GROOVE: DJ Sermeq

DJ Sermeq, Smoke_over_Ground, 2004.

Dj Sermeq heißt mit bürgerlichem Namen Claude Michels und teilt sich mit Unki Unkelhäusser das Mikrofon in der Sendung „Bloe Baaschtert“ auf Radio Ara. Dort sorgt er dafür, dass einheimische Produktionen jeder Couleur über den Äther laufen. Selbst bleibt er jedoch lieber unerkannt. Mit seiner ersten Solo-Platte „Smoke_over_Ground“ beweist er Mut zum Eklektizismus. Ausladende Ambient-Stücke wie „From Greenland“ stehen neben Titeln wie „The Way Down“ mit seinen hämmernden Techno-Beats. Auch wenn der Trend in der Elektro-Szene derzeit eher in Richtung Minimalismus zu gehen scheint, so scheut DJ Sermeq nicht vor opulenten Synthie-Arrangements zurück, die stellenweise durch sehr kalte Klangfarben irritieren. mehr lesen / lire plus

POP: Opulente Zuckerwatte

Tori Amos, The Beekeeper, Sony, 2005.

Es hört einfach nicht mehr auf: 19 Tracks hat Tori Amos auf ihrer neuesten Scheibe „The Beekeeper“ gepackt, über 70 Minuten Musik. Ähnliches schaffen sonst nur Prog-Rocker wie Mars Volta. Aber bei der US-amerikanischen Songschreiberin gibt es diesmal kein komisches Instrumental-Geknödel und auch keine schwer verdaulichen Ausflüge in die Zwölftonmusik, wie sie deren auf früheren Alben gerne mal servierte. „The Beekeeper“ ist eine Sammlung perfekt gestrickter Kompositionen, so hübsch, melodisch und opulent, dass es fast weh tut. Titel wie „Ribbons Undone“ oder „Sleeps with Butterflies“ sind Zuckerwatte pur, aber Tori Amos schlägt doch immer wieder einen Haken, bevor sie Gefahr läuft, in seichtere Gewässer abzudriften. mehr lesen / lire plus

PROG-ROCK: Konzept: Größenwahn

The Mars Volta, Frances the Mute, Universal, 2005

Das zweite Album „Frances the Mute“ der Kultband The Mars Volta ist ohne jeglichen Zweifel eine der verstörendsten, intelligentesten, rätselhaftesten und visionärsten Platten, die in den letzten Monaten produziert wurden. Mit einer Mischung aus Größenwahn und Unbekümmertheit vereint diese Formation, ähnlich wie auf ihrem Debüt-Album „De-loused in the Comatorium“, ihre Indie-Rock Wurzeln mit fantastisch arrangierten Prog-, Jazz- und Latin-Elementen. Das Album ist ungemein vielseitig und wesentlich dynamischer als das von Rick Rubin produzierte und bis in die Grenzen des Machbaren komprimierte Vorgängeralbum. „Frances the Mute“ ist ein mutiges Meisterstück mit Meilenstein-Potential. Nirgendwo in der aktuellen Musikszene gibt es eine solche musikalische Unbedingtheit und daher dürfte diese Platte jedenfalls jetzt schon zu den bedeutendsten und Aufsehen erregendsten Veröffentlichungen des Jahres zählen. mehr lesen / lire plus

ROCKHAL: Ohrenschmaus

Die Rockhal-CD gibt es gratis über info@rockhal.lu, „Grand-Duchy Grooves“ ist zum Preis von 9 € im Handel erhältlich.

Wer sich mal wieder Überblick verschaffen möchte darüber, was in der Luxemburger Musikszene so läuft, dem/der helfen seit kurzem zwei aufwändig gestaltete Sampler beim Navigieren durch die heimischen Klangwelten. Das Triple-Album der Rockhal vereint die derzeit aktivsten Luxemburger Bands: von Balthasar Daniel bis Zap Zoo sind (fast) alle mit einem Song vertreten. Die Unterteilung in Alternative Rock, Elektro, Songwriter, Pop und Rock ist ein bisschen willkürlich geraten, ein paar angesagte Namen wie Inborn oder Do Androïds Dream of Electric Sheep fehlen leider. mehr lesen / lire plus

FOLK: Transatlantischer Kulturaustausch

Yann Tiersen & Shannon Wright, Vicious Ci/Alive, 2005

Sie sind ein recht ungewöhnliches Paar: Yann Tiersen, der begnadete Soundtrack-Komponist („Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Goodbye Lenin“ u.a.), ein Meister im Vertonen der Illusion und Shannon Wright, eine hochbegabte Folk-Rock-Musikerin (stets vom Produzenten Steve Albini unterstützt), die mit Künstlern wie PJ Harvey oder Cat Power verglichen wird. Wenn sich so viel Talent trifft, dann muss dabei nicht immer eine gelungene Mischung herauskommen. Aber auf ihrer Platte harmonieren die beiden Multi-Instrumentalisten perfekt: Sie schaffen eine Traumwelt aus sanften und herzergreifenden Tönen. Die orchestralen Dramaturgien aus Klavier, Akkordeon und Streichern bringen die tieftraurige, zugleich morbid und doch zuckersüße Stimme von Shannon Wright erst richtig zur Geltung. mehr lesen / lire plus

FOLK: Zurück ins Paradies

Ray Lamontagne, „Trouble“, Echo, 2004.

Zuerst schlich sich die Retro-Welle im Rock ein. Alles sollte möglichst alt klingen und trotzdem authentisch. Jetzt kommen endlich auch die Nostalgiker auf ihre Kosten, die glauben, in Sachen Folk und Soul sei seit den Siebzigern nichts Spannendes mehr passiert. Trouble, das Debüt des amerikanischen Songwriters Ray Lamontagne, ist noch rückwärtsgewandter, als Retro-Fans es sich zu wünschen wagten. Ethan Johns hat die zwölf Titel so organisch produziert, als säßen Ray und seine Band nebenan im Wohnzimmer beim kuscheligen Lagerfeuer. Wenn auch in Sachen Songwriting hier Crosby Stills Nash und Young ein wenig überdeutlich Pate standen, so ist es vor allem Ray Lamontagnes Stimme, die das Album zur Ausnahmeerscheinung macht: rau und soulig wie Van Morrison anno „Astral Weeks“. mehr lesen / lire plus

POP: Im Oberstübchen nichts Neues

Bright Eyes, „I’m wide awake it’s morning“ / „Digital ash in a digital urn“, Saddle Creek, 2005.

Lange war Songschreiber Conor Oberst alias Bright Eyes ein Geheimtipp. 2003 schlug dann sein Album „Lifted“ ein wie eine Bombe: Das war neu, ehrlich und genial. Die Musikwelt wartete gespannt auf den Nachfolger. Und was macht ein Musiker, wenn ihn alle unheimlich toll finden, er den ganzen Rummel aber eigentlich gar nicht will? Klar, er setzt Zeichen und produziert ein anspruchsvolles Doppelalbum. Ryan Adams hat es vorgemacht und sich nach den Meilensteinen „Heartbreaker“ und „Gold“ irgendwo zwischen Kunst und Attitüde verzettelt. Und Bright Eyes ereilt mit I’m wide awake it’s morning und seinem elektronischen Pendant Digital ash in a digital urn ein ähnliches Schicksal. mehr lesen / lire plus

ROCK: Vorhang auf

Anajo, „Nah bei mir“, Tapete/Indigo. 2004.

Der kommerzielle Erfolg von Bands wie Wir sind Helden, Sportfreunde Stiller und ihren Trittbrettfahrern macht es möglich: Kleinere Plattenlabel wie Tapete Records nutzen die Gunst der Stunde um vermehrt deutschsprachige Musik mit Qualitätsanspruch zu promoten. Neuester Coup der Hamburger: Nah bei mir, das Debütalbum von Anajo. Diese drei smarten Jungs aus der fränkischen Provinz haben bereits mit der Vorabsingle „Ich hol dich hier raus“ ihren ersten Indie-Hit gelandet. Genaueres Hinhören bestätigt den Verdacht, dass diese Jungs den gewissen Mehrwert besitzen könnten, um aus der Masse deutscher Gitarrenbands herauszustechen. „Ich habe die Annahme, du bist eine Ausnahme, ich habe den Verdacht, du hast Geschmack“, heisst es in „Honigmelone“. mehr lesen / lire plus

TOCOTRONIC: Menschen auf der Flucht

Hamburg, Januar 2005: Die Trainingsjacken sind längst eingemottet, trotzdem liefern Tocotronic auch zehn Jahren nach ihrer Gründung auf Pure Vernunft darf niemals siegen den Soundtrack für Menschen auf der Flucht vor der stumpfen Realität und dem bürgerlichen Kleingeist. Weg vom Slogan, hin zu kryptischen Texten, inbrüstig vorgetragen von einem Dirk von Lowtzow in Bestform. Der nölige Sprechgesang der Anfangsjahre erscheint Welten entfernt: „Völker auf zum Gefecht, die Illusion wird Menschenrecht“. Der großartige Titelsong überragt wie ein Monolith zwölf weitere durchwegs gelungene Tracks. Die Hamburger überraschen auf musikalischer Ebene mit einem weiteren Kurswechsel: Nach dem doch sehr elektronischen Vorgänger dominieren heute wieder die Gitarren: Hämmernde Hooks wechseln sich mit schrägen Riffs ab, die belgischen Indie-Ikonen dEUS werfen ihre Schatten. mehr lesen / lire plus

ROCK: Verweigerung als Programm

And You Will Know Us By The Trail Of Dead, „Worlds Apart“, Interscope/Universal, 2005.

„Random lost souls have asked me: What’s the future of rock’n’roll? I say: I don’t know, does it matter?“ Keine Angst, so unbeteiligt wie die Zeile aus „Worlds Apart“ von „And You Will Know Us By The Trail Of Dead“ klingen mag, sind die Texaner beileibe nicht. Im Gegenteil, das neue Album der drei Musiker ist eine Hommage an den progressiven Rock: wuchtig und dann wieder filigran, aufbrausend und dann wieder versöhnlich, geradlinig und doch extrem komplex. Dahinter steckt, wie beim Vorgängeralbum auch schon, ein ausgeklügeltes dramaturgisches Konzept, so dass vom Anhören einzelner Stücke dringend abzuraten ist. mehr lesen / lire plus

METAL: Blut und Töne

The Blood Brothers, Crimes, V2, 2004.

Die Fachpresse scheitert immer wieder beim Versuch, die Chaos-Combo Blood Brothers griffig zu charakterisieren. Ob Micky Mäuse auf Speed oder Sepultura nach dem ausgiebigen Inhalieren von Helium – die Band zieht wie keine andere zur Zeit ihr eigenes Ding durch. Absurd-morbide Texte, Gitarrengewitter, zwei ständig durcheinander quäkende Sänger und obwohl es beim ersten Hören einfach nur nach Krach klingt, erschließt sich schon bald die schiere Genialität dieser irren Kollagen.“Crimes“ ist das dritte Album der blutigen Brüder – ihr zugänglichstes, heißt es. Der Vorgänger „Burn, Piano Island, burn“ hatte vielleicht die besseren Songs, war ungestümer, aber dafür nimmt sich „Crimes“ mehr Zeit und erschafft eine ganz eigene Atmosphäre. mehr lesen / lire plus

KLASSIK: Gehobene Stimmung

Scala, „Respire“, Pias, 2004.

Das hätte keiner für möglich gehalten und trotzdem: Chorgesang ist wieder in. Während in den Kirchen die Ave Marias immer zögerlicher aus spärlich gesäten Rängen tönen, tourt Tim DeLaughter erfolgreich mit seiner Truppe „The Polyphonic Spree“. In Belgien ist es seinerseits der Mädchenchor „Scala“, der 2003 mit dem ersten Album „On the Rocks“ für Furore sorgte: Coverversionen von vorzugsweise alternativen Hits wie „Creep“ oder „I touch myself“ (!), nur mit Klavier und mehrstimmigen Gesang. Das wirkt vielleicht kitschig oder unfreiwillig komisch, ist aber einfach nur schön. Mancher Titel profitiert sogar von der Frischzellenkur. Mit „Respire“ veröffentlichen Scala, unter der Leitung der Brüder Kolacny, bereits ihre dritte Platte, diesmal nur mit französischsprachigen Songs. mehr lesen / lire plus

CLASSIC: Pythagoricien et compositeur

Iannis Xenakis, 4, Timpani, 2004, 21 €.

L’Orchestre Philharmonique du Luxembourg vient de sortir le quatrième volume de l’´uvre orchestrale de Xenakis, compositeur d’origine grecque, né en Roumanie en 1922, naturalisé français en 1965, décédé en 2001. Enregistré sous la direction d’Arturo Tamayo comme les volumes précédents, ce CD présente deux premières mondiales: Erikhthon où l’on retrouve le fabuleux pianiste japonais Hiroaki Ooï, et Krinoïdi composé dix-sept ans plus tard. Ingénieur de formation, Xenakis peut être considéré comme le pythagoricien des compositeurs de la fin du 20e siècle. Tout en critiquant la musique sérielle, Xenakis réussit dans ses compositions la synthèse entre la logique mathématique et l’émotion artistique. mehr lesen / lire plus

CLASSIQUE: Saxophone – rossignol

Interpréter sur un saxophone soprano des airs d’opéra écrits aux 17e et 18e siècles pour voix de castrat constitue pour le moins une approche insolite de la musique baroque! Et pourtant, la tessiture ainsi que le timbre clair aux relents graves du saxophone soprano conviennent bien pour réinterpréter une musique qui risque de sombrer dans l’oubli parce que la pratique barbare de châtrer des garçons pour servir la cause de l’art vocal n’est plus de mise. Sur „Il canto dell’Usignolo Nadine Kauffmann, impressionnante de maîtrise instrumentale, fait chanter et pleurer son instrument avec une expressivité proche de la voix humaine. Georges Urwald l’accompagne au clavecin avec retenue et espièglerie, notamment dans les interludes qu’il a su pimenter de quelques accords bien contemporains. mehr lesen / lire plus

PUNK: Keine Experimente

„Power“ heißt das dritte Album von Q and not U aus Washington D.C. Bei dem Titel hätte mensch einiges erwarten können. Tatsächlich überrascht die auf drei Jungs um Sänger Harris Klahr geschrumpfte, einst als Fugazi-Nachfolgerin gehandelte Punkband mit vielen Anleihen aus Funk und einem neuen Hang zum Plastiksound, wie er derzeit im New Yorker Underground grassiert . Das Tempo ist schnell, es gibt Haken und Ösen wie schon auf dem ebenfalls beim Indie-Label „Dischord“ erschienenen Vorgängeralbum „Different Damage“. Das war es dann aber mit dem Wiedererkennungseffekt. „Power“ ist experimenteller, mehr Funk als Punk – und (noch) sperriger. Vor allem der ständige Falsettgesang liegt mitunter recht schräg im Ohr. mehr lesen / lire plus