Fidel Castro: Kubas bärtiger Polarisierer

Die Geschichte wird mich freisprechen“, war einer der markigen Sätze von Fidel Castro. 
Mit dem Tod des obersten Revolutionärs Kubas ist es nun an den Kubanern, darüber zu urteilen.

Wo bin ich den hier gelandet? Premierminister Fidel Castro gibt nach seiner Ankunft in Washington eine Pressekonferenz auf dem National Airport. Auf Einladung des Council on Foreign Affairs war er im April 1959 in die USA gereist, um an einer Diskussionsveranstaltung teilzunehmen. (Foto: Library of Congress, Washington, D.C./ Public Domain)

Wo bin ich den hier gelandet? Premierminister Fidel Castro gibt nach seiner Ankunft in Washington eine Pressekonferenz auf dem National Airport. Auf Einladung des Council on Foreign Affairs war er im April 1959 in die USA gereist, um an einer Diskussionsveranstaltung teilzunehmen. (Foto: Library of Congress, Washington, D.C./ Public Domain)

Die Calle Ocho ist so etwas wie die Pulsader von Little Havanna, dem kubanisch dominierten Stadtteil Miamis, und von hier stammen die Bilder der feiernden Exilkubaner, die sich über den Tod von Fidel Castro freuen. In Havanna kursiert hingegen die Parteizeitung „Granma“ mit der Titelzeile „Hasta la Victoria Siempre Fidel“ (Immer bis zum Sieg Fidel) und in Vedado, nahe eines Wahllokals, wo Fidel Castro öfter seine Stimme abgab, haben Kubaner am Samstagabend Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

Für tot erklärt wurde Fidel Castro schon einige Dutzend Male. In den letzten Jahren immer dann, wenn er für ein paar Wochen oder Monate nicht in der Öffentlichkeit zu sehen war. Aber dann tauchte Kubas legendärer „Comandante en Jefe“, der Oberbefehlshaber, immer wieder auf. Zuletzt auf dem Parteitag im April dieses Jahres, als er sich von den Delegierten verabschiedete und kein Hehl daraus machte, dass seine Zeit sich dem Ende zuneige. Rund drei Monate nach seinem 90. Geburtstag ist Fidel Castro am vergangenen Freitag gestorben und diesmal hat das internationale Pressezentrum in Havanna die Nachricht nun bestätigt: Fidel Castro, eine Ikone der Linken, lebt nicht mehr. Auch nach seinem Tod polarisiert der selbsternannte Berufsrevolutionär wie zu Lebzeiten schon.

Für Miguel Barnet, den Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes Kubas war es Fidel Castro, der die Kubaner die eigene Würde hat entdecken lassen. „Er hat uns davor bewahrt zur Kolonie der USA zu werden“, meint Barnet, der durch seine ethnologischen Romane berühmt wurde. Doch der Preis für diesen eigenen, den kubanischen, Weg ist hoch, wie Guillermo Fariñas kritisiert. Der Psychologe stammt aus revolutionärem Haus und ist einer der bekannten Dissident Kubas: „Fidel Castro hat die Kubaner hintergangen, als er politische Gegner wie den General des Angola-Krieges Arnaldo Ochoa gewaltsam beseitigt hat“, sagt er über den Machtanspruch der Castro Brüder. Solche Aussagen sind typisch für die nationale wie internationale Wahrnehmung Fidel Castros – die Meinungen über Kubas „máximo líder“ driften weit auseinander: Tyrann für die Einen, Hoffnungsträger für die Anderen.

Ein chronisch schlechter Verlierer

Das zeichnet sich schon früh ab, auf dem prächtigen Landgut des starrköpfigen Vaters, eines Einwanderers aus dem spanischen Galizien. Weit im Osten der Insel, rund hundert Kilometer von Santiago de Cuba entfernt, liegt Birán und dort wachsen die sieben Kinder von Ángel Castro y Argiza und Lina Ruz González auf. Am 13. August 1926 (andere Quellen geben 1927 an) kommt Fidel Castro dort zur Welt und es verwundert nicht, dass autoritärer Vater und rebellischer Sohn schon früh aneinandergeraten. Mit gerade 13 Jahren solidarisiert sich Fidel mit den Arbeitern, stiftet sie zum Streik an, beschimpft den durch Zuckerrohr reich gewordenen Vater als Ausbeuter und legt obendrein noch Feuer auf dem Anwesen.

Das berichteten ehemalige Angestellte nach der erfolgreichen kubanischen Revolution von 1959 und diese Aussagen passen zu denen von Lehrern, Mönchen und Mitschülern des Jesuitenkollegs in Santiago de Cuba und Havanna. Dort durchlief der intelligente und überaus konfliktfreudige Jugendliche die Schule.

Bereits zu dieser Zeit attestierten ihm seine Lehrer einen ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit – und eine gehörige Portion Starrsinn. „Verlieren konnte mein Bruder schon damals nicht“, erinnert sich Raúl Castro, Fidels jüngerer Bruder in einem Interview. Gabriel García Marquez, der 2014 verstorbene kolumbianische Literaturnobelpreisträger, brachte es auf den Punkt: „Fidel gibt die Niederlage nie zu und hat keinen Augenblick Ruhe, bis es ihm gelingt, die Vorzeichen umzukehren und die Niederlage in einen Sieg zu verwandeln“.

Belege dafür gibt es in der politischen Biografie Castros zuhauf. So war der Putsch des späteren Diktators Fulgencio Batista vom 10. März 1952 eine doppelte Herausforderung für den aufstrebenden Juristen: Zum einen wurden die sozialen Verhältnisse mit dem Umsturz quasi festgeschrieben, zum anderen war Castro der Weg in die Politik verstellt. Dagegen zog dieser erfolglos vor Gericht und anschließend erklärte er dem Diktator den Krieg: „Wenn Batista mit Gewalt die Macht an sich reißt, muss sie ihm mit Gewalt wieder genommen werden“, so lautete die Logik des damals 27-jährigen Rebellen.

Der Ankündigung ließ Castro Taten folgen: Am 26. Juli 1953 griff Castro mit 130 Rebellen die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba an. Die Attacke scheiterte. Nur durch Glück und den Schutz der katholischen Kirche wurden Fidel Castro und einige seiner Kameraden nicht wie viele andere ermordet, sondern vor Gericht gestellt. Diese Bühne nutzte der große Rhetoriker zu einer seiner spektakulären Reden „die Geschichte wird mich freisprechen“. Die flammende Rede brachte Zulauf für Castros „Bewegung des 26. Juli“. Sechs Jahre später, am 1. Januar 1959, hatte die „billigste Revolution der Welt“ gesiegt.

Visionär oder Autokrat?

Ganze dreihunderttausend US-Dollar habe der Umsturz gekostet, so Kubas Staatschef einmal auf einer Konferenz der Blockfreien Staaten. Damals – Mitte der 1960er Jahre – war Kubas Gesellschaftsmodell mit billigen Grundnahrungsmitteln, die über die „Libreta“, die Rationierungskarte, bereitgestellt wurden, die kostenlose Gesundheitsversorgung und das unentgeltliche Bildungssystem ausgesprochen attraktiv. Das und die mitreißenden Reden Castros, der sich nicht scheute, sich an den USA und den Industrienationen zu reiben, sorgten für eine immense Popularität Kubas unter den Entwicklungsländern; das kleine Kuba spielte auf der Bühne der Weltpolitik auf einmal eine große Rolle.

Auch dank seines Wortwitzes und seiner Schlagfertigkeit wurde Castro zu einer Ikone der Linken. Zugleich wandelte er sich allerdings auch mehr und mehr zu einem Machtpolitiker mit wenig ökonomischer Fortune. So wurde die Insel 1972 aufgrund der prekären ökonomischen Lage nach der gescheiterten Zuckerrohrernte von 1970, der „Zafra“, in das Korsett des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) gezwängt. Das Wirtschaftsbündnis des sozialistischen Blocks sollte die Kubaner auf Linie bringen und Castro bekam auch gleich noch einen Schnellkurs in Institutionalisierung verordnet – auf Geheiß der sowjetischen Führung.

Doch die sowjetische Einflussnahme scheiterte in der Realität genauso wie die Versuche des Klassenfeinds im Norden, den ungeliebten Castro zu beseitigen und die Insel zurück in die US-amerikanische Machtsphäre zu führen. Unzählige Attentate, ein mehr als fünfzig Jahre währendes US-Handelsembargo sowie Abwerbungsprogramme für Mediziner und der Druck auf Kubas Handelspartner haben ein Ende Castros und seines Regimes nicht bewerkstelligen können.

Stattdessen hat die aggressive US-Politik die Insel in einen permanenten Belagerungszustand gebracht. Auch ein Grund, weshalb Fidel Castro mit dem markigen Satz „Innerhalb der Revolution alles! Entgegen die Revolution nichts!“ reagierte. Das war 1961 und damals gab es noch eine Konterguerilla und Terrorattacken aus Miami.

Später, in den 1980er- und 1990er-Jahren, nahm der pazifistische politische Widerstand zu. Da blockte der „máximo líder“ sämtliche Versuche, ein Referendum über die politische Zukunft der Insel abzuhalten, genervt ab: „Diese Papiere dienen höchstens als Klopapier“, entgegnete er zynisch auf die Frage eines Reporters als das Proyecto Varela einmal mehr die laut Verfassung nötige Unterschriftenzahl für die Durchführung eines Referendums vorgelegt hatte. Für Wayne Smith, ehemaliger Leiter der US-Interessensvertretung in Havanna und gern gesehener Gast in Kuba, eine typische Reaktion. „Fidel glaubt, dass er als einziger den Weg ins Paradies kennt. Alle die das anders sehen, hält er für Feinde“, urteilt der Kubaexperte.

Elder Statesman oder Reformbremse?

Gegen designierte Feinde indes ging der Geheimdienst vor, einige landeten in Umerziehungslagern, andere im Gefängnis. Zu Beginn der 1990er-Jahre musste Castro miterleben wie sein „socialismo tropical“ durch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers ins Rutschen kommt. Armut und Prostitution prägen Kuba zu dieser Zeit. Der Traum, Kuba in einen weltweit agierenden Wissens– und Forschungsstandort zu verwandeln, begann sich damals bereits aufzulösen. Zu unflexibel, zu starr, zu unproduktiv und zu abhängig von Hilfen aus Venezuela, Russland oder China war Kubas ökonomisches Modell, um derart große Visionen zu tragen. Kontrolle war in letzter Instanz immer wichtiger als kreative Freiräume zu schaffen.

Daran hat auch Raúl Castro, der 2006 die Regierungsgeschäfte von seinem schwerkranken Bruder übernahm und als ökonomischer Pragmatiker gilt, nur partiell etwas geändert. Zwar hielt sich Fidel als „Elder Statesman“ im Hintergrund, schrieb Kolumnen zur Weltpolitik, doch vielen galt der greise „máximo líder“ weiterhin als oberste Reformbremse. An die überfälligen Reformen in der Landwirtschaft sei, so der kubanische Sozialwissenschaftler Armando Nova, mit Fidel nicht zu denken.

Dessen Traum einer fairen Gesellschaft, wo jede und jeder nach ihrer, beziehungsweise seiner Qualifikationen in Würde lebt, ist ohnehin längst ausgeträumt. Im Alltag der Insel ist davon kaum noch die Rede. Zu beschäftigt mit dem täglichen Überlebenskampf sind die 11,2 Millionen Kubaner, um noch über die Visionen des Mannes nachdenken, der mehr als fünfzig Jahren zu ihrem Alltag gehört hat, aber daran gescheitert ist, seine Visionen auch umzusetzen.

Knut Henkel arbeitet als freier Journalist und ist für die woxx regelmäßig in Lateinamerika unterwegs.

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