EUROPÄISCHE GESCHICHTEN: Schweizer Integrationsmärchen

Mit ihrem Roman „Tauben fliegen auf“ hat Melinda Nadj Abonji den Deutschen Buchpreis gewonnen. Mag sein, dass der Preis auch als Antwort auf Thilo Sarrazin zu verstehen ist. Vor allem jedoch zeichnet er eine Autorin aus, ohne deren Arbeit die zeitgenössische deutschsprachige Literaturlandschaft trostloser wäre.

„Nation“ ist nicht für alle da: Blumeninstallation im Rahmen des Projekts „Ja zur Integration – Nein zur Assimilation!“ im Jahr 2007.

„Tauben fliegen auf“, der neue Roman von Melinda Nadj Abonji, beginnt mit dem Kapitel „Titos Sommer“ – einer Urlaubsfahrt in die Vojvodina. Wie durch einen Sog wird der Leser in das Geschehen hineingezogen. Wir fahren in einem langen braunen Chevrolet mit Ildiko und ihrer Familie in den Sommerurlaub in ihre Heimat, eine serbische Provinz, in der eine ungarischsprachige Minderheit wohnt, wo Ildiko und ihre Schwester Nomi eine unbeschwerte Kindheit verbrachten. mehr lesen / lire plus

FRANKFURTER BUCHMESSE: Zwischen Tango und e-Book

Mit gut 279.000 BesucherInnen verzeichnet die Frankfurter Bücherschau zwar rückläufige Zahlen. Dennoch geben sich die Verlage nach der Krise wieder zuversichtlich.

Beschwingt, leidenschaftlich und dynamisch wurde die argentinische Literatur auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse schon mal mit kleinen Tangoeinlagen beschworen. Rund 7.500 Aussteller aus über 100 Ländern waren in diesem Jahr in Frankfurt zusammengekommen, um sich über Bücher und Branchentrends auszutauschen. Die Wahl Argentiniens als Gastland schien im Gegensatz zu der Chinas im vergangenen Jahr weniger heikel. Trotz des demokratischen Wandlungsprozesses, der in Argentinien in den 80er Jahren einsetzte und eine fruchtbare Wirkung auf die Literatur ausübte, bleibt die Diktatur von 1976 bis 1982 als besonders repressiv in Erinnerung. mehr lesen / lire plus

VERLAG EINAUDI: Der kritische Geist von Turin

Maike Albath hat den Werdegang des Turiner Verlags Einaudi aufgeschrieben. Warum dort ein revisionistisches Geschichtsbild hegemonial werden konnte, lässt sich indes nicht erklären, solange auf eine Auseinandersetzung mit den blinden Flecken des jahrzehntelang kultivierten antifaschistischen Selbstbildnisses der Linken verzichtet wird.

Von der kriegerischen Ästhetik eines Gabriele D’Annunzio oder Ernst Jünger angezogen, sympathisierte er nach der deutschen Besetzung Norditaliens für kurze Zeit mit den Nationalsozialisten:
Der Verleger Cesare Pavese.

Die italienische Nachkriegskultur hat ein Markenzeichen: den stolz aufgereckten Straußenvogel des Turiner Einaudi-Verlags. Er stand jahrzehntelang für schöne Literatur, gute Übersetzungen und engagierte Essays. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Maike Albath erinnert in einem schmalen, bibliophilen Bändchen an die Geschichte des berühmten Verlagshauses: „Der Geist von Turin“ soll nicht vom gegenwärtig vorherrschenden politisch-kulturellen Ungeist verdrängt werden. mehr lesen / lire plus

MILITÄRDIKTATUR: Die dezimierte Generation

Unter den Büchern argentinischer Autoren zur Buchmesse befindet sich die Neuauflage eines Klassikers des New Journalism. In „Das Massaker von San Martín“ erweist sich der in der Militärdiktatur getötete Rodolfo Walsh als Chronist des argentinischen Niedergangs.

„Ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden“: Der Journalist und Schriftsteller Rodolfo Walsh bezahlte seinen Mut mit dem Leben.

Es begann mit einem Zufall. Rodolfo Walsh saß am 9. Juni 1956 in einem Café in La Plata und spielte Schach, als plötzlich Schüsse fielen. „Ich weiß noch, wie wir alle zusammen ins Freie liefen, die Schachspieler, die Kartenspieler und die Kiebitze, weil wir wissen wollten, was das Spektakel ganz in unserer Nähe zu bedeuten hatte, und wie wir immer ernster wurden“, schreibt der 1977 verstorbene argentinische Journalist und Schriftsteller im Vorwort zu seinem Buch „Das Massaker von San Martín“. mehr lesen / lire plus

PRIMÄRBEDÜRFNISSE: Das letzte träge Tier

In ihrem dritten Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ schildert die in Ungarn geborene Schriftstellerin Terézia Mora den Aufstieg und Absturz eines gewöhnlichen Mannes in einer globalisierten und digitalisierten Welt.

Gehört zu den aufstrebenden Autorinnen deutschsprachiger Literatur: Terézia Mora.

Darius Kopp, die Hauptfigur in dem neuen Roman der Autorin Terézia Mora, die in Deutschland zu den vielversprechenden Nachwuchsstimmen der Gegenwartsliteratur gezählt wird, ist eine naive Natur. Weder Sunnyboy noch Intellektueller, sondern ein ganz und gar durchschnittlicher 40-jähriger selbstzufriedener Geschäftsmann – eine Figur, die wie gemacht für eine moderne Welt wirkt. Als einziger Vertreter einer US-amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke, Standort: Mittel- und Osteuropa, ist er „ein kleines Rädchen im Business der virtuellen Geschäfte“ und funktioniert als solches, bis die New-Economy-Blase platzt. mehr lesen / lire plus

La réaction philosémite

(lc) – Beaucoup d’encre a coulé, coule et coulera encore sur les thèmes de l’antisémitisme, du communautarisme et du « défi culturel » qu’est la présence de l’islam en Europe. Beaucoup trop d’encre même pour y voir clair. Car derrière chaque commentateur, il y a une communauté, soit ethnique, soit d’intérêts, soit les deux en même temps. Heureusement qu’il existe encore des personnes qui veulent la clarification, comme Yvan Segré. Professeur et vivant en Israël, Segré s’est déjà fait entendre en publiant un livre intitulé « Comment penser Auschwitz ? ». Dans La réaction philosémite ou la trahison des clercs, il s’attaque à ces nouveaux penseurs de la cause juive comme Alain Finkielkraut, Emmanuel Brenner ou encore Pierre-André Taguieff. mehr lesen / lire plus

Letzte Lieder

lc) – „Wenn man sich das Leben leicht macht, macht man sich das Leben schwer, hingegen macht Unzufriedenheit glücklich, das ist eine der wichtigsten Lektionen, die man von der Kunst empfängt.“ Solche Lebensweisheiten und vieles mehr erfahren die geneigten LeserInnen bei der Lektüre von Georg Kreislers Autobiografie Letzte Lieder. Dabei ist der Titel schon eine bewusste Irreführung, geht es dem bekannten Chansonnier, Musiker und Autor eben nicht darum, über seine bekannten Klassiker „Alpenglühen“, „Tauben vergiften im Park“ oder „Zwei alten Tanten die Tango tanzen“ zu plaudern. Das Buch ist vielmehr eine Abrechnung mit der Gesellschaft, die ihn immer wieder zurückwies, sowie die Weitergabe seiner Erkenntnisse an kommende Generationen. mehr lesen / lire plus

Mapping August

(lc) – Encore jusqu’au 4 avril, le Carré Rotondes montre une exposition intitulée « Mapping August – An Infographic Challenge ». Le catalogue de cette exposition pas comme les autres vient de paraître et il mérite largement qu’on y jette un coup d’oeil. D’abord, qu’est-ce que l’infographie ? Question d’autant plus pertinente que nous en consommons chaque jour dès que nous entrons en contact avec le monde médiatique. Ce sont les graphiques destinés à nous simplifier l’information, à la représenter de façon esthétique et accessible à tous. En d’autres termes, c’est une formidable méthode d’information et de… manipulation. Car la mutation de l’écrit vers le graphique laisse une grande marge à l’infographiste. mehr lesen / lire plus

Walter Rufer / Dos Hermanos Der Himmel ist blau. Ich auch.

(lc) – Eine Geschichte wie aus einem Buch. Und es geht auch um eins dabei. Und um eine geniale posthume Zusammenarbeit dreier Lebenskünstler. Doch alles der Reihe nach. Vor einiger Zeit stöberte José, Musiker der Münchner Lo-fi Countryband Dos Hermanos, in einer alten Kiste und fand ein altes Buch mit dem spannenden Titel: Der Himmel ist blau – Ich auch. Er las es und lachte sich dabei halbtot. Die lakonischen Verse dieses unbekannten Poeten über sein Bohemienleben, seine wilden Ehen und Besäufnisse hatten es in sich. So kam es, dass das Buch fester Bestandteil der Band wurde und die beiden Musiker dem Publikum daraus vorlasen. mehr lesen / lire plus

VORARLBERG: Agent der Sehnsucht

Ein literarisches Geschenk: Michael Köhlmeiers Erzählung „Idylle mit ertrinkendem Hund“.

Michael Köhlmeier bei einer Lesung in Olmütz.

Es ist betörend, wie vorsichtig tastend diese Geschichte beginnt. Jeder Satz des Buches möchte mehrmals gelesen, möchte untersucht werden auf die verschiedenen Perspektiven, die er enthält, bevor er den Blick schließlich frei gibt auf den Zusammenhang, in dem er steht. Vorsichtig tastend beginnt die Geschichte wohl auch deshalb, weil das, was in ihr erzählt werden soll, so schmerzhaft ist, dass es einem – dem Autor Michael Köhlmeier – die Worte nimmt.

Und so beginnt die Geschichte mit dem Besuch des Lektors, den der Schriftsteller zuhause bei sich in Vorarlberg empfängt. mehr lesen / lire plus

UNE AUTRE CHINE: Les trois soeurs Song

Pour s’initier à l’histoire de la Chine moderne, rien de mieux que ce livre retraçant l’histoire romanesque de la famille Song.

De gauche à droite: Meiling, Qingling et Ailing.

Le passé de la Chine regorge d’histoires incroyables. Parmi les plus récentes, et les moins connues en Occident, il y a l’épopée du clan des Song. C’est à la lecture d’un album de BD que j’ai rencontré pour la première fois les soeurs Song, et je n’ai pas cru en leur existence. En effet, dans la préface de « Corto Maltese en Sibérie », Hugo Pratt évoque le banquier Song : « …il faut savoir que ce banquier milliardaire a eu trois filles. mehr lesen / lire plus

James Ellroy – My Dark Places

(lc) – Du noir, du polar et du bon. Celui qui a éclairé le monde sur « The Black Dahlia Murder » et qui a plongé – avec un succès à rendre parano même les lecteurs les plus avertis – dans la tête d’un serial killer dans « Silent Terror », donne au monde l’occasion de faire un tour dans son âme noire. Ou plutôt, avec son âme car « My Dark Places » montre un James Ellroy frénétique, instable et à la recherche du meurtrier de sa mère. Ce n’est pas une autofiction, car la mère d’Ellroy – ou plutôt ce qu’il en restait – a été découvert sur un terrain vague, l’auteur préférera parler d’un « body dump site », près de Los Angeles lorsqu’il n’avait même pas dix ans. mehr lesen / lire plus

ABGEHÄNGT: Ein Fest für Ethnologen

Wie sieht das kulturelle Erbe der Überflüssigen aus? Wer solche Fragen stellt, hat es verdient, Protagonist in einem der Romane des flämischen Autors Dimitri Verhulst zu werden.

Den 1972 im ostflämischen Aalst geborenen Dimitri Verhulst sollte man gut im Auge behalten – was nicht schwer fallen dürfte: Mit „Die Beschissenheit der Dinge“, seinem nach „Problemski Hotel“ zweiten Roman, schaffte er es auf Platz Eins der Bestsellerliste in den Niederlanden und gewann auch einen begehrten Publikumspreis.
Rainer Kersten gelang es, auch der deutschen Übersetzung ihre Authentizität zu belassen, er hat den in der „Beschissenheit“ verwendeten Slang einfach in rheinischen Dialekt übertragen.

Manche Bücher kommen einem gerade recht. mehr lesen / lire plus

EXIT GHOST: Fortsetzung des Massakers

Unverblümt, verzweifelt, aufbrausend und resigniert: Philip Roths neuer Roman liefert noch einmal einen unbedingt lesenswerten Einblick in die Leiden des Alters.

„Das Alter ist keine Schlacht; das Alter ist ein Massaker“, schrieb Philip Roth in seinem vorletzten Roman „Jedermann“. Eine Erkenntnis, die der 75-jährige amerikanische Autor in „Exit Ghost“ gnadenlos weiter entwickelt. Dazu gehört, dass man auch in diesem Buch über altersrelevante Themen wie Impotenz und Inkontinenz vielleicht ein wenig mehr erfährt, als man wissen möchte. Doch in der unverblümten Darstellung der schmerzhaften Realität offenbart Roth einmal mehr sein großes erzählerisches Können.

„Die bittere Hilflosigkeit eines alten Mannes, der nichts so sehr ersehnte, als wieder vollständig zu sein.“

Ort des Massakers ist diesmal der fiktive jüdische Schriftsteller Nathan Zuckermann, eine tragende Figur in Philip Roths Gesamtwerk, der nunmehr zum neunten Mal in einer seiner Geschichten auftaucht. mehr lesen / lire plus

MODERNE KLASSIKER: Das ganze Elend

Wieso nicht einmal einen Klassiker verschenken? William Faulkners „Licht im August“ ist in neuer Übersetzung erschienen.

Das Licht, das im August den Mississippi bescheint, soll eine ganz besondere Wirkung haben. Nicht etwa, dass es melancholisch macht, vielmehr haben die Betrachter den Eindruck, als bestrahle es das Gegenwärtige tatsächlich aus der Vergangenheit. Kein Wunder also, dass William Faulkner dieses „Licht im August“ als metaphorischen Titel für eines seiner Bücher gewählt hat. Ist er es doch gerade, der das Drama menschlichen Zusammenlebens nicht nur aus der Perspektive der Gegenwart beschreibt und analysiert. Wie sich das Augustlicht im Mississippi reflektiert und die Umgebung in eine ungewohnte Atmosphäre versetzt, stellt sich auch die Gesellschaft, die Faulkner beobachtet, im Spiegel ihrer Entwicklung anders dar. mehr lesen / lire plus