Deutschland
: Albtraum in Himmelblau

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) könnte bald drittstärkste Partei im Bundestag werden. Warum hält ihr Aufschwung noch immer an? 
Eine Spurensuche in Sachsen. Zweiter und letzter Teil unserer Serie zu den Bundestagswahlen.

Kämpfen für Deutschland, Babys und Bikinis: Wahlkampfplakate der „Alternative für Deutschland“. (Foto: Tobias Müller)

Am Abend des 11. September 2017 wird in einem kleinen Ort in Mittelsachsen die Querfront vermessen, wie man unter Rechten die Idee eines Bündnisses mit den Linken nennt. Die jedoch kann sich in Gestalt von Bertolt Brecht, dessen Zitat zur Dämmerstunde auf dem Marktplatz von Waldheim erklingt, nur schlecht gegen solche Avancen wehren. Am Mikrofon vor dem Wahlmobil der „Alternative für Deutschland“ (AfD) steht Thomas Goebel, Malermeister und Bundestagskandidat. „Die Bürger werden eines Tages nicht nur die Worte und Taten der Politiker zu bereuen haben“, beginnt er, „sondern auch das furchtbare Schweigen der Mehrheit.“

Die Freude über seinen vermeintlichen rhetorischen Coup steht Goebel im Gesicht: Brecht, die linke Ikone, als Referenzpunkt der Rechten, der Identitären! Goebel propagiert sogleich das „Europa der Vaterländer“ und verkündet: „Am 24. September werden wir uns unser Land zurückholen“. Es folgt eine Brandrede gegen die „Altparteien des Verfalls“ und die regierende „Räuberbande in Nadelstreifen“, die es aus dem Bundestag zu treiben gelte. Wer das alles bewerkstelligen soll? „Die Notbremse in einem Zug, der auf den Abgrund zurast“, so Goebel. „Die Alternative für Sachsen, äh, ’tschuldigung, Deutschland.“

Ein vielsagend absichtlicher Versprecher, denn das südöstliche Bundesland hat für die Partei eine besondere Bedeutung. Hier zog man 2014 erstmals in ein Länderparlament ein, beinahe alle deutschen Landtage mit Ausnahme von Bayern, Niedersachsen und Hessen sollten folgen. Parallel wurde von der Landeshauptstadt Dresden aus die Pegida-Bewegung zeitweise zu einem nahezu bundesweiten Phänomen. Seit den Protesten gegen Flüchtlinge ist Sachsen auch für ein nach rechts offenes bürgerliches Milieu bekannt. Wer hier völkische Parolen ruft, hat nicht notwendig einen kahl geschorenen Kopf. Wo sonst also ließe sich der Frage nachspüren, warum die AfD bei der Bundestagswahl nächste Woche drittstärkste Partei werden könnte?

Auf dem Marktplatz von Waldheim stehen an diesem Abend etwa 150 Menschen. Frauen und Männer vom Zwanzigjährigen bis zur Rentnerin, ein Querschnitt durch die Bevölkerung des 10.000 Einwohner-Städtchens, das zu DDR-Zeiten durch das „Zuchthaus Waldheim“ für politische Häftlinge bekannt geworden war. Das Publikum sieht überwiegend bürgerlich aus, einige könnten auch einem alternativen Kulturzentrum entsprungen sein, viele tragen Undercut-Frisuren, das war auch schon bei der Hitlerjugend modern. Freudig begrüßt der Moderator die „jungen Gesichter“ und lädt sie zum Mitmachen in der AfD-Ortsgruppe ein. „Wir sind weder braun noch rechtsradikal.“

Tatsächlich ist die Parteifarbe der AfD nicht braun, sondern blau. Während AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland auf Bundesebene mit seinem Stolz auf die Wehrmacht Schlagzeilen macht, ziehen seine Parteikollegen in harmlos-himmelblauen Bussen durchs Land – ein optisches Kontrastprogramm ohne Runen und Keltenkreuze. So manche Analyse griff in den letzten Jahren zu kurz, wenn sie zu klären versuchte, ob Pegida oder die AfD nun Nazis wären oder nicht. Wer so fragt, begreift nicht, was beide auszeichnet: den Brückenschlag zwischen völkischen Ideologen und den oft so bezeichneten „besorgten Bürgern“.

Ohne Rune und Keltenkreuz

In Waldheim gibt es die ganze Bandbreite zu hören. Malermeister Goebel klagt die Lohn-Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschland an, und Universitäten, die „unsere Kultur zersetzen“. Sebastian Wippel, Landtagsabgeordneter aus Görlitz, fürchtet sich vor der „Scharia-Polizei“ und ist besorgt, wie „unpünktliche Afrikaner“ wohl „unsere Industrie am Leben erhalten“ könnten. Sein Parteifreund Heiko Hessenkemper, Kandidat im Wahlkreis Mittelsachsen, lehnt sich auf das Rednerpult und warnt vor „Heerscharen aus Afrika“, die „am Brenner lagern“ sowie einer „weiteren Million Menschen“, die 2018 durch Familienzusammenführung nach Deutschland kämen. Fazit: „Dies ist eine Schicksalswahl: Werden wir auf Dritte-Welt-Niveau abgleiten, oder können wir unsere Zivilisation schützten?“

Ein Bedrohungs-Szenario, das als permanent wahrgenommen wird: Aus diesen Quellen speist sich der Zulauf der AfD. Nirgends zeigt sich das besser als in alltäglichen Szenen. Zum Beispiel rund 60 Kilometer östlich von Waldheim, in Freital. Die Kleinstadt wurde in den vergangenen Jahren über die deutschen Grenzen hinaus für rechtsextreme Umtriebe bekannt. 2016 wurde eine Terrorzelle ausgehoben, deren Mitglieder sich nun wegen Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte und Linke vor Gericht verantworten müssen. Die Gruppe war 2015 entstanden, zu einem Zeitpunkt, als auch Bilder von pöbelnden Demonstranten, die mit hassverzerrten Gesichtern ein Freitaler Wohnheim belagerten, um die Welt gegangen waren.

(Quelle: Internet)

Heute ist es ruhig in der Stadt. Vor der nun leerstehenden Flüchtlingsunterkunft auf einem Hügel über Freital hört man sonntags nachmittags nur ein paar Vögel. An der Schiebetür kleben noch Vermerke, dass Hunde und Fotografieren untersagt seien. Auch unten in der wie ausgestorben wirkenden Stadt ist es schwer, sich den Mob vorzustellen, der das Heim bedrohte. Umso belebter ist das Gebiet um das „Stadion des Friedens“ herum, wo an diesem Spätsommer-Wochenende das „Windbergfest“ stattfindet. Hüpfburgen für Kinder, Fahrgeräte, Wurstbuden, und weit und breit kein Zeichen grassierender Xenophobie.

Unter einem Baum stehen drei Stellwände, daran sind bunte Zettel befestigt: ein Ideenwettbewerb des „Umweltzentrums Freital“ mit Vorschlägen der Einwohner zur Frage: „Wie wollen wir Freital inklusiv, sicher, widerstandsfähig, nachhaltig für die Zukunft machen?“ Gewünscht werden: Freizeitparks, Kino, Shoppingcenter, mehr Grün sowie mehrfach eine Shisha-Bar. Vereinzelt finden sich aber auch Anregungen, das „rechte Problem“ zu lösen, „keine Gewalt“ oder: „Das Image der Stadt hat sich zu verbessern.“

Ein altes Paar steht vor den Tafeln und sieht sich die Vorschläge an. Sie erzählen vom Industriestandort Freital mit seinem Stahlwerk, das nach der Wende dramatisch geschrumpft sei. Fragt man Saskia Zeising, Mitarbeiterin des Umweltzentrums, nach der Stimmung in der Stadt, erzählt sie von „sehr großer Unzufriedenheit“ und Lethargie. „Es ist ein übler Prozess für die Leute hier, selbst aktiv zu werden. Spreche ich sie an, höre ich oft: ‚das hat doch keinen Sinn, hier ist nichts mehr zu holen!‘“

Zeising, die am folgenden Tag ihren 30. Geburtstag feiern wird, sieht dringend Handlungsbedarf. „Wir sollten die Menschen aus ihrer Situation holen, bevor es eskaliert.“ Insofern traut sie der Ruhe in Freital höchstens bedingt: „Ich frage mich, was passieren würde, wenn wieder eine große Gruppe Menschen aus anderen Ländern hierhin käme, denen man das auch ansieht. Die Stimmung war richtig krass hier, doch viele sagten, das würde von den Medien hochgespielt. Jetzt wird das Ganze nur weggeschwiegen, aber nichts wird aufgearbeitet.“

Konsensfähig im Bürgertum

Auf Schweigen stößt jedenfalls, wer sich auf dem Fest über die Bundestagswahl unterhalten will. Ein Paar, das auf einer Bank am Sportplatz sitzt, möchte nicht darüber sprechen. Ebenso wenig die beiden Frauen mittleren Alters am Kaffeestand. Michael Seifert, der Trainer der ersten Mannschaft der „SG Motor Freital“, der mit einer Flasche Pils am Rande des Flohmarkts steht, gibt widerwillig Auskunft. „Wird wohl eher ’ne Protestwahl“, beginnt er. „Was für ein Protest?“ – „AfD. Weil ich von den anderen enttäuscht bin.“ Früher wählte Michael Seifert mal CDU. Doch heute hat er von der Kanzlerin die Nase voll. „Merkel, das bedeutet, den Amis den Kopf in den Arsch stecken und sich mit Putin zu verfeinden. Dabei wäre das der bessere Verbündete!“

Auf eigenartige Weise erinnert der Coach an die Redner auf dem Marktplatz von Waldheim. Auch er moniert, dass „die Hälfte der Schulkinder nicht aus Deutschland kommt“. Auch er fürchtet sich vor einem Familiennachzug für Flüchtlinge, „dabei sind die Rentenkassen leer, und trotzdem sollen wir finanzieren, dass die Griechen mit 55 in Rente gehen können.“ Straffällige Migranten will er gleich abschieben, „mit Familie“. Manches, was er sagt, könnte auch aus dem Mund von Unions- oder FDP-Politikern stammen. Auch dass „die Wirtschaft die Politik bestimmt“, stört Michael Seifert.

Die Ansichten des Coachs sind durchaus konsensfähig geworden, bis weit ins bürgerliche Spektrum hinein. Zugleich ist es von dort ein kurzer Weg zu Ideen wie der vom angeblichen „Interesse, Deutschland kaputt zu machen“, und zwar durch „Vermischung“ seiner Bevölkerung. Publizisten wie Michael Mannheimer und Jürgen Elsässer verbreiten solche Thesen, und auch in Michael Seiferts Umfeld gibt es „zwei, drei Leute, die sich damit beschäftigen“. Bei Pegida ist Trainer Seifert übrigens nie mitgelaufen. Sicher ist er sich nicht, aber ihm ist, als sei die Bewegung „von den regierenden Parteien installiert“: „Dann können die Leute Dampf ablassen und denken, sie hätten etwas bewirkt.“

Das Stadion des Friedens liegt beinahe idyllisch da. Über den Flohmarkt erklingen harmlose Schlager. Trainer Seifert schaut auf das Spielfeld, wo seine Mannschaft in wenigen Tagen zum nächsten Heimspiel antreten wird. Was ihm noch wichtig ist: „Ich bin kein Nazi, aber die Politik, die die anderen betreiben, drängt einen in die rechte Richtung.“ Weshalb er auch nicht die NPD wählen würde, meint er.

Tobias Müller berichtet für die woxx vorwiegend aus den Niederlanden und Belgien. Vor den Bundestagswahlen ist er für uns in Deutschland unterwegs.

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