Flüchtlings-Aufnahme zerdenken: Unser Krieg

Menschliche Regungen können sich Politiker eigentlich nur noch in Sonntagsreden leisten. Denn an den Werktagen gilt es, unsere Zivilisation gegen die äußeren Bedrohungen zu verteidigen.

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(Foto: Ali Abbas / Wikimedia / CC-BY-SA 2.0)

Großzügigkeit ist das Gebot der Stunde. Man fragt sich nur, wie lange die Zeit der mutigen Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge noch dauern wird, und ob danach eine des ängstlichen Sich-Abschottens kommt. Da, wo vorausgedacht, analysiert und doziert wird, bei den politischen und medialen Eliten, ist sowieso längst wieder der so genannte „Realismus“ angesagt.

Dass Menschen, die vor einem Krieg flüchten, die beste Zuflucht nahe ihrem Herkunftsort und unter möglichst guten Bedingungen finden, weiß man seit langem. Etwas erstaunt konnte man aber doch sein, als Anfang der Woche Jean Asselborn Sinn und Zweck der Verhandlungen mit der Türkei erläuterte. Die Betreuung in den Lagern soll verbessert werden – dass es dort große Probleme gibt, haben die EU-Politiker drei Jahre lang einfach ignoriert. Asselborn drückte die Hoffnung aus, dass die Flüchtlinge dann länger in der Türkei blieben, statt nach Europa zu kommen. Für den Fall dass das nicht reichen sollte, verhandelt man mit Ankara über eine gemeinsame Kontrolle der EU-Außengrenze. Und, wie man sich erinnert, um den Umweg über Libyen zu versperren, beabsichtigt die EU, die Boote der Schlepper zu bombardieren – wobei „Kollateralschäden“ nicht ausbleiben werden.

Dabei muss man natürlich „nett“ zu solchen „Pufferstaaten“ sein, obwohl sie alles andere als vorbildlich in Sachen Menschenrechte sind. Pragmatiker aber wissen: Wenn es darum geht, uns die Flüchtlinge wirksam vom Hals zu halten, sind funktionierende Diktaturen die besten Partner – wie es Muammar al-Gaddafi vor seinem Sturz zeitweilig gewesen war.

Möglicherweise sind uns nicht alle Flüchtlinge gleichermaßen willkommen. Im Tageblatt plädierte Danièle Fonck dafür, dass man in Syrien als erstes, noch vor Assad, die islamistischen Terroristen beseitigen müsse. In der Tat ist es unerfreulich, dass mittlerweile islamistische Gruppen in der syrischen Opposition eine Hauptrolle spielen. Dennoch ist man etwas erschrocken, wenn Fonck daraufhin rät, Asyl nur denen zu gewähren, die vor Daesh flüchten. Diejenigen, die „behaupten, vor Assad zu flüchten“, sollte man dagegen zurückschicken, denn eigentlich hätten die ja schon vor Jahren weglaufen müssen. Nicht jeder wird diese Argumentation überzeugend finden. Was aber für Foncks Vorschlag spricht: Würden wir alle Assad-Gegner vom Recht auf Asyl ausnehmen, so müssten wir viel weniger aufnehmen, denn die meisten Syrer flüchten vor den Bomben Assads, nicht vor den Schwertern von Daesh.

„Gute Feindbilder leben von ihrer Einfachheit.
Zwischentöne machen Kopfweh.“

Sollte man gegen islamistische Gruppen vorgehen, wie die, die am vergangenen Wochenende in der Groussgaass den Koran verteilten? Auch wenn man kein Freund dieser Gruppen ist, war die Reaktion der Bürgermeisterin Lydie Polfer doch etwas überraschend. Sie kritisierte, die Aktion erweise den Muslimen einen schlechten Dienst. Schließlich laufe ein guter Teil der Asylsuchenden gerade vor jenen davon, die solche integristischen religiösen Meinungen vertreten.

Nun mag man darüber streiten, wie integristisch es ist, Bücher zu verteilen, und ob es zwischen Meinungsäußerung und Gewaltanwendung einen Unterschied gibt. Sicher ist, dass es uns arrangiert, die Dschihadisten, die Islamisten und die Muslime ganz allgemein in einen Topf zu werfen. Gute Feindbilder leben von ihrer Einfachheit. Zwischentöne machen Kopfweh.

Wer auf Zwischentöne hört, ist vermutlich zu naiv um im großen Endkampf zwischen Zivilisation und Barbarei zu bestehen. Denken wir deshalb die Argumente zu Ende: Lasst uns die Schlepper vernichten, ihre Boote versenken! Und je mehr Flüchtlinge dabei draufgehen, umso größer die abschreckende Wirkung. Lasst uns die Assad-Gegner zurückschicken in ihr Verderben! Es sind vermutlich alles Islamisten, und es ist besser, sie kommen im Herkunftsland um als vor unseren Stränden. Lasst uns mit Drohnen gegen die Koran-Verteiler vorgehen! Denn mit Fanatikern kann man nicht diskutieren – da hilft nur noch bombardieren!

 


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