Fotografie: Made by Mankind

Mit der Serie „Memory Lab“ begeben sich Luxemburger Museen fotografisch auf Spurensuche. „Traces“ weist subtil auf Spuren von Kriegen hin, „Transit“ zeigt den Menschen als Durchreisenden und als Zerstörer.

© Tania Boukal

Die Vielfalt der Ausstellungen, die im Rahmen des europäischen Monats der Fotografie in Luxemburg gezeigt werden, überfordert einen schier. In der Serie „Memory Lab“ trifft zeitgenössische Fotografie auf Geschichte. In vier Museen sind die Memory Labs zu sehen, die die Frage stellen, wie Fotografie die europäische Geschichte mit ihren Kriegen behandeln kann. Die Ansätze der Fotografen variieren zwischen einfühlsamer, persönlicher Annäherung, ironischer Distanzierung und analytischer Subjektivität und beeindrucken.

Die Fotografen in Memory Lab III im Ratskeller des Cercle Cité nehmen Bezug auf unterschiedliche gewaltsame Konflikte. Explizite Gewalt ist jedoch in keinem der Bilder mit ihren sechs grundverschiedenen Ansätzen zu sehen, vielmehr erkennt man „Spuren“ der Konflikte, die in ihrer teils fast harmonischen Ästhetik an das historische Gedächtnis des Besuchers appellieren und Erinnerungen wach werden lassen. Die Österreicherin Tania Boukal zum Beispiel legt ihren Fotografien gestickte Bilder zugrunde. Doch während Strick- und Häkeltechniken normalerweise mit Wärme assoziiert werden und Motive auf Wandteppichen einst dazu dienten, symbolisch die Herrlichkeit der christlichen Religion zu veranschaulichen, zeigen die Aufnahmen von Boukals Gobelins Situationen von Flucht und Vertreibung als Nebenfolgen des „Arabischen Frühlings“. Jonathan Olley hat die Landschaft rund um Verdun abfotografiert. In seiner „Forbidden Forest-Serie“ entdeckt man bei genauerem Hinsehen Überbleibsel der Schlacht, etwa versteckte Munition. Ähnlich ist der Ansatz des deutschen Fotografen Henning Rogge, der in seiner „Bombenkrater-Serie“ 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Krater in Wäldern fotografiert hat, die heute, Tümpeln gleich, wie harmlose Launen der Natur wirken. Der ungarische Fotograf Attila Floszmann hat in „Silence after the Revolution“ (2011) in 24 Polaroid-Aufnahmen Kriegsspuren in Libyen festgehalten: Ein alter Lastwagen am Strand von Bengazi, eine zerlöcherte Wand oder eine skurrile Skulptur. Und während Tatiana Lecomte ihre Aufnahmen der 1944 von der Waffen-SS niedergebrannten Ortschaft Oradour bewusst unscharf gehalten hat, wirken Sarah Schönfelds, in der Serie „Send Me a Postcard“ versammelte, Schwarz-Weiß-Fotografien des Konzentrationslagers Auschwitz und seines Besucherzentrums wie idyllische Schnappschüsse.

Im Unterschied zu den Bildern dieser Teilausstellung zeichnen sich die im Rahmen von Memory Lab IV – Transit im Casino Luxembourg präsentierten Videos und Fotografien durch den Gebrauch einer dialektischen Bildsprache aus, die den Betrachter mittels Rekontextualisierung persönlicher Erfahrungen und kollektiver Geschichte zum „Transitreisenden“ durch die Geschichte macht. Am deutlichsten ist dies in Aura Rosenbergs Video „The Angel of History“ (2013). In Anlehnung an Walter Benjamin haucht ihre postmoderne Kompilation den „Ruinen und Fortschritten der Geschichte“ neues Leben ein und lässt den Zuschauer so in die Geschichte eintauchen. Ihr fünfminütiger Film zeigt eine Abfolge von Internet-Bildern und erzählt die Entstehungsgeschichte der Welt und die Entwicklung der Menschheit bis hin zur Schaffung der großen geschichtlichen Bauwerke, die wieder durch Menschen zerstört wurden. Vladimir Nikolic hat in „The First Murder“ den Verlauf des Attentats auf König Alexander I. von Jugoslawien 1934 in Marseille rekonstruiert. Historischen Aufnahmen hat er moderne aus dem Jahr 2004 gegenübergestellt, die aus dem gleichen Blickwinkel gefilmt wurden. Doch spart Nicolics Film den Moment des Anschlags bewusst aus und zeigt erst das Nachher. Dies erlaubt es ihm, die Mediatisierung tragischer Ereignisse im aktuellen Kontext einer Banalisierung der Bilder zu hinterfragen. Regelrecht unter die Haut geht schließlich ein Beitrag des albanischen Künstlers Adrian Paci. Sein Video-Film „Centro die permanenza temporanea“ zeigt dunkelhäutige Menschen, die auf einer Flugzeugtreppe eines Flugplatzes stehen und warten. Mitunter bringt der Zoom die Gesichter so nahe heran, dass man die Verzweiflung, Angst und Müdigkeit in ihnen lesen kann. Die Geräusche auf dem Flugfeld unterstreichen die bedrohliche Atmosphäre und stehen in starkem Kontrast zu den wartenden Menschen, die sich stumm ihrem Schicksal fügen. Mit seinem Videofilm stellt Paci dem Betrachter die Realität politischer Abschiebungen vor Augen. Dadurch, dass dieser in das Geschehen hineingezogen wird, hinterfragt Paci auch seine eigene Funktion. Die rekontextualisierte Geschichte wird in „Transit“ so erzählt, dass der Zuschauer nicht darum herumkommt, sich die Frage der Mitverantwortung zu stellen – ist er doch immer auch Teil kollektiver Prozesse. „Transit“ zeigt mittels beeindruckender Video-Arbeiten damit ebenso wie „Traces“ mittels Fotografien, das zerstörerische Potenzial des Menschen an der Natur – sowie die Gewalt gegenüber seinen Mitmenschen.

Memory Lab III – „Traces“ bis zum 5. Juli im Ratskeller des Cercle Cité und Memory Lab IV – „Transit“ bis zum 6. September im Casino.

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