LEISTUNGSWAHN: Plädoyer für die Müdigkeit

Der in Deutschland lehrende koreanische Philosophieprofessor Byung-Chul Han beklagt in seinem aktuellen Essay eine Gesellschaft, die auf Effizienz und Beschleunigung setzt, und so immer mehr ausgebrannte und erschöpfte Menschen hervorbringt. Seine Vision ist eine Gesellschaft der Müden.

Kontemplation, Langeweile und positive Müdigkeit:
In ihnen erkennt der Philosoph Byung-Chul Han Mittel, um sich wenigstens individuell den Zumutungen der Leistungsgesellschaft zu entziehen.

„Jedes Zeitalter hat seine Leitkrankheiten“ schreibt Byung-Chul Han zu Beginn seines Essays, der den vielsagenden Titel „Müdigkeitsgesellschaft“ trägt. Han widmet sich darin der Reflexion auf eine jener ?Leitkrankheiten‘, die er als für die Gegenwart bedeutsam erkannt zu haben meint. Seit 2010 lehrt der Philosoph als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. mehr lesen / lire plus

DEUTSCHE GRÜNE – GRÜNE DEUTSCHE: Im Südwesten nichts Neues

Was darf man von der ersten deutschen Landesregierung mit einem grünen Ministerpräsidenten erwarten? In ihrem jüngsten Buch „Krieg ? Atom – Arbeit“ klopft Jutta Ditfurth noch einmal Anspruch und Wirklichkeit grüner Politik anhand der drei Titel gebenden Themenfelder ab.

„Soziale Ungleichheit macht diejenigen, die an ihrer Verschärfung mitarbeiten und von ihr profitieren, bösartig“: Die linksradikale Autorin Jutta Ditfurth, Gründungsmitglied der deutschen Grünen, hat sich ihre einstigen politischen Weggefährten noch einmal vorgeknöpft.

Aus Anlass der ersten grün-roten Landesregierung in Stuttgart bangt das bürgerliche Lager Südwestdeutschlands um den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg. Die Konservativen sehen das Ende einer „Erfolgsgeschichte“ und warnen ernsthaft vor der Einführung der „Planwirtschaft“. mehr lesen / lire plus

FEMINISTISCHE KRITIK: Frau vs. Mutter

Gut lesbar und eingängig entwickelt die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter in ihrem neuen Buch „Le conflit – la femme et la mère“ die These, dass die feministischen Errungenschaften der 1970er Jahre durch eine wieder erstarkende Ideologie der Mütterlichkeit bedroht sind.

Elisabeth Badinter sieht die Freiheiten, die sich Frauen einmal erkämpft haben, in den vergangenen drei Jahrzehnten immer mehr bedroht – in Deutschland noch mehr als in Frankreich. Als Folge der zunehmenden normativen Aufladung der Mutterschaft, in der das Ideal von der ?perfekten, natürlichen Mutter‘ gezeichnet wird, entschieden sich immer mehr Frauen gegen Kinder. Auch werde immer häufiger eine Entscheidung für weniger Kinder getroffen, überdies zu einem späteren Zeitpunkt im Lebenslauf. mehr lesen / lire plus

SOZIALE BEWEGUNG UND STAATLICHKEIT: Soldaten des Pinguins

Die Argentinien-Krise um die Jahrtausendwende bot ein Beispiel für die Folgen neoliberaler Politik. Zugleich entstanden neue soziale Bewegungen. Margot Geiger analysiert, woher sie kamen und was aus ihnen wurde.

Ihr Territorium für soziale Kämpfe ist nicht die Fabrik, sondern die Straße: Demonstration von „Piqueteros“ (Bewegung der Arbeitslosen) der „Frente Popular Darío Santillán“ im Juni 2009.

Seine letzten Stunden verbringt Néstor Kirchner in der Abgeschiedenheit von El Calafate. Dort erliegt der „Pinguin“, wie er wegen seiner patagonischen Herkunft genannt wird, am 27. Oktober einem Herzinfarkt. Noch am selben Tag versammeln sich zehntausende Menschen auf der Plaza de Mayo von Buenos Aires. Unter ihnen befinden sich viele junge Anhänger des früheren Präsidenten, der Argentinien von 2003 bis 2007 regierte. mehr lesen / lire plus

HARA KIRI: La vie avant Charlie

A l’occasion du cinquantième anniversaire de la première parution du mythique magazine satyrique et anar « Hara-Kiri », un ouvrage retraçant les 25 années de sa publication vient de paraître. Une occasion pour le woxx de revenir sur cet épisode de liberté fracassante et jubilatoire.

Machiste Hara Kiri ? Il ne ratait pourtant aucune occasion d’assouvir les fantasmes cachés des pourfendeurs de phallocrates. Au propre comme au figuré et surtout à sa manière !

« Pire que Hara-Kiri ? Ça, c’est pas possible. Hara-Kiri EST le pire. Superlatif absolu. Plus pire que le pire, ça n’existe pas. Par définition. Pour faire pire que Hara-Kiri, en admettant que ça soit possible, il n’y aurait que Hara-Kiri lui-même ». mehr lesen / lire plus

FLÜCHTLINGSPOLITIK: Klandestin unter „Clandestinos“

Der italienische Journalist Fabirzio Gatti beschreibt in „Bilal“ eindrucksvoll die Odyssee der afrikanischen Immigranten nach Europa und klagt als Undercover-Reporter die Missstände in den Flüchtlingslagern an.

Fabrizio Gatti hat schon mehrmals verdeckt recherchiert – unter anderem als rumänischer Erntehelfer sowie im Drogen- und Mafia-Milieu.

Der Kommandant zieht den breiten Gürtel mit der großen Metallschnalle aus dem Hosenbund und schlägt zu. „Der erste Schlag trifft Elvis auf den Kopf. Der zweite ins Gesicht. Der dritte auf die Hände, mit denen der Junge unsicher und verzweifelt sein Gesicht zu schützen versucht. Elvis verliert das Gleichgewicht, fällt hin und blutet an den Händen und aus der Nase.“ Der 15-jährige Elvis gehört zu den „wahren Helden unserer Zeit“, wie Fabrizio Gatti jene Flüchtlinge und Migranten nennt, deren Odyssee er in seinem Buch „Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“ beschreibt. mehr lesen / lire plus

ISLAMKRITIK: Den Faden verloren

„Ich bin eine Nomadin“ heißt das neue Buch von Ayaan Hirsi Ali. Die autobiographische Streitschrift ist ein intimes Plädoyer für individuelle Freiheit und eine scharfsinnige Analyse des reaktionären Islam – und erleidet einen frappierenden Blackout, wenn es um die Frage geht, wie diesem beizukommen sei.

Wenn Ayaan Hirsi Ali den Propheten zitiert, kann das nur in eindeutiger Absicht geschehen: „Ich schaute auf den Paradiesgarten und bemerkte, dass die meisten seiner Bewohner die Armen waren. Ich schaute auf das Höllenfeuer und bemerkte, dass die meisten seiner Bewohner Frauen waren.? Diesen Hadith (eine überlieferte Aussage, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird) stellt sie ihrem jüngsten Werk voran – und nimmt damit eigentlich vorweg, was sie auf den folgenden 350 Seiten belegen will: dass die Unterdrückung der Frau ein Strukturmerkmal des Islam ist ? mehr lesen / lire plus

MENSCHENRECHTE: Ist Universalismus allgemein gültig?

Die Kulturwissenschaftlerin Imke Leicht setzt sich mit der Frage auseinander: Muss es universelle, für die gesamte Menschheit geltende Normen geben oder sind jeweils spezifische Kulturen die einzige Legitimationsquelle für rechtliche und moralische Prinzipien?

Das Kopftuch: Repressionsinstrument, schützenswertes Kulturgut oder Ausdruck von Individualität?

Es hätte wohl kaum des Minarettverbots in der Schweiz, der Verschleierungsdebatte in Frankreich oder des Anschlags auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard gebraucht, um zu bestätigen: Multikulti steckt in der Krise. Einst von Linken gehätschelt und von Rechten zum Feindbild erkoren, sind die Koordinaten des Konzepts vom gleichberechtigten Zusammenleben verschiedener Kulturkreise in Europa gehörig durcheinander gekommen. Begriffe wie Respekt und Toleranz haben scheinbar ihre Bedeutung verloren. mehr lesen / lire plus

WIDER DIE STRAFLOSIGKEIT: Die Vergangenheit ruht nicht

Bianca Schmolze und Knut Rauchfuss liefern ein lesenswertes und sorgfältig recherchiertes Standardwerk über den Kampf für die juristische Aufarbeitung von Verbrechen, die während Militärdiktaturen oder Bürgerkriegen begangen wurden.

Gerechtigkeit für die „Desaparecidos“: Angehörige (hier in Uruguay) fordern Informationen über den Verbleib von „verschwundenen“ Regimegegnern und die Bestrafung der Verantwortlichen.

Ein Held war Adolfo Scilingo nicht. Eher das Gegenteil. Der Korvettenkapitän beteiligte sich an den Verbrechen des argentinischen Militärregimes. Um einen Freund und Folterer zu rehabilitieren, dem die Marine die Beförderung verweigert hatte, und ihn nicht als Mitglied einer Bande innerhalb der Armee darzustellen, packte Scilingo aus. Er erzählte von den „Todesflügen“, bei denen gefolterte politische Gefangene während der Diktatur von 1976 bis 1983 lebend in den Río de la Plata geworfen wurden. mehr lesen / lire plus

SPITZE FEDERN: Trotzki, der Troubadour

Ein Bildband mit Karikaturen, die führende Bolschewiki voneinander angefertigt haben, verdeutlicht die Stalinisierung der Sowjetunion.

Auch auf dem Papier gab’s mit ihm
wenig zu lachen: Stalin, gezeichnet von Nikolai Bucharin.

Gegenwärtig wird von vielen bürgerlichen Historikern die Geschichte des Kommunismus sehr einseitig und sehr vereinfacht geschrieben. Für die UdSSR stehen die Verbrechen der Stalin-Ära im Vordergrund. Mit dem Kampfbegriff des Totalitarismus werden Kommunismus und Faschismus – die schärfsten Gegensätze des 20. Jahrhunderts – in einem Begriff zusammengefasst. Viele Forscher arbeiten an einem Vergleich der „zwei deutschen Diktaturen“; während die nationalsozialistische Diktatur Leichenberge und Trümmerberge hinterlassen hat, hat die DDR Aktenberge hinterlassen, die einigen Tausend Menschen noch für Jahre oder Jahrzehnte Arbeit und Brot geben. mehr lesen / lire plus

NATIONALSOZIALISMUS: Mörderische Sachlichkeit

Tiefe Einblicke in das Getriebe des „Dritten Reichs“ und die Mentalität der Deutschen gewähren die Bücher zweier Zeugen der damaligen Zeit.

„Der deutsche ‚Träumer’ und ‚Idealist’ ist zum brutalsten ‚Pragmatiker’ geworden, den die Welt je gesehen hat“ (Marcuse): Parade des Reichsarbeitsdienstes auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg anlässlich des Reichsparteitags von 1936.
(Foto: faculty-web@northwestern.edu)

Zum Geschäft der Vertreter konkurrierender Forschungsansätze über den Nationalsozialismus gehört es nicht zuletzt, sich gegenseitig die Qualität und Quantität der herangezogenen Quellen madig zu machen. So kommt es, dass sich bei der Lektüre, thematisch bedingt ohnehin kein Vergnügen, manchmal auch noch der Zweifel einstellt, ob der Interpretation des Materials durch den Autor überhaupt zu trauen ist. mehr lesen / lire plus

POLITIKERLEBEN: Joschka mittendrin

Die Welt als Discokugel – auch in seiner Autobiografie inszeniert sich der ehemalige deutsche Außenminister als Star*.

Der künftige Ratspräsident und sein Vize? Jedenfalls zwei Meister der Selbstinszenierung – Fischer und Juncker verfügen zwar nicht über das gleiche Parteibuch, jedoch über viel Gespür dafür, wie man selbst eine skeptische Menschenmasse für sich gewinnt.

Als Karl Marx seinerzeit das Wort von den „Charaktermasken“ schuf, zielte er auf den ebenso abstrakten wie übersubjektiven Zwang ab, unter dem die Einzelnen im Kapitalismus dazu getrieben werden, in der Rolle des Unternehmers, Arbeiters, Politikers, etc. zu agieren. Der Gesellschaftskritiker durfte zu Zeiten des Liberalismus jedoch hoffen, dass sein kritischer Begriff vom Subjekt in der kapitalistischen Gesellschaft nicht unmittelbar mit diesem Subjekt identisch ist, dass – vereinfacht gesagt – die Realität des Menschen also nicht ganz so jämmerlich aussieht, wie von ihm angenommen. mehr lesen / lire plus

MICHEL ONFRAY: Misère de l’idéalisme

Avec „Les sagesses antiques“, Michel Onfray inaugure une série de six tomes consacrée à une historiographie critique et virulente de la philosophie institutionnalisée.

Michel Onfray, „Contre-histoire de la philosophie 1 –
Les sagesses antiques“, Editions Grasset et Fasquelle, 2006.

Michel Onfray part en guerre. A nouveau. Dans un de ses derniers ouvrages, le „Traité d’athéologie“, qui fit polémique en France, Onfray remettait les trois religions du Livre à leur place, dans le camp de ces doctrines fondamentalement hostiles à l’humain. Cette fois-ci, le „philosophe du plaisir“ libertaire qui se définit comme un marxo-freudien, s’engage dans une campagne d’envergure. Avec „Les sagesses antiques“, Michel Onfray signe le premier de six tomes de sa „Contre-histoire de la philosophie“. mehr lesen / lire plus

CHOMAGE ET MONDIALISATION: Quel modèle social?

La France a besoin de réformes, explique un récent livre, mais pas n’importe lesquelles. Le modèle nordique, dont il s’inspire, pourrait également intéresser le Luxembourg.

Alain Lefebvre et Dominique Méda, Seuil 2006

Les modèles sont en débat. Quelques années difficiles font conclure à l’échec du modèle „Polder“, l’étude Pisa éveille l’intérêt pour le modèle finlandais. Et une tripartite houleuse, suivie de la reprise de Mittal par Arcelor, pose la question de la préservervation du modèle luxembourgeois. Dans le contexte grand-ducal, un livre intitulé „Faut-il brûler le modèle français?“ paraî t a priori comme d’un intérêt limité. Cela change quand on sait que la coautrice Dominique Méda n’est pas une chantre du libéralisme, mais une progressiste connue pour ses critiques du productivisme. mehr lesen / lire plus