„Es wird hier wie in Griechenland werden“

Das verschlafene bosnische Örtchen Velika Kladuša könnte sich zum Brennpunkt der jüngsten Fluchtroute in die Europäische Union entwickeln. Zu Besuch in einer Kommune, in der auch Ex-Polizisten und Restaurant-Besitzer sich nicht lange bitten lassen, wenn rasche Hilfe geboten ist.

Geflüchtete betrachten ein Smartphone, das von kroatischen Grenzschützern kaputtgeschlagen worden war. Der Besitzer des Geräts wurde illegaler Weise auf bosnisches und damit außerhalb der EU befindliches Terrain zurückgeführt. (Foto: Lorenz Matzat)

In der vergangenen Woche hatte unser Korrespondent Tobias Müller aus Sarajevo berichtet, dass die sogenannte Balkanroute für Menschen auf der Flucht vor allem via Bosnien und Herzegowina wieder an Bedeutung gewinnt. Die Grenze von dort nach Kroatien ist nämlich schwer zu sichern. Für den zweiten Teil seiner Reportage, die durch den von woxx-Leser*innen finanzierten Recherchefonds gefördert wurde, hat sich Müller daher in das Städtchen Velika Kladuša im äußersten Nordwesten Bosnien-Herzegowinas nahe der kroatischen Grenze begeben.

Von dort aus sind es auch bis zur nächsten Grenze Richtung Norden, nach Slowenien, nur rund siebzig Kilometer. Müller hat sich mit einigen Geflüchteten über den nicht ungefährlichen Grenzübertritt nach Kroatien unterhalten. Denn wer in dem EU-Land angekommen ist, hat es noch lange nicht „geschafft“. Oft werden Flüchtlinge von kroatischen Grenzpolizisten geschlagen, ihre Handys werden zerstört und dann werden sie illegaler Weise auf bosnisches Territorium zurückgeführt.

„Rund 600 Migranten sind Mitte Mai in Velika Kladuša anzutreffen“, berichtet Tobias Müller: „Sie schlafen in leerstehenden Gebäuden wie dem Hangar des örtlichen ‚Aeroklub‘, in den Feldern beim Busbahnhof oder im Park direkt neben der Moschee im Zentrum der Stadt.“

Gerade einmal 40.000 Menschen wohnen in der Kleinstadt, die Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan, Pakistan und Iran, dem Maghreb und Sri Lanka fallen daher umso mehr auf. Die Wege, auf denen sonst Spaziergänger durch den Park flanieren, sind in diesem Frühling gesäumt von campierenden Frauen und Männern, Jugendlichen und Kindern. „Lange hat man die ungeklärte Migrationsfrage Europas nicht mehr so drastisch in der Öffentlichkeit gesehen wie hier“, so Müller.

Altbekannte Bilder

Die Bilder, die unser Korrespondent vor Ort gesehen hat, haben bei ihm Erinnerungen an ehemalige „Hotspots“ der EU-Flüchtlingspolitik geweckt: „An das griechische Dorf Idomeni an der Grenze zu Mazedonien, wo im Winter 2015 weit über Zehntausend Geflüchtete gestrandet waren. Und an Horgos, den serbischen Grenzübergang nach Ungarn, wo im Spätsommer 2015 Flüchtlinge mit Tränengas zurückgedrängt worden sind.“

„Velika Kladuša hat das Potenzial, ein ebensolcher Schauplatz zu werden“, meint Müller. Laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR waren allein im Februar dieses Jahres 50.000 Menschen von Griechenland aus in Richtung Kroatien unterwegs. Den Menschen vor Ort ist die brisante Lage durchaus bewusst. Viele von ihnen hält das indes nicht davon ab, den Flüchtlingen, wo es geht, unter die Arme zu greifen.

Etwa der Restaurant-Besitzer Asim Lotić, der sein Restaurant eigentlich schon dicht machen und in Rente gehen wollte. Nun steht er doch wieder jeden Tag in der Küche, um Tag für Tag hunderte von Geflüchteten zu bekochen. Oder ‚Latan‘, der ehemalige Polizist, der im jugoslawischen Bürgerkrieg ein Bein verlor: Er wäscht zuhause manchmal die Kleidung der Migranten. Sie helfen, wo sie können, und stellen sich im Geiste schon darauf ein, was kommt: „Dies ist nur der Anfang. Es wird hier wie in Griechenland werden.“ Es scheint, als werde Europa in diesem Sommer noch oft nach Bosnien schauen.

Die Reportage von Tobias Müller lesen Sie am kommenden Freitag in der gedruckten Ausgabe der woxx.

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