FAMILIENBANDE: Wille zur Versöhnung

Opa war ein Nazi: Eine Enkelgeneration in Deutschland bekundet mit TV-Serien wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, dass diese Feststellung überaus schillernde Seiten hat. Auch Per Leos Roman „Flut und Boden“ dokumentiert, wie kokett die neueste Wendung des deutschen Geschichts- und Selbstbewusstseins mit dem Erbe der Volksgemeinschaft spielt.

Im Frühjahr war Per Leos Debütroman „Flut und Boden“ für den Leipziger Buchpreis nominiert, obwohl das Werk mit einem von der Kritik längst als „Running Gag“ verspotteten Topos der deutschen Gegenwartsliteratur beginnt: Beim Ausräumen der Familienvilla findet der Enkel im Bücherregal des verstorbenen Großvaters einen Stapel nationalsozialistischer Weltanschauungsliteratur. Doch was Leo aus dieser „Standardsituation“ mache, lobte Ijoma Mangold, Literaturchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, sei „klug, temperamentvoll und vor allem: erkenntnisstiftend“. mehr lesen / lire plus

JUBILÄUM: Wo Italien anfängt

Zum 50. Geburtstag schenkt sich der Wagenbach-Verlag eine Reihe von Erstlingswerken junger Autoren. Das Debüt der italienischen Schriftstellerin Paola Soriga knüpft thematisch an die Klassiker der italienischen Nachkriegsliteratur an.

Einst Brutstätte von Widerstand und Dissidenz: das Arbeiterviertel Centocelle, als es noch die Stadtgrenze von Rom markierte.
(Foto: Internet)

Unerschrocken war Ida an jenem hellen Maimorgen losgegangen, als ihr Don Pietro aus seinem Beichtstuhl heraus zuflüsterte, sie solle in die Druckerei laufen, eine Nachricht liege bereit. Es war nicht ihr erster Kurierdienst, sie kannte die Laufwege des antifaschistischen Netzwerks aus der römischen Peripherie in die Innenstadt. Sie kannte auch den Jungen, der plötzlich an ihr vorbeigerannt kam und ihr eine Warnung zugeraunt hatte. mehr lesen / lire plus

EXPEDITION: Reise zu den Nicht-Orten

Julio Cortázar und Carol Dunlop beschreiben in „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ eine Forschungsreise zu französischen Autobahnraststätten. Das rätselhafte Buch ist für beide eine Reise im Angesicht des Todes.

Die Autobahn bestimmt nicht allein unsere Wahrnehmung von Mobilität. Lange Zeit war sie zudem eine Metapher für Freiheit. Heute steht sie, in der Erscheinungsform des Staus, vor allem für unbewältigte Verkehrsprobleme. Im Film ist sie häufig Schauplatz von Road Movies. Im literarischen Schaffen von Julio Cortázar kommt sie erstmals in der Erzählung „Südliche Autobahn“ vor, die 1966 in der Sammlung „Das Feuer aller Feuer“ erschien.

Darin schildert der Schriftsteller die Erlebnisse einer Gruppe von Menschen, die während eines Monate dauernden Staus vor Paris in ihren Fahrzeugen eingeschlossen sind. mehr lesen / lire plus

TRAUMA HOLOCAUST: Der Schmerz der Generationen

Wie die Shoah auf mehreren Generationen einer Einwandererfamilie lastet, beschreibt der Brasilianer Michel Laub in seinem eindrucksvollen Roman „Tagebuch eines Sturzes“.

Hat einen Roman mit autobiographischen Zügen geschrieben: Der brasilianische Journalist und Schriftsteller Michel Laub.

João passt nicht dazu. Das bekommt er von Anfang an zu spüren. Seine Mitschüler an der jüdischen Schule von Porto Alegre quälen ihn. Sie werfen sein Pausenbrot auf den Boden oder spucken darauf. Oder sie graben ihn im Sandkasten ein. Doch am schlimmsten ist das, was an seinem 13. Geburtstag passiert. In guter alter Bar-Mizwa-Tradition werfen sie João 13 Mal in die Luft. Zwölf Mal fangen sie ihn auf, beim 13. mehr lesen / lire plus

GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZ: Politischer Legendenerzähler

Mit seinem „magischen Realismus“ hat er die Literatur revolutioniert. Gabriel García Márquez vermochte auch den Westen mit seinen wunderbar-wirklichen Geschichten aus einer halbfernen Welt zu verzaubern. Sein Gesamtwerk ist Spiegelbild und Spiegelung der – auch blutigen – Realität Lateinamerikas. Politisch ein überzeugter Linker, ist Márquez sich bis zuletzt treu geblieben.

Adios Gabo! Gabriel García Márquez und die kolumbianische Kulturministerin Paula Moreno vor fünf Jahren auf dem internationalen Filmfestival in Guadalajara. Einem seiner letzten öffentlichen Auftritte.

„Gabo“, wie ihn seine VerehrerInnen und Freunde liebevoll nannten, wurde 1927 in Aracataca, der kolumbianischen Karibik-Region, geboren. Er gilt als Begründer des Magischen Realismus und ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren des lateinamerikanischen Kontinents – oft wurde er als „Stimme Lateinamerikas“ bezeichnet. mehr lesen / lire plus

WIEDERENTDECKT: Reichtum eines Lebens

Vierzig Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen als literarische Sensation erkannt, ist „Stoner“ von John Williams nun auch auf Deutsch erschienen.

Lange Zeit vergessen: Der Autor John Williams. (Foto: Copyright University of Denver)

Es ist ein Rätsel, warum manche großen Bücher kaum Beachtung finden. So etwa der Roman „Stoner“ des amerikanischen Schriftstellers John Williams (1922-1994), der 1965 erschien, rasch in Vergessenheit geriet und lange Zeit eher als Geheimtipp kursierte. Erst die Neuauflage des Buches 2006 bei New York Review Books Classics löste bei Kritik und Leserschaft wahre Begeisterungsstürme aus. Innerhalb kurzer Zeit verkauften sich 40.000 Exemplare, mittlerweile ist der Roman in zahlreichen Übersetzungen erschienen, einige weitere sind geplant. mehr lesen / lire plus

LITERARISCHE INSTALLATIONEN: Ein Riese, viele Fragmente

Brasiliens Literatur spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung des Landes wider. Besonders schonungslos zeigen dies Luiz Ruffato mit seinem Zyklus „Vorläufige Hölle“, von dem der erste Band nun auf Deutsch erschienen ist, und Chico Buarque in „Vergossene Milch“. Beide stammen aus unterschiedlichen Schichten, stehen aber in derselben literarischen Tradition.

Der alte Micheletto ist ein grausamer Despot, der es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat. In der Nähe des Dorfes Rodeiro im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais betreibt er ein kleines Anwesen. Dort drangsaliert er seine Familie. Drei seiner fünf Söhne sterben früh. Seine älteste Tochter brennt mit einem fahrenden Händler durch. Micheletto findet sie und schleift sie an einem Strick hinter seinem Pferd her. mehr lesen / lire plus

PHILOSOPHIE: Die Struktur des Wahren

Über Jahrhunderte galt die Italienreise als zentrale Bildungserfahrung des europäischen Bürgertums. Ein neues Buch interpretiert dieses Erlebnis als bislang unbenannten Nukleus der Philosophie des sublimsten Kritikers der bürgerlichen Gesellschaft der Gegenwart: Theodor W. Adorno.

„Auch ich in Arkadien!“ Schon Goethes „Italienische Reise“ folgt vorgegebenen Spuren. Der Dichter bereist jene Etappen der Grand Tour, die literarisch etabliert waren. Sein Vater hatte sie bereits besucht und dem Sohn die Erfahrungen der Italienfahrt in Aufzeichnungen überliefert. Denn zur Tradition der italienischen Bildungsreise gehört, lange bevor Goethes Tagebuch zur Pflichtlektüre für die bürgerliche Nachwelt wird, die Tradition des Reiseberichts. Darin sollten die viel besungenen Sehenswürdigkeiten nochmals gewürdigt, gleichzeitig aber auch Neues, bisher Unentdecktes festgehalten werden. mehr lesen / lire plus

ZWISCHEN DEN KULTUREN: Das unerbittliche Auge

Moacyr Scliar gilt als einer der wichtigsten Autoren Brasiliens des 20. Jahrhunderts. Bücher wie „Die Götter der Raquel“ handeln von den Identitätskonflikten der jüdischen Einwanderer.

Seinen Charme hat Bom Fim zum Teil bewahrt. Das einstige jüdische Viertel von Porto Alegre ist eine relativ ruhige Oase inmitten der Millionenstadt im Süden Brasiliens geblieben. Und die Synagoge in der Rua Barros Cassal wirkt wie eine Trutzburg. Bom Fim, das „gute Ende“, war die Heimat von Moacyr Scliar, dem neben Clarice Lispector bekanntesten jüdischen Schriftsteller Brasiliens.

Während Lispector (1925-1977) das Judentum in ihrem Werk nur indirekt behandelte, setzte sich der 1937 in Porto Alegre geborene Scliar, Sohn bessarabischer Einwanderer, intensiv mit der jüdischen Religion und Kultur auseinander. mehr lesen / lire plus

FAKTEN & FIKTION: Perspektive

Es hätte so viel aus ihr werden können: Doch dann kam die politische Journalistin Ulrike Meinhof auf den bewaffneten Kampf. Steve Sem-Sandberg veranstaltet einmal mehr ein Tribunal über eine Frau, die ihre Klasse verraten hat.

Schöne, kluge Frau: Ulrike Meinhofs Entscheidung für den bewaffneten Kampf wird meist nicht in der damaligen gesellschaftlichen Konstellation, sondern allein in ihren psychischen Dispositionen zu ergründen gesucht. Meist erfährt man dabei nicht viel über sie, dafür aber über den Zustand einer männlich geprägten Gesellschaft, die solche Projektionen hervorbringen muss.

International bekannt geworden ist der schwedische Journalist und Autor Steve Sem-Sandberg mit seinem Roman über das nationalsozialistische Ghetto Litzmannstadt. mehr lesen / lire plus

LITERARISIERTE ERINNERUNG: Fragmente eines fernen Glücks

Anja Röhl und Ulrike Edschmid haben sehr persönliche Erinnerungen an die „bleierne Zeit“ in Deutschland vorgelegt und an Menschen, die als „Staatsfeinde“ in die Geschichte eingegangen sind.

Menschen, die hinter der Ikonographie verschwinden: Plakate mit den Konterfeis der zur Fahndung ausgeschriebenen RAF-Mitglieder gibt es mittlerweile bei „Amazon“ als Blechschild zu kaufen.

Am 9. Mai 1975 wird Werner Sauber, linksradikaler Aktivist der „Bewegung 2. Juni“ während einer nächtlichen Polizeikontrolle auf einem Kölner Parkplatz erschossen. Ein Jahr später, am 9. Mai 1976, stirbt die Journalistin und RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Im Frühjahr dieses Jahres erschienen zwei Bücher, die mehr verbindet, als der zufällig gemeinsame Sterbetag der beiden Menschen, an die sie erinnern. mehr lesen / lire plus

AUFARBEITUNG DER VERGANGENHEIT: Lähmendes Erbe

Wieder einmal setzt sich Antonio Lobo Antunes mit der Geschichte Portugals und den Folgen der Salazar-Diktatur auseinander. Daraus wird ein obsessiver Sprachrausch.

Wurde im Jahr 2007 in einer Sendung des portugiesischen Fernsehens zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt: der 1970 verstorbene Diktator Salazar.

Die Geschichte beginnt mit dem Ende. Der Großvater wird zu Grabe getragen. Jahrzehnte lang hat er auf dem Landgut am Südufer des Tejo gegenüber von Lissabon geherrscht – als Tyrann, gefühlsarm und rücksichtslos. Der Patriarch unterdrückte seine Frau, verachtete seinen Sohn ebenso wie seine Enkel und verging sich am Dienstpersonal. Das Gut führte er zusammen mit seinem gefürchteten und nicht weniger skrupellosen Verwalter und mit der Unterstützung eines Priesters. mehr lesen / lire plus

INTELLEKTUELLE SYMBIOSE: Schmerz und Blindheit

Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf hat seiner frühver-storbenen Frau ein Gedenkbuch gewidmet. Doch was als Dialog der Seelenverwandten gedacht ist, gerät zum Monolog, der mit tastend-suchender Annäherung nichts zu schaffen hat.

Claus-Steffen Mahnkopf

Auch ich in Arkadien! Wer das Künstlerstipendium der Deutschen Akademie in Rom bekommt, darf in der Tradition von Goethes Italienischer Reise ein Jahr in der Ewigen Stadt verbringen und im Süden auf neue Inspiration für sein Schaffen hoffen. Als der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf im Frühjahr 1998 in die Villa Massimo einzieht, ist er entschlossen, zudem Italienisch zu lernen. Prompt erfüllt sich die romantischste Italiensehnsucht: Er verliebt sich in seine Sprachlehrerin. mehr lesen / lire plus

NACH AUSCHWITZ: Literarischer Filmriss

Zum Jubiläum der „Gruppe 47“ hat der Literaturkritiker Helmut Böttiger eine Geschichte dieser Vereinigung deutscher Nachkriegsliteraten auf den Markt geworfen. Das Buch ist vom selben Ungeist durchzogen, von dem auch sein Gegenstand beseelt war. Eine zwiefache Erledigung.

Postfaschistische Katerstimmung: In diesem Etablissement in Bayern hat sich die Gruppe 47 erstmals getroffen, um der deutschen Nachkriegsliteratur aus ihrem unbehausten Zustand zu verhelfen.

„Ich finde, die Gruppe 47 war eine Sadistenvereinigung, an der ich nicht einmal unter Todesandrohung teilgenommen hätte.“ Der Frage, ob es eine neue Gruppe 47 braucht, mit der das Feuilleton immer wieder gerne kokettiert, hat Elfriede Jelinek eine klare Absage erteilt. mehr lesen / lire plus

ABSCHIED: Das verlorene Wir

In einer schmalen Sammlung von Prosastücken tastet der polnische Autor Andrzej Stasiuk nach Worten für den Verlust, der sprachlos macht.

Andrzej Stasiuk hat in vielen seiner Bücher vom Verschwinden Südosteuropas erzählt. In seiner road novel „Hinter der Blechwand“ sind die Landschaftsbilder gezeichnet vom Tod: Aus den Schornsteinen steigt schwarzer Rauch, eisige Winde wehen den Geruch sterbender Fabriken über ödes Brachland. Im Herbst, in der Dämmerung, in der nächtlichen Finsternis sieht Pawel, dass die Stadt zu sterben begonnen hat, abstirbt, stirbt. „Um zehn ist alles tot.“ Wenn er mit W?adek in seinem alten Lieferwagen über Land fährt, um auf improvisierten Märkten abgetragene, westliche Markenklamotten zu verkaufen, kommt es ihm manchmal vor, als sei er schon sein eigener Schatten. mehr lesen / lire plus