Best Wishes: Die Welt ist nicht genug

„Auswandern – aus der Welt!“, ist die spontane Reaktion nicht weniger Menschen auf Brexit, Trump, Fillon / Le Pen. Steht es wirklich so schlimm? Die woxx-Redaktion fragt sich zu Weihnachten, wo man das Grauen überhaupt noch hinter sich lassen kann.

Back to Utopia

(rw) – Kennst du das Land, wo die Demokratie blüht? Die Verfasserin dieser Zeilen nicht. Deshalb gilt: statt auf der Suche nach dem besseren Leben geografisch auszuschwärmen, besser mal wieder auf die Zukunft setzen. Zugegeben, auch die Utopie ist nicht mehr, was sie mal war. Saint Simon wurde längst als Antisemit entlarvt, und im 20. Jahrhundert verkehrte sich das Konzept der Utopie – unter Miesmachern wie Aldous Huxley oder George Orwell – zunehmend zur Dystopie. Falsch wäre es auch, wie es in Intellektuellenkreisen geschieht, Analogien zwischen unserer Zeit und der Hoch-Epoche der Diktaturen, nämlich den Zwischenkriegsjahren, zu ziehen. Denn die Zukunft leuchtet unerkannt vor uns, während wir uns vom politischen Elend des beginnenden 21. Jahrhunderts beeindrucken lassen. Ergeben nicht neue Studien, dass schon die kommende Generation weit weniger mit solchen Tendenzen am Hut hat, und stattdessen auf Pragmatismus und gutes Zusammenleben setzt? „Geduld ist die Tugend der Revolutionäre!“, sagte bereits Rosa Luxemburg. Wie wäre es beim Warten auf eine bessere Welt mit etwas Lektüre: etwa Heinleins „Der rote Planet“, Tourniers „Vendredi ou les limbes du Pacifique“ oder Robinsons „Mars Trilogy“?

Mach’s wie Étienne!

(da) – Die Welt brennt: Krieg, Klimawandel, religiöser Terror – und von Moskau bis Washington autoritäre Möchtegerndiktatoren an der Macht. Das verheißt nichts Gutes, doch wo soll man als Linker hin, wenn’s erst mal zu spät ist? Venezuela kollabiert, Kuba wird sich wohl bald der große Bruder einverleiben und Nordkorea ist auch nicht so der Renner. Da bleibt eigentlich nur noch eine Hoffnung: Étienne Schneider. Denn dank Space Mining werden wohl schon bald die ersten Space Shuttles vom Niklosbierg starten, um Rohstoffe auf fernen Planeten abzubauen. Dort lauert unerkanntes Potenzial: Vielleicht finden wir in den geknechteten Alien-Völkern genau das revolutionäre Subjekt, das uns hier auf Erden irgendwie abhandengekommen ist… Und ist der erste Planet befreit, geht der Rest ganz wie von selbst – notfalls gibt’s halt nur Sozialismus auf einem Planeten. Und irgendwann, ja irgendwann, kehren wir per Raumschiff auf Mutter-Erde zurück und jagen die ganzen Trumps und Putins und Erdogans in die Umlaufbahn! In diesem Sinne: frohe Feiertage und es lebe der Star-Trek-Kommunismus!

Balkon-Asyl

(rg) – In einer der ersten GréngeSpoun-Ausgaben gab ein Luxemburger Entwicklungshelfer an, Nicaragua sei das Land, wo die Armut am gerechtesten verteilt sei. Nicaragua stand damals nicht zuletzt für die Hoffnung, die Errungenschaften einer von der Bevölkerung getragenen Revolution auch mittels demokratischer Wahlen weiterzuentwickeln. Dieser Traum ist leider schon lange geplatzt. Zwar ist einer der Revolutionshelden von einst längst wieder an der Macht, hat er sich doch mit der katholischen Kirche arrangiert: Das von ihm erlassene Abtreibungsgesetz ist so reaktionär, dass die polnische Rechte davon nur träumen kann. Nicaragua fällt also aus. Und auch Kuba steht nicht mehr zur Verfügung. Nicht etwa, weil Fidel nicht mehr da ist; das war ja vorauszusehen. Aber langsam normalisiert sich der ökologische „footprint“ der Karabikinsel: Vor zehn Jahren noch ließ Kuba staunen, weil seine Bevölkerung als besonders gesund und langlebig und – nach eigenem Bekunden – auch als besonders glücklich galt, dafür aber mit den geringsten Carbon-Verbrauch pro Kopf auswies. Doch der Reiz des überbordenden Konsums ist nur wenige Kilometer entfernt, und die zaghafte Öffnung der Comandantes wird den Druck auf die Insel, sich den Lockungen der Warenwelt zu ergeben, eher noch erhöhen. Sogar die Sonne dient nicht mehr als Argument, Luxemburg den Rücken zu kehren, sucht sie sich doch selbst mitten im Dezember ihren Weg durch die graue Wolkendecke. Und so lässt es sich bisweilen auf dem Balkon mit Südlage – zugegeben: den hat nicht jeder – doch recht gut und unbeschwert leben.

Ab in die Mine

(lc) – Die Welt brennt, die Funken schlagen auch in unsere ruhigen Gefilde über. Doch wohin fliehen wenn das Böse – welches auch immer – quasi vor der Tür steht? Statt irgendwelche exotischen Gegenden anzupeilen, in denen die Sicherheit auch nicht immer garantiert ist, wäre es besser, sich an der Vergangenheit zu orientieren. So bin ich schon seit Monaten Dauerbesucher im „Musée des Mines“ in Rümelingen, um mir dort tief unter der Erde heimlich ein beschauliches Plätzchen anzulegen. Tausende Luxemburger während des Zweiten Weltkriegs können so falsch nicht gelegen haben. Doch anstatt auf meine Mitmenschen über Tage zu zählen, werde ich – ganz Mensch des 21. Jahrhunderts – ein Selbstversorger sein. Nachwachsende natürliche Ressourcen wie Pilze gibt es dort genug, und auch das Stromproblem ist dank eines unterirdischen Wasserfalls gelöst. Eine Filteranlage, um sauberes Trinkwasser zu produzieren, ist ebenfalls in Bau. Zu meiner Unterhaltung habe ich ein Sofa, eine Bibliothek und eine Spielkonsole samt Fernseher dort versteckt. Fehlt nur noch das Internet, und dann heißt es tschüss, schnöder Planet, ich bin dann mal weg …

Aspects of the Downhill Slide

(tf) – Nicht nur die AutorInnen der hier versammelten Beiträge scheinen sich einig zu sein, dass wir uns derzeit auf einer rasanten Talfahrt befinden. Doch das muss nicht unbedingt ein Grund zum Jammern sein: Von den ersten „modernen“ Skateboardern Anfang der 1970er kann man lernen, dass eine Talfahrt ziemlich viel Spaß machen kann. Pioniere dieser Idee: die Leute vom Zephyr-Team aus Kalifornien. Während andere vom Niedergang faselten, bauten sie sich ihren kollektiven Spielplatz inmitten der Relikte der bürgerlichen Gesellschaft auf. Ob Wellenreiten zwischen den verfallenen Ruinen des Pacific-Ocean-Vergnügungsparks in Venice Beach oder Skaten in den ausgetrockneten Pools der verlassenen Sommervillen von Santa Monica – die Kids von Zephyr wussten, wie man es krachen lässt. Defätistisch? Keine Spur! Peggy Oki etwa, Tochter von aus Japan eingewanderten Hiroshima-Überlebenden und bekannteste Frau im blöderweise auch „Z-Boys“ genannten Team, gründete vor mehr als zehn Jahren das „Origami Whales Project“, um gegen Walfang zu protestieren. Beruflich lehrt sie Kunst am Santa Barbara City College. Auf dem Campus bewegt sich die Sechzigjährige natürlich vorwiegend auf dem Skateboard fort. Klingt so, als sollte man sich dort für ein Studium einschreiben.

1917

(lm) – Ein Exilland? Gewiss, es gibt Orte, die bisher verschont geblieben sind. Luxemburg ist einer davon. Doch ob irgendwo die fortschrittlichen Kräfte ein längst überfälliges Zeichen setzen könnten, dass es Alternativen zu Kapitalismus und Gruppenidentität gibt – unwahrscheinlich. Und auf Dauer wird kein Land, keine Insel sich den Folgen der internationalen Entwicklung entziehen können: Krise von Wirtschaft und Handel, Umweltkatastrophen, Zusammenbruch der Friedensordnung in und zwischen den Staaten. Erst nach dem Fiasko der rechten Ideologien wird sich die Menschheit wieder auf linke Werte besinnen. Das gab es schon einmal, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere im Anschluss an die Tragödie des Ersten Weltkriegs. Und weil ich mir den Dritten noch schlimmer vorstelle, möchte ich lieber beim Jahr 1917 um Asyl ersuchen. Mit der Hoffnung, dass es die Menschheit in einer alternativen Realität schafft, diese Chance zu nutzen. Vielleicht ist es ja keine Fatalität, dass immer neue soziale Krisen in die Suche nach neuen Identitäten münden (Marsch auf Rom 1922)? Und dass sozialistische Revolutionen nach der „Herrschaft der Bourgeoisie“ auch Freiheit und Demokratie hinter sich lassen (Kronstadt 1921)? Da sich die woxx im kommenden Jahr mit „1917 und den Folgen“ befassen wird, kann ich ja vielleicht ein paar Korrespondentenberichte aus der alternativen Vergangenheit beisteuern.


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