ABGESANG: Goodbye, New York

Jonathan Lethem entwirft in seinem Roman „Chronic City“ ein Bild seiner Heimatstadt als reine Projektionsfläche. In eher konventionellem Stil und mit nicht gerade neuen Anklängen an „Matrix“ und Second Life verwandelt er die Postmoderne endgültig in Popmoderne.

Chase Insteadman zehrt von der Vergangenheit. Er hat seine beste Zeit schon hinter sich. Der gut aussehende „Schauspieler im Ruhestand“ war einst als Kinderdarsteller der Star einer Fernsehserie im Vorabendprogramm. Nun lebt er von seinen Tantiemen. Zwar ist er noch ein beliebter Gast von Dinner-Partys und Charity-Veranstaltungen, aber sein Name steht für ein bestimmtes Lebensprogramm: Der Ich-Erzähler von Jonathan Lethems „Chronic City“ ist ein „Vertreter“ im Wortsinn, ein Statthalter, ein Lückenbüßer, der durch das New York des vergangenen Jahrzehnts schweift und der sich den Ansprüchen der Menschen, die ihm vor allem in der Upper East Side von Manhattan begegnen, ständig freundlich lächelnd anpasst, ohne jemals das gepflegte Mittelmaß zu überschreiten: „Ich gleite reibungslos dahin auf dem Kugellager des Charmes, habe ein gemäßigtes Charisma, das niemandem wehtut.“ Das Leben des abgehalfterten B- oder C-Prominenten erscheint ziemlich langweilig, farblos und leer: „Ich bin wahrlich ein Vakuum, angefüllt mit den Leuten, mit denen ich gerade zusammen bin.“ Nicht einmal die Liebesbriefe seiner Geliebten Janice Trumbull reißen ihn aus der Lethargie. mehr lesen / lire plus

ARGENTINIEN: Alarm in der Villa

Ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl ist Argentinien gespalten: Vom hohen Wirtschaftswachstum durch den Soja-Export profitieren nur wenige. Die Lage in den Elendsvierteln hat sich zugespitzt. Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner nutzt derweil die Schwäche der Opposition und den Kult um ihren verstorbenen Mann.

Zwei Welten – eine Stadt: Hinter den improvisierten Behausungen der Villa 31 erstreckt sich das Häusermeer des modernen Buenos Aires.

Die kugelsichere Weste sitzt schief. Subcomisario Cacéres rückt sie zurecht. Ein Kollege hilft ihm. Ein anderer reicht ihm eine Kalebasse mit Mate. Die etwa 20 Mann von der Bundespolizei stellen sich in Reih und Glied am Eingang zur Villa 31 auf, dem größten Elendsviertel von Buenos Aires neben den Gleisen des Retiro-Bahnhofs. mehr lesen / lire plus

UNTERWEGS: Hymne der Vagabunden

Mehr als 50 Jahre nach der Erstpublikation ist Jack Kerouacs Urfassung von „On the Road“ auf Deutsch erschienen. Das Kultbuch der Beat Generation hat dank Bebop-Rhythmus und kongenialer Übersetzung nichts von seiner Faszination verloren.

„Alles was ich wollte und was Neal wollte und was alle wollten, war, irgendwie ins Herz der Dinge vorzudringen, wo wir uns wie im Mutterschoß einkringeln und dem ekstatischen Schlaf hingeben konnten“: Jack Kerouac circa 1956.

Es war im Sommer 1988 in München. Ich hing an jedem schönen Tag im Englischen Garten ab, inmitten von Althippies und Punks, jungen und alten Herumtreibern, Globetrottern und Obdachlosen. Wir tranken Unmengen von Bier und rauchten haufenweise Gras. mehr lesen / lire plus

SPIEL MIT REALITÄTEN: Los des Verschwindens

In seinem Roman „Unsichtbar“ spielt Paul Auster auf bewährter Klaviatur: Ohne sich neu zu erfinden, komponiert der Amerikaner immer wieder aufs Neue den Identitätsverlust seiner Protagonisten.

Liebt es, seine Leser an der Nase herumzuführen: Der Schriftsteller Paul Auster.

„Seine Bücher sind gespickt mit intellektuellen Fallen, Anspielungen und Geheimsystemen – und sie sind wunderbar unterhaltend“, schrieb Paul Auster einmal über Georges Perec. Gleiches trifft auf ihn selbst zu. Der mittlerweile 63-jährige US-Schriftsteller zieht die Leser in seinen Romanen mit voller Sogkraft in ein reflexives Spiegelkabinett, in dem die Protagonisten ein ums andere Mal den Boden unter den Füßen verlieren. Austers Sprache bleibt dabei klar und ohne jeden Schnörkel. mehr lesen / lire plus

SOZIALE BEWEGUNG UND STAATLICHKEIT: Soldaten des Pinguins

Die Argentinien-Krise um die Jahrtausendwende bot ein Beispiel für die Folgen neoliberaler Politik. Zugleich entstanden neue soziale Bewegungen. Margot Geiger analysiert, woher sie kamen und was aus ihnen wurde.

Ihr Territorium für soziale Kämpfe ist nicht die Fabrik, sondern die Straße: Demonstration von „Piqueteros“ (Bewegung der Arbeitslosen) der „Frente Popular Darío Santillán“ im Juni 2009.

Seine letzten Stunden verbringt Néstor Kirchner in der Abgeschiedenheit von El Calafate. Dort erliegt der „Pinguin“, wie er wegen seiner patagonischen Herkunft genannt wird, am 27. Oktober einem Herzinfarkt. Noch am selben Tag versammeln sich zehntausende Menschen auf der Plaza de Mayo von Buenos Aires. Unter ihnen befinden sich viele junge Anhänger des früheren Präsidenten, der Argentinien von 2003 bis 2007 regierte. mehr lesen / lire plus

SÜDAFRIKA: Kein Wintermärchen

Die Hoffnung auf positive Nachwirkungen der Fußball-WM war vergebens: Während der Weltverband Fifa Milliarden Gewinn einstreicht, bleibt das Gastgeberland auf seinen Problemen sitzen.

Die bunt gemalten Bilder vom allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in Südafrika sind, abgesehen von Symbolen wie neu gebauten Stadien, eine Fata Morgana geblieben: Nach der WM liegt die Arbeitslosenrate bei circa 25 Prozent.

Es klingt nach einem Märchen: Eine Gruppe weißer Rugby-Fans feiert den Sieg ihrer Mannschaft, den „Blue Bulls“ aus Pretoria, im Orlando-Stadion von Soweto. Rugby galt in der Apartheid-Ära als Sport der Weißen und war lange Zeit ein Symbol für die Rassentrennung in Südafrika. Ermöglicht hat das Ereignis die Fußball-Weltmeisterschaft: Weil die Heimarena der blauen Bullen, das Loftus-Versfeld-Stadion, für die WM-Spiele benötigt wurde, musste das Rugby-Team im Mai und Juni nach Soweto ausweichen. mehr lesen / lire plus

BRASILIEN: Wahlkampf mit Spottsperre

Der Sieg von Dilma Rousseff bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien scheint so gut wie sicher. Das „System Lula“ bleibt erhalten – unter anderem auf Kosten des Umweltschutzes.

Profitiert von Lulas Popularität: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dilma Rousseff ist die Wunschkandidatin des amtierenden brasilianischen Präsidenten für seine Nachfolge.

Wer zu Marcelo Tas geht, muss sich auf etwas gefasst machen. Der Moderator der brasilianischen Fernsehshow „CQC“ stellt den prominenten Gästen seiner Sendung in der Regel unbequeme und nicht selten politisch unkorrekte Fragen. Zu der Satire-Sendung gehört auch, dass das Publikum intervenieren darf. Ein Zuschauer fragte kürzlich den Präsidentschaftskandidaten José Serra, ob dieser ein Vampir sei. mehr lesen / lire plus

MILITÄRDIKTATUR: Die dezimierte Generation

Unter den Büchern argentinischer Autoren zur Buchmesse befindet sich die Neuauflage eines Klassikers des New Journalism. In „Das Massaker von San Martín“ erweist sich der in der Militärdiktatur getötete Rodolfo Walsh als Chronist des argentinischen Niedergangs.

„Ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden“: Der Journalist und Schriftsteller Rodolfo Walsh bezahlte seinen Mut mit dem Leben.

Es begann mit einem Zufall. Rodolfo Walsh saß am 9. Juni 1956 in einem Café in La Plata und spielte Schach, als plötzlich Schüsse fielen. „Ich weiß noch, wie wir alle zusammen ins Freie liefen, die Schachspieler, die Kartenspieler und die Kiebitze, weil wir wissen wollten, was das Spektakel ganz in unserer Nähe zu bedeuten hatte, und wie wir immer ernster wurden“, schreibt der 1977 verstorbene argentinische Journalist und Schriftsteller im Vorwort zu seinem Buch „Das Massaker von San Martín“. mehr lesen / lire plus

FLÜCHTLINGSPOLITIK: Klandestin unter „Clandestinos“

Der italienische Journalist Fabirzio Gatti beschreibt in „Bilal“ eindrucksvoll die Odyssee der afrikanischen Immigranten nach Europa und klagt als Undercover-Reporter die Missstände in den Flüchtlingslagern an.

Fabrizio Gatti hat schon mehrmals verdeckt recherchiert – unter anderem als rumänischer Erntehelfer sowie im Drogen- und Mafia-Milieu.

Der Kommandant zieht den breiten Gürtel mit der großen Metallschnalle aus dem Hosenbund und schlägt zu. „Der erste Schlag trifft Elvis auf den Kopf. Der zweite ins Gesicht. Der dritte auf die Hände, mit denen der Junge unsicher und verzweifelt sein Gesicht zu schützen versucht. Elvis verliert das Gleichgewicht, fällt hin und blutet an den Händen und aus der Nase.“ Der 15-jährige Elvis gehört zu den „wahren Helden unserer Zeit“, wie Fabrizio Gatti jene Flüchtlinge und Migranten nennt, deren Odyssee er in seinem Buch „Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“ beschreibt. mehr lesen / lire plus

WIDER DIE STRAFLOSIGKEIT: Die Vergangenheit ruht nicht

Bianca Schmolze und Knut Rauchfuss liefern ein lesenswertes und sorgfältig recherchiertes Standardwerk über den Kampf für die juristische Aufarbeitung von Verbrechen, die während Militärdiktaturen oder Bürgerkriegen begangen wurden.

Gerechtigkeit für die „Desaparecidos“: Angehörige (hier in Uruguay) fordern Informationen über den Verbleib von „verschwundenen“ Regimegegnern und die Bestrafung der Verantwortlichen.

Ein Held war Adolfo Scilingo nicht. Eher das Gegenteil. Der Korvettenkapitän beteiligte sich an den Verbrechen des argentinischen Militärregimes. Um einen Freund und Folterer zu rehabilitieren, dem die Marine die Beförderung verweigert hatte, und ihn nicht als Mitglied einer Bande innerhalb der Armee darzustellen, packte Scilingo aus. Er erzählte von den „Todesflügen“, bei denen gefolterte politische Gefangene während der Diktatur von 1976 bis 1983 lebend in den Río de la Plata geworfen wurden. mehr lesen / lire plus

PARAGUAY: Bonsai und der rote Bischof

Zum ersten Mal hat die Opposition in Paraguay gute Chancen, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Aber von einem grundlegenden Wandel ist das Land weit entfernt.

Siegessicher:
Der Befreiungstheologe Fernando Lugo Méndez (links) auf einer Pressekonferenz seiner Partei APC.

Vergeblich haben die spanischen Eroberer in Südamerika nach jenem verheißungsvollen Ort des Goldes gesucht, den sie El Dorado nannten. Um das Dorado der Gegenwart zu finden, genügt eine Reise nach Ciudad del Este. Wilma María Rodriguez fährt alle zwei Wochen von ihrem Wohnort Porto Alegre im Süden Brasiliens in die paraguayische Stadt am Dreiländereck. Die letzten Meter legt sie zu Fuß zurück. Sie überquert den Grenzfluss Paraná über den „Puente de Amistad“, die Brücke der Freundschaft. mehr lesen / lire plus

ABSCHIEBUNGEN: Endstation Hoffnung

Tope, Mathias und Victor wollten in Luxemburg ihren Traum von einem besseren Leben verwirklichen. Trotz vorbildlicher Integration wurden sie abgeschoben.

„We Shall Not Be Moved”: Demonstration für das Bleiberecht von MigrantInnen in Luxemburg am vergangenen Mittwoch auf der
Place Clairefontaine.

Tope Omissor hat Angst. Er will nicht in das Flugzeug steigen und versucht sich zu wehren. Vergeblich. Die Polizeibeamten haben ihn unter Kontrolle. Er ist noch schwach. Als sie ihn vor einer Woche abholten, hat der 21-Jährige einen Zusammenbruch erlitten. Verdacht auf Herzinfarkt. Dennoch befand ihn der zuständige Arzt für reisetauglich. Der Protest, den ASTI, ASTM und die Christliche Vereinigung zur Abschaffung der Folter einlegten, blieb ohne Erfolg. mehr lesen / lire plus

SÜDAFRIKA: Vor der Spaltung

Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) steckt in der tiefsten Krise seit dem Ende der Apartheid. Der künftige Präsidentschaftskandidat Jacob Zuma polarisiert die einstige Befreiungsbewegung und ganz Südafrika.

Blicken gelassen auf das Wahljahr 2009: Nicht nur ANC-Anhänger sind davon überzeugt, dass ihre Partei im nächsten Jahr erneut den Präsidenten Südafrikas stellt.

Für Vegetarier hat Mzoli Ngcawuzele nichts übrig. Er verdient sein Geld mit Fleisch. Vor fünf Jahren eröffnete der Südafrikaner eine Metzgerei mit Restaurant in Gugulethu, einem Vorort südlich von Kapstadt. Seither hat sich „Mzoli´s Meat“ zum angesagtesten Treffpunkt in dem Township entwickelt. Vor allem sonntags drängelt sich eine Menschenmenge vor dem einstöckigen Steinhaus. mehr lesen / lire plus

ARGENTINIEN: Der Schatten des Generals

Argentiniens Geschichte der letzten sechs Jahrzehnte ist untrennbar mit dem Peronismus verbunden. Die als künftige Präsidentin gehandelte Cristina Fernández vergleicht sich jedoch lieber mit Hillary Clinton als mit Evita.

Wird im Falle ihres Wahlsieges vermutlich den politischen Kurs ihres Mannes halten: Cristina Fernández de Kirchner im April diesen Jahres mit dem mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón.
(Foto: Wikipedia)

Héctor Olguin gerät ins Schwärmen. „Sie ist schön, und sie ist intelligent. Die ganze Welt wird vor Neid erblassen“, sagt der Zeitungsverkäufer und zeigt auf die Auslage seines Kiosks: „Und sie ist wie eine Königin.“ Die Frau mit dem kastanienbraunen Haar, von der er spricht, ist auf den Titelseiten mehrerer Zeitungen abgebildet. mehr lesen / lire plus