Europäische Kulturhauptstadt Leeuwarden: Von der Universalität der Provinz


Die Europäische Kulturhauptstadt Leeuwarden organisiert ein dezentrales Festival, in ganz Friesland werden Dörfer zur Bühne. Ein Blick auf die Peripherie.

Wo Natur, Provinz und Kultur zusammenkommen: Friesland – vielleicht auch eine Inspiration für die momentan umkämpfte Kulturhauptstadt Esch 2022. (Foto: ©friesland.nl)

Als Titus Tiel Groenestege und Geert Lageveen zum ersten Mal ihren neuen Arbeitsplatz betreten, sind sie hell begeistert. Vor langen Reihen mit Tomatenpflanzen sind frische Bretter verlegt, deren Holzaroma sich mit dem der Pflanzen mischt. Dahinter erhebt sich eine steil ansteigende Tribüne mit neun Reihen dunkelblauer, im Halbkreis angeordneter Plastikstühle: eine Spur Amphitheater im kargen Hinterland der Wattenküste. „Was haben wir uns da bloß ausgedacht!“, sagt Lageveen zu Groenestege und grinst. Der nickt zufrieden.

Was sie sich ausgedacht haben, ist dies: ein Musik-Theaterstück im Gewächshaus, mitten in einem Komplex, in dem Snack-Gemüse für eine Supermarktkette gezogen wird. Der Ort: Sexbierum, ein Kaff von anderthalbtausend Seelen, in der Mitte eine Kirche mit Friedhof, dazu Bäcker, Fleischer, Mechaniker, Tanke, und eben der vollverglaste Gemüse-Archipel. „Selbst für Friesland ist das hier Provinz“, sagt Geert Lageveen, der in der Nähe geboren ist. Sein Co-Autor Titus Tiel Groenestege, der auch Regie führt, ist ebenfalls in Friesland aufgewachsen. Mit Orkater, ihrer Theatergruppe aus Amsterdam, sind sie nun zurückgekehrt. Die heiße Phase der Proben beginnt.

„Lost in the Greenhouse” wird von Mitte April bis Ende Mai aufgeführt. Beinahe alle Tickets sind verkauft, die Sache verspricht eine der Erfolgsgeschichten des aktuellen „European Cultural Capital“-Festivals zu werden, dessen eine Hälfte im maltesischen La Valetta stattfindet, die andere im niederländischen Leeu-
warden. Das Festival ist allerdings über die gesamte Region Friesland verteilt, die in den Niederlanden an sich schon als peripher gilt. Vom Rest des Landes trennt sie ein 30 Kilometer langer Deich zwischen Nordsee und Ijsselmeer.

Mit gelben Plastikkisten ausgerüstet, ziehen die Orkater-Schauspieler nun als Erntehelfer in die Tomatenreihen. Kilo um Kilo ernten sie und singen dazu ein polnisches Lied, das übersetzt „An die Arbeit“ heißt. Lageveen sagt, es sei vom Arbeitsethos der kommunistischen Periode inspiriert. Man sieht aber auch die Konkurrenz-Kultur des spätkapitalistischen Westeuropa, wo sich die polnischen Arbeiter dank Freizügigkeit und Binnenmarkt legal verdingen – für eine Saison oder auch viele. Ein Vormann treibt sie an, registriert die Erträge, ernennt die Arbeiterin des Tages, bis die Schicht auf der Gewächshaus-Galeere zu Ende ist.

Polen, Friesen und ein Mord – der keiner ist.

Die Hauptperson des Stücks ist der junge Pole Wojtek. Trotz guter Ausbildung findet er zu Hause keinen Job. Als Erntehelfer wird er Teil einer aus Polen und alteingesessenen Friesen gemischten Truppe. Er beginnt eine Beziehung mit Klaske, der Tochter des Chefs, was die niederländischen Kollegen nicht gerne sehen, und die polnischen auch nicht. Ein erfahrenerer Landsmann rät Wojtek, sich nicht an die hiesigen Frauen zu binden. Und eines Tages wird Wojtek tot im Gewächshaus aufgefunden.

(Foto: © friesland.nl)

Das Ganze basiert auf einer wahren Geschichte, die sich vor einigen Jahren in der Region zutrug. Ganz gelöst wurde der Fall nie, doch alles deutet darauf hin, dass das Opfer im Suff in einen Wasserlauf fiel und ertrank. Auch im Theater wird der Protagonist nicht ermordet. „Lost in the Greenhouse“  ist kein Kriminalstück, thematisiert auch nicht xenophobe Gewalt, sondern behandelt in erster Linie die schwierige Beziehung zwischen polnischen und friesischen Arbeitern. Kollegial sind sie, sagt Autor Lageveen, das ja, aber wirklicher Austausch findet kaum statt, und ihre Pausen verbringen die Gruppen getrennt voneinander.

Im Mittelpunkt steht die Frage, was für eine Gemeinschaft dort im Gewächshaus eigentlich entsteht. Im Konzept des Kulturhauptstadt-Festivals hat der friesische Begriff mienskip einen zentralen Platz. Just dies war auch der Gegenstand der Anfrage aus Leeuwarden: An ein Theaterstück im Gewächshaus war gedacht, in dem es um mienskip geht. Das Ergebnis verbindet die gesamteuropäische Realität der Arbeitsmigration mit einem friesischen Sprichwort: „Jeder schaut auf mein Saufen, aber niemand auf meinen Durst“ Geert Lageveen erläutert: „Was spielt sich unter der Oberfläche ab? Viele wissen noch nicht einmal, warum die Polen hierher kommen.“

Auf der Bühne finden sich neben polnischen und niederländischen Darstellern auch 30 Laien. Letztere treffen am Abend, nach der offiziellen Probe, im Gewächshaus ein. Die „Koornbeurs“, ein kleines Theater aus dem benachbarten Städtchen Franeker, hat sie in den Dörfern der Region zusammengesucht. Der Aufwand ist erheblich, sagt Griet Scheen, die in der Koornbeurs für ungefähr alles zuständig ist und hier als friesische Pflückerin in Erscheinung tritt: „Insgesamt zwölf Proben, und dann noch die Auftritte!“ Das Zusammenspiel von Professionellen und Amateuren ist reibungslos, findet sie. „und ein paar polnische Lieder haben wir auch gelernt.“

Amateure, Profis und ein 
Road Trip der anderen Sorte.

Es gibt nur wenige Projekte, in denen der Leeuwardener Ansatz eines Kulturhauptstadt-Festivals so zum Tragen kommt wie in diesem. Dezentralisierung ist eines der Schlüsselwörter, und Veranstaltungen findet man in Privat- und Dorfhäusern, am Wattenmeer und in der Pampa – ganz so, als habe der beständige Wind sie übers Land verstreut. Ein friesischer Road Trip, im Zeichen einer auffälligen Definition. „Kultur ist eine Reaktion von Menschen auf Veränderungen ihrer Umgebung“, so sieht es Oeds Westerhof, einer der Direktoren.

Schon zur Eröffnung im Januar trug Leeuwarden diese Botschaft in die Welt. Das offizielle Festival-Lied ist ein friesischer Fado, komponiert von Nynke Laverman, die in dieser Schnittmenge ihr eigenes Genre geschaffen hat. „Seis oere thús“ ist der Titel, und Laverman kombiniert Fernweh und lokale Verwurzelung, wenn sie singt: „Flieg in die Welt, mein Junge, um sechs Uhr zu Hause.“ Der lokale Rapper Kuò, der eine Strophe beisteuert, nimmt dieses Motiv auf: „Sechs Uhr zu Hause, alle am Tisch. Wo du auch bist, woher du auch kommst.“

Calvinistische Essenszeiten, scheint es, müssen einen weiten, warmherzigen Blick auf die Welt nicht verbauen. Das friesische Dorf, so Direktor Oeds Westerhof, steht symbolisch für all die anderen des Kontinents: „Die Hälfte der Bevölkerung Europas lebt in kleinen oder mittleren Städten in ländlicher Umgebung. Friesland ist eine Metapher für sehr viele Gebiete in Europa.“ Die Aussage ist deutlich: Die Peripherie und ihre Erfahrungswelt ist universell, und gerade darin verbinden sich abgelegene Regionen miteinander. Eine bemerkenswerte Botschaft in diesen Zeiten.

Vernommen hat man sie auch in Beetsterzwaag, einem anderen friesischen Dorf, im Südosten der Provinz gelegen. Es ist doppelt so groß wie Sexbierum und hat eine schmucke, rotgeklinkerte Straße, die sich längs durch den Ort zieht. In fünf Minuten und mit gut 600 nicht zu ausgreifenden Schritten gelangt man bequem von einem Ende zum anderen. Ab Anfang März wird sie als „Culturele Hoofdstraat“ eine zentrale Rolle spielen. Bildende Kunst, Literatur, Film und Musik wird es hier bis zum Herbst geben. An einem Nachmittag, der nach Vorfrühling riecht, kann man alle paar Schritte einen Vorgeschmack davon bekommen.

Am Ortseingang hat sich Douwe Kootstra seine Bühne in der Snack-Bar errichtet, diesem ur-niederländischen gastronomischen Genre. „Literarisch snacken“ nennt er sein Programm. Zwischen Burger und Kaaskroketten erzählt der Schriftsteller „Volksgeschichten“, wie er sie nennt. Manche kommen aus Friesland, andere aus Neuseeland. „Denn Volksgeschichten sind universell, und die Menschen überall gleich“, sagt Kootstra, der früher Grundschullehrer war. Der Applaus wird sicherlich durch den Duft des Frittierens noch belebt, das wohl so etwas ist wie ein kulinarisches Volksmärchen ist: Heiß geliebt in den Niederlanden, aber eben auch in zahlreichen anderen Ecken der Welt.

Am anderen Ende der Hauptstraße, kurz vor der Tankstelle, liegt Beetsterzwaags filmisches Tor zur Welt. Im Hinterhaus eines Delikatessengeschäfts, das mit „einem guten Stück Käse, aber auch trockener Wurst“ wirbt, nimmt an diesem Nachmittag auch das filmhuis seinen Betrieb auf. Ein holzverkleideter Raum, in dem gepolsterte Stühle auf Besucher warten und ein Projektor leise surrt. Zu sehen gibt es verschiedene Kurzfilme, als Aperitif für die kommenden Monate. Das filmhuis arbeitet mit einem Kino und einem regionalen Filmfestival zusammen, erklärt Hendrika Laageveen, eine Fotografin, die nun zur Filmvorführerin wird.

Fünfmal öffnet das filmhuis in diesem Jahr, immer mittwochs, seine Türen – jeweils mit einer Morgenvorführung speziell für Senioren, einer am Nachmittag für Kinder und einer am Abend. Hendrika Laageveen, die noch keine 30 ist, hat dabei nicht nur das Festival, sondern auch die Zukunft im Blick. Zwischen zwei Vorführungen berichtet sie von einem Plan, der über Kulturhauptstraße hinausreicht. „Wir wollen hier etwas aufziehen. Etwas für dieses Dorf. Ein Filmhaus. Und dann, später, könnte daraus vielleicht ein Filmfestival werden.“ Sollte es soweit kommen, wird man bei der Eröffnung sicher noch an das Jahr 2018 zurückdenken.

Mehr Infos und Programm unter: 
www.friesland.nl

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