere Witzfigur, aber verdienstvoll, weil er ja auch Autobahnen gebaut hat“ (Neue Zürcher Zeitung) und das ganze „verknüpft mit einem brillant, witzig und warmherzig erzählten Generationenroman“ (Süddeutsche Zeitung). mehr lesen / lire plus

VERLUSTGEFÜHLE: Identität, verzweifelt gesucht

Salvatore Scibona hat einen beeindruckenden Debütroman vorgelegt. Er beschreibt darin nicht nur die innere Zerrissenheit der italienischen Einwanderer in die USA und ihrer Nachfahren. Scibonas Figuren sind Individuen, denen in einer brüchig gewordenen Moderne die Identitätsbildung problematisch geworden ist.

Rocco La Grassa kam am Tag des Luciafestes auf Sizilien zur Welt. Aber er lebt nicht mehr nach dem katholischen Heiligenkalender, ist schon lange ein patriotischer Bewohner Ohios. Als er 1953 am Vortag von Mariä Himmelfahrt vom Tod seines Sohnes in einem nordkoreanischen Gefangenenlager erfährt, weigert er sich, die Nachricht der Marineoffiziere zu glauben. Der Tote ist nicht Mimmo. Die Identifikationsmarke könnte falsch sein. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Gefährliches Machtvakuum

Die italienische Gesellschaft ist tief erschüttert: Nicht nur das Erdbeben, auch die Dynamik von Politik und Verbrechen führt zu großen Problemen, deren weitere Entwicklung nur schwer abzuschätzen ist. Ein Blick in die Geschichte Italiens verheißt jedoch nichts Gutes.

Ein Gefühl der Bedrohung, das sich längst nicht nur aus der Kriminalität speist: Proteste gegen die Mafia und für „Sicherheit“, Mitte Mai in Brindisi.

Italien ist aus den Fugen. Zwei Wochen nachdem schwere Erdstöße zahlreiche historische Bauwerke zwischen Ferrara und Bologna zum Einsturz brachten, sechs Menschen unter den Trümmern begraben wurden und ganze Ortschaften evakuiert werden mussten, erschüttern noch immer schwere Nachbeben die Region der Emilia Romagnia. mehr lesen / lire plus

KOCHEN: Ohne Mampf kein Kampf

Wer nichts von guter Küche versteht, hat auch keine Vorstellung von Utopie und sozialer Gerechtigkeit. Ein nun auf Deutsch erschienenes Kochbuch zeigt: Die Überwindung der politischen Macht kommt aus den Töpfen.

Ob das schmeckt? Wenn die Kochkünste der Partei „Die Linke“ so fad sind wie ihre Politik, wird auch ein wenig „Bio“ das Ganze nicht genießbar machen.

Mit leichter Hand verwandelt Paul Klee ein Linienknäuel in ein Bild. Jedes Kunstwerk verändert die Welt. Für einige seiner Studenten, Mitglieder einer spartakistischen Zelle, sind die Visionen des „Meisters“ Aufrufe zur Insurrektion. Aus jeder Vorlesung ziehen sie einen revolutionären Aphorismus. So verbinden sich am Staatlichen Bauhaus in Weimar in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur die Bereiche Kunst, Architektur und Design. mehr lesen / lire plus

DEUTSCHLAND: Wahrheit, verzweifelt gesucht

Noch einmal wird in einem Gerichtsverfahren untersucht, unter welcher Beteiligung Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977 von einem RAF-Kommando erschossen wurde. Doch während bei früheren Prozessen die politische Dimension noch deutlich wurde, sind heute die Perspektiven von Täter und Opfer zentral. Der gesellschaftliche Kontext der Ereignisse kommt nicht mehr in den Blick.

Verblasst, aber nicht vergessen:
Ein Plakat erinnert an
die getöteten Mitglieder der
Roten Armee Fraktion.

Während einer kurzen Prozesspause steht Michael Buback im ersten Stock des Stuttgarter Oberlandesgerichts auf dem Flur. Er versichert seinem Gesprächspartner mit lauter Stimme, es ginge ihm nicht um eine Verurteilung Verena Beckers, bloß „weil sie ein paar Briefmarken abgeleckt haben könnte“. mehr lesen / lire plus

INTERVIEW: „Wir hätten von der Krise profitieren können“

Auch die Krise bei „il manifesto“ währt schon länger. Über die Ursachen sprach die woxx mit Ida Dominijanni. Sie gehört seit 1982 dem Zeitungskollektiv an. Mit ihren politischen Kolumnen zählt sie zu den originellsten Stimmen des italienischen Journalismus. Dominijanni lehrte mehrere Jahre Sozialphilosophie an der Universität RomaTre.

woxx: „il manifesto“ erlebt die schwerste Krise seiner vierzigjährigen Geschichte. Wird die Zeitung heute nicht mehr gebraucht?

Ida Dominijanni: Es wäre ein historisches Paradox, wenn „il manifesto“ ausgerechnet jetzt zumachen müsste, da das neoliberale Gesellschaftsmodell in die Krise geraten ist und sich in Italien und auf internationaler Ebene Widerstand organisiert. Die aktuellen Diskussionen um anti-kapitalistische Gegenentwürfe verweisen zurück auf unsere Anfangsjahre: „il manifesto“ entstand als kommunistische, anti-kapitalistische Tageszeitung. mehr lesen / lire plus

ITALIEN: Der Pressefreiheit den Saft abgedreht

Wie in Luxemburg können auch in Italien viele Zeitungen nur dank staatlicher Pressehilfe überleben. Die wurde nun jedoch ausgesetzt. Nicht nur für die linke Tageszeitung „il manifesto“ bedeutet dies wohl das Aus.

Trotz berühmter Leser ist ihr weiteres Erscheinen fraglich: Der Schauspieler Dustin Hoffmann, vertieft in die Lektüre der italienischen Tageszeitung „il manifesto“.

Eigentlich wollte das Kollektiv der linken Tageszeitung „il manifesto“ auf der Pressekonferenz Anfang Februar Stärke demonstrieren und den Kampfgeist der Leserschaft beschwören. Doch die Veranstaltung erweckte eher den Eindruck einer vorweggenommenen Gedenkfeier.

Eingerahmt von Papptafeln, auf denen die Geschichte der 1971 gegründeten kommunistischen Tageszeitung museal präsentiert wurde, erklärte das Direktorium der Zeitungsgenossenschaft, dass infolge der anhaltenden finanziellen Misere ein Verfahren zur Zwangsliquidation eingeleitet worden sei. mehr lesen / lire plus

DEUTSCHLAND: Korpsgeist, der nie vergeht

Neues Bildmaterial erweist nicht nur, dass Benno Ohnesorg gezielt erschossen wurde, sondern wie umfassend das Lügengebäude zum Schutz des Polizisten Kurras war. Seine Schüsse auf den Studenten führten nach dem 2. Juni 1967 zu einer Radikalisierung der Protest-
bewegung.

Leider ohne Erfolg: Plakat der Studentenbewegung als Reaktion auf den – wie nunmehr fest steht – völlig zu Recht geäußerten Vorwurf der publizistischen Schützenhilfe des Springer-Verlags bei der Ermordung des Studenten Ohnesorg bzw. deren Vertuschung.

In Westdeutschland begann die 68er-Revolte am 2. Juni 1967. An jenem Tag wurde in Berlin bei einer polizeilich angeordneten „Fuchsjagd“ auf Demonstranten, die vor der Deutschen Oper gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien protestiert hatten, der Student Benno Ohnesorg von einem Schuss aus der Waffe des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras tödlich verletzt. mehr lesen / lire plus