Fünf Fragen an: Sandra Laborier

Im Vorfeld der Gemeindewahlen interviewt die woxx jede Woche eine Kandidatin oder einen Kandidaten. Dieses Mal haben wir mit Sandra Laborier gesprochen, die für déi Lénk in Esch/Alzette antritt.

(Foto: Émile Hengen)

woxx : Wie wurden Sie politisiert?

Ich habe eigentlich keinen klassischen Prozess durchlaufen. Bei mir in der Familie ist zum Beispiel niemand parteipolitisch engagiert. Nachdem ich mein Studium im Ausland abgebrochen hatte und wieder nach Luxemburg gezogen war, kam ich zum ersten Mal mit Menschen in Kontakt, die ein soziales Interesse und eine gesellschaftskritische Haltung an den Tag legten. Auch bei Radio Ara, wo ich kurz darauf eine Stelle antrat, war ich von politisch interessierten Menschen umgeben. Das hat mich sehr geprägt. Mein Engagement zu der Zeit war aber nicht parteipolitisch, und Parteipolitik sehe ich auch immer noch kritisch. Sie stellt für mich nur einen Teil eines breiteren Engagements dar. Politisch aktiv war ich deshalb bisher eher im sozialen Bereich.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen diesen beiden Formen des politischen Engagements?

Für mich – und das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich auf Gemeindeebene engagiere – fängt Politik im Kleinen an: in Alltagsentscheidungen sowie im Stadtviertel bzw. der Straße, in der man wohnt. Mir selbst ist es wichtig, bei meinen Lebensentscheidungen kohärent zu bleiben. Ich könnte deshalb auch keinen Beruf ausüben, der nicht meine Werte widerspiegelt. Wie ich lebe, wo ich arbeite, sehe ich als ein Ganzes. Und allein das ist für mich schon politisch, denn Politik findet auch im Privaten statt. Zur Parteipolitik dagegen gehört ein gewisses strategisches Denken. Ich würde es mit einem Schachspiel vergleichen. Kurz vor den Wahlen gehen die Kandidaten plötzlich zu Dorffesten und Fußballspielen, an denen sie zuvor keinerlei Interesse zeigten. Überhaupt stört mich am Luxemburger Wahlsystem, dass nicht Parteien, sondern Personen gewählt werden. Das führt dazu, dass sich in dem Bereich Menschen engagieren, die eine totale Profilneurose haben und unbedingt im Mittelpunkt stehen wollen. Ich frage mich, ob das der Grund ist, weshalb mehr Männer als Frauen kandidieren. Diese Spielchen scheinen mir nämlich eher männlich geprägt zu sein. Überhaupt die ganze Diskussionskultur, wo es darum geht, sich in seinem Wissen mit anderen zu messen. Damit tue ich mich persönlich sehr schwer. Ich selbst stehe nämlich überhaupt nicht gerne im Mittelpunkt. Trotzdem sehe ich ein, dass jemand, der bei Wahlen kandidiert, das Spiel in gewissem Maße mitspielen muss. Mir geht es aber in der Hauptsache um Inhalte, und nicht darum, mich zu profilieren.

Ist das leichter bei déi Lénk?

Ich schätze es sehr, dass bei déi Lénk in Esch keine Einzelpersonen in den Vordergrund gestellt werden. Wir haben ja auch keinen Spitzenkandidaten und verfahren nach dem Rotationsprinzip. Insgesamt sind die Hierarchien sehr flach. Jeder kann sich einbringen. Aber natürlich gibt es auch bei déi Lénk Personen, die kurz vor Wahlen plötzlich anfangen, in der Gemeinde und auf Facebook für sich zu werben.

Was schätzen Sie noch an der Partei?

Sie vertritt am meisten meine Werte, auch wenn ich ihr natürlich nicht völlig unrkitisch gegenüberstehe. Déi Lénk kommen am nächsten an meine Vorstellung dessen heran, wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Was ich zum Beispiel schätze, ist der Fokus auf Bürgerbeteiligung oder soziale Aspekte. Es wird eine Umverteilung von oben nach unten angestrebt. Linke Politik bietet darüber hinaus ein wichtiges Gegengewicht zur Privatisierung. Hier hat der Staat noch einen realen Wert als soziale Instanz.

Was sind Ihre Ambitionen für Esch?

Sowohl Esch als auch das Viertel, in dem ich lebe, sind mir sehr wichtig, und ich habe ein starkes Bedürfnis, mich mehr einzubringen. Vieles finde ich bereits jetzt begrüßenswert, zum Beispiel gewisse Bemühungen, die im sozialen Bereich gemacht wurden, oder den Umstand, dass Esch 2022 Kulturhauptstadt wird. Auch in puncto Stadtentwicklung ist Esch interessant. Ein Teil der Industriebrachen in Belval werden demnächst an den Staat übergeben, und die Stadt wird in den nächsten Jahren sehr wachsen. Es muss verhindert werden, dass noch weitere Brachen in private Hände fallen – wie das ja leider bereits in Belval passiert ist. Wir gedenken, konkrete Vorschläge auszuarbeiten, was beispielsweise die Verkehrssituation, eine verbesserte Anbindung von Belval an Esch oder Sozialwohnungen betrifft. Wie in vielen Gemeinden gibt es auch in Esch Probleme beim sozialen Wohnungsbau. Es ist unbegreiflich, dass in der letzten Legislaturperiode nicht mehr als drei Sozialwohnungen gebaut wurden. In Esch ist außerdem 2013 eine Sonderbesteuerung leerstehender Gebäude eingeführt worden. Sie wurde bisher aber nicht umgesetzt – für mich völlig unverständlich. Insgesamt würde ich meine Ambitionen aber weniger als „Kampf gegen“ denn als „Kampf für“ etwas bezeichnen. Es geht mir darum, Aspekte, die im Ansatz bereits in eine positive Richtung gehen, noch zusätzlich zu verstärken. Ich hoffe auf eine Koalition mit der Lsap, die zur Stärkung von deren linkem Flügel beitragen könnte. Da sehe ich großes Potenzial.


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