ANDERS LIEBEN: Ein schönes Missverständnis

Ronald M. Schernikaus szenische Erzählung „so schön“ ist der Utopie einer anderen Form von Subjektivität gewidmet – ohne Angst, Eifersucht und Neid. Ein Frühlingsreigen in 48 Episoden.

So schön: Der 1991 verstorbene Schriftsteller Ronald M. Schernikau.

Tonio und Franz treffen sich auf der Klappe, einem Treffpunkt für schnellen Sex. Zuhause treffen sie Paul, der sich mit Bruno aufs Sofa fallen lässt. Franz und Paul wohnen zusammen, Paul und Bruno sind in derselben kommunistischen Bezirksgruppe. Liebevolle Albernheit und politische Agitation bestimmen den Alltag der Berliner Wohngemeinschaft. Schlagermusik hallt über den Flur, alle Türen stehen offen. Der Sommer ist ungewöhnlich schön. „so schön“ ist auch der Kurztitel und wiederkehrende Refrain von Ronald M. mehr lesen / lire plus

IN FINSTEREN ZEITEN: Der Geist der Zigarre

Robert Seethaler hat mit „Der Trafikant“ einen Bildungsroman geschrieben, dessen Handlung sich vor dem Hintergrund des österreichischen Anschlusses an Nazi-Deutschland entspinnt. Er erzählt auch von der widerständigen Kraft des Denkens.

„An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.“ Ein Blitz erschlägt den im See badenden Alois Preininger, der in der oberösterreichischen Provinz zu den reichsten Männern zählte und die regelmäßigen Liebesdienste von Franz` Mutter pünktlich zu jedem Monatsende mit einem schönen Geldbetrag quittierte. mehr lesen / lire plus

VERGANGENHEITSSBEWÄLTIGUNG: Unter Deutschen

Aus der Perspektive eines jüdischen Re-Emigranten beschreibt Ursula Krechels preisgekrönter Roman „Landgericht“ eindringlich die vergiftete Atmosphäre im bundesrepublikanischen „Wirtschaftswunder“ nach der militärischen Niederwerfung der deutschen Volksgemeinschaft.

Literarischer Stil, der den
LeserInnen Einfühlung ermöglicht:
Die Autorin Ursula Krechel.

In den Fünfzigerjahren herrschte in Deutschland Stille: Über die NS-Zeit wurde geschwiegen und kaum geschrieben. Günter Grass‘ verschwurbeltes Epos „Die Blechtrommel“ (1959), in dem die ?miefigen‘ Wirtschaftswunderjahre aus der Sicht eines Kindes beschrieben werden, ist die deutsche (Nicht-)Antwort auf eine Vergangenheit, die partout nicht vergehen wollte. Ein Historienschinken, der zum Bestseller avancierte und zur Schullektüre wurde. Balsam für das nationale Selbstbewusstsein, verkehrt er doch Täter und Opfer. mehr lesen / lire plus

FESTUNG EUROPA: Geister, die keiner sehen will

Wer von Afrika nach Europa flüchtet, wird zwar nicht freundlich begrüßt, dafür aber mit Klischees beladen. Der neuseeländische Autor Lloyd Jones versucht mit seinem neuen Roman, gängige Bilder zu irritieren.

Objekt des europäischen Blicks: Flüchtlinge auf Lampedusa.

Die Madonna im blauen Mantel schmückt in Süditalien nicht nur Kirchenportale, sie ziert unzählige Hauseingänge, Fensternischen und Mauervorsprünge. Der Mutter des Gottessohnes gelten Fürbitte- und Dankgebete. Ob als verwitterte Holzfigur, kunstvoll bemalte Keramikstatue oder neonbeleuchtetes Plastikmodell, Maria wird als göttliche Jungfrau und mehr noch als Schutzheilige verehrt.

„Die Frau im blauen Mantel“, von der der neuseeländische Autor Lloyd Jones in seinem im Herbst im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman erzählt, ist dagegen keine Heilige. mehr lesen / lire plus

ARBEIT MACHT KRANK: Totenkorb ohne Milch

Mario Desiati erzählt die Geschichte der italienischen Arbeitsmigration aus der Perspektive der Nachkommen. Sie handelt von skrupelloser Ausbeutung – und ist trotz des historisierenden Blicks erschütternd aktuell. Ein Treffen mit dem Autor.

Mimi ist vierzehn Jahre alt, als ihr Vater die Emigration in die Schweiz ankündigt. In der Nähe von Zürich will er in einer der größten Eternitfabriken Europas Arbeit finden. Der Name Eternit steht für eine patentierte Mischung aus Zement und Asbestfasern. Während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahre wird der Asbestzement zu einem der wichtigsten Baustoffe. Asbest gilt als „Wunderfaser“, denn das Material ist vielseitig verwendbar, beständig und billig. „In jeder Abteilung gab es eine andere Sorte Asbest, jeder Arbeiter sah sich seinem eigenen Freund-Feind gegenüber.“ Längst ist die gesundheitsschädliche Wirkung der Staubpartikel bekannt. mehr lesen / lire plus

ABSTEIGER: Großmacht in der Dämmerung

Paul Auster zeichnet in seinem neuen Roman „Sunset Park“ ein düsteres Bild von den USA – mit einem Körnchen Hoffnung und einem neuen Schreibstil.

War einst der wichtigste Frachthafen von New York City: Das Viertel Sunset Park in Brooklyn.

„Im Land der letzten Dinge“ heißt ein Roman, den Paul Auster vor einem Vierteljahrhundert geschrieben hat. Um die letzten Dinge kümmert sich auch Miles Heller, eine der Personen in seinem neuesten Roman. Der 28-jährige College-Abbrecher Miles arbeitet in Miami für eine Firma, die auf Entrümpelungen spezialisiert ist. Das Geschäft boomt nach dem Immobiliendesaster, das im Jahr 2008 am Anfang der Finanz- und Wirtschaftskrise stand, bevor diese nach der Lehman-Brothers-Pleite vielen Amerikanern den Job, das Geld, die Existenz raubte. mehr lesen / lire plus

KINDHEIT IN NEAPEL: Die Geduld des Zugvogels

Mit „Montedidio“ wurde nun ein früher Roman des italienischen Autors Erri De Luca wieder auf Deutsch zugänglich gemacht. Der Übersetzerin ist es gelungen, die berückende Sinnlichkeit von Sprache und Erzählstil des Ausgangstextes zu bewahren.

In Neapel muss man sich mit dem Erwachsenwerden beeilen. Denn in den Nachkriegsjahren ist die gesetzliche Schulpflicht kurz und die Kindheit schnell vorbei. Auch für den jugendlichen Ich-Erzähler in Erri De Lucas Roman „Montedidio“ beginnt nach seinem dreizehnten Geburtstag die Einführung in ein neues Leben. Sein Vater schenkt ihm einen australischen Bumerang. Es ist ein schön geschwungenes Stück Holz, das schwer in der Hand liegt, kein Spielzeug, sondern ein traditionelles Jagdwerkzeug. mehr lesen / lire plus

GESCHICHTEN AUS ISRAEL: Zuneigung, die irritieren mag

In seinem neuen Erzählband „Kolja“ widerlegt Chaim Noll das Stereotyp vom einheitlichen Judenstaat.

Schillernde Perspektiven, wo viele nur die Tristesse der Wüste sehen:
Der in der DDR geborene Schriftsteller Chaim Noll lebt am Rande des Negev im Süden von Israel.

Die Medienberichterstattung aus Israel wird von Kriegsschlagzeilen bestimmt: blutige Anschläge, militärische Kommandoeinsätze, erneute Grenzzwischenfälle, scheiternde Friedensbemühungen. Mit einer Kriegsnachricht beginnt auch die Titelgeschichte von Chaim Nolls Erzählungsband Kolja. Allerdings geht es darin nicht um Israels Rolle im Nahen Osten, sondern um eine Pressestory zum Tod des Unteroffiziers Nikolai R. Die Beerdigung des jungen Mannes gerät zur Staatsaffäre, weil Kolja, der erst wenige Jahre zuvor mit seinem jüdischen Vater eingewandert war, auf Wunsch seiner russischen Mutter in seiner Geburtsstadt begraben werden soll. mehr lesen / lire plus

Lyrische Streifzüge: Lachen, das dem Staunen weicht

Peter Kurzeck kultiviert ein literarisches Genre: den mündlichen Roman. Auch in dem eben erschienenen Mitschnitt „Unerwartet Marseille“ weckt er die Sehnsüchte seiner Zuhörer.

Wunderbarer Geschichtenerzähler: Der Autor Peter Kurzeck.

Für Peter Kurzeck fing der Sommer 1968 mindestens ein Jahr früher an. In der Nacht, als die Turmuhr im Dorf seiner Kindheit nach langer Zeit erstmals wieder die Stunden schlug. Am Tag, an dem er seine Freunde im Auto über die Grenze nach Straßburg begleitete. Damals war ihm, als würden die Sommer von Jahr zu Jahr länger und besser werden. Im Juni, seinem Geburtstagsmonat, war die Verheißung deutlich zu spüren, am allerdeutlichsten auf Reisen. mehr lesen / lire plus

GENERATIONENROMAN: Geschichte als Ansichtssache

Antonio Pennacchis Roman „Canale Mussolini“ ist ein Dokument des zeitgenössischen italienischen Revisionismus. Im deutschsprachigen Feuilleton wird seine Aufwertung des Faschismus als literarisches Ereignis gefeiert.

Die Jury der renommierten Bestenliste des deutschen Südwestrundfunks war sich einig: Ein Buch wie Antonio Pennacchis „Canale Mussolini“ wäre in der deutschen Literatur „wohl nicht möglich“, nein, „völlig unmöglich“, sogar „vollkommen undenkbar“. Mit diesem Urteil wurde der Roman im Mai auf Platz 1 der literarischen Rangliste gewählt. Andere Rezensenten forderten in ihrer Begeisterung das Publikum auf, sich das vermeintlich Unvorstellbare doch einmal auszudenken: Im Zentrum des fehlenden deutschen Gegenwartsromans stünde „Hitler als düstere Witzfigur, aber verdienstvoll, weil er ja auch Autobahnen gebaut hat“ (Neue Zürcher Zeitung) und das ganze „verknüpft mit einem brillant, witzig und warmherzig erzählten Generationenroman“ (Süddeutsche Zeitung). mehr lesen / lire plus

SOZIOTOP DER EITELKEITEN: Viktorianischer Schickimicki

Ein Snob ist ein Frosch, der versucht, sich zur Größe eines Ochsen aufzublähen. – Diese giftige Charakterisierung hat im 19. Jahrhundert der Autor William Thackeray formuliert. Vor dem Hintergrund der beginnenden Industriegesellschaft beschreiben seine satirischen Charakterporträts den Egoismus der englischen Oberschicht.

Kein woxx-Leser, sondern ein Snob, karikiert im „Book of Snobs“ von William Makepeace Thackeray.

William M. Thackeray wurde 1811 in die englische Oberschicht geboren und hatte schon mit 18 Jahren sein gesamtes Erbe als Spieler und Müßiggänger durchgebracht. Aus Geldnot versuchte er sich als Schriftsteller, was nicht erfolglos bleiben sollte. Sein wohl bekanntestes Buch „Vanity Fair, or, A Novel Without Hero“ (1849) widmete sich der Eitelkeit und Geldgier der britischen Mittelklasse des 19. mehr lesen / lire plus

VERLUSTGEFÜHLE: Identität, verzweifelt gesucht

Salvatore Scibona hat einen beeindruckenden Debütroman vorgelegt. Er beschreibt darin nicht nur die innere Zerrissenheit der italienischen Einwanderer in die USA und ihrer Nachfahren. Scibonas Figuren sind Individuen, denen in einer brüchig gewordenen Moderne die Identitätsbildung problematisch geworden ist.

Rocco La Grassa kam am Tag des Luciafestes auf Sizilien zur Welt. Aber er lebt nicht mehr nach dem katholischen Heiligenkalender, ist schon lange ein patriotischer Bewohner Ohios. Als er 1953 am Vortag von Mariä Himmelfahrt vom Tod seines Sohnes in einem nordkoreanischen Gefangenenlager erfährt, weigert er sich, die Nachricht der Marineoffiziere zu glauben. Der Tote ist nicht Mimmo. Die Identifikationsmarke könnte falsch sein. mehr lesen / lire plus

FLUCH DER HEIMAT: Holzhacken mit Gefühl

In seinem Romandebüt zerlegt der Schauspieler Josef Bierbichler sprachgewaltig die Geschichte einer Familie und rechnet dabei mit bayerischem Heimatkitsch ab.

Kein dickmausiger Flachbrunzer: Der Autor und Schauspieler Josef Bierbichler.

Holzhacken hilft beim Abreagieren. Es ist ein meditativer Gewaltakt. Und es befreit den Kopf. Josef Bierbichler kann das gut. Er macht es ohne Mühe. So wie vor ein paar Jahren in „Holzschlachten. Ein Stück Arbeit“, als er auf der Bühne einen früheren KZ-Arzt spielte, der wie ein Besessener einen Baumstamm nach dem anderen zerhackt und dabei ohne Reue über die Naziverbrechen spricht.

Josef Bierbichler ist einer der größten deutschsprachigen Schauspieler, sowohl im Theater als auch auf der Leinwand und im Fernsehen, weil er unvergleichlich ist in seiner derb grobschlächtig wirkenden bajuwarischen und doch so feinfühligen Art. mehr lesen / lire plus

SELBSTFINDUNG: Inselidylle mit Rissen

In ihrem Roman „Sturz der Tage in die Nacht“ liefert Antje Rávic Strubel eine Variation des Ödipus-Themas und verbindet diese mit einer atmosphärisch dichten Naturbeschreibung.

Betörende Sprache: Die Autorin Antje Rávic Strubel.

Antje Rávic Strubels Bücher sind en vogue. Spätestens nach „Tupolew 134“ (2004) und „Kältere Schichten“ (2007) ist die in Potsdam geborene Autorin im Gespräch. Im letzten Jahr gelangte ihr Roman „Sturz der Tage in die Nacht“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Ihr Buch spaltet das Feuilleton. Während einigen ihre Geschichte zu konstruiert und überfrachtet scheint, fesselt die anderen Rávic Strubels nüchtern-kunstvolle Sprache. Derzeit ist die Autorin auf Lesereise und gab auch schon ein Stelldichein im Literarischen Salon in Köln, der von Navid Kermani und Guy Helminger moderiert wird. mehr lesen / lire plus

LITERATUR: Keine Reise ans Ende der Nacht

„Menschenliebe und Vogel, schrei“ ist das Erstlingswerk der jungen Autorin Nora Wagener, die trotz handfester Beweise für ihr Talent noch nicht die Aufmerksamkeit erlangt hat, die sie eigentlich verdient.

Möchte nicht unbedingt in ihrer Heimat Wurzeln fassen: Nora Wagener.

Es gibt viele Orte in Luxemburg-Stadt, an denen man auf Nora Wageners Roman aufmerksam werden kann. Man muss nur genau hinschauen: Auf Straßenlampen, Geländern, sowie auf verschiedenen Toilettenwänden in hippen Kneipen, überall dort, wo auch alle anderen anonymen Stickerkleber ihren Senf zum Weltgeschehen dazugeben oder nur etwas Aufmerksamkeit erheischen wollen, findet man Sticker mit dem Cover ihres Erstlingswerks. Auch auf dem Pissoir des trendigen Cafés, in dem unser Treffen stattfindet, prangt die Werbung. mehr lesen / lire plus