Autobiographischer Roman
: Parlando des Widerstands


Das Buch „Mein deutscher Bruder“ von Chico Buarque handelt von der brasilianischen Militärdiktatur und von der Suche nach seinem Halbbruder in der DDR. Dem Ernst des Themas trotzend, ist es voll munterer Ironie.

Chico Buarques „deutscher Bruder“: Sergio Günther erlangte in der DDR eine gewisse Prominenz als Schlagersänger, Moderator sowie Radio- und Fernsehentertainer. (Foto: Internet)

Chico Buarques „deutscher Bruder“: Sergio Günther erlangte in der DDR eine gewisse Prominenz als Schlagersänger, Moderator sowie Radio- und Fernsehentertainer. (Foto: Internet)

Chico Buarque ist einer der berühmtesten Liedermacher Brasiliens unter den Musikern der „música popular“. Seine Verse sind große Dichtkunst. „Vater, nimm diesen Kelch von mir weg mit dem Rotwein aus Blut“ – die Zeilen aus dem Lied „Cálice“ hat Buarque weniger an den eigenen Vater gerichtet als an die gesamte Vätergeneration. mehr lesen / lire plus

Römisches Reich
: Wie nutzlos ist die Macht

Mit dem historischen Roman „Augustus“ ist nun auch das letzte bedeutende Prosawerk des vor einigen Jahren wiederentdeckten amerikanischen Schriftstellers John Williams ins Deutsche übersetzt. Eindrucksvoll und unterhaltsam entwickelt der Briefroman eine Phantasie davon, wie die menschliche Seite des ersten römischen Kaisers ausgesehen haben könnte.

1387LitBuchBILDAugustusEs ist das Jahr 44 vor unserer Zeitrechnung. Julius Cäsar ist tot, ermordet von einer Gruppe römischer Senatoren. Das politische Erbe des Diktators fällt seinem 19-jährigen Großneffen Gaius Octavius zu. Cäsar war einst derart beeindruckt von dem klugen und ehrgeizigen jungen Mann, dass er ihn adoptierte. Als Gaius Julius Cäsar Divi Filius, als „Sohn des Göttlichen“, ist er fortan bestrebt, das Prestige seines Großonkels für sich zu nutzen. mehr lesen / lire plus

Serienmörder: Eine Geschichte der Trostlosigkeit


Der Roman „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk handelt von einem Serienmörder der siebziger Jahre, ist aber weder Krimi noch Sozialstudie.

1385literaturSTRUNKhandschuh-cover_eff89a5985a475378cd3170917df5aafSerienmörder üben auf viele Menschen eine seltsame Faszination aus. Einige dieser Killer haben es damit zur Prominenz oder sogar zu ausgesprochenem Kultstatus gebracht. Bücher und Filme über Ted Bundy und Jack the Ripper, Fritz Haarmann und Joachim Georg Kroll gibt es zuhauf, Das Thema Serienmörder hat schon seit langem Konjunktur. Dass sich die Belletristik explizit mit ihnen beschäftigt, ist jedoch ein Trend, der erst in der jüngeren Zeit einsetzte, und eine direkte Konsequenz aus der Entwicklung des Kriminalromans.

„Der goldene Handschuh“ ist kein Krimi. mehr lesen / lire plus

Gegenreformation: Trunkene Giganten


Álvaro Enrigue wird zu den wichtigsten iberoamerikanischen Gegenwartsautoren gezählt. Mit „Aufschlag Caravaggio“ liegt jetzt erstmals ein Buch von ihm in deutscher Übersetzung vor.

Aufschlag Caravaggio von Alvaro Enrigue

Aufschlag Caravaggio von Alvaro Enrigue

Rom, Mitte des 16. Jahrhunderts: Zwei Meister der barocken Kunst treffen sich zum Duell. Einer der beiden Duellanten ist Michael Merisi da Caravaggio, ein Pionier in der hell-dunkel Malerei. Durch seine für die damalige Zeit unkonventionellen Modelle – vor allem Prostituierte und Bettler – hat er ein während der Gegenreformation kontrovers aufgenommenes Werk geschaffen. Sein Gegner ist der spanische Dichter Fransisco de Quevedo, führender Poet des kastilischen Conceptismo-Stils, der sich unter anderem durch seinen Stakkato-artigen Rhythmus, seine Direktheit und den ironischen Wortwitz auszeichnet. mehr lesen / lire plus

Moderne Klassiker: Autor der Vielstimmigkeit

Die längst überfällige und äußerst gelungene Neuübersetzung von William Faulkners „Absalom, Absalom!“ ermöglicht gleichermaßen die Neuentdeckung eines Klassikers der Moderne wie auch eines zentralen Werkes der amerikanischen Literatur.

1365LitBuchBILDAbsalomDie Suche nach der Great American Novel, dem großen amerikanischen Roman, durchzieht die amerikanische Literaturgeschichte wie ein roter Faden. Die Frage, wer sie geschrieben hat, ist bis heute unbeantwortet. William Faulkner (1897-1962) gehörte immer zu den heißesten Anwärtern. Der Literaturnobelpreisträger steht wie kein zweiter Schriftsteller für den Übergang des US-Romans in die literarische Moderne. Als er das Manuskript für „Absalom, Absalom!“ abgab, war es Faulkner selbst, der behauptete, dies sei der beste Roman, der je von einem Amerikaner geschrieben wurde. mehr lesen / lire plus

Genuss und Überdruss
: Vom Traum, einmal gelebt zu haben

Blicken ex-Linke zurück, so wirkt das Resultat meist recht abgeschmackt. Doch Ulrich Peltzer zeigt in seinem neuen Roman, dass angesichts einer leblos-statischen Gegenwart selbst die nostalgische Sehnsucht noch subversives Potenzial bewahrt.

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Seine Romane dienen ihm auch zur Selbstbefragung: Der 1956 geborene Schriftsteller Ulrich Peltzer. (Foto: Internet)

Jeder gute Roman eines Alt-Linken beginnt mit ‚seiner‘ erlebten Revolution oder vielmehr den Erinnerungen an sie. Und wie bei einer verflossenen Liebe ist die Erinnerung zwar schemenhaft, doch meist erhabener als es die Realität je war. Für den Protagonisten von Ulrich Peltzers Roman „Das bessere Leben“ ist das die 68er-Revolte und die traumatische Erinnerung an den 4. mehr lesen / lire plus

Highspeed
: Vom Feuer verschlungen

Für ihren Roman „Flammenwerfer“ hat die US-Autorin Rachel Kushner eine beeindruckende Recherche gemacht. Das Resultat ist vielschichtig, teils politisch und hat phasenweise den Drive eines Roadmovies.

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
)

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
)

Reno, Anfang 20, liebt das Tempo. „Es gab Dinge, etwa den Effekt des Windes auf die Wolken, die ich schlicht ignorieren musste, wenn ich mit hundertsechzig Stundenkilometern über den Highway fegte.“ Die junge Frau fährt auf einem Motorrad durch Nevada. Auf ihren Tank hat sie eine Karte des US-Bundesstaats geklebt.

Ihren Spitznamen Reno hat die Protagonistin erhalten, weil sie in der gleichnamigen Stadt in Nevada aufwuchs. mehr lesen / lire plus

John Williams – Butcher’s Crossing: Blut und Hoden

John Williams beschreibt in seinem Roman „Butcher’s Crossing“ eine Büffeljagd im Wilden Westen als Geschichte des Scheiterns.

1333LitBuch„Nächster Halt Butcher´s Crossing!“, ruft der Kutscher. In dieses schäbige Kaff aus ein paar Häusern und Bretterbuden in Kansas im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten ist Will Andrews gekommen. Der 23-Jährige aus Boston hat sein Studium in Harvard abgebrochen, um sich zu Beginn der 1870er Jahre auf eine abenteuerliche Reise zu begeben. Ausgangspunkt ist Butcher´s Crossing, das titelgebende Nest an der Grenze zum Nirgendwo.

In einem Saloon erfährt Andrews von einer sagenumwobenen Büffelherde in einem verborgenen Hochtal der Rocky Mountains. In der Prärie gibt es nur noch wenige Büffel. mehr lesen / lire plus

Claude Frisoni
 : Gare au Disasta !

Avec « Lettre d’amour au peuple qui ne connaissait pas le verbe aimer », Claude Frisoni signe un appel pour le droit de vote des résidents étrangers et livre une fine analyse de la société luxembourgeoise.

1321regards_frisoniÀ 1.750 kilomètres de l’Australie se trouve le Vanuatu. Baptisé Nouvelles-Hébrides par l’explorateur James Cook, l’archipel fut géré, jusqu’à son accession à l’indépendance, conjointement par la France et l’Angleterre. Avec l’indépendance, les Nouvelles-Hébrides deviennent le Vanuatu. Les habitants communiquent entre eux en bislama, langue issue de l’anglais avec des éléments français, mais le pays compte trois langues officielles : anglais, français et bislama.

À quelques centaines de kilomètres du Vanuatu se situe le Vatounu, pays imaginaire inventé par Claude Frisoni. mehr lesen / lire plus

DER WEG ZU BERLUSCONI: Verschäumte Gesellschaft

Die deutsche Übersetzung kommt spät, aber nicht zu spät: Obwohl Sandro Veronesis Roman „Die Berührten“ in Italien bereits 1990 erschien, vermag er wie kaum ein anderes Werk der italienischen Gegenwartsliteratur die heutige gesellschaftliche Misere des Landes verständlich zu machen.

Ermète, genant Mète, kommt Ende der Achtzigerjahre nach Rom und lebt auf Kosten seiner Stiefmutter in einer mondänen Wohnung in der Altstadt. Der junge Mann ist hochgebildet, aber ohne Brotberuf. Er pflegt einen introvertierten Stil, passend zu seiner geheimnisvollen Beschäftigung: der Graphologie. Auf seinen Streifzügen durch die Nachtlokale sammelt der zeitgenössische Nachfolger des antiken Alchimisten Hermes, dessen esoterische Lehren zu den Hauptwerken des abendländischen Okkultismus zählen, Handschriftenproben, in denen er das neue Zeichen seiner Zeit erkannt zu haben glaubt: die Verschäumtheit. mehr lesen / lire plus

FEMINISTISCHES BUCH?: „Du bist schwarz, Baby!“

Chimamanda Ngozi Adichies Roman „Americanah“ ist ein launige Liebesgeschichte – und zugleich eine Sozialsatire über Rassismus in den USA.

In Nigeria gilt Ifemelu als „Amerikanah“ – nur weil sie, die Protagonistin aus Chimamanda Ngozi Adichies drittem Roman, zum Studieren in die Vereinigten Staaten geht. Erst in den USA wird sie durch die Blicke der Anderen zu einer „Schwarzen“.

Ngozi Adichies dritter Roman trägt deutlich autobiografische Züge. Die 1977 geborene Autorin, deren Muttersprache Igbo ist, kommt allerdings nicht aus bitterarmen Verhältnissen, sondern aus einer Akademikerfamilie, aus der nigerianischen Mittelschicht.

Nach Schulabschluss und anfänglichem Medizin- und Pharmaziestudium geht sie mit 19 Jahren in die USA. mehr lesen / lire plus

FAMILIENBANDE: Wille zur Versöhnung

Opa war ein Nazi: Eine Enkelgeneration in Deutschland bekundet mit TV-Serien wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, dass diese Feststellung überaus schillernde Seiten hat. Auch Per Leos Roman „Flut und Boden“ dokumentiert, wie kokett die neueste Wendung des deutschen Geschichts- und Selbstbewusstseins mit dem Erbe der Volksgemeinschaft spielt.

Im Frühjahr war Per Leos Debütroman „Flut und Boden“ für den Leipziger Buchpreis nominiert, obwohl das Werk mit einem von der Kritik längst als „Running Gag“ verspotteten Topos der deutschen Gegenwartsliteratur beginnt: Beim Ausräumen der Familienvilla findet der Enkel im Bücherregal des verstorbenen Großvaters einen Stapel nationalsozialistischer Weltanschauungsliteratur. Doch was Leo aus dieser „Standardsituation“ mache, lobte Ijoma Mangold, Literaturchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, sei „klug, temperamentvoll und vor allem: erkenntnisstiftend“. mehr lesen / lire plus

JUBILÄUM: Wo Italien anfängt

Zum 50. Geburtstag schenkt sich der Wagenbach-Verlag eine Reihe von Erstlingswerken junger Autoren. Das Debüt der italienischen Schriftstellerin Paola Soriga knüpft thematisch an die Klassiker der italienischen Nachkriegsliteratur an.

Einst Brutstätte von Widerstand und Dissidenz: das Arbeiterviertel Centocelle, als es noch die Stadtgrenze von Rom markierte.
(Foto: Internet)

Unerschrocken war Ida an jenem hellen Maimorgen losgegangen, als ihr Don Pietro aus seinem Beichtstuhl heraus zuflüsterte, sie solle in die Druckerei laufen, eine Nachricht liege bereit. Es war nicht ihr erster Kurierdienst, sie kannte die Laufwege des antifaschistischen Netzwerks aus der römischen Peripherie in die Innenstadt. Sie kannte auch den Jungen, der plötzlich an ihr vorbeigerannt kam und ihr eine Warnung zugeraunt hatte. mehr lesen / lire plus

EXPEDITION: Reise zu den Nicht-Orten

Julio Cortázar und Carol Dunlop beschreiben in „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ eine Forschungsreise zu französischen Autobahnraststätten. Das rätselhafte Buch ist für beide eine Reise im Angesicht des Todes.

Die Autobahn bestimmt nicht allein unsere Wahrnehmung von Mobilität. Lange Zeit war sie zudem eine Metapher für Freiheit. Heute steht sie, in der Erscheinungsform des Staus, vor allem für unbewältigte Verkehrsprobleme. Im Film ist sie häufig Schauplatz von Road Movies. Im literarischen Schaffen von Julio Cortázar kommt sie erstmals in der Erzählung „Südliche Autobahn“ vor, die 1966 in der Sammlung „Das Feuer aller Feuer“ erschien.

Darin schildert der Schriftsteller die Erlebnisse einer Gruppe von Menschen, die während eines Monate dauernden Staus vor Paris in ihren Fahrzeugen eingeschlossen sind. mehr lesen / lire plus

TRAUMA HOLOCAUST: Der Schmerz der Generationen

Wie die Shoah auf mehreren Generationen einer Einwandererfamilie lastet, beschreibt der Brasilianer Michel Laub in seinem eindrucksvollen Roman „Tagebuch eines Sturzes“.

Hat einen Roman mit autobiographischen Zügen geschrieben: Der brasilianische Journalist und Schriftsteller Michel Laub.

João passt nicht dazu. Das bekommt er von Anfang an zu spüren. Seine Mitschüler an der jüdischen Schule von Porto Alegre quälen ihn. Sie werfen sein Pausenbrot auf den Boden oder spucken darauf. Oder sie graben ihn im Sandkasten ein. Doch am schlimmsten ist das, was an seinem 13. Geburtstag passiert. In guter alter Bar-Mizwa-Tradition werfen sie João 13 Mal in die Luft. Zwölf Mal fangen sie ihn auf, beim 13. mehr lesen / lire plus