Computerspiele und Politik
: Game over

Eine Ausstellung in der Abtei Neumünster widmet sich der politischen Dimension von Computerspielen. Die Umsetzung wird dem Konzept jedoch nicht gerecht.

Die Gestaltung der Ausstellung steht einer eingehenden Beschäftigung mit den Ausstellungsgegenständen leider im Weg. (Fotos: woxx/ja)

Computerspiele haben – wie jedes andere Medium auch – so gut wie immer auch eine politische Dimension. Diese Erkenntnis ist eigentlich eine Binsenweisheit, dennoch ist das Konzept der Ausstellung „Games and Politics“ nicht uninteressant. Bei der rhetorischen Frage, ob Spiele und Politik zusammengehören, hält man sich nicht auf – im Gegenteil: es kann gleich losgespielt werden, und zwar mit einer Auswahl von politisch aufgeladenen Spielen, die zum größten Teil nicht von großen Entwicklungsstudios, sondern von unabhängigen Entwickler*innen stammen. Für Menschen, die sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt haben, wird die Liste der spielbaren Titel nur wenige Überraschungen bieten. Das großartige „Papers, please“, in dem man in die Haut eines Grenzbeamten schlüpft und sich zwischen fremden Schicksalen und der Wahrung der eigenen Haut entscheiden muss, ist genauso vertreten wie einige der aufklärerischen Minispiele des italienischen Kollektivs „Molleindustria“, die zum Beispiel das Leben eines Drohnenpiloten simulieren. Neben Krieg und Flucht sind auch Themen wie Überwachung, prekäre Arbeitsverhältnisse und Geschlechterproblematik vertreten.

Die für eine längere Spielzeit ausgelegten Titel wie „Democracy3“ (eine Demokratie-Simulation) und „This War of Mine“ (ein Spiel, das das Überleben als Zivilist*innen in einem Bürgerkrieg behandelt) offenbaren jedoch eine der Schwächen der Ausstellung. Die allermeisten Spiele können lediglich im Stehen ausprobiert werden, was eine längere Beschäftigung mit ihnen nicht zulässt. Fügt die Tatsache, dass man schwerwiegende moralische Entscheidungen vor den neugierigen Augen anderer Ausstellungsbesucher*innen treffen muss, den Spielen eine interessante Note hinzu, so konterkariert sie ebenso die Pointe vieler politischen Spiele: Es ist möglich, moralische Grauzonen ohne reale Konsequenzen auszuloten.

Zu bedauern ist ebenfalls, dass der Ausstellung oftmals die Kontextualisierung fehlt. Die Computer, an denen gespielt werden kann, zeigen zwar vor dem Spielestart einen erklärenden Text an – spielt jedoch gerade jemand anderes, ist dieser Text nicht lesbar. Das kann den Besuch schnell recht frustrierend machen. Neben den Spielen selbst ist ein Video über die Darstellung von Krieg und die Evolution von Kriegs- zu Antikriegsspielen zu sehen. Ein Film über Diversität in Videospielen wird zwar versprochen, stand bei Ausstellungsbesuch jedoch nicht zur Verfügung.

Die Auswahl der Spiele ist gelungen, weshalb sich der Besuch der Ausstellung – am besten mit einem großen Zeitpolster – durchaus lohnt. Allerdings empfiehlt es sich auch hier, den Politikbegriff der Kurator*innen unter die Lupe zu nehmen, hätte man sich doch zumindest eine Erwähnung der aktuellen und vergangenen Kulturkämpfe in der Videospielszene gewünscht. Die Konflikte um die Repräsentation von Frauen in Spielen oder Spiele von Frauen schwelen spätestens seit August 2014 und der „Gamergate“-Hasskampagne – insofern hätte der Stein des Anstoßes, Zoë Quinns „Depression Quest“, vorzüglich in die Ausstellung gepasst.

Bis zum 21. Mai in der Abtei Néimënster.

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