Frankreich
: Tränengas im Dschungel


Frankreichs Behörden wollen das Flüchtlingscamp bei Calais Schritt für Schritt verkleinern. Kälte und Polizeigewalt helfen dabei.

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Zusammenpacken im „Jungle“: Im Elend des improvisierten Flüchtlingscamps bei Calais zeigt die europäische „Willkommenskultur“ seit Jahren ein hässliches Gesicht. (Bilder: Henny Boogert)

Mit Wucht stößt die Baggerschaufel in den gefrorenen Grund. Fest greifen die Zähne in Plastikplanen, Zeltreste und Klamotten, die hier, am äußersten Rand des Geländes, auf dem Boden zurückgelassen wurden. Wenig später landet alles in einem Müllcontainer. Zusammen mit den anderen Überbleibseln von Behausungen, bei nassen Schlafsäcken und Brettern. Einige Dutzend Beamte der Aufstandsbekämpfungs-Polizeieinheit CRS sichern an diesem bitterkalten Morgen die Abbruchstelle. Mehr der Form halber stehen sie da, denn Proteste gibt es nicht.

Montag in Calais: Früher war das der Zeitpunkt, an dem sich die Bewohner des „Jungle“ genannten inoffiziellen Flüchtlingscamps in den Dünen auf den Weg machten. Der führte sie zu den Zäunen und LKW- Parkplätzen, wo die Trucker sich bereit machen für die Überfahrt nach Großbritannien.

Doch an diesem Montag Mitte Januar wird das Programm von anderen diktiert: Bagger und Bulldozer sind angerückt, um einen Streifen von einhundert Metern Breite erst zu räumen und dann zu planieren. Zu nah kam der „Jungle“ dort an die Autobahn heran, die in diesem Winter eine der letzten Möglichkeiten bietet, an Bord eines Lasters zu gelangen. Mehrmals versuchten Flüchtlinge den Verkehr lahmzulegen. Verzweiflungstaten, ohne jede Aussicht auf Erfolg, die meist in Krawallen mündeten. Die Polizisten feuerten Tränengas und Gummigeschosse in den „Jungle“, die Flüchtlinge warfen Steine.

Am Abend vor der Räumung herrscht eine Atmosphäre, die man hier draußen Normalität nennen könnte. Es muss am Cricket liegen, einer alten Gewohnheit unter den südasiatischen Migranten in Calais. Ein kurioser Zeitvertreib angesichts der Tatsache, dass die Spieler hier vor ihrer letzten Etappe ins schwer zugängliche Mutterland des Spiels im Wartestand sind. Vor der Autobahnabfahrt steht der Werfer, er läuft an, schleudert den Ball, den der „batsman“ mit dem Holz in der Hand klatschend trifft, so dass er fast bis an den oberen Rand des vier Meter hohen Zauns vor der Fahrbahn fliegt. Beinahe wäre er auf die andere Seite geflogen, hinter das für Menschen unüberwindbare Hindernis.

Natürlich ist das mit der Normalität ein Trugschluss, selbst dann, wenn man die Standards des „Jungle“ bemüht. Zur gleichen Zeit findet sich unterhalb der steilen Autobahn-Böschung ein Chaos aus Planen und Abfall, wo vor kurzem Sudanesen und andere noch ihre einfachen Zelte hatten. Hier und da wärmen sich Menschen, die hier unlängst noch wohnten, an einem stinkenden Feuer, von dem schwarzer Rauch aufsteigt. Ein wenig weiter, wo das Gebiet der afghanischen Restaurants beginnt, sind einige Männer damit beschäftigt, die Teppiche vom Holzgerüst zu lösen, die in ihrem Verschlag bislang als Wände gedient hatten. In der Nähe, außerhalb der Räumungszone, haben sie einen Platz gefunden, an dem sie ihre Unterkunft wieder aufbauen wollen.

Mehrmals versuchten Flüchtlinge den Verkehr lahmzulegen, um sich Zutritt zum Eurotunnel zu verschaffen.

Im „Jungle“ wird „Gesellschaft“ nachgebaut wie in der zynischen Karikatur eines Erlebnisparks:  Hier gibt es Kirchen, Restaurants und Gemischtwarenläden.

Im „Jungle“ wird „Gesellschaft“ nachgebaut wie in der zynischen Karikatur eines Erlebnisparks:
Hier gibt es Kirchen, Restaurants und Gemischtwarenläden.

Das neue Jahr war gerade ein paar Tage alt, als im „Jungle“-Alltag der Ausnahmezustand begann. Auch dies war an einem Montag geschehen, eine Woche zuvor. An jenem Morgen tauchten Vertreter der Präfektur von Calais auf den schlammigen Wegen auf, begleitet von CRS-Beamten, die neben den Arm- und Beinpanzern ihrer üblichen Patrouillenrunden auch noch Maschinenpistolen trugen. Sie inspizierten das Gebiet, sprachen mit Flüchtlingen und hinterließen eine Drohung in Form von gesprühten rosa Markierungen auf dem Boden: die künftige Räumungs-Zone.

Noch am selben Nachmittag waren die Vertreter der Jungle-Bewohner zusammengekommen: Afghanen und Irakis, Syrer und Iraner, Eritreer, Sudaner, Kurden, Pakistanis. Nach stundenlanger Diskussion gaben sie bekannt, dass sie in friedlichem Protest die Räumung ihrer Behausungen abwarten würden. Im Lauf der Woche allerdings kippte die Stimmung, nicht zuletzt weil die sinkenden Temperaturen einen Umzug annehmbarer erscheinen ließen als gar keinen Unterschlupf mehr zu haben. Mit Hilfe von mehr als hundert Freiwilligen gelang es, rund 1.500 Personen aus den rosa Zonen zu evakuieren. Über Netzwerke wurden Holz und neue Schlafsäcke organisiert und dann im Eiltempo zusätzliche Hütten gezimmert, bis in die Nacht bevor die Bagger kamen.

Nur ein Areal ist von der allgemeinen Betriebsamkeit ausgenommen. Doch die Bewandtnis dieses Areals ist elementar, um zu verstehen, was in diesem Winter in Calais geschieht. Am anderen Ende des „Jungle“ nämlich ist in den vergangenen Wochen eine kleine Siedlung aus blendend weißen Containern entstanden. 125 an der Zahl, meist zwei übereinander, die mit ihren soliden Betonfundamenten und dem Kies, der zwischen ihnen aufgeschüttet wurde, einen bemerkenswerten Kontrast zu den Wegen und Pfaden des „Jungle“ bieten. In jedem der einfachen Container warten sechs Doppelstock-Betten mit nagelneuen Laken und Decken auf ihre neuen Bewohner. Doch das Containerareal ist umzäunt, zugänglich nur durch ein Tor, welches sich allein mittels eines elektronischen Handerkennungsverfahrens öffnen lässt. Viele haben Angst, dort unwissentlich ihre Fingerabdrücke zu hinterlassen. Da das Portal nachts verriegelt wird, rückt der Traum von England für die Insassen der im Vergleich zum „Jungle“ menschenwürdigen Unterkunft noch weiter in die Ferne.

Am selben Tag, als die Präfektur Gesandte in den „Jungle“ schickte, waren auch die Container bezugsfertig geworden, für die ersten von insgesamt 1.500 Personen. Wer bisher ein Zelt statt eines hölzernen Verschlags bewohnte, sollte hier Vorrang bekommen. Auch für diejenigen, die von der Räumung betroffen sind, sollte es hier Unterschlupf geben. Allein, die Zielgruppe reagierte mehr als zögerlich. Zwar wurde der dunkelgrüne Zaun, der die Container umgibt, binnen weniger Stunden in die Umgebung integriert, indem man ein paar Klamotten daran aufhängte, in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal trocknen.

Hier und da wärmen sich Menschen, die hier unlängst noch wohnten, an einem Feuer, von dem schwarzer Rauch aufsteigt.

Abgezeichnet hatte sich diese Entwicklung schon im Herbst. Der „Jungle“, am Rand der „Zone Industrielle des Dunes“ gelegen, wo chemische Betriebe mit süßlichen, seifigen und gänzlich unbeschreiblichen Aromen die Gegend in einen wahren Geruchs-Erlebnispark verwandeln, hatte die bislang höchste Bewohnerzahl. Je nach Schätzung etwa Sechs- bis Siebentausend. Der Fokus der Flüchtlinge hatte sich da längst vom festungsartig gesicherten Hafen zum Eurotunnel in knapp zehn Kilometer Entfernung verlagert. Bereits im Sommer die ersten versuchten Massendurchbrüche. Auch die Zahl der Todesfälle stieg: Von Jahresbeginn bis Ende Oktober bezahlten zwanzig Menschen den Versuch, nach England zu gelangen, mit dem Leben.

Heute, in einer Bar im Stadtzentrum, erklärt zu dieser Zeit Philippe Wannesson, Mitglied der örtlichen No Border-Bewegung, die Lage: „Die Behörden wollen die Zahl der Migranten hier auf 2.000 senken: 1.500 im neuen Containercamp und weitere 500 im schon bestehenden Frauen- und Kind-Zentrum in der Nähe.” Und die verbleibenden Personen? „Man versucht täglich 50 von ihnen willkürlich zu verhaften und an anderen Orten in Frankreich zu internieren. Nach ein paar Tagen werden sie wieder freigelassen, müssen aber von dort zurück nach Calais. Daneben bietet man auch eine neue Option an: einen Platz in einer offiziellen Flüchtlings-Unterkunft für jene, die zumindest in Erwägung ziehen, in Frankreich um Asyl zu bitten.”

1355inter_Bild3Die Strategie scheint Erfolg zu haben: am Morgen der Räumung erzählt ein Freiwilliger, er habe binnen einer Woche rund 300 Flüchtlinge in Busse steigen sehen, die sich ein Leben in Frankreich vorstellen können. Dass Bewohner des „Jungle“ bereit sind, den Fixstern England gegen die andere Kanal-Seite einzutauschen, ist ein neues Phänomen in Calais. Möglich wurde es, als Paris im Herbst nach Druck und millionenschweren Zuwendungen aus London die Sicherheitsvorkehrungen weiter verstärkte. Die Zahl der Polizisten wurde nahezu verdoppelt, die Zäune am Tunneleingang noch dichter, und über dem Gebiet kreist bei Bedarf ein Hubschrauber.

Doch es wurden noch ganz andere Mittel eingesetzt: Wenige Tage nachdem die Räumung angekündigt wurde, beschloss die Betreiberfirma des Eurotunnel, das Marschland am Tunneleingang unter Wasser zu setzen. Unweit des TGV-Bahnhofs von Calais-Frethun kann man das Resultat der Aktion in Augenschein nehmen: Gleich hinter dem ersten von drei Zäunen erstreckt sich eine bräunlich glänzende Fläche, beschienen vom fahlgelben Licht der hohen Laternen entlang der Schienen. Sicher 50 Meter ist sie breit und im Begriff einzufrieren. Die beiden Gendarmen auf nächtlicher Streife sagen, die Flüchtlinge würden es trotzdem noch versuchen. „Sie sind sehr mutig.“ Wie tief das Wasser ist? „Das wissen wir nicht.“ Und gefährlich? „Ja, das kann schon sein, aber es ist ihre Verantwortung.“

Doch nicht nur Wasser wird gegen die Flüchtlinge eingesetzt. Davon erzählt Ahmed, ein schmaler Afghane mit ernstem Blick und leiser Stimme. Früher war der 24-Jährige Ingenieur. Zweieinhalb Monate am Kanal haben aus ihm einen Sachverständigen für Reizgas gemacht. An einem trüben Vormittag Anfang Januar sitzt Ahmed in einem der afghanischen Restaurants beim Jungle-Eingang und analysiert den Effekt von Tränengas, der im Vergleich zum CS-Gas schlimmer sei, „weil es auf die Atemwege geht”. Letzteres sprühen die Beamten ihm bisweilen ins Gesicht, wenn er auf der Straße an ihnen vorbeikommt. Manchmal, erzählt ein anderer Afghane, sagen sie erst noch „bonjour“. Die um ihn Sitzenden nicken.

Die Stimmung in der Gaststube ist gedämpft, die Gesichter der Männer auf den Sitzbänken entlang der Wände wirken müde und ausgezehrt. Immerhin war die letzte Nacht ruhig, aber die Tränengaspatronen liegen noch auf dem Boden. Ahmed erklärt, dass Calais seine einzige Möglichkeit ist. Ein Versuch im nahen Dunkerque kommt nicht in Frage – von seinen letzten zwei Euro kann er nicht einmal das Zugticket bezahlen. Gegenüber isst ein Mann mittleren Alters mit seinem kleinen Sohn schweigend eine Mahlzeit. Daneben widmet sich ein Jugendlicher auf seinem Telefon einem Ballerspiel. Das Geräusch von Schüssen füllt den Raum. Draußen geht wieder ein Schauer nieder.

Dass Bewohner des „Jungle“ bereit sind, ihren Wunschtraum England gegen eine Perspektive in Frankreich einzutauschen, ist ein neues Phänomen in Calais.

Die Strombank als Tor zur Welt: Nur wer regelmäßig das Smartphone aufladen kann, bleibt über Familie und Politik informiert.

Die Strombank als Tor zur Welt: Nur wer regelmäßig das Smartphone aufladen kann, bleibt über Familie und Politik informiert.

Am Abend des trüben Morgens haben die Schauer aufgehört, und die Temperatur ist etwas gestiegen. In einer trockenen Nacht wie dieser sieht man auf den gut zehn Kilometern bis zum Kanaltunnel überall kleine Grüppchen von Flüchtlingen. Sie ziehen durch die Straßen einer Stadt, in der es von Anspielungen auf England nur so wimmelt. Die Bar „Le Pub“, das Restaurant „Le Liverpool“ im schäbigen Hafenviertel, oder die glitzernde Brasserie „The London Bridge“ an der vollrenovierten Place d‘Armes: das Gesicht von Calais ändert sich, die Nähe zu England bleibt. Im „Jungle“ hat man neulich einen matschigen Trampelpfad in David Cameron Street benannt.

Auch acht junge Afghanen haben sich zum Tunnel aufgemacht. Wieder einmal laufen sie durch die Außenbezirke von Calais. Und obwohl einer von ihnen sagt, seit drei Monaten habe es niemand mehr hinüber geschafft, scheint England nun auf einmal näher als die Ungewissheit, die dieser Tag gebracht hat. Ihr Fokus liegt auf dieser Nacht. „Ich habe nur ein Zelt, das kann ich leicht woanders aufstellen”, sagt einer. „Ich will mit der fucking police kämpfen!“, schnaubt ein anderer und weist auf ein drittes Mitglied der Gruppe. „Zeig mal deine Stirn!“ Der Angesprochene schiebt die Kapuze hoch und entblößt eine Kruste mitten auf der Stirn. „Von einem Gummigeschoss.“

Eine Woche später: Wie in jeder Nacht fällt der drehende Kegel eines Blaulichts von der Autobahnbrücke über das Industriegebiet. Von der Stadt her kann man das kreisende Licht des Leuchtturms sehen. So ist das: Calais hat den Leuchtturm, der „Jungle“ das Blaulicht. Kurz vor der Morgendämmerung nähert sich ein LKW der Auffahrt. Eben will er um die Kurve biegen, da öffnet sich die Tür. Zwei Gestalten werden herausgestoßen. Sie reiben sich die Beine und verschwinden hinkend im Dunkeln. In einer Seitenstraße beziehen derweil die CRS-Busse der Mannschaften Position, die die Räumung sichern sollen.

Kurz nachdem es hell ist, setzen sich die Bagger am anderen Ende des Camps in Bewegung. Auf der von Abfällen überfüllten Fläche unterhalb der Autobahnbrücke brennen schon wieder die Feuer. Ein ghanaischer Flüchtling wärmt sich die Hände. Oben auf der steilen Böschung hat jemand in riesigen schwarzen Lettern „I have a dream“ auf die Steine geschrieben. Zwei CRS-Polizisten beobachten von dort aus die Szenerie. Unten in Bodenhöhe steht „London Calling“ an einer Wand hinter der Müllwüste. Der Ghanaer sagt, später werden sich die Vertreter der unterschiedlichen Gruppen wieder treffen. Für die nahe Zukunft geht er von weiteren Räumungen aus.

Tobias Müller berichtet für die woxx vorwiegend aus Belgien und den Niederlanden.

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