NATIONALSOZIALISMUS: Mörderische Sachlichkeit

Tiefe Einblicke in das Getriebe des „Dritten Reichs“ und die Mentalität der Deutschen gewähren die Bücher zweier Zeugen der damaligen Zeit.

„Der deutsche ‚Träumer’ und ‚Idealist’ ist zum brutalsten ‚Pragmatiker’ geworden, den die Welt je gesehen hat“ (Marcuse): Parade des Reichsarbeitsdienstes auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg anlässlich des Reichsparteitags von 1936.
(Foto: faculty-web@northwestern.edu)

Zum Geschäft der Vertreter konkurrierender Forschungsansätze über den Nationalsozialismus gehört es nicht zuletzt, sich gegenseitig die Qualität und Quantität der herangezogenen Quellen madig zu machen. So kommt es, dass sich bei der Lektüre, thematisch bedingt ohnehin kein Vergnügen, manchmal auch noch der Zweifel einstellt, ob der Interpretation des Materials durch den Autor überhaupt zu trauen ist. mehr lesen / lire plus

POLITIKERLEBEN: Joschka mittendrin

Die Welt als Discokugel – auch in seiner Autobiografie inszeniert sich der ehemalige deutsche Außenminister als Star*.

Der künftige Ratspräsident und sein Vize? Jedenfalls zwei Meister der Selbstinszenierung – Fischer und Juncker verfügen zwar nicht über das gleiche Parteibuch, jedoch über viel Gespür dafür, wie man selbst eine skeptische Menschenmasse für sich gewinnt.

Als Karl Marx seinerzeit das Wort von den „Charaktermasken“ schuf, zielte er auf den ebenso abstrakten wie übersubjektiven Zwang ab, unter dem die Einzelnen im Kapitalismus dazu getrieben werden, in der Rolle des Unternehmers, Arbeiters, Politikers, etc. zu agieren. Der Gesellschaftskritiker durfte zu Zeiten des Liberalismus jedoch hoffen, dass sein kritischer Begriff vom Subjekt in der kapitalistischen Gesellschaft nicht unmittelbar mit diesem Subjekt identisch ist, dass – vereinfacht gesagt – die Realität des Menschen also nicht ganz so jämmerlich aussieht, wie von ihm angenommen. mehr lesen / lire plus

GEFANGENENHILFE: „Gefängnis ist gesundheitsschädlich“

Die asbl „info-prison“ ist Geschichte. Gründungsmitglied Jeannot Schmitz bilanziert die Arbeit der Häftlingshilfsorganisation und spricht über die Probleme, die das Luxemburger Gefängniswesen mit sich bringt.

Am Ende steht der Anfang:
„Ich glaube es braucht eine Zeit, aber ich gehe davon aus, dass irgendwann etwas Neues entsteht“, sagt Jeannot Schmitz über die Auflösung von „info-prison“.
(Foto: Christian Mosar)

woxx: Info-prison ist angetreten, um den Gefangenen außerhalb der Gefängnismauern eine Stimme zu geben. Wie hat sich die Arbeit in den 18 Jahren seit der Gründung der asbl verändert?

Jeannot Schmitz: Anfangs waren viel mehr Leute von draußen, die zum Teil selbst Gefängniserfahrung hatten, an dem Thema interessiert und haben sich dafür eingesetzt, dass sich an der Situation ?drinnen` etwas ändert. mehr lesen / lire plus

FILMKRITIK: Ohne Gegenmittel

Regisseur Juan Carlos Fresnadillo hat mit „28 weeks later“ eine Highspeed-Zombieorgie gedreht – und in dem ganzen Spektakel die Story vergessen.

Es ist vielleicht der furioseste Filmstart, seit wir mit Steven Spielberg bei Omaha Beach aus dem Landungsboot gehüpft sind, um uns wahlweise von der schweren Ausrüstung gurgelnd in die Tiefen des Atlantik reißen oder von deutschen MG-Schützen durchlöchern zu lassen.

Juan Carlos Fresnadillo, Regisseur von „28 Weeks Later“, schickt uns eine Meute Zombies, die in ein verbarrikadiertes Haus einfallen und dort ein Schlachtfest veranstalten, das die Kamera ins Trudeln bringt. Bilder, wie mit der Linse eines Mobiltelefons gefilmt, das ein panisch Fliehender in seiner Hand festkrallt. mehr lesen / lire plus

SICHERHEITSPOLITIK: „Grundwerte werden in Frage gestellt“

Dr. Rolf Gössner gilt als einer der profiliertesten Kritiker der EU-Sicherheitspolitik. Er warnt vor einer zunehmenden Militarisierung der Inneren Sicherheit.

woxx: In einem Interview Mitte des Jahres sprachen Sie davon, dass es in Deutschland keinerlei konkrete Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus gibt. Nun wurde die Planung eines Anschlags durch die sogenannte „Dschihad-Union“ vereitelt. Haben Sie den islamistischen Terror verharmlost?

Dr. Rolf Gössner: Deutschland gilt seit Jahren als Teil eines globalen Gefahrenraums mit abstrakter Gefährdungslage. Spätestens nach den Kofferbombenfunden 2006 und den neuesten Festnahmen ist der islamistische Terror näher gerückt. Ich habe nie behauptet, dass es in Deutschland keine Bedrohung gäbe. Aber ich kritisiere, dass angesichts diffuser, relativ selten manifester Gefahren die herrschende Sicherheitspolitik so tut, als befänden wir uns im Antiterrorkrieg. mehr lesen / lire plus

GEFÄNGNIS: Suizid mit Nuancen

Die Todesursache von Kim Evrard war eindeutig Selbstmord, erfuhren am Mittwoch die Abgeordneten der Commission juridique. Ob er zu verhindern gewesen wäre, darüber gibt es jedoch weiter Streit.

Der große Showdown, den manche vielleicht erwartet hatten, blieb aus. Am Mittwoch früh hatte sich Gefängnisdirektor Vincent Theis vor der juristischen Kommission eingefunden, um wegen der jüngsten Todesfälle in Schrassig Rede und Antwort zu stehen. „Die bisherige Darstellung kann nach diesen Auskünften so nicht ganz stehen bleiben?, resümiert Félix Braz gegenüber der woxx die Unterredung. Das grüne Kommissionsmitglied spricht von „detaillierten Informationen aus dem privaten Bereich? des Suizidopfers, „die ich so nicht weitergeben möchte?. mehr lesen / lire plus

ABSCHIEBEHAFT: Ein bisschen Menschenrecht

Die Menschenrechtskommission hat gegen einen Abschiebeknast in Luxemburg grundsätzlich nichts einzuwenden. Dem zuständigen Minister geht die Kritik dennoch zu weit.

Am Montag hatte die Menschenrechtskommission (CCDH) ihren Avis zum Projet de loi über den Bau eines Centre de rétention der Öffentlichkeit präsentiert. Bereits tags darauf bestellte Immigrationsminister Nicolas Schmit das RTL-Fernsehen ein, um den Avis zu kommentieren. Seine schulmeisterhafte Zurechtweisung der Kommission gipfelte in dem Anwurf, man solle doch nicht so tun, als ob fortan systematisch alle Asylbewerber ins Centre gesteckt würden. Solche polemischen Seitenhiebe haben einen gewissen Unterhaltungswert – müssen aber nicht der Wahrheit entsprechen: „Wir haben nie suggeriert, dass nun alle abgelehnten Asylbewerber dorthin kommen sollen“, weist CCDH-Vorsitzender Jean-Paul Lehners die Aussage des Ministers zurück. mehr lesen / lire plus

JUGENDSCHUTZ: „Bankrotterklärung der Gesellschaft“

In Dreiborn soll Luxemburg nach langem hin und her nun endlich eine altersgerechte Haftanstalt für Jugendliche bekommen. Über das Elend einer sozialen „Errungenschaft“.

Abgeschrieben: Auch wenn die Inhaftierung von Jugendlichen als Jugendschutzmaßnahme verkauft wird – die Auswirkungen sind meist negativ. (Foto: Alvaro Cordero)

Die Institution Gefängnis wird unter den bestehenden sozialen Zuständen bis auf weiteres nicht gänzlich verzichtbar sein. Dies festzustellen, ist eine Banalität. Wenn aber die Anstrengung der Gesellschaft dahin gehen sollte, alles zu tun, damit totale Institutionen so schnell wie möglich der Vergangenheit angehören, muss das insbesondere für die Behandlung Jugendlicher gelten. Denn was man ihnen antut, wirkt sich in noch höherem Maße auf ihren weiteren Lebensweg aus, als das bei Erwachsenen der Fall ist. mehr lesen / lire plus

ENERGIEPOLITIK: Geschäfte mit dem Bandenchef

Der Energieversorger Soteg kooperiert unter Beteiligung des luxemburgischen Staates mit Putins Gasprom-Konzern. Über das Business mit „lupenreinen Demokraten“.

Staaten, in denen Tag für Tag grauenvolles Unrecht geschieht, sollen anders behandelt werden als jene, deren Politik als einigermaßen menschlich zu betrachten ist. Daran festzuhalten, gehört für Demokraten wohl zur dringlichsten Bekundung ihrer Gesinnung. Dass die Realität anderen Prioritäten folgt, zeigt sich ständig aufs Neue. Zum Beispiel, wenn Nancy Pelosi, demokratische Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, auf ihrer Reise durch den Nahen Osten nicht nur zu einem Gespräch mit dem syrischen Präsidenten zusammentrifft, sondern sich anschließend auch noch von ihm zu einem Dinner in gelöster Atmosphäre in die Damaszener Altstadt ausführen lässt. mehr lesen / lire plus

DEUTSCH: Journaille: 107 hits

„Bevor sie deutsch fühlen, sollten sie es lernen!“ Mit diesem wütenden Anwurf hatte der 1936 verstorbene Sprachkritiker Karl Kraus die Teutonen einst bedacht. Während frühvergreiste Sprachakrobaten wie der „Zwiebelfisch“ Bastian Sick dies nicht etwa als Aufforderung betrachten, ihren Landsleuten die Deutschtümelei publizistisch um die Ohren zu schlagen, sondern diese im Gegenteil mit inhaltsleeren Besserwissereien malträtieren, die zu allem Überfluss als unterhaltsam goutiert werden, kann man nun im Internet ein Gegenmittel finden. Denn die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat sämtliche 922 Nummern der von Kraus herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“ ins Netz gestellt. Auf rund 22.500 Seiten kann man kostenlos nachlesen, wie sich bei Karl Kraus die Dialektik von Form und Inhalt zu einer meisterlichen Polemik entfaltet, die aus der Sprache eine scharfe Waffe macht. mehr lesen / lire plus

JJ FIELD / SAÏD TAGHMAOUI: O Jérusalem

In diesem langweiligen Streifen stolpern JJ Field und Saïd Taghmaoui durch den israelischen Unabhängigkeitskrieg, der zur kitschigen Staffage für ein nicht enden wollendes Rührstück gerät. Wer sich einen historisch oder aufklärerisch pointierten Film erwartet, wird ebenso enttäuscht wie die Freunde des Popcornkinos. mehr lesen / lire plus

PAUL GREENGRASS: United 93

Mit den Mitteln des Kammerspiels und Dogma-Ästhetik:
Der Kinofilm „United 93“ trifft auf die Endlosschleife der 9/11-Bilder.

Mit dem Mut der Verzweiflung: Passagiere an Bord der United 93 beratschlagen, ob sie etwas gegen ihre Entführer unternehmen sollen.

Kommt die filmische Verarbeitung der Anschläge vom 11. September 2001 zu früh? Diese Diskussion entwickelte sich in den USA anlässlich der Premiere von „United 93“. Eine seltsam anmutende Frage. Denn die Scheu, eine auf reale Ereignisse basierende Geschichte mit Hilfe fiktiver Elemente in Szene zu setzen, trifft hier auf ein Sujet, das von Beginn an die Züge eines medialen Spektakels trug. Die Bilder vom Einschlag der Passagiermaschinen im World Trade Center und von den aufeinanderfolgenden Einstürzen der Twin Towers haben sich auf unserer Netzhaut eingebrannt, so oft haben wir sie gesehen. mehr lesen / lire plus

MICHAEL GLAWOGGER: Working Man’s Death

Die Kohle für’s eigene Überleben aus einer stillgelegten Grube scharren, unter Lebensgefahr die Stahlkolosse ausgemusterter Öltanker zerschneiden. Nüchtern, genau beobachtend, stellt «Working Man’s Death« die Arbeitswelt jener Menschen dar, die aus dem Verwertungsprozess ausgespien worden sind – oder in Regionen leben, die an diesem Prozess nie wirklich teilhaben konnten. Schwerstarbeit erscheine ihm oft als die einzig wirkliche Arbeit, meint der Regisseur; im Widerspruch dazu erzählen die eindrucksvollen Bilder von der Arbeit in der kapitalistischen Industriegesellschaft an sich, deren Barbarei hier besonders deutlich wird. mehr lesen / lire plus

MONGWAI: Mr. Beast

Mogwai – Mr. Beast LP/CD, Pias/Rock Action, 15,55 €

Eine Prelude von über vier Minuten leisten sich die Könige des Brachial-Gitarrensounds von Mogwai auf ihrem neuen Album, um die HörerInnen auf die nachfolgenden vierzig Minuten vorzubereiten. Mr. Beast knüpft prinzipiell da an, wo das Quintett mit seinem letzten Studioalbum „Happy Songs For Happy People“ aufgehört hat. Mit dramatischer Wucht wird alles zertrümmert und zerschreddert, was der Gitarrenwalze in den Weg kommt. Dennoch bleibt auch Platz für ruhige Zwischentöne, Orgel- und Klavierharmonien, die versöhnlich-süß das Trommelfell streicheln, bevor mit Tracks wie „We’re No Here“ wieder alles kaputt gehauen wird. „Mogwai“ soll auf chinesisch angeblich so etwas wie „Geist“ oder „böse Seele“ bedeuten – und die wird hier auch einmal mehr entfesselt. mehr lesen / lire plus

Metal Hearts: Socialize

Metal Hearts – Socialize CD, 9,05 € www.suicidesqueeze.net

Was für eine Genre-Bezeichnung: Bedroom-Rock! Auch nach vielen Jahren fällt es schwer, die Retorten-Wörter zu akzeptieren, die sich manche KollegInnen zwecks Etikettierung musikalischer Stilrichtungen aus den Fingern saugen. Doch die Metal Hearts haben diesen Job gleich selbst übernommen, wohl um den Schaden möglichst gering zu halten. Tatsächlich ist Socialize ein Album, das sich nicht zuletzt für nachdenkliche Stunden im stillen Kämmerlein eignet. Bands wie Slint haben diese melancholisch-verregnete Stimmung beeinflusst, doch statt auf ein Schlagzeug wird auf einen Drumcomputer und einen cleanen Gitarrensound zurückgegriffen. Socialize ist bereits das zweite Album dier sympathischen Jungspunde aus Baltimore. mehr lesen / lire plus