Der Fotograf Patrick Galbats
: Kunst und Zeugenschaft

Zwei Jahre lang hat der Luxemburger Fotograf Patrick Galbats die Entstehung des Sperrzauns gegen Flüchtlinge an der ungarisch-serbischen Grenze beobachtet. Seine Ausstellung „Hit Me One More Time“ porträtiert nicht nur das bauliche, sondern auch das gesellschaftliche Fundament eines gesamteuropäischen Ungetüms.

Für eine Wiederkunft „Großungarns“: Vorwiegend rechtsradikale Gruppen marschieren jährlich am 4. Juni durch die Straßen von Budapest und fordern die Aufhebung des Trianon-Vertrages. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat dieses Datum zum Feiertag der nationalen Zusammengehörigkeit erklärt. (Fotos: Patrick Galbats)

Breitbeinig steht er da, der hünenhafte Mann in seinem Tarnanzug. Bis vor kurzem hat er noch in Budapest als Drucker gearbeitet. Doch nun, im Herbst 2017, lebt der einstige Städter auf dem Land, um einen Job zu erledigen, der viel wichtiger ist. Davon ist er überzeugt. Deshalb hat er sein altes Leben hinter sich gelassen, ist mit Sack und Pack hierhergezogen, hat seine Familie in die ungarisch-serbische Grenzregion gebracht. Eigentlich ist er jetzt Forstangestellter. Sein Wagen steht ein paar Meter weiter weg, ein weißer Pickup, etwas weiter dahinter verläuft ein Zaun. Es handelt sich aber nicht etwa um einen Weidezaun. Das stabile, oben mit Nato-Stacheldraht umrankte Metallgeflecht ist aus demselben Grund da wie der Mann. Beide sollen Ungarn vor den Flüchtlingen schützen: „Weil es so nicht weitergehen kann.“

So zumindest gibt Patrick Galbats die Aussage seines Protagonisten aus seiner Erinnerung wieder. Er hat den Mann auf dem Foto abgelichtet, das er gerade auf seinem Laptop zeigt. Man merkt Galbats an, dass er nicht alles unsympathisch an ihm fand, trotz der Mission, der sich der ungarische Heimatschützer so tief verbunden fühlt. Galbats streicht mit der Hand über die Tastatur. Es erscheint das nächste Bild.

Was der Luxemburger Fotograf zeigt, sind Resultate von mehr als zweijähriger Recherchearbeit, auf Reportage-Reise durch Ungarn und entlang des berüchtigten Grenzzauns, der das Land von Serbien trennt. Von 10. März an wird Patrick Galbats den Ertrag seiner Arbeit im CNA in Dudelange zeigen, in einer Ausstellung mit dem Titel „Hit Me One More Time“.

Dass jemand darum bittet, geschlagen zu werden, produziert einen unangenehmen Beigeschmack; schließlich geht es ja nicht zuletzt um Migration. So lässt der Titel auch den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek denken. Der schrieb einmal, dass der Knecht, der sich selbst schlage, dem Herrn dadurch auch dessen Machtverlust signalisiere. Weil nämlich dadurch das Monopol des Herrn über die Verletzung des Knecht-Körpers gebrochen sei. Man könnte den Ausstellungstitel also auch als Botschaft an die Regierungen Europas interpretieren. Dass ein großer Teil jener, die sich auf den Weg nach Europa machen, Unvorstellbares hinter sich hat. So Unvorstellbares, dass er sich auch von Zäunen und Schlägen nicht davon abhalten lässt, sein Glück in der EU zu suchen.

Die Titel-Idee ist allerdings nicht von Slavoj Žižek entnommen, sondern stammt von Britney Spears. Die hatte Ende der Neunzigerjahre mit dem Song „Hit Me Baby One More Time“ ziemlichen Erfolg. Den Refrain ließ sich einer der Protagonisten von Galbats‘ Ungarn-Fotos auf die Brust tätowieren.

Seit 2016 hat Galbats wieder mehr Zeit, solchen Menschen zu begegnen und ihre Geschichten anzuhören. Damals hat er sich zum einem Schritt entschlossen, der ihm nicht leicht gefallen ist, und hat seinen festen Job als Fotograf beim „Lëtzebuerger Land“ an den Nagel gehängt. Nun kann er ausführlich tun, wofür zuvor vor allem die Urlaube draufgegangen sind: als Dokumentarfotograf umherreisen; „documentary style“, wie es die Fotografen-Legende Walker Evans bezeichnet hat.

Kübekhaza ist ein kleines ungarisches Dorf nahe der Grenze zu Rumänien und Serbien. Das durch den Trianon-Vertrag entstandene Dreiländereck war bis zum Bau des ungarischen Grenzzauns ein beliebter Ort für Wanderer und Touristen.

Keine Lust auf eine Kugel

Diesen Traum hatte Patrick Galbats schon seit seiner Zeit im „Lycée technique des Arts et Métiers“ und bei den Pfadfindern gehegt. An der Schule erhielt er die erste Fotografie-Ausbildung, eine Reise mit den „Scouten“ nach Haiti bot die Gelegenheit zur Praxis. „Eine mir unbekannte Welt durch den Fotoapparat zu entdecken, das hat mir sehr gefallen“, erinnert sich der 39-Jährige. Deshalb hat er nach der Schule dann auch Fotografie in Brüssel studiert. Mali, Kamerun, Rumänien, Nigeria, Äthiopien gehören zu den Orten, die er mit seiner Kamera aufgesucht hat, wie ein „grand reporter“ und die ganz Großen der Magnum-Fotografie.

Ein Kriegsreporter sein wie etwa Robert Capa wollte er hingegen nicht, auch wenn er Kolleginnen und Kollegen bewundert, die ihr Leben riskieren, um aus Regionen zu berichten, über die sonst wenig nach außen dringt. „Ich hatte keine Lust, mir eine Kugel einzufangen“, stellt Galbats mit der ihm eigenen Nüchternheit fest.

Ohnehin hat man den Eindruck, dass er sich sehr genau überlegt, warum er etwas tut oder lieber lässt, und dabei Träume nicht mit Illusionen verwechseln will. Seine erste Anstellung als Fotograf bei der „Revue“ sei eine große Ernüchterung gewesen, gibt er unumwunden zu, vor allem, weil er nach dem Studium lieber in Brüssel geblieben wäre. Doch das Angebot war da, und so hat er Ende 2002 bei dem Magazin angefangen. Mit dem vielen Reisen war es dann erstmal vorbei. „Ich war lange frustriert darüber, dass ich diesen Job angenommen habe“, sagt Galbats. Man merkt, dass er sich an das Gefühl noch genau erinnern kann. „Im Endeffekt bedaure ich nichts“, versichert er dann, „was zählt ist der Weg“.

Eine Einstellung, die ihm vielleicht dabei geholfen hat, das Fernweh einstweilen in der nächsten Umgebung zu kurieren. Leute kennenzulernen, die die Geschichten mit nach Luxemburg brachten, auf die Galbats so neugierig war. So wie jene Straßenmusikanten, mit denen er sich in Esch angefreundet hatte und die ihn schließlich einluden, sie in Rumänien zu besuchen. Galbats schwärmt von dem Ambiente im Dorf der Musiker, die sich als bedeutende Vertreter des Brass-Genres entpuppten: „Tagsüber dort rumzuhängen, wo nichts los ist; einfach im Schatten des Hauses zu sitzen und zu lesen.“ Eine gute Zeit hat er da gehabt. War immer wieder dort, hat neben seinen eigenen Projekten auch Hochzeiten im Freundeskreis der Musiker fotografiert. Vielleicht ein bisschen sowas wie ein zweites Zuhause gefunden: „Da würde ich am liebsten jetzt gleich wieder hin.“

Die Sehnsucht nach solchen Erlebnissen hat dazu beigetragen, dass er das „Land“, seinen zweiten Arbeitgeber, verließ. Obwohl er nun als Freiberufler in seinem Metier mit wenig Geld auskommen muss. Aber dafür hat er jetzt mehr Zeit. Auch wenn er weiterhin kommerzielle Aufträge annimmt, Jobs beim Theater macht oder immer wieder gerne auch mal als Urlaubsvertretung für seinen Nachfolger beim „Land“ einspringt.

„Fotografieren ist teuer“, sagt er. Denn er arbeitet mit Film, nicht digital. Ohne Unterstützung der verschiedenen Kulturförderer wie dem Fonds culturel national oder dem Centre national de l’audivisuel könnte er so etwas großes wie das Ungarn-Projekt gar nicht realisieren. „Aber man kann ja nicht jedes Mal Zuschüsse beantragen.“ Deshalb finanziert er seine Ideen oftmals vor. Und hofft, dass er nachher wenigstens einen Teil des Geldes wiederbekommt.

So wie Patrick Galbats sich auf das, was er tut, bezieht, merkt man, dass er seine Tätigkeit eher als Kunst denn als Handwerk begreift. Seit 2005 arbeitet er im Mittelformat, etwas später kam die großformatige Fotografie hinzu. Die Arbeitsweise ähnelt dabei der Architekturfotografie, und erlaubt eine Bildperspektive, in der alles gerade bleibt, keine Fluchtlinien hat: „Beispielsweise kann die Horizontlinie nach oben oder nach unter verschoben, vertikale Fluchtlinien können begradigt werden.“

Ein rechtsradikaler Demonstrant in Uniform der königlichen Armee Ungarns, wie sie im Ersten Weltkrieg getragen worden ist.

Ein anderer Horizont

Wie er die Rolle der Spontaneität relativiert, zeichnet ihn als Künstler aus: „Die Ausführung ist spontan“, meint Galbats, „aber bis man mal weiß, was man will und wie man das will…“ Seine Spontaneität ist daher gut geplant. Für das Ungarn-Projekt hat er ein gutes Dutzend Bücher gelesen, zeitgenössische Romane und Klassiker, von Sándor Márai und György Dalos über Péter Nádas bis hin zu Szilárd Borbély. Oft geschieht es bei der Lektüre eines Buches, dass ihm ein Motiv einfällt, das er dann nur noch in der Realität wiederfinden und umsetzen muss. „Sogar die Landschaft in Ungarn, in der ich mich bewegt habe, habe ich oft durch den Filter eines bestimmten Romans gesehen.“

Galbats ist dennoch mit offenen Augen bei der Sache: „Eine Hauptaufgabe des Fotografen ist die Zeugenschaft“, erklärt er. Und doch geht es ihm um mehr als ein vordergründiges Abbild der Realität. „Der Künstler versucht mit seiner Arbeit etwas herauszuholen, was der Laie so nicht sieht.“

So wie bei seinem aktuellen Ungarn-Projekt. Ursprünglich als Familiengeschichte geplant, weil Galbats‘ Großvater dort geboren ist, wurde er bald von der neuen Realität an der EU-Außengrenze eingeholt. Fotografie ist für ihn eine Form, soziales Bewusstsein zu artikulieren, „über die Welt, in der wir leben, ob es beispielsweise gut ist, einen Grenzzaun zu bauen“.

So wie in Ungarn. Der EU-Mitgliedstaat hatte sich in der Flüchtlingskrise von Anfang an als Frontstaat gegeben. Als gelte es nicht, einen Umgang mit Menschen zu finden, die außerhalb Europas ohne jede Perspektive sind. Als stehe man in einem erbarmungslosen Krieg. Von der ungarischen Rechten bis in die Orbán-Regierung hinein wird heute letztlich die gesamte ungarische Geschichte als dauerhafte Mobilmachung einer nationalen Widerstandsbewegung interpretiert, von der Schlacht auf dem Lechfeld über die Eroberung durch das Osmanische Reich bis hin zum Vertrag von Trianon von 1920, der auch in Galbats‘ Ausstellungskonzeption eine wichtige Rolle spielt. Damals fielen als Folge des Ersten Weltkrieges zwei Drittel des einstigen ungarischen Territoriums den umliegenden Nachbar- und Nachfolgestaaten zu. „Es gibt jede Menge zeitgenössische Monumente, die daran erinnern“, sagt der Fotograf.

Unentrinnbar monumental

Mit der Ausstellung „Hit Me One More Time“ arbeitet er verschiedene Facetten der ungarischen Geschichtspolitik heraus. Er zeigt, wie sie im Alltag der Menschen praktisch und sichtbar wird. In Form von Denkmälern, von Festen. Und nicht zuletzt natürlich im Sperrzaun, den die ungarische Regierung entlang der serbischen Grenze im Sommer 2015 errichten lassen hat.

Mehrmals war er dort, zuerst ohne Genehmigung, dann mit, allein und begleitet von einem französischen Kollegen. Wollte das Statische, Unüberwindbare zeigen, als die Mehrzahl seiner Kollegen den Strom der Fliehenden fotografierte. Spürte der unsichtbaren Grenze nach, in den Sumpflandschaften, wo es keinen Zaun gibt, aber Soldaten in gut verborgenen Armeezelten campieren. Sprach mit Dorfbewohnern, die das Unbehagen über das Schicksal der nachts gut hörbar vorbeiziehenden Flüchtlinge in offene Ablehnung transformieren.

„Ich wollte den Zaun als etwas Monumentales darstellen, dem man nicht mehr entgehen kann.“ Der Zaun nämlich, so Galbats, erzähle auch sehr viel über Europa. Das in gewisser Weise mit der Idee der Stadt zu vergleichen sei, „als idealer Raum“. „Auch Europa ist ein solcher idealer Raum: aber wer darf drin leben, wer muss draußen bleiben?“

Galbats klappt sein Laptop zu. Auch wenn der ganz große Durchbruch sich noch nicht eingestellt hat, sofern man seine Jugendträume von der Agentur „Magnum“ und Vorbilder wie Walker Evans zum Maßstab nimmt: Patrick Galbats hat sein Ding gefunden. Die Fotografie als Medium, um sich vertieft mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen, sie zu studieren und zu kritisieren. So wird seine Düdelinger Ausstellung denn auch eine sein, wo man eine Menge über Geschichte und Gesellschaft Ungarns lernt. Der ästhetische Aspekt kommt dabei nicht zu kurz, sondern fügt der theoretischen Auseinandersetzung eine Erfahrungsebene hinzu. „Soziale Kunst ist immer irgendwie politisch, weil sie Menschen in ihrer Lebenssituation zeigt, die ja letztlich nur durch Politik verändert werden kann“, sagt Galbats. Entspricht es der Praxis autoritärer Regime, das politische Leben zu ästhetisieren, wie der Luxemburger Fotograf in seiner Ausstellung zeigt, so stellt er sich dem mit seiner fotographischen Motivwahl entgegen: Seine Waffe gegen das scheinbar unentrinnbar Monumentale ist der Ausschnitt, das zum Nachdenken über den Zweck des propagierten Ganzen zwingende Detail.

Patrick Galbats klappt das Laptop noch einmal auf. Es wirkt ein wenig, als ob ihm die Kraft der Worte nicht reicht, er immer wieder nicht nur Begriffe, sondern auch Motive benötigt, um auszudrücken, was er meint. Seine Hände bewegen sich wieder über die Tastatur. Er zeigt einen Schnappschuss in einem Hinterhof, der verlassene, zugemüllte Autos zeigt. Eigentlich wollte er schon längst nochmal dahin zurück, um Aufnahmen zu machen, sagt er. „Man sagt sich immer, das mache ich dann ein anderes Mal. Das Motiv kehrt aber nicht zurück. Blöd, hm?“


Mit einer Vernissage beginnt am Samstag, den 10. März um 11 Uhr im Centre national de l’audiovisuel (CNA) in Dudelange die Ausstellung „Hit Me One More Time“ des Fotografen Patrick Galbats. Er präsentiert fotografische Beobachtungen in einem post-kommunistischen Land, das, gefangen in seiner eigenen Geschichte, sich nach längst vergangener Größe sehnt. Die Ausstellung läuft bis zum 29. April. Die zugehörige Monografie wird am 28. April beim Berliner Verlag „Peperoni Books“ erscheinen.


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