Don DeLillo
: Literarische Tiefkühlkost

Der Roman „Null K“ von Don DeLillo handelt von dem Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit. Unter anderem inszeniert der Autor darin den ersten Monolog einer Tiefgefrorenen in der Literaturgeschichte.

Der Tod und das Sterben ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk: der US-amerikanische Autor Don DeLillo. (Foto: © Joyce Ravid)

Ebenso wie ein Kind erst lernen muss, dass jeder Mensch einmal stirbt, musste auch die frühe Menschheit erst einmal den Tod entdecken. Andererseits hat sich die Menschheit seit jeher mit der Unsterblichkeit befasst. Nicht nur der erste chinesische Kaiser glaubte an die Möglichkeit, ewig zu leben. Auf unterschiedliche Art und Weise gehört die Unsterblichkeit in nahezu allen Religionen zum festen Glaubensbestand. Bereits im Gilgamesch-Epos um 2000 vor Christus wird sie der menschlichen Seele zugebilligt. Die erste philosophische Auseinandersetzung mit der Unsterblichkeit der Seele geht auf Platon zurück, Immanuel Kant spricht ebenfalls von ihr. Aber was ist mit der Unsterblichkeit des menschlichen Körpers?

In den USA bietet eine Gesellschaft namens „Alcor Life Extension Foundation“ die sogenannte Kryonik oder Kryostase an, das Einfrieren des Körpers oder des Gehirns bei Temperaturen von minus 196 Grad Celsius, bei der alle Muskel- und Nervenaktivitäten heruntergefahren werden können und jede Form von Bioaktivität im Organismus dadurch zum Erliegen kommt. In Russland gibt es ein ähnliches Unterfangen. Vor allem Science-Fiction-Filme haben sich bisher mit diesem Thema befasst. Und sogar Woody Allen hat sich bereits in den 1970er-Jahren über diese „Sleeper“ in seinem gleichnamigen Film lustig gemacht.

Don DeLillo hat weder einen Science-Fiction-Roman noch eine Komödie geschrieben. Der US-Autor ist vielmehr ein Analytiker der amerikanischen Gegenwart. „Jeder will das Ende der Welt in der Hand haben.“ Mit diesem Satz ist nicht nur die Selbstbestimmung des Individuums über den eigenen Tod gemeint, sondern mit ihm beginnt auch DeLillos Roman „Null K“. Ausgesprochen wird der Satz von Ross Lockhart, einem steinreichen New Yorker Selfmademan und Vermögensverwalter, der um die Sechzig ist.

Das Buch, das im April auch als Paperback erscheint, wurde bereits vor gut einem Jahr und damit vor dem Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident veröffentlicht. Doch das Phänomen Trump war bereits präsent. Ross Lockhart entspringt derselben Spezies wie Trump – ein Erzkapitalist, der meint, alles kaufen zu können. Im Original ist der oben genannte Satz noch prägnanter: „Everybody wants to own the end of the world.“ Dabei geht es hier weniger um die Beherrschung der Welt, sondern mehr um die Kontrolle über den eigenen Tod.

„Ich bin nur, was ich sage, und das ist fast nichts.“

DeLillo befasst sich in „Null K“ mit dem Traum vom ewigen Leben. Lockhart begleitet seine viel jüngere, todkranke Frau Artis an einen Ort in Zentralasien, wo sich Superreiche einfrieren und erst dann wieder aus dem Kälteschlaf zum Leben erwecken lassen wollen, wenn Medizin und Technik so weit sind, dass der Mensch ein ewiges Leben ohne Krankheiten führen kann. Der Name des Projekts, das in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten und Militär betrieben wird, lautet „Konvergenz“.

Lockharts Sohn ist der Ich-Erzähler Jeffrey. Der 34-Jährige reist seinem Vater nach. Er ist „Konvergenz“ gegenüber äußerst skeptisch eingestellt. Bei seinem Streifzug durch die Anlage, die als halbunterirdische Militärklinik beschrieben wird, kommt er durch endlose Gänge und künstliche Gärten. Überall finden sich Bildschirme, die in Dauernachrichtensendungen politische und ökologische Katastrophen zeigen.

Jeffrey begegnet seltsamen Gestalten, etwa einem Mönch, der für „Konvergenz“ arbeitet, oder einem Alten, der ihm einen Vortrag über Züchtungsphantasien, das Ende der Geschichte und die permanente Ausdehnung der menschlichen Möglichkeiten hält. Dem entgegnet Jeffrey: „Es ist absolut menschlich, mehr wissen zu wollen, und dann noch mehr und immer mehr.“ Aber ebenso richtig sei es, dass das Nichtwissen den Menschen zu Menschen macht: „Und das menschliche Nichtwissen ist unendlich.“

Jeffrey ist das genaue Gegenteil von Ross Lockhart. Er wächst bei seiner Mutter Madeline auf, während der Vater international Karriere macht und meist abwesend ist, auch als Madeleine stirbt. Schon als Kind und Jugendlicher entwickelt Jeffrey einige Marotten, indem er fast obsessiv Gegenstände und Ideen in Worte zu fassen gezwungen ist. Fasziniert von der Sprache und ihrem Klang, der Welt der Dinge und dem Reich der Worte, fixiert er sprachlich, was sich hinter dem Unterschied von Bezeichnendem und Bezeichnetem verbirgt. Zugleich entwickelt er körperliche Schrullen, indem er beginnt, künstlich zu humpeln, ein „Humpeln in Anführungszeichen“. Während sein Vater zielstrebig und karriereorientiert ist, bleibt Jeffrey absichts- und antriebslos. Er findet nur schwer Tritt in der Arbeitswelt und wechselt ständig die Jobs. Einmal ist er Administrator einer Website, dann Human Resources Manager und ein anderes Mal „Forschungsmanager für neue Lösungen  – Simulationsmodelle“.

Der zweite Teil des Romans spielt zwei Jahre später. Jeffrey ist nach New York zurückgekehrt und lässt sich wie zuvor schon treiben. An einer Universität muss er als sprachlicher Gender-Beauftragter offizielle Texte redigieren. Er lebt mit einer Frau namens Emma zusammen, einer Sonderpädagogin, die ihn um Hilfe bittet, als sie Probleme mit ihrem 14-jährigen ukrainischen Adoptivsohn bekommt. Die beiden debattieren lebhaft miteinander, und der Junge ähnelt mit seinen Ticks und Marotten Jeffrey. Zunehmend befasst er sich mit Terror und Krieg – und ist plötzlich verschwunden. Emma wendet sich allmählich von Jeffrey ab und sucht zusammen mit ihrem Ex-Mann nach dem Jungen.

Gegen Ende begleitet Jeffrey seinen Vater zur „Konvergenz“. Ross lässt sich einfrieren. Zu einem ernsthaften Gespräch kommt es nicht mehr zwischen den beiden. Zuvor fragt er den Alten: „Warst du nicht der Mann, der mich über die Vergänglichkeit des Menschen aufgeklärt hat? Unser Leben wird in Sekunden bewertet. Und nun verkürzt du es auf eigenen Wunsch?“ Doch der Vater nimmt eine ganz andere Perspektive ein. Er beendet eine Version seines Lebens, um in eine andere, permanente Version einzutreten. Dass auf der Welt nach wie vor gestorben wird, zeigen die omnipräsenten Monitore. Auf einer Videowand sieht Jeffrey, wie Emmas Adoptivsohn als Milizionär in der Ostukraine erschossen wird.

In einem kurzen Mittelteil des Buches führt die erfrierende Artis einen inneren Dialog mit ihrem Körper. Sie begibt sich dabei auf eine albtraumhafte Suche nach ihrer eigenen Identität. Sie sucht nach letzten Worten – wechselnd zwischen erster und dritter Person – bis ihr die Stimme versagt. Es ist die sprachlich beste Passage des Buches. Artis versucht zu wissen, wer sie ist – „aber ich bin nur, was ich sage, und das ist fast nichts“. Ihre Worte werden weniger und entschwinden. Ich spreche, also bin ich, könnte es heißen, und wo die Sprache endet, endet auch der Mensch.

„Null K“ wirkt futuristisch und beschreibt dennoch die Gegenwart. Bewusst verknappt DeLillo die Sprache. In den Dialogen geben die Personen philosophische Weisheiten von sich. Doch die Thesen wirken eher schlagwortartig, als würden sie ihren Sinn nur vortäuschen, wenn zum Beispiel Ross Lockhart von einer „strukturellen Redundanz“ spricht. „Der eine stirbt, der andere muss sterben“, so knapp bringt es der Alte, der als Nicolas Satterswaite zur Welt kam und sie als Ross Lockhart verlässt, auf den Punkt. Selbst das Sterben und den Tod, so meint er, kann, wer Geld hat, zu ausgehandelten Konditionen in die eigenen Hände nehmen.

„Null K“ ist ein Spätwerk Don DeLillos, der im November 81 Jahre alt geworden ist. Der Tod spielte auch in seinen früheren Büchern seit dem Debüt „Americana“ (1971) eine wichtige Rolle. In „Weißes Rauschen“ zum Beispiel stellt sich ein Ehepaar die Frage, wer von den beiden zuerst sterben wird. Der Tod zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Nun spiegelt sich DeLillos Blick auf den Tod in der Person Jeffreys. Ob der Tod nicht ein Segen sei, weil er den Wert unseres Lebens bestimme, wird einmal gefragt.

Das ist auch die Quintessenz des Buches: Die Überwindung des Todes wäre das Ende unserer Energien ebenso wie unserer Hoffnungen. Bereits in „Omega-Punkt“ einer Geschichte über einen früheren Militärberater der US-Regierung, der sich in die kalifornische Wüste zurückgezogen hat, thematisiert DeLillo den Umgang mit Tod und Verlust. „Null K“ ein Gegenentwurf dazu: Der Titel spielt auf null Kelvin an, auf den absoluten Nullpunkt von minus 273,15 Grad. Die Personen in dem Buch werden zwar nicht bei null Kelvin, aber doch zumindest bei minus 196 in flüssigem Stickstoff eingefroren. Allerdings bleibt dies nur den Superreichen vergönnt.

Don DeLillo: Null K. 
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 
288 Seiten.

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