WIEDERENTDECKT: Reichtum eines Lebens

Vierzig Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen als literarische Sensation erkannt, ist „Stoner“ von John Williams nun auch auf Deutsch erschienen.

Lange Zeit vergessen: Der Autor John Williams. (Foto: Copyright University of Denver)

Es ist ein Rätsel, warum manche großen Bücher kaum Beachtung finden. So etwa der Roman „Stoner“ des amerikanischen Schriftstellers John Williams (1922-1994), der 1965 erschien, rasch in Vergessenheit geriet und lange Zeit eher als Geheimtipp kursierte. Erst die Neuauflage des Buches 2006 bei New York Review Books Classics löste bei Kritik und Leserschaft wahre Begeisterungsstürme aus. Innerhalb kurzer Zeit verkauften sich 40.000 Exemplare, mittlerweile ist der Roman in zahlreichen Übersetzungen erschienen, einige weitere sind geplant. mehr lesen / lire plus

LITERARISCHE INSTALLATIONEN: Ein Riese, viele Fragmente

Brasiliens Literatur spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung des Landes wider. Besonders schonungslos zeigen dies Luiz Ruffato mit seinem Zyklus „Vorläufige Hölle“, von dem der erste Band nun auf Deutsch erschienen ist, und Chico Buarque in „Vergossene Milch“. Beide stammen aus unterschiedlichen Schichten, stehen aber in derselben literarischen Tradition.

Der alte Micheletto ist ein grausamer Despot, der es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat. In der Nähe des Dorfes Rodeiro im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais betreibt er ein kleines Anwesen. Dort drangsaliert er seine Familie. Drei seiner fünf Söhne sterben früh. Seine älteste Tochter brennt mit einem fahrenden Händler durch. Micheletto findet sie und schleift sie an einem Strick hinter seinem Pferd her. mehr lesen / lire plus

PHILOSOPHIE: Die Struktur des Wahren

Über Jahrhunderte galt die Italienreise als zentrale Bildungserfahrung des europäischen Bürgertums. Ein neues Buch interpretiert dieses Erlebnis als bislang unbenannten Nukleus der Philosophie des sublimsten Kritikers der bürgerlichen Gesellschaft der Gegenwart: Theodor W. Adorno.

„Auch ich in Arkadien!“ Schon Goethes „Italienische Reise“ folgt vorgegebenen Spuren. Der Dichter bereist jene Etappen der Grand Tour, die literarisch etabliert waren. Sein Vater hatte sie bereits besucht und dem Sohn die Erfahrungen der Italienfahrt in Aufzeichnungen überliefert. Denn zur Tradition der italienischen Bildungsreise gehört, lange bevor Goethes Tagebuch zur Pflichtlektüre für die bürgerliche Nachwelt wird, die Tradition des Reiseberichts. Darin sollten die viel besungenen Sehenswürdigkeiten nochmals gewürdigt, gleichzeitig aber auch Neues, bisher Unentdecktes festgehalten werden. mehr lesen / lire plus

ZWISCHEN DEN KULTUREN: Das unerbittliche Auge

Moacyr Scliar gilt als einer der wichtigsten Autoren Brasiliens des 20. Jahrhunderts. Bücher wie „Die Götter der Raquel“ handeln von den Identitätskonflikten der jüdischen Einwanderer.

Seinen Charme hat Bom Fim zum Teil bewahrt. Das einstige jüdische Viertel von Porto Alegre ist eine relativ ruhige Oase inmitten der Millionenstadt im Süden Brasiliens geblieben. Und die Synagoge in der Rua Barros Cassal wirkt wie eine Trutzburg. Bom Fim, das „gute Ende“, war die Heimat von Moacyr Scliar, dem neben Clarice Lispector bekanntesten jüdischen Schriftsteller Brasiliens.

Während Lispector (1925-1977) das Judentum in ihrem Werk nur indirekt behandelte, setzte sich der 1937 in Porto Alegre geborene Scliar, Sohn bessarabischer Einwanderer, intensiv mit der jüdischen Religion und Kultur auseinander. mehr lesen / lire plus

FAKTEN & FIKTION: Perspektive

Es hätte so viel aus ihr werden können: Doch dann kam die politische Journalistin Ulrike Meinhof auf den bewaffneten Kampf. Steve Sem-Sandberg veranstaltet einmal mehr ein Tribunal über eine Frau, die ihre Klasse verraten hat.

Schöne, kluge Frau: Ulrike Meinhofs Entscheidung für den bewaffneten Kampf wird meist nicht in der damaligen gesellschaftlichen Konstellation, sondern allein in ihren psychischen Dispositionen zu ergründen gesucht. Meist erfährt man dabei nicht viel über sie, dafür aber über den Zustand einer männlich geprägten Gesellschaft, die solche Projektionen hervorbringen muss.

International bekannt geworden ist der schwedische Journalist und Autor Steve Sem-Sandberg mit seinem Roman über das nationalsozialistische Ghetto Litzmannstadt. mehr lesen / lire plus

LITERARISIERTE ERINNERUNG: Fragmente eines fernen Glücks

Anja Röhl und Ulrike Edschmid haben sehr persönliche Erinnerungen an die „bleierne Zeit“ in Deutschland vorgelegt und an Menschen, die als „Staatsfeinde“ in die Geschichte eingegangen sind.

Menschen, die hinter der Ikonographie verschwinden: Plakate mit den Konterfeis der zur Fahndung ausgeschriebenen RAF-Mitglieder gibt es mittlerweile bei „Amazon“ als Blechschild zu kaufen.

Am 9. Mai 1975 wird Werner Sauber, linksradikaler Aktivist der „Bewegung 2. Juni“ während einer nächtlichen Polizeikontrolle auf einem Kölner Parkplatz erschossen. Ein Jahr später, am 9. Mai 1976, stirbt die Journalistin und RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Im Frühjahr dieses Jahres erschienen zwei Bücher, die mehr verbindet, als der zufällig gemeinsame Sterbetag der beiden Menschen, an die sie erinnern. mehr lesen / lire plus

AUFARBEITUNG DER VERGANGENHEIT: Lähmendes Erbe

Wieder einmal setzt sich Antonio Lobo Antunes mit der Geschichte Portugals und den Folgen der Salazar-Diktatur auseinander. Daraus wird ein obsessiver Sprachrausch.

Wurde im Jahr 2007 in einer Sendung des portugiesischen Fernsehens zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt: der 1970 verstorbene Diktator Salazar.

Die Geschichte beginnt mit dem Ende. Der Großvater wird zu Grabe getragen. Jahrzehnte lang hat er auf dem Landgut am Südufer des Tejo gegenüber von Lissabon geherrscht – als Tyrann, gefühlsarm und rücksichtslos. Der Patriarch unterdrückte seine Frau, verachtete seinen Sohn ebenso wie seine Enkel und verging sich am Dienstpersonal. Das Gut führte er zusammen mit seinem gefürchteten und nicht weniger skrupellosen Verwalter und mit der Unterstützung eines Priesters. mehr lesen / lire plus

INTELLEKTUELLE SYMBIOSE: Schmerz und Blindheit

Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf hat seiner frühver-storbenen Frau ein Gedenkbuch gewidmet. Doch was als Dialog der Seelenverwandten gedacht ist, gerät zum Monolog, der mit tastend-suchender Annäherung nichts zu schaffen hat.

Claus-Steffen Mahnkopf

Auch ich in Arkadien! Wer das Künstlerstipendium der Deutschen Akademie in Rom bekommt, darf in der Tradition von Goethes Italienischer Reise ein Jahr in der Ewigen Stadt verbringen und im Süden auf neue Inspiration für sein Schaffen hoffen. Als der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf im Frühjahr 1998 in die Villa Massimo einzieht, ist er entschlossen, zudem Italienisch zu lernen. Prompt erfüllt sich die romantischste Italiensehnsucht: Er verliebt sich in seine Sprachlehrerin. mehr lesen / lire plus

NACH AUSCHWITZ: Literarischer Filmriss

Zum Jubiläum der „Gruppe 47“ hat der Literaturkritiker Helmut Böttiger eine Geschichte dieser Vereinigung deutscher Nachkriegsliteraten auf den Markt geworfen. Das Buch ist vom selben Ungeist durchzogen, von dem auch sein Gegenstand beseelt war. Eine zwiefache Erledigung.

Postfaschistische Katerstimmung: In diesem Etablissement in Bayern hat sich die Gruppe 47 erstmals getroffen, um der deutschen Nachkriegsliteratur aus ihrem unbehausten Zustand zu verhelfen.

„Ich finde, die Gruppe 47 war eine Sadistenvereinigung, an der ich nicht einmal unter Todesandrohung teilgenommen hätte.“ Der Frage, ob es eine neue Gruppe 47 braucht, mit der das Feuilleton immer wieder gerne kokettiert, hat Elfriede Jelinek eine klare Absage erteilt. mehr lesen / lire plus

ABSCHIED: Das verlorene Wir

In einer schmalen Sammlung von Prosastücken tastet der polnische Autor Andrzej Stasiuk nach Worten für den Verlust, der sprachlos macht.

Andrzej Stasiuk hat in vielen seiner Bücher vom Verschwinden Südosteuropas erzählt. In seiner road novel „Hinter der Blechwand“ sind die Landschaftsbilder gezeichnet vom Tod: Aus den Schornsteinen steigt schwarzer Rauch, eisige Winde wehen den Geruch sterbender Fabriken über ödes Brachland. Im Herbst, in der Dämmerung, in der nächtlichen Finsternis sieht Pawel, dass die Stadt zu sterben begonnen hat, abstirbt, stirbt. „Um zehn ist alles tot.“ Wenn er mit W?adek in seinem alten Lieferwagen über Land fährt, um auf improvisierten Märkten abgetragene, westliche Markenklamotten zu verkaufen, kommt es ihm manchmal vor, als sei er schon sein eigener Schatten. mehr lesen / lire plus

ANDERS LIEBEN: Ein schönes Missverständnis

Ronald M. Schernikaus szenische Erzählung „so schön“ ist der Utopie einer anderen Form von Subjektivität gewidmet – ohne Angst, Eifersucht und Neid. Ein Frühlingsreigen in 48 Episoden.

So schön: Der 1991 verstorbene Schriftsteller Ronald M. Schernikau.

Tonio und Franz treffen sich auf der Klappe, einem Treffpunkt für schnellen Sex. Zuhause treffen sie Paul, der sich mit Bruno aufs Sofa fallen lässt. Franz und Paul wohnen zusammen, Paul und Bruno sind in derselben kommunistischen Bezirksgruppe. Liebevolle Albernheit und politische Agitation bestimmen den Alltag der Berliner Wohngemeinschaft. Schlagermusik hallt über den Flur, alle Türen stehen offen. Der Sommer ist ungewöhnlich schön. „so schön“ ist auch der Kurztitel und wiederkehrende Refrain von Ronald M. mehr lesen / lire plus

IN FINSTEREN ZEITEN: Der Geist der Zigarre

Robert Seethaler hat mit „Der Trafikant“ einen Bildungsroman geschrieben, dessen Handlung sich vor dem Hintergrund des österreichischen Anschlusses an Nazi-Deutschland entspinnt. Er erzählt auch von der widerständigen Kraft des Denkens.

„An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.“ Ein Blitz erschlägt den im See badenden Alois Preininger, der in der oberösterreichischen Provinz zu den reichsten Männern zählte und die regelmäßigen Liebesdienste von Franz` Mutter pünktlich zu jedem Monatsende mit einem schönen Geldbetrag quittierte. mehr lesen / lire plus

VERGANGENHEITSSBEWÄLTIGUNG: Unter Deutschen

Aus der Perspektive eines jüdischen Re-Emigranten beschreibt Ursula Krechels preisgekrönter Roman „Landgericht“ eindringlich die vergiftete Atmosphäre im bundesrepublikanischen „Wirtschaftswunder“ nach der militärischen Niederwerfung der deutschen Volksgemeinschaft.

Literarischer Stil, der den
LeserInnen Einfühlung ermöglicht:
Die Autorin Ursula Krechel.

In den Fünfzigerjahren herrschte in Deutschland Stille: Über die NS-Zeit wurde geschwiegen und kaum geschrieben. Günter Grass‘ verschwurbeltes Epos „Die Blechtrommel“ (1959), in dem die ?miefigen‘ Wirtschaftswunderjahre aus der Sicht eines Kindes beschrieben werden, ist die deutsche (Nicht-)Antwort auf eine Vergangenheit, die partout nicht vergehen wollte. Ein Historienschinken, der zum Bestseller avancierte und zur Schullektüre wurde. Balsam für das nationale Selbstbewusstsein, verkehrt er doch Täter und Opfer. mehr lesen / lire plus

FESTUNG EUROPA: Geister, die keiner sehen will

Wer von Afrika nach Europa flüchtet, wird zwar nicht freundlich begrüßt, dafür aber mit Klischees beladen. Der neuseeländische Autor Lloyd Jones versucht mit seinem neuen Roman, gängige Bilder zu irritieren.

Objekt des europäischen Blicks: Flüchtlinge auf Lampedusa.

Die Madonna im blauen Mantel schmückt in Süditalien nicht nur Kirchenportale, sie ziert unzählige Hauseingänge, Fensternischen und Mauervorsprünge. Der Mutter des Gottessohnes gelten Fürbitte- und Dankgebete. Ob als verwitterte Holzfigur, kunstvoll bemalte Keramikstatue oder neonbeleuchtetes Plastikmodell, Maria wird als göttliche Jungfrau und mehr noch als Schutzheilige verehrt.

„Die Frau im blauen Mantel“, von der der neuseeländische Autor Lloyd Jones in seinem im Herbst im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman erzählt, ist dagegen keine Heilige. mehr lesen / lire plus

ARBEIT MACHT KRANK: Totenkorb ohne Milch

Mario Desiati erzählt die Geschichte der italienischen Arbeitsmigration aus der Perspektive der Nachkommen. Sie handelt von skrupelloser Ausbeutung – und ist trotz des historisierenden Blicks erschütternd aktuell. Ein Treffen mit dem Autor.

Mimi ist vierzehn Jahre alt, als ihr Vater die Emigration in die Schweiz ankündigt. In der Nähe von Zürich will er in einer der größten Eternitfabriken Europas Arbeit finden. Der Name Eternit steht für eine patentierte Mischung aus Zement und Asbestfasern. Während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahre wird der Asbestzement zu einem der wichtigsten Baustoffe. Asbest gilt als „Wunderfaser“, denn das Material ist vielseitig verwendbar, beständig und billig. „In jeder Abteilung gab es eine andere Sorte Asbest, jeder Arbeiter sah sich seinem eigenen Freund-Feind gegenüber.“ Längst ist die gesundheitsschädliche Wirkung der Staubpartikel bekannt. mehr lesen / lire plus

ABSTEIGER: Großmacht in der Dämmerung

Paul Auster zeichnet in seinem neuen Roman „Sunset Park“ ein düsteres Bild von den USA – mit einem Körnchen Hoffnung und einem neuen Schreibstil.

War einst der wichtigste Frachthafen von New York City: Das Viertel Sunset Park in Brooklyn.

„Im Land der letzten Dinge“ heißt ein Roman, den Paul Auster vor einem Vierteljahrhundert geschrieben hat. Um die letzten Dinge kümmert sich auch Miles Heller, eine der Personen in seinem neuesten Roman. Der 28-jährige College-Abbrecher Miles arbeitet in Miami für eine Firma, die auf Entrümpelungen spezialisiert ist. Das Geschäft boomt nach dem Immobiliendesaster, das im Jahr 2008 am Anfang der Finanz- und Wirtschaftskrise stand, bevor diese nach der Lehman-Brothers-Pleite vielen Amerikanern den Job, das Geld, die Existenz raubte. mehr lesen / lire plus

KINDHEIT IN NEAPEL: Die Geduld des Zugvogels

Mit „Montedidio“ wurde nun ein früher Roman des italienischen Autors Erri De Luca wieder auf Deutsch zugänglich gemacht. Der Übersetzerin ist es gelungen, die berückende Sinnlichkeit von Sprache und Erzählstil des Ausgangstextes zu bewahren.

In Neapel muss man sich mit dem Erwachsenwerden beeilen. Denn in den Nachkriegsjahren ist die gesetzliche Schulpflicht kurz und die Kindheit schnell vorbei. Auch für den jugendlichen Ich-Erzähler in Erri De Lucas Roman „Montedidio“ beginnt nach seinem dreizehnten Geburtstag die Einführung in ein neues Leben. Sein Vater schenkt ihm einen australischen Bumerang. Es ist ein schön geschwungenes Stück Holz, das schwer in der Hand liegt, kein Spielzeug, sondern ein traditionelles Jagdwerkzeug. mehr lesen / lire plus

GESCHICHTEN AUS ISRAEL: Zuneigung, die irritieren mag

In seinem neuen Erzählband „Kolja“ widerlegt Chaim Noll das Stereotyp vom einheitlichen Judenstaat.

Schillernde Perspektiven, wo viele nur die Tristesse der Wüste sehen:
Der in der DDR geborene Schriftsteller Chaim Noll lebt am Rande des Negev im Süden von Israel.

Die Medienberichterstattung aus Israel wird von Kriegsschlagzeilen bestimmt: blutige Anschläge, militärische Kommandoeinsätze, erneute Grenzzwischenfälle, scheiternde Friedensbemühungen. Mit einer Kriegsnachricht beginnt auch die Titelgeschichte von Chaim Nolls Erzählungsband Kolja. Allerdings geht es darin nicht um Israels Rolle im Nahen Osten, sondern um eine Pressestory zum Tod des Unteroffiziers Nikolai R. Die Beerdigung des jungen Mannes gerät zur Staatsaffäre, weil Kolja, der erst wenige Jahre zuvor mit seinem jüdischen Vater eingewandert war, auf Wunsch seiner russischen Mutter in seiner Geburtsstadt begraben werden soll. mehr lesen / lire plus

Lyrische Streifzüge: Lachen, das dem Staunen weicht

Peter Kurzeck kultiviert ein literarisches Genre: den mündlichen Roman. Auch in dem eben erschienenen Mitschnitt „Unerwartet Marseille“ weckt er die Sehnsüchte seiner Zuhörer.

Wunderbarer Geschichtenerzähler: Der Autor Peter Kurzeck.

Für Peter Kurzeck fing der Sommer 1968 mindestens ein Jahr früher an. In der Nacht, als die Turmuhr im Dorf seiner Kindheit nach langer Zeit erstmals wieder die Stunden schlug. Am Tag, an dem er seine Freunde im Auto über die Grenze nach Straßburg begleitete. Damals war ihm, als würden die Sommer von Jahr zu Jahr länger und besser werden. Im Juni, seinem Geburtstagsmonat, war die Verheißung deutlich zu spüren, am allerdeutlichsten auf Reisen. mehr lesen / lire plus

GENERATIONENROMAN: Geschichte als Ansichtssache

Antonio Pennacchis Roman „Canale Mussolini“ ist ein Dokument des zeitgenössischen italienischen Revisionismus. Im deutschsprachigen Feuilleton wird seine Aufwertung des Faschismus als literarisches Ereignis gefeiert.

Die Jury der renommierten Bestenliste des deutschen Südwestrundfunks war sich einig: Ein Buch wie Antonio Pennacchis „Canale Mussolini“ wäre in der deutschen Literatur „wohl nicht möglich“, nein, „völlig unmöglich“, sogar „vollkommen undenkbar“. Mit diesem Urteil wurde der Roman im Mai auf Platz 1 der literarischen Rangliste gewählt. Andere Rezensenten forderten in ihrer Begeisterung das Publikum auf, sich das vermeintlich Unvorstellbare doch einmal auszudenken: Im Zentrum des fehlenden deutschen Gegenwartsromans stünde „Hitler als düstere Witzfigur, aber verdienstvoll, weil er ja auch Autobahnen gebaut hat“ (Neue Zürcher Zeitung) und das ganze „verknüpft mit einem brillant, witzig und warmherzig erzählten Generationenroman“ (Süddeutsche Zeitung). mehr lesen / lire plus