Ecuador
: Solidarität geht durch den Magen

Der Bananenanbau in Ecuador ist häufig ein schmutziges Geschäft. Schädlingsbekämpfung wird auf Kosten von Umwelt und Angestellten betrieben – gewerkschaftliche Organisierung wird mit Drohungen und Gewalt unterminiert. Die Beschäftigten bauen nun auf Unterstützung durch europäische Konsumenten.

Lassen sich 
nicht entmutigen: 
ArbeiterInnen ecuadorianischer Bananenplantagen 
fordern die Beseitigung gesetzlicher Hürden bei der Gründung von Gewerkschaften. (Foto: Knut Henkel)

Antonio Maldonado kann sich noch gut an die Demo erinnern, die er und seine Mitstreiter vor dem Büro des Arbeitsministeriums in Machala organisiert hatten. „Die erste war im Februar letzten Jahres. Doch wir haben ein paar Mal demonstriert, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen“, erklärt der 27-jährige ehemalige Arbeiter der Bananenfarm Belitama.

Die Farm liegt im Süden Ecuadors, in der Bananenregion rund um die Hafenstadt Machala, wo das Gros der Südfrüchte aus der Region verschifft wird. El Oro heißt der Verwaltungsbezirk und gehört zu den drei Bananenanbaugebieten Ecuadors. Die anderen heißen Los Ríos und Guayas; landesweit werden auf rund 220.000 Hektar die großblättrigen Pflanzen angebaut.

Antonio Maldonado weiß, wie das geht. Mehrere Jahre lang hat er auf der Farm von Rodrigo Viteri Astudillo geschuftet. „Bei jedem Wetter, und oft sind uns dann die Flugzeuge über die Köpfe hinweggedonnert und haben ihre giftige Last versprüht“, erinnert sich der kleine, kompakte Mann und verzieht dabei das Gesicht. 25 Hektar hatte die Farm, knapp zwanzig Arbeiter arbeiteten dort. Noch zwei weitere Farmen gehörten dem Unternehmer, der auf rund 75 Hektar etwa ebenso viele Mitarbeiter beschäftigte. „Hier, aber auch weiter nördlich in Naranjal, hatte er Besitz; wie viele Farmen es insgesamt sind, weiß ich nicht“, so Madonado. Im Januar 2016, als 33 Mitarbeiter der drei Farmen die Gewerkschaft „Viesfruit“ gründeten, war er zu deren Medienbeauftragten gewählt worden.

„Damit begann die Konfrontation“, erinnert sich Segundo Solano, der als Vorarbeiter auf Belitama angestellt war und einen Monat nach der Gewerkschaftsgründung entlassen wurde. Etwas später, am 28. März, erwischte es Antonio Maldonado. Insgesamt waren da schon mehr als ein Dutzend der Mitglieder entlassen. Die Gewerkschaft war kaum ins staatliche Register des Arbeitsministeriums eingetragen, da hatte der wutschnaubende Besitzer seine Angestellten auch schon auf die Straße gesetzt.

Kein Einzelfall im Bananensektor Ecuadors, wo kaum mehr als ein Prozent der rund 220.000 direkt angestellten Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind. „Schwarze Listen, Entlassungen und die systematische Unterlaufung der Gewerkschaftsgründung – das ist Alltag in Ecuador und der Staatsapparat hilft auch noch dabei“, so Jorge Acosta. Er ist Mitgründer der Gewerkschaft der Bananenarbeiter und -bauern (Astac), die sich als Branchengewerkschaft versteht, in Ecuador aber nicht einmal offiziell registriert ist, weil sie nicht ins offizielle Schema passt.

Eine Gewerkschaft im Bananensektor benötigt nämlich dreißig Mitglieder, um überhaupt registriert zu werden. Da viele der 5.600 bananenproduzierenden Betriebe aber kleiner sind, ist die geforderte Mitgliederzahl aber eine immense Hürde. „In Kolumbien sind nur elf Mitglieder nötig und Branchengewerkschaften sind möglich – da hat Ecuador Nachholbedarf“, kritisiert Acosta, der regelmäßig unterwegs ist und Plantagen besucht, um mit organsierten Mitglieder zu sprechen.

„Der Arzt bescheinigte mir schließlich, dass ich mich vergiftet hatte.“

Meist tut er das am Feierabend und oft auch am Wochenende, denn gern gesehen ist der Ex-Pilot auf den Farmen nicht. Bis 2012 saß er selbst im Cockpit eines Sprühflugzeugs, wie sie auf den Plantagen zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden. Noch immer hat er Kontakte zu ehemaligen Kollegen und kann sich gut erinnern, weshalb er den Job an den Nagel gehängt hat. „Ab 2009 hatte ich immer wieder gesundheitliche Probleme, dachte, dass ich herzkrank sei. Doch der Arzt bescheinigte mir schließlich, dass ich mich vergiftet hatte“, erinnert sich Acosta. Grund genug den Job hinzuschmeißen und die Seite zu wechseln.

Nun ist Jorge Acosta von seinem Heimatort Quevedo aus rund um die Uhr für die Arbeitsrechte unterwegs. Hin und wieder agiert er auch in Guayaquil, der Hafenmetropole Ecuadors, wo seine Kinder wohnen. Mit der Astac kann er einige Achtungserfolge vorweisen: Spektakuläre Videos über die Verletzung von Arbeitsrechten, den gesundheitsschädlichen Einsatz von Sprühflugzeugen und mangelnden Umweltschutz liefen in Deutschland, Holland und Italien im Fernsehen. Das hat dafür gesorgt, dass Hilfs- und Entwicklungsorganisationen wie „Oxfam“ sich des Themas angenommen haben.

„Make Fruit fair“ heißt die Kampagne, der auch Fair Trade-Importeure wie der deutsche „Banafair e.V.“ angehören und die darauf setzt, die Konsumenten zu überzeugen. Für Jorge Acosta ist das der entscheidende Faktor, denn die großen Fruchtkonzerne wie „Dole“, „Del Monte“ und „Fyffes“ haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht gerade engagiert, wenn es um Arbeitsrechte ging. Nun sollen die Supermärkte es richten, denn sie bauen ihre eigenen Lieferketten auf und die Konsumenten beginnen nach der Herkunft der Produkte zu fragen.

So wie bei Lidl, dem im baden-württembergischen Neckarsulm ansässigen europaweit agierenden Discounter, der von fünf Farmen in Ecuador Bananen bezieht und sich auf seiner Homepage zu „Compliance“, zur Einhaltung bestimmter Standards bekennt. „Wir halten uns an geltendes Recht und interne Richtlinien“, so das Unternehmen. Dazu gehören die Menschen- und auch Arbeitsrechte, die in Ecuador nicht allein von einigen autoritären Farmern wie dem schon erwähnten Rodrigo Viteri Astudillo verletzt werden. Allerdings ist Viteri Astudillo ein besonders krasses Beispiel, denn er schickte Schlägertrupps, um die Gewerkschaftsmitglieder einzuschüchtern und beinahe hätte es Tote gegeben.

Mit solchen Methoden wird bereits seit langem auf die Gründung von Gewerkschaften reagiert. Ein Beispiel ist Los Álamos, wo Bananenbaron Álvaro Noboa 2006 seine Schläger in eine Gewerkschaftsversammlung schickte. Doch soweit muss es bisweilen gar nicht kommen: Oft reichen Drohungen, die Angst vor Jobverlust und den Folgen für die Angehörigen, damit die Betroffenen nicht länger auf ihre Grundrechte bestehen. „Fast alle Plantagenarbeiter haben Familie, sie verdienen schlecht und trotzdem können sie sich einen Jobverlust nicht leisten, weil es keine Alternativen in den Bananenregionen gibt“, beschreibt Acosta die Zwickmühle zwischen Ausbeutung und Widerstand.

Auf der Plantage Matías, die nicht weit von der Provinzstadt Naranjal entfernt liegt, kann man das gut beobachten. Das Unternehmen ist immer wieder gegen Gewerkschafter vorgegangen, droht mit Entlassung, zahlt keine Überstunden und übt über die Vorarbeiter extremen Druck auf die Arbeiter aus. „Auf dieser Plantage gelten die nationalen Gesetze nicht. Hier sind Menschen mit Behinderung zur Kündigung gezwungen worden, hier sind die Sprühflugzeuge im Einsatz, wenn wir zwischen den Stauden arbeiten“, kritisiert Leóncio Moreida.

Der stämmige Mann von Mitte vierzig ist ein Veteran. Er scheut sich nicht, den Mund aufzumachen und die Unternehmensleitung offen zu kritisieren. Seine beiden Kollegen, die heute mit ihm in einem Park in Naranjal auf Jorge Acosta warten, sind da schon deutlich vorsichtiger. „Wir sind seit gut zwei Jahren bei Matías angestellt und wollen den Job behalten“, sagt Walter Castro Rubiera (Name von der Redaktion geändert) entschuldigend.

Erst vor drei Monaten musste Castro Rubiera zum Arzt, nachdem er sieben Stunden lang Schädlingsbekämpfungsmittel ausgebracht hatte „Mir war übel, ich hatte Magenkrämpfe und als ich am nächsten Tag zum Arzt ging, hat der mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass es nur von den Pestiziden kommen könne.“ Welches Gift er ausgebracht hat, weiß der 28-Jährige nicht mehr, nur dass es gegen die Fadenwürmer im Wurzelbereich der Bananenstauden helfen sollte. 14 Tage lang hat er mit Magenschmerzen zu kämpfen gehabt und Schmerzmittel genommen, bevor es ihm wieder besser ging.

Mittlerweile weiß er von Jorge Acosta, dass täglich maximal vier Stunden lang Pestizide ausgebracht werden dürfen – und das nur in Schutzkleidung. Die haben die Arbeiter bei Matías längst nicht immer erhalten, denn mit den Vorschriften nimmt es die Plantagenleitung nicht so genau. Eigentlich gilt in Ecuador, dass die Arbeiter nicht auf der Plantage sein dürfen, wenn die Sprühflugzeuge über den Bananenstauden Pestizide ausbringen.

Moreida ärgert sich zudem, dass die Arbeiter für jedes Zuspätkommen mit Lohnabzug bestraft werden; auch um die Bezahlung jedes einzelnen Urlaubstags müssen sie mit dem Verwalter feilschen. Unwürdig sei das, so Moreida. Er hält den Kontakt zu Astac-Sekretär Jorge Acosta, der versucht eine Branchengewerkschaft aufzubauen. Er hofft darauf, dass die neue Regierung von Lenín Moreno, die am 24. Mai vereidigt wurde, die Regeln zugunsten der Arbeiter ändern  wird.

Vorerst jedoch geht es wieder einmal darum, auf die Nichterfüllung der gesetzlichen Vorgaben bei Matías aufmerksam zu machen. Acosta hat in Deutschland über Oxfam einen offenen Brief an die Lidl-Verantwortlichen publizieren lassen und die darin erhobenen Vorwürfe mit einer Studie über die Verletzung von Arbeits- wie Umweltrechten auf den fünf Zulieferplantagen von Lidl untermauert. „Vielleicht sorgt das ja für Druck durch die Verbraucher in Deutschland – den brauchen wir“, sagt er.

Wie er den auf der Bananenfarm Belitama entlassenen Arbeitern Antonio Maldonado und Segundo Solano sowie deren Kollegen helfen kann, weiß er noch nicht. Auf die Justiz sei in Ecuador wenig Verlass.

Knut Henkel berichtet für die woxx aus Lateinamerika.

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