Authentizität in der Literatur
: Nicht wirklicher als ein Traum


Der norwegische Exzessiv-Schriftsteller Karl Ove Knausgard, der mit seinem literarischen Selfie-Zyklus „Min Kamp“ berühmt geworden ist, entlarvt in dem Essayband „Das Amerika der Seele“ Authentizität als Illusion.

Er wird verehrt. Seine Bücher machen süchtig. Den Rezensenten macht dies skeptisch. Was steckt hinter Karl Ove Knausgard, dem größten norwegischen Schriftsteller seiner Generation, als der er so oft bezeichnet wird? Von einer Knausgard-Besoffenheit wird gesprochen. Von einem Sog-Effekt. Von einer neuen Authentizität in der Literatur. Und vom Überdruss an erfundenen Geschichten.

Der Norweger Knausgard, 1968 in Oslo geboren, schreibt exzessiv. Zweihundert Seiten wären ihm nicht genug. Nachdem ihn eine Schreibblockade fünf Jahre lang lahmgelegt hatte, legte er, exzessiv schreibend, einen Band nach dem anderen vor. mehr lesen / lire plus

Literaturlegende
: Hunde, wollt ihr 
ewig sterben

Der US-Amerikaner Harry Crews wurde in Europa lange Zeit verkannt. Zu Unrecht, wie sein Spätwerk „Florida Forever“ zeigt.

Knurriger Außenseiter mit Blick aufs Abseitige: Der Schriftsteller Harry Crows wird in Film, Literatur und Musik zur Ikone der Popkultur stilisiert. (Foto: Internet)

„Als Johnson Meechum die drei Stufen zu seinem fuchsiafarbenen Double-Wide-Trailer hinaufstieg und die Tür aufstieß, wartete Mabel, seine Frau, drinnen bereits mit in die Hüften gestemmten Händen.“ Johnson und Mabel Meechum haben sich nach 60 Ehejahren nichts mehr zu sagen. Sie nehmen nur noch den Gestank des anderen wahr. „Sogar wenn ihn eine heftige Erkältung plagte, konnte er sie aus fünf Metern Entfernung riechen.“ Johnsons einzig ihm gebliebene Befriedigung ist es, mit seiner 22er Sportpistole in den nahen Sumpf zu ballern. mehr lesen / lire plus

Legendäre Graphic Novel
: Der ewig Suchende


Nach fast 60 Jahren erscheint „El Eternauta“ von Héctor Oesterheld und Francisco Solano López endlich auf Deutsch. Die bedeutendste Graphic Novel Argentiniens nahm den Staatsterror der argentinischen Militärdiktatur sowie das Schicksal des Autors und seiner Familie vorweg.

Vicente López, ein Vorort von Buenos Aires, im Jahr 1963. Juan Salvo, Besitzer einer kleinen Batteriefabrik, sitzt mit Freunden beim „Truco“, einem in Argentinien weit verbreiteten Kartenspiel, als es zu schneien beginnt. Der vergiftete Schnee, der auf die argentinische Hauptstadt fällt, ist tödlich. Sein Gift dringt durch jede Ritze. Wer ihn berührt, stirbt sofort. Außerirdische haben Buenos Aires erobert.

Die Stadt ist voller Leichen. mehr lesen / lire plus

Autobiographischer Roman
: Parlando des Widerstands


Das Buch „Mein deutscher Bruder“ von Chico Buarque handelt von der brasilianischen Militärdiktatur und von der Suche nach seinem Halbbruder in der DDR. Dem Ernst des Themas trotzend, ist es voll munterer Ironie.

Chico Buarques „deutscher Bruder“: Sergio Günther erlangte in der DDR eine gewisse Prominenz als Schlagersänger, Moderator sowie Radio- und Fernsehentertainer. (Foto: Internet)

Chico Buarques „deutscher Bruder“: Sergio Günther erlangte in der DDR eine gewisse Prominenz als Schlagersänger, Moderator sowie Radio- und Fernsehentertainer. (Foto: Internet)

Chico Buarque ist einer der berühmtesten Liedermacher Brasiliens unter den Musikern der „música popular“. Seine Verse sind große Dichtkunst. „Vater, nimm diesen Kelch von mir weg mit dem Rotwein aus Blut“ – die Zeilen aus dem Lied „Cálice“ hat Buarque weniger an den eigenen Vater gerichtet als an die gesamte Vätergeneration. mehr lesen / lire plus

Römisches Reich
: Wie nutzlos ist die Macht

Mit dem historischen Roman „Augustus“ ist nun auch das letzte bedeutende Prosawerk des vor einigen Jahren wiederentdeckten amerikanischen Schriftstellers John Williams ins Deutsche übersetzt. Eindrucksvoll und unterhaltsam entwickelt der Briefroman eine Phantasie davon, wie die menschliche Seite des ersten römischen Kaisers ausgesehen haben könnte.

1387LitBuchBILDAugustusEs ist das Jahr 44 vor unserer Zeitrechnung. Julius Cäsar ist tot, ermordet von einer Gruppe römischer Senatoren. Das politische Erbe des Diktators fällt seinem 19-jährigen Großneffen Gaius Octavius zu. Cäsar war einst derart beeindruckt von dem klugen und ehrgeizigen jungen Mann, dass er ihn adoptierte. Als Gaius Julius Cäsar Divi Filius, als „Sohn des Göttlichen“, ist er fortan bestrebt, das Prestige seines Großonkels für sich zu nutzen. mehr lesen / lire plus

Serienmörder: Eine Geschichte der Trostlosigkeit


Der Roman „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk handelt von einem Serienmörder der siebziger Jahre, ist aber weder Krimi noch Sozialstudie.

1385literaturSTRUNKhandschuh-cover_eff89a5985a475378cd3170917df5aafSerienmörder üben auf viele Menschen eine seltsame Faszination aus. Einige dieser Killer haben es damit zur Prominenz oder sogar zu ausgesprochenem Kultstatus gebracht. Bücher und Filme über Ted Bundy und Jack the Ripper, Fritz Haarmann und Joachim Georg Kroll gibt es zuhauf, Das Thema Serienmörder hat schon seit langem Konjunktur. Dass sich die Belletristik explizit mit ihnen beschäftigt, ist jedoch ein Trend, der erst in der jüngeren Zeit einsetzte, und eine direkte Konsequenz aus der Entwicklung des Kriminalromans.

„Der goldene Handschuh“ ist kein Krimi. mehr lesen / lire plus

Politik & Verbrechen
: Spinne oder Fliege


Mit „Der König der Favelas“ legt der britische Journalist Misha Glenny eine porträtierende Reportage über einen brasilianischen Gangster vor, die spannend ist wie ein Roman.

1370PolBuchDie Szene ist filmreif. Im November 2011 hält die Polizei in Rocinha, einer Favela im Süden von Rio de Janeiro, einen Toyota Corolla an. In dem Auto sitzen drei Anwälte. Sie werden von den Polizisten aufgefordert, den Kofferraum zu öffnen. Darin liegt zusammengekauert ein schlanker Mann in blau-weiß gestreiftem Hemd und schwarzer Hose. Die Polizisten packen ihn an Händen und Füßen und heben ihn aus dem Wagen. Es ist Antônio Francisco Bonfim Lopes, genannt Nem. Sieben Jahre lang war er Herrscher über die Favela, in der rund 120.000 Menschen leben und die in Nachbarschaft zu den Reichenvierteln São Conrado und Gávea liegt. mehr lesen / lire plus

Markt und Werte: Rockstar der Moralphilosophie


Michael J. Sandel kritisiert in „Moral und Politik“ die Neutralität des Staates gegenüber moralischen Fragen und warnt vor der Ausdehnung von Marktprinzipien in alle Bereiche der Politik.

Nimmt die Freiheitsideale des Liberalismus ins Visier: der Moralphilosoph Michael J. Sandel. (Foto: Youtube)

Nimmt die Freiheitsideale des Liberalismus ins Visier: der Moralphilosoph Michael J. Sandel. (Foto: Youtube)

Der moralphilosophische Zugang zu Fragen der politischen Ökonomie hat nicht ausgedient. Wie wichtig solche gesellschaftspolitischen Perspektiven sind, führt unter anderem der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel vor Augen. Kritisch greift der Harvard-Professor etwa in seinem jüngst auf Deutsch veröffentlichten Buch „Moral und Politik“ einen Vorschlag des Rechtsprofessors Peter H. Schuck von der Yale-Universität auf. Schuck stellt sich die Einrichtung eines globalen Marktes für Flüchtlingsquoten vor. mehr lesen / lire plus

Moderne Klassiker: Autor der Vielstimmigkeit

Die längst überfällige und äußerst gelungene Neuübersetzung von William Faulkners „Absalom, Absalom!“ ermöglicht gleichermaßen die Neuentdeckung eines Klassikers der Moderne wie auch eines zentralen Werkes der amerikanischen Literatur.

1365LitBuchBILDAbsalomDie Suche nach der Great American Novel, dem großen amerikanischen Roman, durchzieht die amerikanische Literaturgeschichte wie ein roter Faden. Die Frage, wer sie geschrieben hat, ist bis heute unbeantwortet. William Faulkner (1897-1962) gehörte immer zu den heißesten Anwärtern. Der Literaturnobelpreisträger steht wie kein zweiter Schriftsteller für den Übergang des US-Romans in die literarische Moderne. Als er das Manuskript für „Absalom, Absalom!“ abgab, war es Faulkner selbst, der behauptete, dies sei der beste Roman, der je von einem Amerikaner geschrieben wurde. mehr lesen / lire plus

Kapitalismuskritik:
 Die Kluft


Problem mit System: Der Starökonom Joseph E. Stiglitz zeigt, dass extrem ungleiche Gesellschaften nicht stabil funktionieren können. Anders als Marktliberale glauben möchten, sind sie daher nicht einmal effizient.

1356PolBuchBILDStiglitz

Mit Keynes den amerikanischen Traum verwirklichen? Der Kapitalismusklempner Stiglitz macht dem Marktliberalismus die Rechnung auf. (Foto: Wikimedia Commons)

Jeremy Rifkin kann es, Paul Krugman kann es – und Joseph E. Stiglitz kann es selbstverständlich auch: International renommierte Wirtschaftswissenschaftler wie sie haben es nicht nur verstanden, ihre akademischen Lorbeeren als Berater von Regierungen und Organisationen zu versilbern, sondern sind auch als Bestsellerautoren weltweit bekannt geworden.

Rifkin wurde mit „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ und „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ bekannt und berät mittlerweile unter anderem die luxemburgische Regierung. mehr lesen / lire plus

Gewalt als Machtdemonstration
: Die Logik des Terrors


Der Kampf der Kartelle prägt die Gesellschaften Mexikos und Zentralamerikas auf kaum noch zu durchschauende Weise. Der Band „TerrorZones“ bündelt Reportagen, Interviews und Analysen und ermöglicht so einen umfassenden Einblick.

Der Begriff „Drogenkrieg“ ist nicht mehr adäquat, um die gesellschaftliche Gewalteskalation zu beschreiben: Soldatinnen der mexikanischen Armee trainieren für ihren Einsatz gegen die Kartelle. (Foto: Internet)

Der Begriff „Drogenkrieg“ ist nicht mehr adäquat, um die gesellschaftliche Gewalteskalation zu beschreiben: Soldatinnen der mexikanischen Armee trainieren für ihren Einsatz gegen die Kartelle. (Foto: Internet)

In der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 stoppen Polizisten in der Stadt Iguala im mexikanischen Bundesstaat Guerrero 43 Studenten. Es sind die Teilnehmer eines Lehramtsseminars aus dem Dorf Ayotzinapa. Die Polizisten schießen. Sechs Menschen sterben. Die anderen werden festgehalten und den Mitgliedern eines Drogenkartells überlassen. mehr lesen / lire plus

Nach dem Neoliberalismus
: Philosophie der Selbstverantwortung

Mark Terkessidis entwirft eine Theorie der Kollaboration, bei der die Unzufriedenheit mit den Institutionen sich in Aktivität der Bürger umsetzt. Zu diskutieren bleibt, wie selbstbestimmt ihre sozialen Verhältnisse dadurch werden.

Kann dem Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung einiges abgewinnen: Der Autor und Sozialwissenschaftler Mark Terkessidis. (Foto: Internet)

Kann dem Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung einiges abgewinnen: Der Autor und Sozialwissenschaftler Mark Terkessidis. (Foto: Internet)

„Kollaboration hat in Kontinentaleuropa keinen guten Ruf.“ Mit diesen Worten beginnt Mark Terkessidis sein Buch „Kollaboration“. In der Tat denken auch in Luxemburg die meisten, wenn sie den Begriff hören oder lesen, an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg und an jene „Kollaborateure“, die sich aus Angst, Feigheit oder Überzeugung mit den deutschen Besatzungstruppen und den Nazis eingelassen haben. mehr lesen / lire plus

Zäsur in der argentinischen Politik

Die einen praktizieren Betriebswirtschaft demokratisch: Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Argentiniens 2001/02 wurden zahlreiche Fabriken besetzt. Noch heute gibt es rund 200 selbstverwaltete Betriebe mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Andere betrachten das Regieren eines Staates als effizientes Management. Dazu dürfte der designierte argentinische Präsident Mauricio Macri gehören, der eine Reihe von Wirtschaftsführern in seine künftige Regierung aufnimmt. Sein knapper Sieg in der Stichwahl über den peronistischen Kandidaten Daniel Scioli hat weitreichende Konsequenzen. Der Liberalkonservative sorgte für einen Rechtsruck nach zwölf Jahren linksperonistischer Herrschaft. Die Argentinier wollten den Wechsel, weil die derzeitige Regierung in ihren Augen bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, Inflation und Kriminalität versagt hat. mehr lesen / lire plus

Highspeed
: Vom Feuer verschlungen

Für ihren Roman „Flammenwerfer“ hat die US-Autorin Rachel Kushner eine beeindruckende Recherche gemacht. Das Resultat ist vielschichtig, teils politisch und hat phasenweise den Drive eines Roadmovies.

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
)

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
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Reno, Anfang 20, liebt das Tempo. „Es gab Dinge, etwa den Effekt des Windes auf die Wolken, die ich schlicht ignorieren musste, wenn ich mit hundertsechzig Stundenkilometern über den Highway fegte.“ Die junge Frau fährt auf einem Motorrad durch Nevada. Auf ihren Tank hat sie eine Karte des US-Bundesstaats geklebt.

Ihren Spitznamen Reno hat die Protagonistin erhalten, weil sie in der gleichnamigen Stadt in Nevada aufwuchs. mehr lesen / lire plus

Wahlen in Argentinien
: Tanz auf dem Vulkan

Regierungskandidat Daniel Scioli hat gute Chancen, neuer Präsident Argentiniens zu werden. Eine Stichwahl könnte für ihn jedoch knapp ausgehen. Sein Land, nach wie vor abgeschnitten von den internationalen Finanzmärkten, erlebt wieder einmal eine Krise und steckt im Würgegriff von Klientelismus und Korruption.

SocialDaniel Scioli wird Cristina Kirchner beerben, wenn er die Stichwahl gewinnt.
Der konservative Mauricio Macri, Bürgermeister von Buenos Aires vertritt Mittelstand und Unternehmer. (Foto: flickr / Administración Nacional de la Seguridad)

Daniel Scioli wird Cristina Kirchner beerben, wenn er die Stichwahl gewinnt.
Der konservative Mauricio Macri, Bürgermeister von Buenos Aires vertritt Mittelstand und Unternehmer. (Foto: flickr / Administración Nacional de la Seguridad Social)

Eines der Rednerpulte war leer am 4. Oktober. Zum ersten Mal in der argentinischen Geschichte gab es, drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl, eine Fernsehdebatte der Kandidaten. Und ausgerechnet der Favorit Daniel Scioli vom linksperonistischen „Frente para la Victoria“ (FPV) der amtierenden Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner blieb der Diskussion fern. mehr lesen / lire plus